Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 78-79 (5.10.1928)
- Date
- 1928-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2652971-2653040--20282-2678246- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mit Literatur*&UM Doppclnammcr 0,40 Golctmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Telephon! Bismarck 7165 —70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für OuUrreieh: P01t»p»rk«j1«B»rat Wien. Konto Nr. 136630 Fflr Tithechotlowikei! Pottipirksuraamt Prag, Konto Nr. 59110. F0r Polen! Poitipnrfcuicanat Wartchaa, Konto Nr. 190108. RedaktiontscbluB Sonntag und Mittwoch nachmittag. Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekcstraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Analandsabannenonta werden In der Wihrant der einrolaeo Linder berechnet. Nummer 78/79 | Berlin, 5. X. 1928 Anzeigen -Verwaltung Jüdisch« Rundschau G.m.b.H״ Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. 3 g•*piltNoopvtUJexeile 0,50 G.-M. Stelleagt® •eh* 0,25 G *M. Aa*eigeo*chlttß1 Dienstag und Frtilig nachmittag» 4 Uhr. כ״א תשרי תרס״ט. הוש״ר | xxxm, Jahrg. Per Zionismus erstrebt fOr das jüdische Volk die Schaffung alnar öltantllch . rechtlich gaslchartaii Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.«« Feiertags ־ Chronik Berlin, 3. Oktober. Der Skandal an der Klagemauer Die bedauerlichen Vorfälle an der Klagemauer während der Jom Kippur-Andacht haben, wie zu erwarten war, einen Proteststurm zur Folge gehabt. Es handelt sich um eine Verletzung heiliger Gefühle der Juden der ganzen Welt, für die die Reste der Westmauer des Tempels ein religiöses Symbol sind. Wir bringen an anderer Stelle genaue Berichte über die Vorfälle und die sich daran anschließenden Aktionen der jüdischen Bevölkerung. So sehr wir hoffen und wünschen, daß der Zwischenfall der letzte dieser Art sein möge und daß die zuständigen Stellen, vor allem der Völkerbund, die berechtigten Ansprüche der Juden endlich sicherstellen, so verkennen wir doch nicht die Schwierigkeit dieser verwickelten Frage. Der Boden gehört dem mohammedanisehen Kirchenschatz. Vielleicht hätte in der Sturmzeit des Krieges oder unmittelbar nachher auf revolutionärem Weg eine Aenderung zugunsten der Juden herbeigeführt werden können; heute aber, nachdem die Rechtsverhältnisse sich wieder stabilisiert haben, ist es schwierig, rein juristisch Ansprüche auf einen Platz geltend zu machen, gegen die dessen Eigentümer Einspruch erhebt Die Regierung ist daher auch in keiner leichten Situation, wenn sie zur Wahrung der Besitzverhältnisse angerufen wird. Trotz Anerkennung dieser Schwierigkeiten wird aber niemand verstehen können, warum der brutale Eingriff während des Gottesdienstes erfolgen mußte und warum man sich nicht damit begnügte, einen Tag nach dem Fest die juristische Sachlage zu klären. Das Gegeneinander verschiedener. Ansprüche ist besonders bei iiitnS;%e!lenleif4: die ^Migemluer’ isi* nlcfit Jas einzige Beispiel dieser Art, man braucht nur an die erbitterten Kämpfe zu erinnern, die fast alljährlich zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen um das christliche ״Heilige Grab“ entbrennen. Jerusalem ist eine in vielfache religiöse Beziehungen und Traditionen verstrickte Stadt, und die religiösen Leidenschaften werden hier oft durch einen geringfügigen Anlaß entfacht Es heißt, daß die Mohammedaner jetzt schon mit Gewaltakten drohen, falls den Juden weitergehende Rechte an der Klagemauer eingeräumt werden. Es wird des größten Taktes und ruhiger Ueberlegung bedürfen, um diese Angelegenheit in die richtigen