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Jüdische Rundschau · 1928-09-21 · Heft 74-75 (21.9.1928) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 74-75 (21.9.1928)
Date
1928-09-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Doppehmmmcr 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, MeinekeatraJe!0. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auilundtabonnemrat! werde« In der Wihinn( der efauelaea Linder berechnet. Nummer 74/75 | Berlin, 2t. IX. 1928 Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G.m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Aa1el|enpreUc 8 (eeptlLNenptrcUleufle 0,50 G.-M. Stellen{»« che(U3 G-M. AnieigenaehlnBi Dienet•{ «nd Freit•{ neebmitt«{• 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165—70, Postscheckkonto: Berlin Nr, 17392 Für Oeeterreieh: Foitiperkuaenemt Wien, Konto Nr. 156030 Für Tteheehsilnwskei! Poiteparkeoenunt Pr«|, Konto Nr. 59410. Für Polen! Poitaparkuienemt Wnnebt«, Konto Nr. 190708. RedaktionsschluO Sonntag und Mittwoch nachmittag ז, תשרי, תרפ״ט | xxxni, Jahrg. per »iowismus erstrebt fUr das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich ■ rechtlich gealcheriei» Helmutltte in PalBitlna. ״Baseler Programm.“ Zionistische Erneuerung Die Lage der Juden — Zionistische Jahresbilanz — Mandatsfragen und Völkerbund — Die Verfassungs-Frage — Nene Einwanderung — Die Kundgebung der Exekutive Di: großen Feiertage, die der inneren Sammlung, der Rückschau und Ausschau geweiht sind, leiten ein neues Arbeitsjahr ein. Jüdische Neujahrsgedanketi können nicht gerade übermütig stimmen. Die Lage des jüdischen Volkes hat sich nicht gebessert Wie trostlos sie auf materiellem Gebiet ist, haben soeben erst die Vorträge gezeigt, die von Repräsentanten der Osteuropa!- sehen Judenheit bei der großen Hilfskonferenz in London gehalten wurden; was das Verhältnis zu der nichtjüdisehen Umwelt betrifft, erhalten wir soeben einen Denkzcttel durch die Berichte über die mittelalterlichen Vorgange in einem Teil Jugoslawiens; auf geistigem und kulturellem Gebiete haben wir den unaufhaltsamen Fortgang der Zerstörung des bis zum Kriege wichtigsten und schöpferischsten Judenzentrums, des russischen Judentums, zu verzeichnen, dem kein entsprechendes Aequivalent gegenübersteht; politisch sehen wir eine allmähliehe Auflösung der von uns Juden als verheißungsvolle Botschaft begrüßten Versuche einer Neuordnung des Völkerlebens nach Grundsätzen von Recht und Billigkeit, und immer unverhülltere Rückkehr zu den Prinzipien gewalttätiger Machtpolitik nach innen und nach außen. So ist die Bilanz unseres Jahresabschlusses nicht gerade gewinnreich. Als Juden und als Menschen stehen wir noch vor schweren Aufgaben, denen wir um so besser gewachsen sein werden, je sicherer wir unseres Judentums sindtje־freier::vw.,«jn$1i|111erlich fühlen kitipieft• ר Wir Zionisten wissen, daß nur kindliche Einfalt oder SÄftSeWg'dazu führen kann, eine RiSMiCihe,'wühder-! bare Befreiung aus all den Komplikationen der jüdischen Lage zu erwarten. Nichts kann uns geschenkt werden; unser Volk selbst muß sich zur Befreiung etnporschwingen, und dies ist ein langsamer, hindernisreicher Prozeß, der in gewissem Sinne sogar von der heute lebenden Generation den Verzicht auf den Genuß der Früchte ihres Wirkens fordert. Wir arbeiten mit vollem Bewußtsein an einem Ideal der Zukunft. In unseren Tagen wird der Grundstein gelegt für ein ganz neues, anders geartetes jüdisches Leben in unserer nationalen Heimat Palästina. Die Anstrengungen, die wir daran wenden, diesem Heim eine gesunde Basis zu geben, erhalten ihre