Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 80-81 (12.10.1928)
- Date
- 1928-10-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652971-2653041--20295-2678260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mit ,Jungziontsttsche Blätter“ Doppclnummcr 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekeatraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, ▼ierteljibrlieh 5.75 Goldmark■ An1!»ndt«bonn«a»<Rt< werde« Hi der Wikmatf der •nu«iaen Linder berechnet Nummer 80/81 | Berlin, 127x. 1928 Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G.m. b.H.. Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70, Aaxmganprtit: 8 g««palt.N onpaml! ereile 0,50 G.-M. S t*llenge»nch e 0,25 G*M Aateiget1achl*8: Dienstag and Freitag nachmittags 4 Uhr. Telephon; Bismarck 7165—70, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oesterrctch: Postsparkassen amt Wies, Konto Nr. 156030 Für Tschechoslowakei: Postsparkassen!!»! Prag, Konto Nr, 59410. Für Polen: Posisparkaaseaamt Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. עריח ■trenn '1 כ״ח חשי xxxm.j,h,g. Per Ilowlsmui erstrebt für da« ittdlsche Volk dl• Schaffung einer atftntllch rechtlich geschärten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.'« Antisemitismus überall Steine gegen Synagogen — ״Staatenlose“ — ״Ritualmord“ in Amerika Man mag seiner innersten Einstellung nach noch so sehr sich dagegen sträuben, durch antisemitische Rüpeleien sich von der Arbeit an positiven jüdischen Aufgaben ablenken zu lassen, man muß doch, durch die Fülle und Abscheulichkeit der regelmäßig vorkommenden antisemitischen Ausschreitungen in der Arbeit gestört, von den antijüdischen Exzessen Notiz nehmen. In den letzten Tagen kamen wieder aus allen Gegen• den Deutschlands Nachrichten von judenfeindlichen Exzessen, Versammlungen, Presseäußerungen, die in ihrer Gesamtheit dartun, daß der organisierte Judenhaß dauernd am Werke ist. In Essen wurde im Anschluß an eine Hitler* Versammlung die Synagoge mit Steinwürfen bombardiert. Im ganzen rheinisch-westfälischen Gebiet kam es gleichfalls seitens der Nationalsozialisten zu antisemitischen Ausschreitungcn. In der Nacht vom 1. zum 2. Oktober wurden die Fenster der Synagoge in Krefeld, die erst seit einigen Tagen eingesetzt waren, eingcschlagen. Im völkischen ״Frankfurter Beobachted‘ wurde ein in E i t e r f e 1 d bei Hanau an einem vierjährigen Kind verübter Lustmord in einen ״R i t u - almord“ umgedeutet. Die Oberstaatsanwaltschaft in Hanau sah sich gezwungen, eine öffentliche Erklärung zu erlassen, in der festgestellt wird, daß es sich in jenem Falle zweifellos um ein Sexualverbrechen handelt. In Beuthen (Ober- Schlesien) kam am 29. September das Dynamitattentat eines Nationalsozialisten auf ein jüdisches Teppich-Geschäft zur Verhandlung. Der Attentäter beging seine Tat zweifellos unter der Einwirkung der völkischen Agitation. In diesem Falle verurteilte das Gericht den Attentäter, über den Antrag des Staatsanwalts hinausgehend, zu drei Jahren Zuchthaus. Wir haben vor eiijigeh Wochen zum Ausdruck gebracht, daß angesichts dieser Systematischen Exzesse der Radau-Antidaß sowohl bei der preußischen Staatsregierung wie aaeü bei der Reichsregierung der gute Wille vorhanden ist, im Rahmen der Verfassung und der Gesetze gegen die antisemitischen, das Ansehen Deutschlands in der ganzen Welt schädigenden Ausschreitungen aufzutreten. Von jüdischer Seite wird keineswegs irgendeine Ausnahraeverfügung gegen die antisemitischen Radauhelden verlangt. Schon die bestehenden Gesetze genügen, um judenfeindliche Ausschreitungen eiimidämmen. In dieser Hinsicht ist das Vorgehen des preußischen Justizministeriums beispielgebend. Der preußische Justizminister wandte sich nämlich in