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Jüdische Rundschau · 1928-09-28 · Heft 76-77 (28.9.1928) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 76-77 (28.9.1928)
Date
1928-09-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Poppcbtummcr 0,40 Goldmark Mit Beilage ״Von jÜdisdher Musik" JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meiaekeatraße 10. Eracheiat jeden Dienttag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AoalandMbonneamli worden in dar Wthraaf der •mzelnea Linder bereetmet Anzeigen -Verwaltung J&dische Rttndachan G, m.b.H^ Berlin W15, Meinekeatr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Aju«lgt*|1f•iit S f «■paiLNnnpÄreill**«!* 0,30 CUR. SteUeagez«efee6.25 G״״R AB1fig«a1eU«l 1 Dt cs t•g «ad Freitag aieiiaittigi 4 Uhr. Telephon: Biantarck 7165—70, Poatacbeekkonto: Berlin Nr. 17392 Fär Oe.Urrelck: Po.tiperkeMenejrtl Wie«. Kanin Nr. IS« 010. rttrTtebtebMlownhei! PneteparkaeienustPr«|.KaitoNr. 50410. rir Polen 1 Poileporbieeenunt Wandten, Konto Nr. 100708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ד תשרי תרפ״ט. ע״ס | xxxin. Jahrg. Per Ziowiamu» uretrebt ttlr tlee mdtetlie Volk die Schaffung einer öffentHch - rechtlich gnuk>rtw Htlmmwt In Piitotin». ״Baseler Programm.1* Skandal bei der Kiegemauer Polizei-Attacke am Jom Kippur Auf Befehl des Gouverneurs — Große Empörung In Jerusalem Jerusalem, 25. September. (,T.T.A.) Am Vormittag des Jom-Kippur kam es zu einem schweren Angriff der Jerusalemer Polizei gegen die vor der Klageinaner betenden Jaden und Jüdinnen, der unter der palästinensischen Jadenschaft ungeheure Empörung verursacht hat. Während des Vormittagsgottesdienstes, der vor der Klagemaner unter freiem Himmel stattgefunden hat, erschien ein PolLzeitrupp unter Führung des britischen Polizeiinspektors Duff und befahl mit lauter Stimme den in der Andacht verharrenden Juden, die Scheidewand, die zwischen den Männern und den Frauen anfgerichtet worden war, zu entfernen. Als die Betenden diesem Befehl nicht nachkamen, befahl Duff den Polizisten, die Wand niederzulcgen. Die Polizisten gingen mit großer Brutalität vor, sie zerstörten die Wand and vorletzten mehrere der zur Andacht versammelten Männer nnd Frauen, unter ihnen eine amerikanische Jüdin. Unter der Jerusalemer Judenheit hat dieses Vor■ gehen der Polizei tiefste Empörung hervorgerufen. Der Kanzler der Universität, Dr. J. L. Magnes, und der Arbeiterführer Ben Zwi besuchten den Distriktekommissar von Jerusalem, um sich bei ihm im Namen der Judenschaft gegen das Vorgehen seiner Polizisten zu beschweren. Der Distriktskommissar erklärte aber, die Polizei hätte anf seinen aus• drückliehen Befehl gehandelt. Ir könne nichtjjjpJipfen,. dp||, J[!? .Maja '.f#r, der. |pagÄf3*n®r;Jb . eine Synagoge nmgewanjelt werde,; dies würde den iiila©Äd«nSesiÄ*iBIÄÄ»״telIr'f«ratÄni wider• ׳ sprechen; schon die Errichtung einer Scheidewand verstoße gegen diese Verhältnisse, Auf diese Erklärung bin besucht? d?r ,Vorsitzende der Zionistischen Exekutive in Palästina, Colonel Kisch, den stellvertretenden Oberkommissar Unke und legte feinen förmlichen Protest gegen die brutale und rechtewidrige Polizeiaktion ein. Herr Luke erklärte, er werde sich mit dem Distriktskommissar in Verbindung setzen und von ihm einen genauen Bericht verlangen. Wie der J. T. A.