Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 61 (3.8.1928)
- Date
- 1928-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Einzelnummer 0,23 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, MeinekeatraSe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,—• Goldmark, ▼ierteljihrlich 5,75 Goldmark■ Au«land81t>onne!n«nt• werden in der Wibrtwf der eiaielnro Linder berechnet Nummer 6t | Berlin, 3 VIII. 1928 Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70, At»*ei|enj>r«i*j8gi«p*H.Nonpereüle*eiJe0,50G,*M. Stellen ge*ech#0,25 G.-M. AmeigeaechlnS- Dienstag und Freitag nachmittags 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165—70, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Ffir Oesterreich: Postsparkasieoamt Wies. Konto Nr. 156OK). Für Tschechoslowakei: Postaparkassenamt Prag, Konto Nr. 59410. Für Polen: Postsparkaacenamt Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. m₪mm₪mm₪₪₪a₪₪₪ammm₪m₪m₪₪m₪₪₪₪₪₪₪₪m₪₪mmm₪mmmm י״ז מג, אב. הדס״ח | xxxiil Jahrg, Per liCBlsmus erstrebt fOr da» ]Heisch• Volk dl« Schaffung •Inor öffontllch rechtlich gaelcharlan HolmelUto In Palästina. ״Basaler Programm.•• Sacher Beschlösse des Aktions-comiies Wir haben bereits in der vorigen Nummer den Beschluß des A.-C. in der Frage der Jewish Agency zum Abdruck gebracht. Im folgenden veröffentlichen wir noch einige der wichtigeren Beschlüsse, die in der Berliner Sitzung gefaßt wurden. Palästina-Budget 5689 Einnahmen: Keren Hajessod . Haclassah-Frauenorganisation, U. S. A. ... Aus Rückzahlung von Darlehen. £ 462 000 100 000 7 000 ■Exekutive: Kolonisation (einschl. Re- Solei Ausgaben: A. der Palästina Landwirtschaftliche serve £ 20 000). Versuchsstation . Handel und Industrie. Arbeit (einschl. Waadath-Hatarbuth 1 Boneh). Einwanderung und Hachscharah . . . Erziehung (einschl. Technikum) . . Gesundheitswesen: Arbeiterkrankenkasse .. Defizit der Arbeiterkrankenkasse . - Waad Habriuth. Hadassah: für eigene Anstalten. für Arbeiterkrankenkasse. Besondere Ausgaben . Verwaltung. Ausgaben zur Vorbereitung der Pläne des gemeinschaftlichen Verwaltungsgebäudes Zinsen .. Auf Rechnung des Defizits. 569 200 115 000 10 000 5 700 14 200 15 655 65 800 3 4"0 1 000 850 90 000 10 000 2 000 18 000 150 4 500 70 000 B. des Keren Hajessod und der Gesamt-Exekutive: Keren Hajessod, Organisation und Propaganda Keren Hajessod, Zinsen . . .. K6ren Hajessod, Verpflichtungen .. Joint Paleättue Survey Commission ..... Besondere Ausgaben . 426 455 38 000 5 500 79 245 5 000 15 000 569 200 Kolonisation 1. Gemäß dem Beschluß des XV. Kongresses, wonach die Hachscharah- und Okkupationsgruppen, die im Jahre 1927 mit der Bearbeitung ihres Bodens begonnen haben, in den Siedlungsplan der neuen Kolonisation 5687 aufzunehmen sind, beauftragt das Aktions-Comite die Exekutive, den Kibbuz Haschomer Haza'ir B, der im Einvernehmen mit der Palästina- Exekutive im Jahre 5687 den ihm vom K. K. L. zugewiesenen Boden in Bewirtschaftung nahm, in den Siedlungsplan der neuen Kolonisation 5687 aufzunehmen und ihn auf Mischmar Haemek definitiv anzusiedeln. 2. Das Aktions-Comite bestätigt den Vertrag zwischen der Palästina-Exekutive (unterzeichnet von Herrn Kaplansky) vom 30. April 1926 und der Siedlung׳ Kubebe bezüglich der Ansiedlung von 40 Familien. Das Budget für diese Siedlung in der Höhe von £ 18000 auf fünf Jahre soll vom kommenden Jahre an Geltung haben. 