Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 67 (24.8.1928)
- Date
- 1928-08-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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c,t Mit Beiblatt ״Von jüdischer Musik? Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekeatraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, ▼ierleljShrlich 5,75 Goldmark. Au1Uuds«b0flBem«t1t• werdea Io der Wihning der •inzelaea Länder berechnet Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H.,Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Fflr Ot»U1r«ieb! P01Lparku>«amt Wim, Konto Nr. 154030. FflrT*ebteho«low*kri: PotUptrkaaitnanit Prnl, Konto Nr. 55410. tir PoUn: P0»t»park1Menn*t Wariclu«, Konto Nr. 190008. RedaktionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 67 | Berlin, 24. VIII. 1928 An**ig«pr*i»: 8 geipel t.Nonp1rei]if!eile 0,50 G -M. SUllcntf eiaelie 0,25 G-־M Aozeigenechlafi. Di «a* t *g and Freitag neehmitteg» 4 Uhr, ח׳ אלול» תרס״ח | xxxui. Jahrg. Bar Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk dl• Schatfuna einer dftentllch - rechtlich Besicherten Heimstätte in Palistlna. ״Baseler Programm.'• uw uiwilumrtm ms rnisraciu Danzig, 22. August. (J.T.A.) Am Sonntag, dem 19. August, wurde 5m Schützenhaus zu Danzig die Konferenz des Weltverbandes der Zionistischen Partei Misrachi eröffnet bei Anwesenheit von 110 Delegierten, davon 17 Rabbinern und einer sehr großen Zahl von Ehrengästen. 35 0״ der Delegierten gehören den Jugendorganisationen des Misrachi an. Das Schützenhaus ist festlich dekoriert. Vom Dache wehen die Flagge des Freistaates Danzig und die zionistische blau-weiße Fahne. Die Tribüne des Saales ist mit zionistisehen Farben und dem Bilde Theodor Herzls geschmückt. Der Eröffnungssitzung wohnte auch das Diplomatenkorps bei. Die Eröffnungsrede hält im Namen des Organisationskomitees Direktor Heidenfeld. Das Präsidium übernimmt sodann der Präsident des Weltmisrachi, Rabbi M e i r Berlin, der zuerst hebräisch und dann deutsch spricht. Nach der Begrüßung von Delegierten und Gästen hält er eine großangelegte Programmrede, die mit großer Spannung angehört wird. Im Namen des Danzigcr Senats begrüßt Senator Jewclovsky die Weltkanferenz. Hierauf halten Begrüßungsreden Legationsrat Ritter im Namen des polnischen Gcneralkonsulates, Justizrat Sander im Namen der jüdischen Gemeinde von Danzig, Rabbiner Segalowitz im Namen des Rabbinats und Dr. Sega! im Namen der Danzigcr Zionistischen Or• ganisation. Nach der Wahl des Präsidiums hält Rabbiner Gold eine Programmrede in jiddischer Sprache. Hierauf weiden weitere Begrüßungen verlesen, die massenhaft aus verschiedenen Ländern eintrafen, so u. a. von der Londoner zionistischen Exekutive, von Oberrabbiner Kuk in Jerusalem, vom Keren Hajessod-Direktorium, von dem amerikanischen Misrachi, dem HapocI Hamisrachi, dem Misrachi Hazair, der Frauenorganisation des Misrachi, von Rabbiner Löwenthal im Namen des Rabbinerverbandes, von der Stadt Tel-Awiw, den Rabbinern Aronson und Usiel, der Misrachi-Bank, dem Rigaer Rabbiner Dr. Nurok, der Krakauer Misraehi-Organisation, dem Oberrabbiner von Dublin, Herzog, dem Antwerpener Oberrabbiner Amiel, dem Frankfurter Rabbiner Hofrmann, den Misrachi-Organisationen in - feettiandr-Sehwahr; וימ;4־י; der Ostjuden usw. Von rabbinischen Delegierten sind anwesend: 8 aus Palästina, 5 aus Polen, 3 aus Amerika, 1 aus Danzig. Die Eröffnungsrede Meir Berlins Wir Misrachisten sind zum Zionismus nicht durch negative