Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 72-73 (13.9.1928)
- Date
- 1928-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HU LUerataxbUM und Bettage ״JProbleme der Gemeinde? Doppclnummcr 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AusUndh»bot1ntm«&U ,werden m der W&bvuog der elazetoea Linder berechnet Nummer 72/73 I Berlin, 13. IX. 1928 Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70, Ae1cig«opr«1s:S g«»pftit.N0nptreUie2cUe G.50G .-M.StelleageiidieO, 25 G.-R AascigeatdUuB: D i c a 11 » g und b r « i t * 2 nachmittags 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oesterreich: PofUcarkaistoamt Wien. Konto Nr. 156050, Für Tschechoslowakei: rosiaparka*B»&ao1i Prag, Konto Nr. 59410. bür Polen:!'osUparkasseaamt Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. פ׳ח אפל׳ חיס״ח I xxxm. Jahrg. per Zionismus entrtbl für da» JUcIlatli• Volk die Schaffung einer Öffentlich ־ rechtlich gescherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.“ Zum Neuen Jahre 5689 Neue Arbeit Die Sitzung des Landesvorstandes Von Kurt B1 u rn e n f e 1 d. Am Sonntag-, dem 9. September, fand in Berlin die erste Sitzung des vom Breslauer Delegiertentag neu gewählten Landesvorstandes der Zionistischen Vercinigung für Deutschland statt. Im Landesvorstand sind mit Ausnahme der Poale Zion alle in der Zionistischen Organisation bestehenden Fraktionen vertreten. Der Sitzung, zu der, abweichend von dem bisherigen Brauch, (laste nicht eingeladen waren, wohnten nur noch einige in Berlin weilende Mitglieder des Aktions-Comites bei; aus Erez-Israel unsere Gesinnungsgenossen Bin Gurion, Rubaschow, Sprinzak. Die Sitzung war inhaltsreich und wertvoll, und zu unserer lebhaften Freude fühlten die Mitglieder des Landesvorstandes und die wenigen kritischen Zuhörer sich durch den Verlauf der Verhandlungen befriedigt. Alle verließen die Sitzung in dem Gefühl, daß die Z. V. f. D. ein arbeitswilliger und arbeitsfähiger Organisums ist, der sich bereit macht, um den größeren Aufgaben einer neuen schweren Arbeitsperiode gewachsen m sein. Der Landesvorstand zeigt in seiner Zusammen- Setzung ein neues Bild. Er ist verkleinert und verjungt. Vor Beginn der Sitzung wurde die Zeit für die Referate und Diskussionsreden festgesetzt und möglichst kurz bemessen. So konnten alle Teilnehmer, die es wollten, zu Worte kommen, und Täuschungen über die wahre Stimmung der einzelnen Mitglieder waren dadurch ausgeschlossen. Alle diese Umstände schufen jüie gujt$ Atmosphäre für die Verhandlungen. Man konnte ernst und offen sprechen, und es sei auch festgestellt, daß die Deutlichkeit nicht durch persönliche Schärfen erreicht wurde. Im Anschluß an die Beschlüsse der A.-C.-Sitzung zur Frage der Jewish Agency wurde folgende Resolution gefaßt; Der Landesvorstand erwartet, daß auf Grund der Be- Schlüsse des Aktions-Comitßs alle Maßnahmen zur Er- Weiterung der Jewish Agency so schnell wie möglich durchgeführt werden. Der Landesvorstand beauftragt den G. A., ihm, sobald der Stand der amerikanischen Verhandlungen es gestattet, Vorschläge zu unterbreiten, die geeignet sind, die Konstituierung der deutschen Judenheit, soweit sie die für den Eintritt in die Jewish Agency erforderlichen Voraussetzungen anerkennt, als deutscher Zweig der Jewish Agency herbeizuführen. Durch diesen Beschluß hat der Landesvorstand deutlieh erklärt, daß an der bindenden Kraft der über die Erweiterung der Jewish Agency gefaßten Beschlüsse kein Zweifel bestehen kann. Bei einer auf Freiwilligkeit beruhenden