3. Das Aktions-Comite beschließt, die Ansiedlung des Hapoel Hamisrachi auf dem Boden Scheich Abreik, der vom K. K. L. für den Hapoel Hamisrachi erworben wurde, zu bestätigen und dieser Siedlung die erforderliche Förderung in fachlicher, technischer und kolonisatorischer Beziehung zu gewähren, ohne daß daraus eine budgetäre Verpflichtung erwächst. Universität 1. Das Aktions-Comite beschließt, das Direktorium des Keren Kajemeth Lejisrael zu ersuchen, der Hebräischen Universität in Jerusalem die Pacht an den Universitäts-Grundstücken zu einer nominellen Rente für einen Zeitraum von 999 Jahren zu gewähren. 2. Das Aktions-Comite beschließt, die Exekutive der Zionistischen Organisation, sobald das Kuratorium der Universität regelrecht zusammengesetzt ist, zu autorisieren, nach erfolgter Gewährung Pacht seitens des K. K. L. alle Rechte an den Baulichkeiten auf die Universität zu übertragen und es hierdurch der letzteren zu ermöglichen, Kuschane für die Gebäude zu erlangen. 3. Das Aktions-Comite ersucht die Exekutive, unverzüglich Schritte zu unternehmen, damit die tatsächliche Zusammensetzung des Universitäts-Kuratoriums mit den Bestimmungen der provisorischen Verfassung hinsichtlich Gesamtzahl und Zusammensetzung desselben in Einklang gebracht werde. 4. Das Aktions-Comite beschließt, dal! das Eigentumsrecht an den Gebäuden der Universität auf den Namen der Zionistisehen Organisation übertragen und erst nach der Reorganisierung des Kuratoriums gemäß den Beschlüssen der zionistisehen Kongresse über die Uebergabe der Gebäude an das Kuratorium verhandelt werden soll. - 5. Das Aktions-Comite beauftragt das Direktorium des K. K. L., in seinen Vertrag mit dem Kuratorium der Universität einen Passus des Inhalts aufzunehmen, daß wenn zu irgendeinem Zeitpunkte das Kuratorium der Universität verlangen sollte, den Boden der Universität für andere als die Zwecke der Universität zu verwenden, dies nur mit Zustimmung des Direktoriums des K. K. L. geschehen kann. Neuwahl eines Mitglieds der Exekutive Das Aktions-Comltö beschließt auf Grund des § 53 Abs. 6 des Organisationsstatuts, an Stelle des ausscheidenden Mitglieds der Exekutive Herrn Dr. M. D. Eder Herrn Prof. Dr. S. Brodetski zum Mitglied der Exekutive zu wählen. (Weitere Beschlüsse und Wahlen der K. K.!״-Direktoren siehe im Verhandlungsbericht.) Der Prager Judenfriedhof in Gefahr? Die Zeitungen bringen die äußerst unglaubwürdige Nachricht, daß die Absicht bestehe, den altberühmten Prager Judenfriedhof, eine der größten und meistbesuchten Sehens- Würdigkeiten der Stadt Prag, mitsamt der Altneusynagoge und dem alten jüdischen Rathaus, zu demolieren. Angeblich wolle man das Stadtbild den vergrößerten Anforderungen des Verkehrs anpassen und habe zum Schutz der historischen und künstlerischen Denkmäler einen Plan aufgestellt, in welchem die erwähnten jüdischen Denkmäler nicht inbegriffen sind. Die Meldung ist schon darum unwahrscheinlich, weil die jüdischen Altertümer so gelegen sind, daß der Platz für eine Erweiterung der Verkehrsstraßen gar nicht in Frage kommt. Abgesehen hiervon aber ist weder der tschechoslowakischen Regierung, noch der Stadt Prag, in deren Stadtrat auch jüdischnationale Vertreter sitzen, ein derartiger Vaudalismus zuzutrauen. Die Erregung der Presse beruht also offenbar auf einem