Momente gekommen wie .aadsfe—grofte Teile'־des jüdisehen Volk«*,- fürdie--Erez-lsrael ein Heilmittel für ,gewisse Wunden ist. Es ist unsere Ueberzeugung, daß Erez-Isracl eine Abhilfe gegen den geistigen, ökonomischen und politischen Druck, unter dem noch heute der größte Teil des jüdischen Volkes leidet, schaffen wird und daß die nega• tive Stellung zum ludcntum in positive Arbeit für das jüdische Volk umgesfa'ltct werden kann. Aber das allein ist für uns nicht wesentlich. Unser Zionismus geht weiter, ist positiver. Selbst wenn bei den Juden in allen Weltteilen alles Geistige, Oekonomische und Politische vollkommen zufriedenstellend wäre, hätten wir gesetzestreue Nationaljuden doch zu einem jüdischer! Eigenleben streben müssen, zu einem Leben, das nicht aufgebaut ist auf fremdem Eintluß, das, nicht fremdci—KuMur undl1£1j1cte-Sp»ef1tr-atfgepattt.ist, sondern sich allein auf j üd iscnerW cltanschauung aufbaut. Der ׳Begriff-Gafuth bedeutet für uns nicht nur Mühsal und Verfolgung, sondern auch Heimatlosigkeit Nicht weil wir eine jüdische Politik machen' wollen, geben wir nach Zion, sondern weil wir Zion aufbauen wollen, schlagen wir politische Wege ein. Politik ist nur ein Mittel, das uns zu unserem Ziele führen soll« ein Judenstaat im •jüdische« ׳G«str'ein־־jÜdf5elTe!!-LandT-ifl-defn"־cfje Gesetze׳■der T-hora■■■herrschen, ein Leben, i« dem das Wort Gottes die oberste Macht bedeutet. Jeder Misrachist sieht in der Bibel und im Talmud die Richtschnur seines Strebens. Einen Beweis dafür, daß unser Ziel erreichbar ist, sehen, wir darin, daß wir in den jüdischen Massen immer tiefer Wurzel fassen, daß die bedeutendsten Rabbiner und die führenden Persönlichkeiten der Gemeinden immer mehr in unser Lager kommen./ Wenn die Zeit gekommen ist, wo auch Nidjfzionisten durch die Jewish Agency für den Aufbau des jüdisch®« Staates wirken, dann ist auch der Weg geebnet für viele Hunderttausendc anderer Juden, die im.Innern des Herzens an die heilige Mission des Judentums glauben, anzuerkennen, daß unsere Sendung nicht mehr durch einzelne Personen oder Gruppen, sondern durch das gesamte jüdische Volk verwirklicht werden kann. Wir erwarten von den Millionen des jüdischen Volkes, die an die jüdische Zukunft glauben, das jüdische Gesetz hüten, den jüdischen Sabbat und Jom-Tow feiern, daß sie endlich einsehen, daß der Aufbau Erez-Israels und die Aufrichtung des jüdischen Volkes ein Teil der Thora und des jüdischen Gesetzes sind, und daß die Arbeit, die der Misrachi in Erez-Israei tut, ihre Arbeit ist und daß der Anschluß an unsere Organisation Pflicht eines Jeden ist. Der Redner ging sodann auf die Arbeit des Misrachi int einzelnen ein, der in Palästina nicht nur ökonomische Werte schafft, sondern ein Netz von Schulen unterhält, das vor acht Jahren mit drei Schulen und 400 Schülern begonnen wurde und heute 65 Schulen, darunter drei Mittelschulen, mit mehr als 6000 Schülern umfaßt, ln der Misrachi-Arbeiter-Partei sind Tausende von jungen Leuten organisiert, die als Chaluzim nach Erez-lsrael kamen. Rabbonim und Schochtim wurden in fast jede Stadt und Kolonie eingesetzt, Synagogen und sonstige rituelle Gebäude wurden an vielen Plätzen errichtet. Die Misrachi-Bank mit Niederlassungen in Tel-Awiw und Jerusalem hilft der Mittelklasse, arbeitet gut und zahlt schon Dividende. Wenn wir auch in den letzten Jahren aus rein misrachist»- sehen und zionistischen Gründen in der Opposition zu der zio nistischen Leitung stehen, sind wir der