-Vertrcter erfährt, wurde der Befehl zur Entfernung der Scheidewand anf Grund eines Protestes des Obersten Moslemitischen Rates gegeben, der auf dem Standpunkt steht, daß anf dem Platz vor der Klagemaner keinerlei bewegliehe nnd unbewegliche Gegenstände angebracht werden dürfen. Wie erinnerlich, kam es schon oft vor Exzesse gegen Jaden ln Deutschland Mit Empörung und Verwunderung haben nicht nur die jüdischen Zeitungen, sondern auch die großen Tagesblätter das Wiederaufleben der mittelalterlichen Ritualmordhetze in Jugoslawien gegeißelt. Die Ereignisse der letzten Woche in Deutschland sollten eigentlich all diese Preßorgane kleinlaut machen. Wir haben nach der Reichstagswahl im Monat Mai, ungeachtet des im allgemeinen für die Republik erfreuliehen Ausgangs der Wahlen, darauf hingewiesen, daß die Zahl der radau-antisemitischen Stimmen trotz der Verringerung der Gesamtsumme der völkischen Mandate zugenommen hat Wir haben festgestellt, daß auf jede jüdische Seele in Deutschland vier radika 1 -antisemitische Deutsche kommen. Und zwar setzen sich diese fanatischen Rasse-Antisemiten hauptsächlich aus Studenten und sonstigen jungen Leuten zusammen, die den Nachwuchs der Beamtenschaft und freien Berufe stellen. In der letzten Woche erfuhr die deutsch-jüdische Oeffentlichkeit wieder einmal an mehreren Beispielen, wessen sie sich von diesen Edeiingen zu gewärtigen hat. In der Fliegerschule in Staaken wird ein jüdischer Flugschüler von seinen Kameraden wegen seines Judentums in unmenschlicher Weise verhöhnt und mißhandelt. Die Rohlinge kommen alle glimpflich davon. In Bremen veranstalten Nationalsozialisten jeden Mittwoch Ueberfälle auf jüdische Passanten. Dieser Skandal wird ruchbar, als diesen Lumpen, wie die Kreuzzeitung schreibt, ״ein bedauerlicher Mißgriff“ passiert. Die jungen Leute verdroschen den jüdisch aussehenden brasilianischen Konsul, und der Bremer Senat mußte sich de- und wehmütig entschuldigen. Nunmehr schritt auch die Polizei gegen die bis dahin ״unbekannt gebliebenen“ Rohlinge ein. Am Erew Jom Kippur überfielen in der Stadt Oppenheim a. Rh. 300 Nationalsozialisten, nachdem sie die Auslagen jüdischer Geschäfte demoliert hatten, eine Gruppe von Juden, die vom Kol Nidre-Gebet kamen. Die Synagogen hcsuchcr wurden überfallen, verdroschen und zwei Person';1 durch Messerstiche verletzt Die Oppenheimer Polizei schien sich sehr passiv verhalten zu haben. Obwohl der Klagemaner zn Differenzen zwischen jüdischen Betenden nnd Polizei, weil sich die betenden Juden Stühle zum Sitzen mitgebracht hatten. Ungeachtet des strengen Ruhetages hatsieh die Nachricht von den Vorgängen an der Klagemaner noch am gleichen Tage über ganz Palästina verbreitet. In allen Kreisen des Jischuw sind Erregung und Empörung groß. Wie der ״Jüdischen Rundschau“ weiter ans London gemeldet wird, hat die Zionistische Exekntivo auch bei der Regierung der Mandatarmacht energischen Protest gegen das Verhalten der Polizei in Jerusalem erhoben. Die Zionistische Exekntive forderte in ihren Interventionen sowohl in London als auch in Jerusalem, daß seitens der Regierung eine definitive Regelung der nnn schon seit Jahren in Schwebe befindlichen Frage der jüdischen heiligen Stätten erfolge. Auch der Waad Leumi ist zn einer besonderen Tagung zusammengetreten, um zn den Vorfällen Stellung zn nehmen. * Die Entrüstung der palästinensischen Judenheit über das unmotivierte und brutale Vorgehen der Jerusalemer Polizei ■wird von der Judenheit der ganzen Welt geteilt Zionistische und nichtzionistische Juden betrachten die Klagemaner in Jerusalem als ein Heiligtum und als eine ehrwürdige historische Stätte. Bisher war es eine Ehren- und Prestigesache der Kultur- Völker, heilige Stätten vor Entweihung zu schützen. Der Völkerbund , erkannt. Es ist undenkbar, daß von irgendeiner A»■ griff auf eine der geheiligten Sötten einer der christlichen Konfessionen geduldet würde. Durch feierliche Völkerbund* Verträge wurde Palästina als das Land erklärt, in welchem die nationale Heimstätte des jüdischen Volkes errichtet werden soll, ln diesem Lande der jüdischen Heimstätte wird das auch anderswo geltende Recht der Unantastbarkeit eines jüdischen Heiligtums mißachtet, und zwar nicht von unverantwortlichen Rohlingen oder Pöbel, sondern von den