Rechtfertigung durch das Vertrauen auf den Lebenswillen unseres Volkes und die befruchtende Wirkung seines Landes. Auch in den Fragen der Menschheit wird von jüdischer Seite das eigene Wort erst gesprochen werden können, wenn das jüdische Volk wieder lebt. Wir setzen alle unsere Kraft ein, um durch den Zionismus die Lösung der Judenfrage einzuleiteq, die für uns mehr ist als bloße Lösung der Judenfrage. Denn erst durch sie können wir den wahren Zutritt zur Welt bekommen, nicht als Geduldete, sondern als Gleichgestellte. * Die Völkerbundstagung in Genf, die alljährlich den Herbst eröffnet, hat auch in diesem Jahr dem jüdischen Beobachter Enttäuschungen gebracht Ganz abgesehen von dem diesmal besonders deutlichen Fehlen eines konsfruktiven verbindenden Geistes, das uns Juden trifft, weil jede Verschärfung der nationalen Gegensätze sich in unserem Schicksal auszuprägen pflegt, — gibt es im Völkerbund Fragen von direktem jüdischen Interesse. Dazu gehört vor allem der Schutz der Minderheiten. Die Juden sind Minderheit in allen Ländern, stehen daher zw ar ungünstiger da als alle anderen Minderheiten, dagegen gibt diese Situation gerade ihnen einen Anspruch auf unbedingten guten Glauben: Ihnen gegenüber versagt das — diesmal leider auch von Briand gebrauchte — Argument, die Minderheitenfrage werde zu imperialistisehen Zwecken anderer Staaten mißbraucht. Es ist gerade das Wesen der im Minderheitenkongreß zusammengeschiosscnen Minderheiten, daß sie sich prinzipiell auf den Boden der heutigen Staatsgrenzen stellen und auf jede Irredenta verzichten. Darum verlangen sie eine erträgliche Regelung ihres Lebens in ihrem Staat, dem sie als Vollbürger angehören wollen. Der Völkerbund hat diese Frage stets bagatellisiert und hat sich jetzt bei Ernennung des Direktors des Minderheiten-Departments nicht von sachliehen Erwägungen leiten lassen, sondern von einer völlig außerhalb des Bereiches dieser Sache gelegenen polititischen Erwägung, nämlich von seinem Wunsche, dem wieder eingetretenen Spanien einen Beamtenposten zukommen zu lassen. Daß durch diese Art des Verfahrens das Vertrauen der Minderheiten zum Völkerbund geschwächt, daß seine im Wilson-Manifest proklamierte Funktion des Schutzes der Schwachen dadurch völlig in Frage gestellt wird, kümmert leider die in diplomatische Methoden des früheren Jahrhunderts zurückfallcnden Staaten-Repräsentanten in Genf wenig. Auch die unser zionistisches Interesse berührende Mandatsfrage hat zu Erörterungen iin Völkerbundsrat Anlaß gegeben. Man ersieht aus den Debatten, wie wenig man sich in Genf selbst bis heute über den Begriff des Mandates einig ist. Es scheint, daß bei der Entscheidüng der Frage, was eil Mandat bedeutet, weniger die Juristen und Textausleger, als die Politiker mitzureden haben werden. Es geht dabei vor allem darum, wer als der Souverän des Mandatsgebiets anzusehen ist. Die Mandatarmächte neigen zu der Ansicht, daß die Mandatarmacht so gut wie souverän ist, während die Mandatskommission des Völkerbundes immer wieder die Rechte des Völkerbundes, in dessen Namen das Mandat ausgeübt wird, verteidigt. Um diese formelle Frage hat sich auch die letzte Debatte über Transjordanien gedreht. Die Mandatskomtnission erklärte, der Vertrag zwischen Großbritannien und dem Emir Abdullah, wodurch Transjordanien eine Konstitution bekommen hat, hätte vom Völkerbundsrat bestätigt werden müssen. Der englische Standpunkt, die Mandatarmacht sei zum Abschluß des Vertrages berechtigt gewesen, wurde zwar vom Rat, der aus politischen Gründen aus dieser für ihn verhältnismäßig unwichtigen Sache keine Affäre,machen