Zionistischen Organisation doch treu ergeben. Wir arbeiten überall eifrig für Keren Hajessod und Keren Kajemeth. Den letzteren betrachten wir als den Grundstein zur Verwirklichung des zionistischen Ideals, Wenn auch der Keren Hajessod nicht immer im Einklang mit dem, was uns teuer und heilig ist, arbeitet, so kann man doch annehmen, daß 80 »0 von dem, was der K. H. geschaffen hat, von größter Bedeutung auch für uns Ist. Wir konnten aber unsere Arbeit nicht weiterführen, ohne für unsere verschiedenen Arbeitsgebiete einen besonderen Fonds zu schaffen: den ״Keren Erez-lsrael sehe! Hamisrachi“, der schließlieh nichts anderes ist als ein integraler Teil des Ere/.-Israci- Aufbaus. Es ist Pflicht eines jeden Misrachisten, den Keren Ercz-Israel zu unterstützen. Wahl des Präsidiums Nach Rabbi Berlin sprach Gedalja Bublik, der ausführte, Misrachi sei nicht eine jüdische Partei, sondern Judentum, nicht Zweig, sondern Baum des Judentums. Rabbiner Qold führt aus: Der Traum, der seit 2000 Jahren geträumt wird, wird verwirklicht werden, trotz der Hindernisse, die im Wege stehen. Die Bekämpfung und Ueberwindung der letzten Krise in Palästina hat bewiesen, welche Energie im Judentum Palästinas verborgen ist. Aus dieser jüdischen Kraft wird Erlösung kommen. Die Konferenz wird nun durch den Vertreter des Danziger Völkerbundkommissars begrüßt. Im Saale anwesend sind Vertreter der Danziger Regierung, der diplomatischen Vertretungen Amerikas, Englands, Polens, Deutschlands, Frankreichs, Belgiens, Rumäniens und anderer Länder. Es folgt die Wahl des Präsidiums. Zu Präsidenten werden gewählt Sejmabg. Farbstein und Gedalja B u b 1 i k , zu Vizepräsidenten Hermann Struck, Dr. Federbusch, Rabl». Ostrowski, zu Schriftführern Marsehack, Neufeld und Bornstein. Die Generaldebatte Zu Beginn der zweiten Sitzung am Montag Morgen kam es unerwarteterweise zu einer Krise des Präsidiums. Die Delegierten aus Deutschland und die Vertreter der jugendgruppen forderten vertrauliche, die Dolegierten aus Amerika und Polen und die Rabbiner-Delegierten traten für die Oeffentlichkeit der Sitzungen ein. Farbstein und Bublik erklärten, das Präsidium niederlegen zu wollen, wenn auf der Forderung nach Geheimsitzungen bestanden wird. wöiifrcft dfe Krise des PrisliJlüiKs betgelegt-•' war,' ׳״ ■ *׳ '"' ׳"■ Den Vorsitz übernimmt Hermann Struck. Rabbi Meir Berlin erstattet den Bericht des Merkas Olami. Von dem Ausgabenbudget in Höhe von 45 225 Pfund entfallen auf religiöse Zwecke £ 7977, Erziehungswesen £ 9363, für die Tachkemoni-Schule £ 7326, Immigration £ 1454, Arbeit und Kolonisation £ 5619. An Einnahmen stehen dem gegenüber: Keren Erez-lsrael £ 25 368, Zionistische Exekutive £ 13 606, verschiedene Spenden £ 6071. Die Institutionen der Misrachi- Bank und der ״Olim-Bonim“ entwickeln sich sehr gut. Die Kolonisationsarbeit des Hapoel Hamisrachi leidet an dem Mangel an Geldmitteln, das gleiche gilt von der Arbeit des Misrachi Hazair bei dem Aufbau der Gartenstädte. Die Landeszentralen müssen ihre Pflicht tun. Die Hauptaussprache wird von Rabbi Ostrowski (Palästina) eingeleitet. Er bemängelt es, daß das Weltbüro des Misrachi weder zum Kongreß noch zum Aktions-Comite mit einem fertigen Programm gekommen ist. Das Auftreten Färbstein? gegen die Agency-Erweiterung hat in Palästina einen schlechten Eindruck gemacht. Der Redner fordert den Misrachi auf, nicht auf die Zuschüsse seitens der Zionistischen Organisation zu verzichten. — Dr. Federbusch (Galizien) wünscht eine