Bahnen zu lenken. Niemals haben Juden die religiösen Gefühle oder Institutionen der Mohammedaner oder Christen verletzt, niemals eine ihrer Heiligen Stätten angetastet Hier aber wurde — wenn man sich an juristische Momente halten will, der Artikel 132 des in Palästina geltenden Ottomanischen Strafgesetzes, der freie Religionsübung garantiert, von der Behörde selbst in flagranter Weise verletzt. Die Mandatarmacht und der Völkerbund haben jetzt zu zeigen, daß sie ihre Funktion, Beschützer der Heiligen Stätten und Garanten der freien Religionsübung zu sein, ernst nehmen. Die Z. V. f. D. hat sich den Protesten des Jischuw angeschlossen und die ganze zionistische Welt erwartet durchgreifende Maßnahmen. * Wedgwood kommt nach Deutschland Das deutsche Judentum wird fn den nächsten Tagen eine der interessantesten Persönlichkeiten des englischen politischen Lebens als Gast begrüßen. Colonel J o s i a h Wedgwood wird Mitte Oktober in Berlin eintreffen und hier sowie in einer Reihe anderer Städte bei Veranstaltungen im Kreise der Freunde des Palästina-Aufbaus über dieses jüdische Werk sprechen. Unseren Lesern braucht man Colonel Wedgwood nicht vorzustellen. Er ist uns Zionisten bekannt als einer der aufrichtigsten und enthusiastischesten Freunde des zionistisehen Werkes, der sich seit Jahren in Wort und Schrift dafür einsetzt. Seine Spezialität sind die Anfragen im Unterhaus im Interesse der Palästinasache; insbesondere seit seiner vorjährigen Palästina-Reise hat er wiederholt in Palästina-Fragen im Unterhaus interveniert, Wedgwood war Minister in der unter Vorsitz von Ramsay Macdonald stehenden Arbeiterregierung, gilt aber auch außerhalb der Arbeiterpartei als Fachmann in Kolonisationsfragen und erfreut sich persönlich allgemeiner Beliebtheit. Einer alten Töpferfamilie entstammend, die führend ist in der englischen Porzellanmanufaktur, ist Wedgwood zugleich eine Erscheinung des industriellen Lebens ünd bemüht sich nicht nur politisch, sondern auch in seiner praktischen Berufsarbeit um den sozialen Fortschritt. Dieser große Idealist, der mit fanatischem Temperament gegen jede Art von Unterdrückung der Schwachen auftritt, ist ein großer Bibelkenner und seit vielen Jahren ist er überzeugt von der großen Mission des jüdischen Volkes, die Ideen der Bibel in Wirklichkeit umzusetzen. Diesen geistigen Wurzeln entstammt auch seine Sympathie für den Zionismus. Als englischer Patriot ist Wedgwood glücklich darüber, daß es England vergönnt ist, unter seiner Aegide die Rückkehr der Juden nach Zion durchzuführen. Die Gleichgültigkeit und Apathie vieler Juden gegenüber dem Zionismus ist diesem Manne ein unbegreifliches Rätsel, ln Knndgebaag des Landesvorstandes Der Landesvorstand der Z. V. f. D. hat auf seiner letzten Tagung einstimmig die nachstehende Kundgebung an die deutschen Zionisten beschlossen: ״Der Landesvorstand verlangt erneut von allen Zionisten fn Deutschland die volle Erfüllung ihrer zionistisehen Pflichten. Es gilt, die Kraft der Zionistischen Organisation, von deren Macht und Lebensgefühl unsere zukünftige Arbeit abhängt, durch Vermehrung der Schekeleingänge zu stärken. Die Erhaltung und der Ausbau der Z. V. f. D. wird unseren Bemühungen um die Eroberung des deutschen Judentums, um die Verwirklichung unseres Zieles Stetigkeit und dauernden Erfolg verleihen. Nur ein festes organisatorisches Gefüge garantiert auch die in erster Linie auf der Opferwilligkeit der organisierten Zionisten beruhenden Eingänge unserer Fonds. Neben unseren Fonds kommen nur noch die dur(;h Kongreßbeschlüsse zugelassen#n, den gleichen Rang einnehmenden Aktionen in Frage. Alle anderen Anforderungen aus Erez-Israel können und dürfen erst in zweiter Linie berücksich־ tigt werden. Wir tragen die Verantwortung für die zionistische Welt und für die jüdische Gesamtheit in Erez-!sraci. Wenn jeder Zionist den Augenblick richtig versteht und die Bedeutung der Organisation und ihrer Einrichtungen für unser Werk begreift, dann glauben wir an erhebliche Fortschritte in naher Zukunft.