verantwortlichen* Beamten der Mandatarmacht selbst Es wäre unbegreiflich, wenn die englische Regierung nicht verstünde, weiche Kränkung sie damit der jüdischen Gesamtheit zufügt. Das englische Volk hat viel Verständnis gerade für religiöse Gefühle und rechnet es sich zur Ehre an, als Beschützer freier Religions- Übung zu gelten. Die englische öffentliche Meinung wird zweifellos erkennen, daß hier eine Missetat verübt wurde, die für die Täter beschämend ist. Es geht hier nicht um eine juristische Streitfrage, die mit anderen Mitteln und bei anderen Anlässen geklärt werden könnte. Es geht um ein Unrecht, das seine Sühne fordert, wenn nicht der Glaube an die Treue proklamierter Grundsätze erschüttert werden soll. es ein leichtes gewesen wäre, kam es zu keiner Sistierung der Bande. Die Ueberfalienen haben sich aber die Nummern der Lastautos, auf denen die Nationalsozialisten zum ״Kampfplatz“ gekommen waren, gemerkt, so daß die Hoffnung besteht, daß man die Exzedenten eruieren wird. Aus diesen Beispielen und aus zahlreichen ähnlichen Vorfcommnissen in der letzten Zeit geht nachgerade gebieterisch die Verpflichtung der jüdischen Oeffentlichkeit hervor, sich nachdrücklich gegen diese unausgesetzten Verunglimpfungen der jüdischen Gesamtheit in Deutschland zur Wehr zu setzen. Es ist höchste Zelt, daß alle jüdischen Organisationen in Deutschland sich darüber schlüssig werden, wie eine wirksame Zurückweisung dieser dauernden Mifihandlungen und Beleidigungen zu organisieren sei. Reichsverband, Landesverbände, einzelne jüdische Gemeinden sollten sich zusammentun und die Oeffentlichkeit aufrütteln. Man kann diese Dinge nicht so weiter gehen lassen, wie es jetzt geschieht. Die Abwehr dieser Exzesse, die öffenbar von einer Zentralstelle aus provoziert werden, muß gleicherweise von einer zentralen Stelle aller jüdischen Verbände ausgehen Amerika nnd Palästina New York, 20. September. (J. T. A.) Zu Ehren des jetzt in New York weilenden amerikanischen Konsuls in Jerusalem Heizer fand hier ein von Sam Lamport und Judge Mack veranstaltetes Bankett statt. Dr. Kaplan wies in seiner Anspräche auf die Mitarbeit des Konsuls Heizer am jüdischen Wiederaufbau Palästinas hin. Der Vertreter des Handelsdepartements der amerikanischen Regierung Jarfies Hodgson erwähnte, daß seine und Heizers Untersuchungen während des letzten Sommers über die wirtschaftliche Lage in Palästina die alarmierenden Berichte widerlegt hätten, die beim Handelsdepartement der Vereinigten Staaten über den drohenden Zusammenbruch des zionistischen Aufbauwerke־ cingelaufcn waren. Konsul Heizer rühmte die jüdische Arbeit in Palästina, die es zu einem Lande des Fortschritts gemacht hat, und versprach, auf jede Weise nach besten Kräften an der Aufbauarbeit weiter mitzuwirken. Nach zehn Jahren Die hohen jüdischen Feiertage verschaffen Muße, die Alltagssorgen zu vergessen und den Flug der Gedanken über den Tag hinaus in die Lustren, Dezennien und Generationen zu richten. Und wie man so denkt, erinnerte ich mich an die Unterhaltung mit einem einfachen Juden, den ich vor drei Jahren in einer kleinen litauischen Stadt kennen lernte. Dieser Jude, siebzigjährig, hatte in seinem Leben in intensivster Weise die Ent- Wicklung des jüdischen Schicksals in den letzten 50 Jahren miterlebt. Er war nacheinander Chassid, Anhänger der Haskalah, Zionist, Territorialist, Ssejmist, Bundist und Kommunist gewesen. Er hatte als Mitkämpfender die russische Revolution von 1905 und die von 1917 mitgemacht. Er beteiligte sich dann an der Bewegung zur Errichtung des litauischen Staates, war Mitglied des jüdischen Nationalrates gewesen, war Mitglied aller interterritorialer jüdischer Organisationen für Wohlfahrt, Gesundheitswesen, Emigration und Kolonisation der Juden, er war Mitbegründer der Gesellschaft für