intensivere Behandlung der zentralen Probleme des religiösen Judentums. Der Merkas Olami unterstütze nicht geniigend die Arbeit des Hapoel Hamisrachi und des Hechaluz Hamisrachi und sorgt nicht genug für die Organisierung der Schuljugend im Misrachi-Rahmen. Die dritte Sitzung beginnt am Montag, nachmittags 3 Uhr, unter dem Vorsitz von Bublik. Die Hauptaussprache wird fortgesetzt. S c h a p i r o (Palästina) schildert die schwere Lage des Hapoel Hamisrachi, der nicht genügende Stütze findet. Brod (Polen) kritisiert den Merkas Olami, der zu wenig für die Bcwegung in der Diaspora tut; es sei Schuld der Zentrale, wenn die Landesverbände so wenig für Palästina leisten. Bubfik (Amerika) kritisiert den polnischen Misrachi, der sich zuviel mit Landespolitix befaßt. Bublik, der soeben in Palästina einige Zeit geweilt hat, gibt ein Bild von der Arbeit im Lande und weist auf Fehler hin, die beseitigt werden müssen. Die am 21. August abgehaltene 4. Sitzung der Weltkonferenz war dem Andenken des verstorbenen Mitgliedes de* Weltzcntrale des Misrachi, Landau, gewidmet. Am 21. nachmittags fand unter dein Vorsitz von Gedalja Bublik die 5. Sitzung statt, die mit der Verlesung eines Begrüßungsschreibens von Rabbi Nissenbaum - Warschau eingeleitet wurde. Es wird die Generalaussprache über den Bericht des Merkas Olami fortgesetzt. Der Führer des Jung- Misrachi, Neufeld, appellierte an die Versammlung, die geographischen Grenzen, die sich bei der Stellungnahme der Delegierten einzelner Länder hier bemerkbar machen, innerlieh zu überwinden. Die Beziehung der Weltzentrale zur Jugend ist nicht immer befriedigend gewesen. Der Sieg des Misrachi kann nur durch Stärkung der Jugend und ihres Ideals ״Thora Waawodäh“ erfochten werden. Es sprachen noch Hermann Struck- Haifa, Rabbiner T eitelbau in- New York, Rabbi Werner- Roschpina (im Namen der Rabbiner Palästinas), R e i c h - Galizien, S c h r a g a i - Palästina, Rabbiner S egal ow it s c 11 - Danzig, Rabbi Srebrinik, Kleinstein und Perl mann. Rabbi Meir Berlin erwidert auf die in der Hauptaussprache vorgebrachten Kritiken und Beschwerden. Rabbi Brod, sagte er, hat Unrecht, wenn er uns vorwirft, daß wir für die Bedürfnisse des Hapoel Hamisrachi nicht genug in der Zionistischen Exekutive gekämpft haben. Wir haben enug gekämpft, und es ist nicht unsere Schuld, wenn Rabbi rod im Tumult der Sejm-Wahlen unsere Stimme nicht gehört hat. Rabbi Berlin geht dann noch ausführlich auf die Probleme der Kolonisation, der Erziehung und der religiösen Fragen vom Standpunkt des Merkas Olami ein. (Fortsetzung im Innern des Blattes.) Land und Volk Nachwort zu einer Palästina »Reise Von Dr. Felix W e 11 s c h (Prag). Eine Reise, auf der man verschiedene Länder, Menschen und Kulturen sieht, macht gerade auf diese Wechselbeziehung besonders aufmerksam. Man beobachtet Besonderheiten einer Landschaft und erkennt sie in der Kultur dieses Landes und seinen Menschen wieder; man sieht in den Bauwerken eines Landes den Spiegel seiner Menschenart; und man findet den Schlüssel zur Er- Kenntnis der Menschen in Landschaft und Klima. Das Land hat die Menschen geformt und die Menschen wieder das Land. Bei dem einen war es ein besonders glückliches Zusammenwirken: Herrliches Kulturwerk flammte auf, Jahrtausende erleuchtend. Im anderen Falle mühen sich Menschen und Land aneinander ab, und nichts ergibt sich, still bleibt die Welt an diesem Ort. Die Menschen leben und sterben, das Land blüh• und welkt — nichts aber bleibt