einem Erlaß an die ihm unterstehenden Gerichte und machte diese auf das Ueberhahdnehmen von Schändungen jüdischer Fried* h ö f c aufmerksam, wobei er in Anbetracht der besonderen Schändlichkeit dieser Straftaten die rücksichtslose An- Wendung der Gesetze ohne Zubilligung mildernder Umstände forderte, denn solange Polizei und Gerichte antisemitische Exzedenten glimpflich davonkommen lassen, wird es in Deutschland nicht besser werden. Wenn diese unhaltbaren Zustände noch weiter andauern, so kann es schließlich dazu kommen, daß, sagen wir, in Warschau oder in Bukarest oder in Budapest, eine große Volksversammlung abgehalten wird, in der man aus allgemein europäischen Kulturgründen gegen die Schande der antisemitischen Exzesse m Deutschland protestieren wird. So eine Groteske ist tatsächlich möglich. Und schon die Aussicht auf eine derartige Möglichkeit sollte alle verantwortlichen Stellen in Deutsch-!and aneifern, gegen den exzidierenden Antisemitismus in Deutschland ganz andere Register als bisher aufzuziehen. Abgesehen davon, daß die deutschen Juden aus Gründen des Selbstschutzes alles tun müssen, um sich ihrer Haut zu wehren und ihre angegriffene Ehre zu verteidigen, müssen sie auch berücksichtigen, daß das Beispiel der antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland auf Länder geringeren Kulturniveaus ansteckend wirkt. Die Nachrichten von den völkischen Heldentaten gelangen nach Ungarn, Rumänien und anderwärts. Die deutschen Exempel finden dort willige Nachahmung. Die Methode der Friedhofs- Schändungen wurde ja prompt von rumänischen Hakenkreuzlern übernommen. Die neue Variante des Fenstereinschlagens in Synagogen wird sicherlich von der Hakenkreuzler-Internationale in aller Welt freudig rezipiert werden. Man bckämpft den Antisemitismus auch in anderen Ländern nachhaltig, wenn man dafür Sorge trägt, daß in der Heimat mit -allen Mitteln die Juden ihr Recht und ihre Ehre verteidigen. * Deutschland ist in den letzten Tagen nicht der einzige Schauplatz betätigten Judenhasses. Wohin man blickt, starren einem die wutverzerrten Fratzen antisemitischen Mobs entgegen. Und zwar aller Gesellschaftsklassen: dumme rohe judenhasscr aus dem Volke und hochgestellte Vertreter der Behörden und der Wissenschaft. Es scheint wirklich so, als ob die Menschheit in den letzten 23 Jahren trotz der ungeheuerlichen weltbewegenden Vorkommnisse in bezug auf ihr Verhalten zu den Juden nichts gelernt und nichts vergessen hätte. Die Judenfrage ist trotz der neuen Schlagworte von Rechtsgleichheit, Weltverbundenheit, Völkerversöhnung ebenso akut wie sie es vor 53 und 1130 Jahren gewesen ist. In Oesterreich verbinden die reaktionären Kaders der vom völkischen, aus Deutschland gekommenen, Major P a b s t geführten He im wehr ihre politische Wühlarbeit mit antijüdischen Redeexzessen und Drohungen. Ihr Führer ließ sich in Wiener Neustadt z. B. folgendermaßen aus: ״Wir weigern uns, Demokratie bei jenen Leuten zu lernen, deren Voreltern noch vor nicht langer Zeit den Schmutzstiefel eines östlichen Gutsherrn ablecken mußten.“... Daraus spricht der Wunsch, die Juden wieder zu rechtlichen und faktischen Parias zu machen. Kein Wunder, wenn die Juden in Wiener Neustadt aus Angst vor der Heimwehr, trotz des Aufmarsches der für die Ordnung verantwortlichen gesamten Heerinacht Oesterreichs, am 7. Oktober zu Hause blieben und ungeachtet des Simchas-Thora-Festes die Synagoge geschlossen blieb. Das Mißtrauen der Wiener Neu- Städter Juden war leider gerechtfertigt. Denn wie kann man der über den Parteien stehenden Staatsmacht trauen, wenn diese gerade bei den letzten Ernennungen von Professoren und bei der Zulassung von Privatdozenten an den österreichisehen Hochschulen die jüdischen Gelehrten