Organisation kommt alles darauf an, daß der Majoritätsbeschluß auch die Minorität bindet. Jede Minorität hat selbstverständlich das Recht, auf der nächsten Sitzung des Aktions-Comites oder auf dem Kongreß eine Aenderung der beschlossenen Politik herbeizuführen, aber bis dahin ist die gesamte Organisaiion auf die Beschlüsse festgelegt. Es wäre zu wünsehen, wenn in unserer nächsten Arbeitsperiode die grundsätzliche Debatte über die Jewish Agency nicht mehr im Vordergrund stehen würde. Alle Argumente sind allen sattsam bekannt. Es ist sicherlich kein neues Wort zu der ganzen Frage aufzubringen, und so wichtig es ist, ungeklärte Fragen immer wieder in der zionistischen Welt zu diskutieren, so wenig förderlich erscheint es uns, daß Zionisten gezwungen werden, immer wieder jedem Einzelnen vertraute Gedankengänge anzuhören. Es braucht ja niemand zu fürchten, daß an seiner Stellungnahme zur Frage der Erweiterung der Jewish Agency irgendein Zweifel besteht. Man weiß genau, wer für und wer gegen diesen Plan ist. Auf der letzten Sitzung des Landesvorstandes sind denn auch in der Debatte noch einmal alle Argumente pro und contra vorgebracht worden. Gegenüber der mehrfach vertretenen Meinung, daß die Exekutive auf der A.-C.-Sitzung eine Niederlage erlitten habe, wurde darauf hingewiesen, daß gerade diese A.-C.-Sitzung ein Muster einer ordnungsmäßigen parlamentarischen Erledigung einer Kabinettskrise gewesen ist. Die Exekutive trat zurück, die den Rücktritt erzwingenden Gruppen waren nicht in der Lage, selbst eine Exekutive zu bilden und die zurückgetretene Exehitive wurde durch Mehrheitsbeschluß auf gefordert, im Amte zu bleiben. Wer dieses Verfahren kritisiert und dadurch die Position der Exekutive zu schwächen versucht, der fordert den Präsidenten der Organisation geradezu dazu heraus, zu einer Praxis zurückzukehren, die auf der letzten A.-C.-Sitzung glücklicherweise vermieden worden ist, nämlich Revokationserklärungen von oppositionellen Gruppen zu erzwingen, die von allen als peinlich empfunden werden und mit einer parlarnentarischen Erledigung nichts zu tun haben. Im Anschluß an diese Aussprache wurde ein einm ütiger Beschluß über organisatorische Fragen gefaßt, die im Hinblick auf den Verlauf der A.-C.-Sitzung akut geworden sind. War dieser Teil der Aussprache naturgemäß mehr retrospektiv und informatorisch, so lag das Schwergewicht auf der Nach nittagsaussprache, in der über die Richtlinien für unsere zukünftige Arbeit in Deutschland verhandelt wurde. Diese Aussprache, die durch ein Referat von Landsberg eingelcitet wurde und an der sich die meisten Mitglieder des Landesvorstandes beteiligten, zeigte, daß der Landesvorstand mit Ernst unsere eigenen Fragen und mit Sorgfalt alle Erscheinungen innerhalb des allgemeinen jüdischen Lebens hetrachtet. Dr. Landsberg legte in Ausführung der in der ״Jüd. Rundschau“ bereits von ihm dargclegten Gedanken den Hauptwert auf die Untersuchung der Bcrechtigung unserer fordernden Parolen. Absolute Rechtsehaffenheit uns selbst gegenüber muß uns leiten, wenn vir als Pionierbewegung vom Einzelnen Pioniertum verlangen, und bei allen Forderungen, die wir stellen, müssen wir uns fragen, wie weit sie im Einklang mit unserem eigenen Leben stehen und stehen können, und gerade der ehrliche Zweifel, der der ständige Begleiter unseres zionistischen Lebens sei, würde uns, in richtiger Weise dargestellt, neue ״«;,ז,, : •v ■;7׳n-׳täfeF! Aüsl|fälfii würoe 1tir״ererer ' Linie unsere innere zionistische Haltung, die Möglichkeit und Berechtigung