“ einer Rede hat er einmal gesagt, der Zionismus habe den Juden den Rücken gesteift und habe aus ihnen Minner gemacht; oder aber — verbesserte er sich — Gentlemen. Der Aufbau der Nationalen Heimstätte bietet den Juden eine ungeheure Chance, für die sie, nach Wedgwood’s Meinung, alle ihre Kräfte einsetzen müssen. Aber er versteht auch, daß diese Bemühungen nur dann erfolgreich sein können, wenn auch England seine Pflicht tut. Wedgwood ist einer der schärfsten Vorkämpfer der Anschauung, daß England mit seinem ganzen Einfluß und mit seinen Machtmitteln die Entwicklung des jüdischen Nationalheims aktiv fördern müsse. In seinem rasch berühmt gewordenen Buch ״Das siebente Dominion“ tritt er dafür ein, daß Palästina als selbständiger Gliedstaat dem englischen Weltreich angegliedert werden soll, sobald das Land durch ausreichende jüdische Einwanderung einen jüdischen Charakter erhalten hat. Sein Imperialismus ist gegründet auf einer tiefen Ueberzeugung von der Ueberlegenheit der britischen politischen und administrativen Methoden. Das britische Weltreich der Zukunft ist für ihn ein Bund freier Völker, die die stärkste Sicherung des Weltfriedens und des sozialen Fortschritts bilden. Hier knüpfen seine Ideen an altjüdische Friedens- Hoffnungen an, was seine Freundschaft für das Judentum noch steigert. Wir wollen aber an dieser Stelle nicht vorwegnehmen, was Col. Wedgwood in seinen Reden in Deutschland zu sagen haben wird. Wir begnügen uns daher heute, unserer Freude über den Besuch dieses Gastes, der auch schon Amerika, Tschechoslowakei, Oesterreich, Polen usw. im Dienste des jüdischen Aufbauwerkes bereist hat, Ausdruck zu geben. Die deutschen Juden werden diesen Freund des jüdischen Volkes, diesen originellen, ganz unschablonenhaften Politiker, glänzenden Redner und modernen Idealisten, der vielleicht wieder einmal Minister Großbritanniens sein wird, in würdiger Weise und mit der gebührenden Dankbarkeit aufnehmen. * Vom deutschen Keren Hajessod Mit großer Genugtuung verzeichnen wir den Bericht der deutschen Landcsstelle des Keren Hajessod über die Steigerung der Einnahmen im letzten Jahre. Wir Zionisten sind nicht leicht zufriedenzustellen in bezug auf die Leistungen für Palästina, und wir wissen, daß das deutsche Judentum noch lange nicht seine Pflicht gegenüber dem Palästina-Aufbau erfüllt. Das deutsche Judentum hat in der Nachkriegsentwicklung schnell seinen prominenten Platz im Weltjudentum zurückerobert. Auch materiell hat es sich nach der Inflation, so wie Deutschland überhaupt, wieder gefestigt und ist heute in der Lage, führend an gesamtjüdischen Aktionen teilzunehmen. Wenn der deutsche Keren Hajessod in diesem Jahre wieder an der Spitze aller europäischen Länder marschiert und nur von Amerika und Südafrika übertroffen wird, so ist dies ein Beweis dafür, daß das deutsche Judentum in immer höherem Maße sich zu Palästina bekennt. Der deutsche Keren Hajessod hat in der Erfassung weiterer Kreise wertvolle Arbeit geleistet. Dennochbleibtnochvielzutunübrip, Wir treten jetzt in ein neues Arbeitsjahr ein. Der Keren Hajessod appelliert wieder an alle die