einfach völlig außer acht ließ. Und dabei verdankt die österreichische Wissenschaft ihren noch immer in der Welt vorhandenen Ruf in erster Linie den Juden. In Polen hat sich seit dem sogenannten Mai-Umsturz, der die linke Diktatur Pilsudskis begründete, die Lage der Juden, wie immer wieder betont wird, gebessert. Wie diese Besserung aussieht, geht aus einer Zusammenstellung hervor, die der gewesene Senator Dr. Rottenstreich in einer polnisch-jüdischen Zeitung vornimmt. Die Verarmung der Juden macht in Polen ungeheure Fortschritte. Steuerdruck einerseits, fehlende staatliche Unterstützung (die nichtjüdischen Genossenschaften und Banken zuteil wird), andererseits haben eine Pauperlsierung der polnischen Judenheit zum Ergebnis, wie, man sie für״ kaum;, mögllsÄi .. * Ä&Ä«Äi»ri1Sauiaf *'''ieittlil״ in' der Fraxfi in viel stärkerem Maße als in Ungarn, wo man die Juden auf Grund eines gesetzlichen Beschlusses vom Studium ausschließt. An einzelnen polnischen Hochschulen werden kaum 4 <0/י Juden zugelassen. In Litauen sieht es in dieser Hinsicht nicht besser aus. Daß <jie Schulverordnungen in Rumänien in erster Linie gegen die Juden zugeschnitten,sind, bewiesen die letzten Tage. Bei den vorgenommenen Herbst- Prüfungen fielen bei der schriftlichen Prüfung 50 0/0 und bei der mündlichen Prüfung 33 0׳,״ der jüdische!! Kandidaten trotz genügender Vorbildung durch. Wo ein ausgesprochenes antijüdisches Gesetz fehlt, hilft eben die antisemitische Praxis. An anderer Stelle des Blattes berichtet unser rumänischer Korrespondent über die Frage der Staatenlosen in Rumänien. Man muß sich vor Augen halten, daß das Wort ״Staatenlose“ nur eine verschleierte Bezeichnung für Juden ist Auch in der Tschechoslowakei, die im allgemeinen sich von flagranten Verletzungen der jüdischen Rechte fernhält (die Nichteinladung der Juden zur Einweihung des Denkmals für General Stefanik in Preßburg sei mit Stillschweigen übersehen), besteht in Karpathorußland eine brennende Staatentosen-Frage, und diese bezieht sich hauptsächlich auf Juden. Die größte Ueberraschung der letzten Tage ist aber das Auftauchen des Ritualmordmärchens Im Staate New York, in der Ortschaft Massena, einige Wegstunden von der größten Judensiedlung der Welt in der Stadt New York entfernt. Bürgermeister und Polizefgewaltige von Massena machten sich dort die Beschuldigung des antisemitischen Pöbels zu eigen, daß die Juden ein verschwundenes (und dann bald wiedergefundenes) vierjähriges Kind anläßlich der hohen jüdischen Feiertage aus rituellen GrUnden geschlachtet hätten. Der Vorfall wurde dank dem Eingreifen von Louis Marshall und Stephan Wise in der Form erledigt, daß der Bürgermeister von Massena die Juden öffentlich utn Entschuldigung bat und der schuldige Polizeikommissar vom Präsidentschaftskandidaten, dem derzeitigen Gouverneur von New York, Al Smith, von seinem Posten enthoben wurde. Die Gutmachung erfolgte — wohl mit Rücksicht auf die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen — sehr rasch. Aber daß auch in den Vereinigten Staaten das Ritualmordmärchen, dieser Spuk aus dem Mittelalter, auftauchen und geglaubt werden konnte, muß auf die Juden in der ganzen Welt deprimierend wirken. Jede Woche, jeder Tag, das Alltagsleben in der ganzen Welt hämmert jedem wachen jüdischen Bewußtsein immer wieder die Erkenntnis ein: die Judenfrage besteht, sie ist immer akut, und wo es scheinbar ruhig und friedlich zugeht, da ist sie nur vertagt. In der ganzen Welt aber schreit sie nach Lösung. Daran darf man nicht vergessen. ml w. Die iüagemaner arabisches Heilig)tun? Die Moslems haben an die Könige von Irak, Persien, Afghanistan, Hedschas, Yemen und Aegypten, sowie an die moslemischen Köiperschaften in Syrien, Indien usw. Telegramme gesandt, in denen gesagt wird, die Juden hätten das Bestreben, sich der Klage mauer zu bemächtigen, die einen Teil der Omar-Moschee bildet. Die Moslems in allen Ländern werden aufgefordert, den Gläubigen in Jerusalem beizustehen. Col. Wedgwood in Deutschland Die Ankündigung des Besuches von Col. Wedgwood, Mitglied des Unterhauses, ehemaligem britischen Minister, in Deutschland, in der letzten Nummer der ״J. R.