Mißverständnis, dessen baldige Aufklärung zu begrüßen wäre. In der ״Voss!sehen Zeitung“ schildert der Prager Schriftsteller Egon Erwin Kisch anläßlich dieser Meldung, die die Aufmerksamkeit auf die jedem Besucher Prags bekannten jüdischen Altertümer gelenkt hat, den einzigartigen Charakter des Prager Judenfriedhofes. Kisch schreibt nach Aufzählung der wichtigsten literarischen Arbeiten, deren Schauplatz der Judenfriedhof ist, unter anderem: ״Man braucht wahrlich auf dem Prager Judenfriedhof keinerlei Phantasie spielen zu lassen — viel phantastischere und tollere Wirklichkeit ist hier in lapidaren Dokumenten beglaubigt. Da ist das Grab eines Schneiders, Vater von sechs Kindern, dennoch hat er sich willig zur Hinrichtung gestellt, mit dem Geständnis, er sei es gewesen, der beim Einzug Kaiser Wenzels IV. einen Stein auf dessen Gefolge warf. Die Inschrift läßt durchblicken, daß der Stein sich unversehens von einem Dach gelöst habe, aber da der König angedroht, er werde das Ghetto einäschern, wenn sich der Täter nicht melde, so nahm der kinderreiche Schneider den Tod auf sich. Hier ruht der Hohe Rabbi Löw neben seiner Gattin und inmitten seiner dreiunddreißig Schüler; auch sein Famulus Jossele, den man den Lehraklotz nannte, liegt bescheiden in des Meisters Nähe — das Urbild des Golem. Auf dem Sarkophag des Rabbi Löw steht geschrieben, daß er sich hineinwagte ,in den Irrgarten Pardes, aber er kehrte zurück, heil und rechtzeitig und unversehrt‘. Das bezieht sich auf seine kabbalistischen Versuche, die ihn noch jetzt bei vielen Ostjuden als wundertätigen Heiligen gelten lassen. Spuren dieses Mittelalters von heute finden sich auf der braunen, mit steingehaucnen Weintrauben geschmückten Grabfassade und in der offenen Wölbung des Sarkophags; schwarze Brandmale, herrührend von den Kerzenlichtem, bei denen gaüzianische Flüchtlinge während des Weltkrieges Nacht für Nacht um die Wiedervereinigung mit ihren Familien beteten, Hunderte und aber Hunderte von Wunschzetteln, die sie dem vermoderten Zauberpriester in den Steinsarg schoben, damit er Erfüllung herbeiführe. Der Untergang Wallensteins hat sicii an der wappengezierten Gruft der Hendel Bath-Schewi, Edlen von Treuenburg (der ersten jüdischen Adeligen; die preußischen Grafen Bassewitz streiten ihre Herkunft von den Bassewis energisch ab) vollzogen: hier vereinbarte der Generalistnus mit Hendels Witwer, dem Finanzier Schtniles Bath-Schewi von Treuenburg, die Einführung der Langen Münze, jener Währung, die der Wiener Hof als die erste hochverräterische Einmischung in seine Hoheitsrechte auffaßte. Hier liegt Awigdor Karo, der ein Dichter, anno 1389 die Zerstörung der Prager Judeustadt in einer oft übersetzten Elegie besungen hat, der Doktor M e n d i g 0 d e I C a n d i a , der der Freund Galileo Gallileis war, der Chronist David Gans, der Tvcho de Brahe bei der Abfassung seiner astrononiisehen Tabcllarien half, David Oppenheim, dessen Bibliothek heute der Stolz der Bodleyana zu Oxford ist, hier ruhen die Gersoniden, die Schöpfer des jüdischen Buchdrucks, und fast die ganze Familie jenes berühmten Rabbi Lippmann Heller, den Heinrich Heine in der ,Disputation‘ verspottet: ,Gilt nicht mehr der Tausfeß-Jontof? Was soll gelten?!