jiddische Wissenschaft —• kurz, er hatte an allem Anteil genommen, wovon die Juden in den letzten Jahrzehnten bewegt waren. Nach einer Versammlung, in der über die Pflicht der jüdischen Gemeinschaft, am Aufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina teilzunehmen, gesprochen wurde, ging ich mit jenem alten Manne nach Hause. Und unterwegs redeten wir über all die Bemühungen der jüdischen Gemeinschaft, ihre Lage zu verbessern, und über die Wechselfälle der Geschichte, welche zuerst und in stärkster Weise das Schicksal der Juden beeinflußt haben. Der litauische Jude schilderte mir seinen Werdegang und seine Erlebnisse. Und als er seinen Bericht geschlossen hatte, sagte er: ״All das, was wir hier treiben, ist keine Prise Schnupftabak wert. Wie wir um ,drehen 1ן»»י. «: hopn!f,;di»b<ll::«iehisLheM«i ׳Tih |n4e.eÄWL״-:lw«Ä|f* mal habe ich frohla&t ttnd die Erlöstjngf pfeaehfen, zWah* zijppal bin ich wieder in die tiefste yertwejfhing zurick* gestoßen worden. Als der Weltkrieg zu Ende war und Wilson seine 14 Punkte proklamierte, als wir überall, wo wir es wollten, unsere nationalen Rechte garantiert bekamen und in einigen Ländern sogar nationale Autonomie erhielten, als hier in Litauen ein Minister für jüdische Angelegenheiten amtierte, da glaubte ich, wir seien tatsächlich auf dem Wege, unsere Lage zu normalisieren. Nun, nach einem langen Leben erkenne ich, daß alles, was wir hier beginnen, nur Stückwerk ist, daß alles das Hauptübel nicht aus der Welt schafft. Und dieses Hauptübel ist der Golus.“ Jetzt, zehn Jahre nach Kriegsende, Im Zeitalter des Völkerbundes, nach den zahllosen internationalen allgemeinen Konferenzen, an denen die Juden teilhahmen, und nach den vielen interterritorialen jüdischen Kongressen zum Schutze der jüdischen Rechte, zur Regelung der jüdischen Wanderbewegung, zur Förderung der jüdischen Kolonisation, zur Erneuerung jüdischer Religiosität, zur Organisierung der jüdischen Orthodoxie usw. usw. ziehe ich in Gedanken die Bilanz des jüdisehen Schicksals in den letzten zehn Jahren, und diese Rechnung ist wenig erfreulich. Zweifellos ist auf dem Gebiete der Organisation der Juden in den letzten Jahren sehr viel geschehen. Es ist ferner nicht zu leugnen, daß alles, was unternommen wurde, notwendig war, auch wenn man sich sagen muß, daß sehr oft viel Ueberflüssiges geredet und Geld und Mühe an völlig Uhproduktives verzettelt wurde. Mangel an Organisationen für die verschiedensten Aufgaben im Interesse des Judentums haben wir nicht. Und trotz alledem ist der Inhalt des jüdischen Lebens ärmer geworden. In vielen Ländern ist wohl ein Erwachen der jüdischen Massen zum Bewußtsein ihrer nationalen Persönlichkeit vor sich gegangen. Der Gedanke der Selbsthilfe und der Demokratisierung des jüdischen Lebens hat in den meisten Ländern mit jüdischer Massensiedlung an Terrain ,ge- Wonnen. Sicher wäre die Lage der Juden, gäbe es nicht die großen Hilfsorganisationen, die Verbinde für jüdisehe Wanderung, für den Schutz der jüdischen Fluchtlinge, für das Gesundheitswesen unter den Juden, für jüdische Wissenschaft und Kunst, noch viel schlechter. Aber die Ergebnisse all dieser Konferenzen und Kongresse, all dieser großen Sammlungen und Hilfsaktionen sind im Grunde genommen armselig. Es gibt kein einziges Land in der Welt, in dem die Existenz der Juden als Juden trotz größter Anstrengungen sichergestellt wäre. Die größte jüdische Siedlung der Welt in den Vereinigten Staaten hat trotz gegenwärtigen materiellen Wohlergehens Wandlungen duFchgemacht, die Besorgnis erregen müssen. Hunderttausende ehemaliger jüdischer Arbeiter sind dort Händler, Vermittler und Hausierer geworden. Von den Hunderttausenden jüdischer Kinder in New York genießen kaum 20000 jiddischen und

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