wollte, akzeg|jetA,»prcl;AbfIÄfiife^ ■ Nur wenn wir diese formale Differenz der Deutung des Mandatsbegriffes beachten, können wir die entstandene Meinungsverschiedenheit richtig einschätzen. Denn die sachliche Frage des Vertrages, dessen Inhalt, wurden dabei gänzlich außer Betracht gelassen. Gegen den Inhalt des Vertrages hat die Mandatskommission, die ja selbst stets auf Erweiterung der Selbstverwaltungsrechte der in Mandatsgebieten lebenden Völker hinarbeitet, keine Ein- Wendungen erhoben. Inzwischen hat sich jedoch der englisch-transjordanische Vertrag selbst als kaum durchführbar erwiesen. Die transjordanischen Nationalisten, die darin eine Anerkennung der englischen Herrschaft und einen wertlosen Scheinparlamentarismus sahen, haben einen Boykott der für den 29. August anberaumten Wahlen durchgesetzt. Die Regierung Abdullahs ließ 12 Notabein wegen Agitation gegen die Wahlen verhaften. Trotzdem scheint die nationale Bewegung die Oberhand zu haben. Es dürfte ähnlich kommen wie in Palästina im Jahre 1923, wo bekanntlich wegen des Boykotts der Araber die Wahlen zum gesetzgebenden Rat kassiert werden mußten. * In Palästina wird inzwischen die Diskussion über die Frage der Konstitution in jüdischen Kreisen weitergeführt, doch werden kaum neue als die bereits bekannten konventionellen Argumente vorgebracht. Die Mehrheit der Juden scheint der Ansicht zuzuneigen, daß jede Art von Volksvertretung von vornherein als unüberwindliches Hindernis des Zionismus zu betrachten ist. Nach unserer Meinung wird diese Haltung der heutigen Problemstellung nicht gerecht; denn worum es sich handelt, ist eben die Untersuchung der Frage, ob sich nicht eine Form finden läßt, die alle lebenswichtigen jüdischen Rechte und die zionistischen Erfordernisse sicherstellt. Wir haben an dieser Stelle in Nr. 69 der Meinung Ausdruck gegeben, daß die veränderte Haltung der Araber zur Balfour-Deklaration, die in deren Zeitungsartikeln zum Ausdruck kam, von uns nicht unbeantwortet bleiben soll und daß der Moment für den Versuch einer Verständigung günstig ist. Wir hielten es für bedauerlich, daß wir den arabischen Versuchsballon wegfliege« lassen, ohne darauf zu reagieren. Diese Veröffentlichung der ״Jüdischen Rundschau“, auch der Abdruck des Artikels von Joseph Cowen, auf den heute Jean Fischer in einer Zuschrift an die ״J. R.“ zurückkommt, wurde, wie uns mitgeteilt wird, auf manchen Seiten so gedeutet, als ob es sich hier um eine offizielle Stellungnahme der Z. V. f. D. handle. Eine solche Auffassung wäre unrichtig, da die Z. V. f. D. verschiedene politische Gruppen, auch Revisionisten und Radikale, umfaßt, die in politischen Fragen bekanntlich ganz anderer Meinung sind, und da kein offizielles Gremium der Z. V. f. D. sich mit der Frage beschäftigt hat. Die erwähnten Artikel in Nr. 69 vertreten daher nur die Anschauungen der dort Unterzeichneten Verfasser. Ja, aus dem Inhalt der Artikel geht hervor, daß sie sich gegen die landläufige zionistische Majoritätsauffassung wenden und eine ״Re-consideration“, eine Neu-Erwägung der angerührten Probleme herbeiführen wollen. Die von manchen Kreisen gegen die ״Jüdische Rundschau“ gerichteten Vorwürfe, als habe sie vortäuschen wollen, daß die Mehrheit iin Zionismus oder auch nur in der Z. V. f. D. die Ansichten Cowens teilt, scheinen uns daher unberechtigt, wir ergreifen aber gern die Gelegenheit, ausdrücklich auszusprechen, daß in derartigen kontroversen politischen Fragen immer nur der jeweilige Verfasser für seine Ausführungen verantwortlich ist. Dies hindert natürlich nicht, daß der Verfasser auf die Durchschlagskraft seiner Argumente die