Juden, die die Normalisierung des jüdischen Lebens in Palästina wollen, und wir sind überzeugt, daß sein Ruf auch im kommenden Jahre Erfolg haben wird. Das vergangene Jahr war ein Jahr des Uebergangs in der Entwicklung Palästinas. Die Wirtschaftskrise wurde liquidiert und die jüdischen Positionen befestigt, ein neuer Vorstoß wurde durch diese Festigung des Bestehenden vorbereitet. Auch in diesem Jahre wird die Hauptsorge der verantwortlichen Organe noch dem Ausbau gelten! müssen, aber es sind viele An- Zeichen vorhanden, daß das Werk der Gesundung vorwärtsschreitet, und schon erscheinen am Horizont die Vorboten einer neuen Einwanderung und einer neuen Vergrößerung der jüdischen produktiven Leistung im ,Lande. -Die Palistjnafpeunde»;iä,,e1»ter;Linie,die;Ziaiiisten In ©eutschiand, müssen es als Ehrensache betraeliten, im kommenden Jahre das Resultat des jetzt abgelaufrtien noch zu übertreffen. * Die Lage in Amerika Ist also vom deutschen Keren Hajessod Erfreuliches zu melden, so ergibt das Gesamtresultat der Keren Hajessod-Eingänge aus der ganzen Welt in den letzten Monaten ein düsteres Bild. Die Einnahmen sind unter den Durchschnitt gefallen, hauptsächlich infolge des Versagens Amerikas. Die Vereinigten Staaten waren im Jahre 5688 der große Ausfall und die große Enttäuschung. Die dafür maßgebenden Gründe haben wir an dieser Stelle oft besprochen. Nun ist aber der Moment gekommen, wo der amerikanische Zionismus sich wieder aufraffen muß. Die Krise sollte durch die Convention in Pittsburg beigelegt sein. Was auch immer in Pittsburg an Leidenschaften und Gegensätzen explodiert sein mag, die Krisis ist vorbei, die Fieberkurve hat sich wieder gesenkt, und die Zeit der normalen Arbeit beginnt. Die amerikanische Zionistische Organisation hat eine Reihe neuer Funktionäre gewonnen. Der ehemalige Hadassah- Direktor Dr. Rubinov wurde zum Kontrollor, der bekannte Propagator eines geistigen Neo-Judaismus, Rabbi Dr. Kaplan, zum administrativen Chef gewählt. Lipsky, der Präsident der amerikanischen Zionistischen Organisation, ist aus Europa, wo er an der A.-C.-Sitzung und später an Exekutivsitzungen in London teilgenommen hat, zurückgekehrt. Die amerikanischen Zionisten scheinen ihre Kräfte neu zu sammeln. Die entscheidende Frage ist natürlich für Amerika das Zustandekommen der J ewish Agency. Die überparteiliche Palästina-Konferenz ist von Marshall für den 20. Oktober einberufen worden. Das Mitglied der Palästina-Exekutive, Herr Sacher, befindet sich seit bald zwei Wochen in Amerika, um mit den Nichtzionisten über die vom A.-C, beschlossene Plattform zu verhandeln. Dr. W e i z m a n n reist nächste Woche nach Amerika ab. Für den 10. und 11. November haben die amerikanischen Zionisten eine große Palästina-Konferenz, die von dem ganzen Land beschickt wird, nach Boston einberufen, bei welcher außer Dr. Weizmann auch Lord Melchiet (Sir Alfred Mond) anwesend sein wird. Ob die Konferenz wieder eine ״Vereinigte Palästina-Kampagne“, einen ״United Palestine Appeal“ (UPA) proklamieren wird, wie in den früheren Jahren, scheint noch nicht festzustehen. Von einigen Seiten wurde geltend gemacht, daß eine Auflösung des UPA in seine einzelnen Teile empfehlenswerter wäre. Auch die Hadassah will bekanntlich nicht mehr am UPA teilnehmen. In diesem Falle würde also an Stelle des UPA wieder ein Keren Hajessod-Drive treten, während die anderen bis dahin mit dem UPA verbundenen Organisationen und Institutionen ihre eigenen Wege gehen müßten, was gewiß auch seine Schattenseiten hätte. Die europäischen Zionisten verfolgen die Ent-