unserer Parolen behandelt, dann wurden die Entwicklungstendenzen innerhalb der jüdischen Jugend in Deutschland, ferner auch die Vorgänge der letzten Zeit innerhalb der Organisation des deutschen Judentums besprochen. Einen gewissen Raum nahm unsere Stellung zur liberalen Weltkonferenz ein. Von mehreren Rednern wurde kritisiert, daß die Leitung der Z. V. f. D. der Veranstaltung allzu große Aufmerksamkeit zugewandt habe. Die Sondernummer der ״Jüdischen Rundschau“, deren Wert allgemein anerkannt wurde, erfuhr nach mehreren Richtungen hin eine Kritik. Selbstverständlich ging diese Kritik in erster Reihe von den Vertretern des Misrachi aus. Wolfsberg wandte sich mit einer bei ihm ungewohnten Schärfe gegen den Inhalt dieser Sondernummer. Wir befänden uns in einer Selbsttäuschung über den inneren Gehalt des jüdischen Liberalismus, der innerlich unwahr sei. Es gäbe keine religiöse Bewegung, die sich ״Liberalismus“ nennen könne und das Niveau der Konferenz habe das bewiesen. F o e r d e r wies auf die Diskrepanz hin zwischen dem Verlauf der Weltkonferenz und den übertrieben hohen Vorstellungen, die sich ein Leser der Sondernummer der ״Rundschau“ von der Bedeutung dieser Tagung habe machen können. Rabin bestritt vor allem auch die Verdienste des jüdischen Liberalismus in der Vergangenheit um die Schaffung der jüdischen Wissen- Schaft. Die überwiegende Mehrzahl der Landesvorstands- Mitglieder hingegen drückte ihre Zufriedenheit mit der Sondernummer der ״Jüdischen Rundschau“ aus und erklärte, daß es eine wichtige zionistische Aufgabe sei, diesen Teil der Judenheit, der sich mit Recht oder Unrecht liberal nennt, davon zu überzeugen, daß eine wahre Entwicklung jüdischen Geistes, jüdischer Religion und jüdischen Lebens ohne Bejahung des jüdischen Nationalgedankens und ohne Schaffung eines echten jüdischen Lebens in Palästina unmöglich sei. Der Vorsitzende wies im Anschluß an diese Gedanken darauf hin, daß die erneut aufgenommene Auseinandersetzung über Liberalismus und Nationalismus weitergeführt werden sollte. Die assimilatorischen Tendenzen einer Trennung von Religion und Volk im Judentum beginnen in für uns wertvollen, wenn auch vielleicht nur numerisch kleinen Gruppen einer organischeren Auffassung der jüdischen Entwicklung zu weichen. Die Erkenntnis der Problematik unseres jüdischen Lebens allein führt jedoch die jüdische Gesamtheit nicht zu neuer Produktivität. Wir sehen immer nur Ergebnisse des Denkens und Empfindens Einzelner, die den Versuch machen, eine atomisierte, unnormal geschichtete jüdische Gesellschaft ohne Lebensstil umzuformen. Es besteht die Gefahr, durch Scheinlösungen der nicht in ihrer ganzen Tiefe erkannten Judenfrage den wahren, unserer Generation aufgegebenen Entscheidungen auszuweichen. Nur wo die Notwendigkeit zur Gestaltung jüdischen Lebens besteht, wie in einem zukünftigen jüdischen Volksleben in Erez-Israel, wird im Laufe von Generationen eine Antwort auf die heute erörterten Lebensfragen erfolgen. Diese Erkenntnisse stehen nicht im Gegensatz zu Gedankengängen, die von geistigen Führern des Liberalismus wie Dr. Baeck und Dr. Wiener innerhalb des liberalen Lagers wiederholt ausgesprochen worden sind, erscheinen vielmehr als konsequente Schlußfolgerungen ihrer Gedanken. Dies beweist uns, daß nur der Zionismus eine wirkliche Befreiung von den jüdischen Nöten unserer Zeit bringt. Im weiteren Verlauf der Debatte wies Kurt Löwen stein (J.J.W. B.) darauf hin, daß eine zerfallende bürgerliche Gesellschaft zu religiösen und gesellschaftlichen