erhalten. Worin liegt diese merkwürdige Beziehung zwischen Land und Menschen? Ein Samenkorn verfängt sich in der Erde an einem Abhang; ein Baum sprießt hervor und wächst. Sein Wachstum ist abhängig von dem Erdreich, von der Qualität des Bodens, von seiner Lage, vorn Platz zur Ausbreitung seiner Wunreln, von der Möglichkeit, mH seinen Blättern zu Licht und Sonne zu gelangen. Es ist, als ob ein Trieb zum Wachsen da wäre und nun mH Boden und Umgebung, also mit der Erde und seiner Lage, zu kämpfen hätte. Die Art seines Wachstums, die Bildung des Stammes, der Reichtum der Krone ist das Resultat dieses Kampfes zwischen diesem Trieb zu wachsen und dem Erdreich, in welchem er sich durch• zusetzen hat. Genau so ist es mit dem Menschen. Sein Trieb zu zu erhalten“ und ״wert zu sein“, mit anderen 'Worten: sein vitaler Trieb und sein schöpferischer Wille finden ein bestimmtes Material vor: Das Land im weitesten Sinne: Klima, Fruchtbarkeit, Landschaft, Lage; in diesem Material haben die Menschen zu sein und zu werden; aus diesem Material haben sie zu bauen und zu schaffen. Aber dieses Material ist auch ihr Widerstand. Denn es ist nicht nur Material, es• ist auch Materie, mit welcher der Geist fertig werden muß. Das Material ist seinem Wesen nach widerspenstig. Denn die Materie ist nicht Geist und folgt nicht Gesetzen des Geistes. Sie ist — an sich — Chaos. Könnte sich der Geist ohne Materie entfalten, er würde wie eine herrliche Feuergarbe gegen den Himmel sich bauen. Aber er kann eben nicht, es ist sein Schicksal, daß er in der Materie sich entfalten muß, daß er den chaotischen Widerstand braucht, um zu ״werden״; und es ist das Wesen der Materie, nicht nur Material des Geistes zu sein, sondern durchaus auch Widerstand des Geistes. Im Kampf mit diesem Widerstand geschieht die Schöpfung. Der Geist fliegt nicht raketenhaft gegen den Himmel; aber er bleibt auch nicht stummer Untertan der Materie; es entsteht ein Drittes; etwas Neues; nicht Geist und nicht Materie; sondern: geistiges Leben; schöpferisches Werden; Kultur. Der Widerstand wird nicht überwunden; aber er siegt auch nicht. Etwas Neues wird daraus geboren: Tat und Geist. So ist menschliches Kulturwerk entstanden: Reli• gion, Sprache, Wissenschaft, Kunst. Es ist nicht reiner Geist und es ist nicht reine Materie. Es ist ein Drittes; die Schöpfung. Der Baum wächst nicht in vollendeter Regelmäßigkeit, als geometrisches Luftphantom gegen den Himmel. Er hat eine Gestalt; keiner gleicht ganz dem andern; der Stamm ist knorrig, seltsam gerichtet und verschieden gebildet; die Aeste und Zweige wachsen eigensinnig; jeder anders. So entsteht ein Individuum; Resultat eines Triebes im Kampfe mit dem Widerstand. So ist es auch mit dem Volke. Sein ״Widerstand“, der es formt und aus dem es zu formen hat, ist das Land, in dem es lebt, sich erhalten muß, sich vermehrt, in dem seine Individuen ihren individuellen Tod durch körperliche und geistige Zeugung zu überwinden suchen. Dieses Land ist ihnen als Widerstand und als Materie aufgegeben worden. Und es ist keine Frage, daß ihre Leistungen! den Stempel dieses Landes tragen, daß dieses wunderbare ״,Dritte“, das entsteht, die Züge seiner Eltern trägt: Des Vaters ״Mensch“ und der Mutter ״Land“. Das Zusammenwirken von Volk und Land hat nichf immer gleichwertige Wirkungen. In manchen Ländern entstehen Kulturen, in manchen nicht; es gibt Völker, die mit ihrem Widerstande ihrem Lande — nichts anzufangen wissen; sie finden sich wohl irgendwie zu-