Hoffnung gründet, die Mehrheit der Leser und die politisch denkende zionistische Oeffentlichkeit für sich zu gewinnen. Die Zionistische Exekutive vor allem müßte, was wir seit Jahren fordern, diesen für die Zukunft Palästinas entscheidend wichtigen Fragen ihre Aufmerksamkeit zuwenden. In einem Moment, wo die Parole zu neuer Arbeit im Lande ausgegeben wird, darf auch an die politischen Sicherungen nicht vergessen werden. Auch Jean Fischer, de,־ sich gegen eine Erwägung der von Cowen aufgeworfenen Frage der Volksvertretung ausspricht, stimmt mit uns darin überein, daß eine Verständigung mit den Arabern :für ein,-gemels8ames Leben:»!:;Lap4e,die wkhtig^le'Vpr• aussetzung ist. In dem Manifest der Exekutive, das wir in der vorigen Nummer veröffentlicht־ haben, ist leider über diesen Punkt nichts gesagt. Auch er gehört zu einem neuen zionistischen Geist, den die Exekutive mit Recht in ihrer Kundgebung anruft. * Das vergangene Jahr hat auch uns Zionisten wenig Gutes gebracht. Aber auch nichts unerwartet Schlechtes. Wir wußten ja, es war ein Jahr des Ueberganges, und insofern kann es uns mit Befriedigung erfüllen, daß an seinem Ende freundlichere Ausblicke stehen. Wir warten sehnlichst auf den Moment neuen sichtbaren Fortschrittes unseres Werkes in Erez-Israel. Seit der übermäßigen Ein- Wanderung des Jahres 5685 hat das Land damit zu tun gehabt, die geeigneten Teile dieser Einwanderungswelle aufzusaugen, die ungeeigneten wieder abzustoßen. So natürlich dieser Vorgang sein mag, so schmerzlich ist es für uns Zionisten, Auswanderung statt Einwanderung in einem Arbeitsjahre buchen zu müssen. Wir haben aus dieser Entwicklung gelernt, daß alles daran gesetzt werden muß, eine Wiederholung solcher Zustände zu vermeiden. Wir wissen heute, daß es nicht so sehr darauf ankommt, Menschen nach Palästina zu transportieren, als vielmehr darauf, im Lande Arbeits- und Existenzmöglichkeiten für sie zu schaffen. Aufgabe des Zionismus ist es, das Land für eine Einwanderung vorzubereiten durch Schaffung der politischen und in gewissem Maße auch der wirtschaftlichen Bedingungen, vor allem auch durch Vermeidung aller Handlungen, die störend auf den Gang der Entwicklung einwirken könnten. Nicht die Zionistische Organisation oder irgendeine andere Organisation, sondern das Wirtschaftsleben des Landes muß die neuen Ankömmlinge ernähren. Werden diese nicht in absehbarer Zeit selbsterhaltend, dann wird jede weitere Arbeit der Zionistischen Organisation unmöglich gemacht, alle einlaufenden Gelder für die Erhaltung des Bestehenden beansprucht und eine dauernde Finanzkatastrophe ist dann unausbleiblich. Darum haben wir vor mehr als zwei Jahren erkannt, daß aus einer unerbittlichen Gesetzlichkeit heraus jede neue Einwanderung und jede Ausdehnungdes Siedlungswerkes unterbleiben muß, bevor nicht das Bestehende konsolidiert ist. Zu spät hat leider die Zionistische Organisation diese durch die Verhältnisse gebotene Politik eingeschlagen, was zur Folge hat, daß der Sanienmgsprozeß länger dauern muß. Er ist in dem vergangenen Jahre zwar vorwärts gekommen, aber doch gefährlich bedroht durch die ungenügenden Geldeingänge des Keren Hajessod, die besonders in Amerika weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind. Auch zu Beginn des neuen Jahres ist unser Himmel von schweren Sorgen umwölkt. Amerika bleibt weiter im Rückstand, und verschiedene amerikanische Unfernehmutigen, die in ihrer Tätigkeit von der Zionistischen Organisation abhängig waren, vor allem die Bodenkaufsgesellschaften, wie American Zion Commonwealth, be-

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