Neuschöpfungen unfähig sei und daß daher nur das Ideal der gesellschaftlichen Umschichtung und der Chaluziuth wirkliche Anziehungskraft für die Jugend besitze. Michaelis (Misrachi-Jugend) bcdauerte unsere einseitige Orientierung zur liberalen Jugend hin, wir übersähen völlig die großen Kräfte, die in den Reihen der traditionstreuen Jugend vorhanden seien. Kanowitz wies darauf hin, daß man die Ent- Wicklung innerhalb gewisser Kreise der jüdischen liberalen Jugend nicht nur nach ihrer Quantität messen darf. Wenn auch eine Ueberschätzung dieses Prozesses nicht angebracht sei, so ist doch sicher, daß hier eine neue Generation heramvachse, die, — wenn wir mit ihr zusammen arbeiten, — von uns zur Erkenntnis der Grenzen ihrer jüdischen Leben«möglichkeiten gebracht gen mäcfien, sondern zwischen zwei Prinzipien, ■die ta allen Bünden ihre Vertreter haben. Ueberall müßten wir heute einen Kampf zwischen einem politisch verantwortlichen Typus und einem romantischen sehen. Unsere Hoffnungen können nur begründet sein auf dem Sieg des politischen Typus, dessen Entwicklung in allen Gruppen zu fördern deshalb die Erziehungsaufgabe der Z. V. f. D. sein muß. Eine Schwäche unserer Jugendarbeit sei darin begründet, daß eine so hebräisierte und vom Chaluzgeist erfüllte Bewegung wie der J. J.W. B. mehr dem romantischen als dem politischen Typ zuneige. Bei der Besprechung der Stellung nichtzionistischer Gruppen zum Zionismus wurde von mehreren Rednern — im Anschluß an die von der ״Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland“ eröffnete Diskussion, an der sich auch Dr. Holländer beteiligt hat, — bedauert, daß der Eindruck entstanden sei, daß einzelne Zionisten auf eigene Faust mit dem Central-Verein in politische Ver- Handlungen eintreten. Gerade in einem Augenblick, in dem Verhandlungen über die Erweiterung der Jewish Agency-Politik geführt werden, muß Klarheit darüber herrschen, daß in dem hoffentlich sehr kurz bemessenen Zeitabschnitt, in dem sich eine organisatorische Kooperation vorbereitet, der Gedanke der echten Bündnispolitik mit voller Deutlichkeit erneut bctont werden muß. Am Aufbau Palästinas kann mit uns jede jüdische Organisation und jeder Jude teilnehmen, wenn sie die im Mandat und in formu- Herten Vereinbarungen festgelegten Voraussetzungen anerkannt haben. Es handelt sich um eine Tatgemein schaff, in der die natürliche Rangordnung durch Leistung bestimmt wird. Daher ist gerade im gegenwärtigen Augenblick jeder Versuch, eine etwa in Aussicht gestellte Mitarbeit von Bedingungen abhängig zu machen, die auf dem Gebiet der Gesinnung oder vielmehr des Gesinnungsverzichtes liegen, nur geeignet, den Geist der Loyalität zu gefährden, von dem allein die gemeinsame Arbeit getragen werden kann. Die Debatte wird auf der nächsten Sitzung des Landesvorstandes fortgesetzt und zu Ende geführl werden. Als Ergebnis dieser Aussprache bleibl das Gefühl der Geschlossenheit der Z. V. f. D. Eint Einheitlichkeit kann es bei einer Volksbewegung immer nur im Tun geben, eine Einheitlichkeil kann nur durch eine Organisation repräsentiert werden deren Beschlüssen sich ihre Mitglieder fügen. Die aui der Landesvorstandssitzung gestärkte zionistische Zu• versieht wird sich gewiß in der zionistischen Arbeii in Deutschland fühlbar machen. Und damit gewinnen die Beschlüsse der Landesvorstandssitzung erhöhte Bedeutung. Zur Arbeit entschlossene Repräsentanten der Zionistischen Organisation wenden sich an die Zionisten in Deutschland, utn sie erneut zur Mitarbeit auf zurufen.