“, hat, wie zu erwarten war, großes Interesse ln jüdischen Kreisen hervorgerufen. Wedgwood wird Im Rahmen einer geschlossenen Veranstaltung des Keren Hajessod (Jüdisches Palästinawerk) E.V. am Montag, den 15. Oktober d. J., abends, Im Festsaal von Kroll, über ״Palästina im Werden, Eindrücke von Leben und Arbeit“ sprechen. Auf dem Programm des Abends steht auch ein Vortrag von Georg Bernh a r d über ״Die Bedeutung des Palästinawerkes für die Col. Josiah Wedgwood, M. P. CH kl' üm׳?m: Juden und die Welt“. Die Scblu&rache hält He||; W|I|L Der Mische Botschafter sowie Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden haben ihr Erscheinen zugesagt. Am Dienstag, dem 16. d. M., wird Wedgwood in einer von der Berliner Zionistischen Vereinigung veranstalteten öffentlichen Versammlung reden. Nach Berlin wird Wedgwood eine Reihe anderer großer Städte ln Deutschland besuchen und ebenfalls an Veranstaltungen verschiedener Art tellnehmen. Dann begibt Sr sich nach Rumänien. Weizmann and Sir Robert Chancellor Ein Lunch unter Teilnahme Amerys Dr. Chain! Weizmann, Präsident der Zionistisehen Weltorganisation, gab am 5. Oktober im Hotel Ritz zu London ein Frühstück, an dem der Kolonienminister L. S. Amery, der neue Oberkommissar für Palästina Sir John Robert Chancellor, der frühere Vizekönig von Indien Lord Reading, ferner der neue High Commissioner für Irak Sir Gilbert Clayton, Sir Wyndham Deedes- Oberst Meinetzhagen, Prof. Dr. S. Brodetsky, Dr. M. D. Eder, Dr. Berthold Feiwel und Leonhard Stein teilnahmen. Der neue Oberkommissär wird sich bekanntlich Anfang November nach Palästina begeben, um sein Amt anzutreten. Gegenwärtig wird er vom Chefsekretär Luke vertreten. Dr. Weizmann ist am 10. d. M. nach Amerika abgereist. Ende November wird Dr. Weizmann nach London zurückkehren und mit kurzen Unterbrechungen, die durch Reisen nach Belgien und Deutschland verursacht sind, sich der politischen Tätigkeit in London widmen. Ende März begibt er sich nach Palästina. Nahum Sokolow war in der letzten Zeit in der Schweiz zionistisch tätig und wird von dort demnächst nach London zurückkehren. In der Schweiz wird er auch eine Besprechung mit dem griechischen Ministerpräsidenten Venizelos haben, 1m Zusammenhang mit gewissen Beschwerden der Zionistischen Organisation Griechenlands. Spraehenkrieg in Tel-Awiw T el-Awiw, 8.Oktober. (J.T. A.) Am Freitagabend veranstaltete der (linke) Poale-Zion-Klub in Tel-Awiw eine Feier des 20. Jahrestages der ersten Konferenz der Jiddischisten in C.zernowitz. Während der Feier blockierten Mitglieder des Vereins zum Schutze der hebräischen Sprache (Gdua magine hasafah) das Klubhaus und griffen die Besucher an. Es kam zu einem schweren Zusammenstoß, wobei es auf beiden Seiten mehrere Verwundete gab. Unter den Verletzten befindet sich der Führer der P0aie-Z40n, Stadtratsmitglied Wescher. Drei Poale-Zionisten wurden verhaftet. Unter der Arbeiterschaft herrscht wegen des Angriffs auf den Poale-Zion-Klub starke Erreming. Der Stadtrat von Tel- Awiw sandte an den Poale-Zion-Klub ein Schreiben, in welchem ihm aus Anlaß der Ueberfälle das Mitgefühl ausgesprochen wird. Der Vorstand des revisionistischen Vereins ״Bnth Trumneldor“ veröffentlicht eine Erklärung, in welcher er dem Gerücht, daß sich Mitglieder des Vereins an dem Ueberfall beteiligt haben, entgegentritt. r