‘ Und abseits der schwarzen, von Holundersträuchern überschattefen Tafeln, Tumben und Sarkophage ist auf einem isolierten Fleckchen die letzte Ruhestätte eines verreckten Hundes, den ein Schinderknecht über die Mauer warf und die Beerdigungsbrüderschaft hier begraben mußte, um den Konflikt mit den verfemten Nachbarn nicht zu verschärfen. Nur Scharfrichtcr und Schinder wohnten in alter Zeit auf dieser nah ans Moldau-Ufer herangerückten Fläche, nach der nun die aufstrebende, rücksichtslose Großstadt Gelüste verspürt.“ Bevor der Bericht der Joint Palestine Survey Commission die Aufmerksamkeit der zionistischen Welt auf sich konzentriert hatte, war man sich bewußt gewesen, daß die A.-C.-Sitzung im Sommer dieses Jahres vor allem mit c i n c 111 schwierigen Problem zu tun haben wird: dem Kampf um die P a 1 ä s t i n a - E x c k u t i v e. Dieser Kampf begann vor einem Jahre heim Baseler Kongreß. Dort wurde die damalige, aus einer Koalition hervorgegangene Exekutive gestürzt und eine neue gebildet, die vor allem die Aufgabe haben sollte, eine Sanierung der Finanzen und Balancierung des Budgets herbeizuführen. Die Diskussion unserer Finanz- und Kolonisationspolitik, hatte schon vor dem Kongreß - ohne zwingende Logik — eine Scheidung zwischen bürgerlichen und Arbeiter- Gruppen hervorgerufen, da von manchen Seiten die Methode der Budget-Ueberschreitting besonders den Arbeitern zur Last gelegt wurde. Man beachtete nicht, daß aucli bürgerliche Unternehmungen, besonders der vierten Alijah, an dem gleichen Uebel litten, und daß die ernsten Kritiker der Unwirtschaftlichkeit zum großen Teil gerade auch aus dem Lager der Linken kamen. Durch die Identifizierung der Arbeiterschaft mit dem alten System entstand die Parole einer ״flügellosen“ Exekutive. Ihre zentrale Figur wurde Harry Sacher. Man muß sich also vergegenwärtigen, daß die Sacher- Exekutive nicht nur das Prinzip der Sanierung und Konsolidjerung als notwendige Vorbedingung jeder neuen Expansion verkörpert, sondern daß sie gleichzeitig für den Ausschluß der Fraktionen (Misrachi, Arbeiterparteien) von der Mitwirkung in der Leitung verantwortlich ist. Nach allen parlamentarischen Gesetzen ist es selbstverstündlich, daß die von der Leitung ausgeschlossenen Fraktionen gegen die Exekutive stimmen, sogar ungeachtet ihrer Stellungnahme zu den einzelnen Fragen ihrer Politik. Die Sacher-Exekutive hatte also in Basel nur eine Minderheit für sich und konnte überhaupt nur Zustandekommen, weil die Arbeiterparteien, die selbst keine neue Exekutive bilden konnten, sich trotz ihrer Gegnerschaft der Stimme enthielten. Damit war eine abnormale Situation gegeben, die wenigstens während der Dauer dieser Kongreßperiode für die Leitung ein sehr labiles Gleichgewicht schuf. Die Palästina-Exekutive mußte wissen, daß sie parlamentarisch vom Willen der Arbeiterparteien abhing — ähnlich wie die Arbeiterregierung in England seinerzeit als Minderheitsregierung in der Hand der Liberalen war. Es wäre nun Sache der Palästina-Exekutive gewesen, diese heikle Situation durch persönliches Entgegenkommen zu mildern. Vielleicht wurde dies nicht versucht, wenigstens was die Person Sachers betrifft. Richtig ist, daß Sofort nach dem Kongreß in Presse und Ver- Sammlungen ein scharfer Kampf der Arbeiterschaft gegen die Sacher-Exekutive eingesetzt hat; und Sacher scheint nicht der Mann zu sein, der über solche Angriffe hinweg die Hand zum Frieden reicht. Die Gegensätze verschärften sich immer mehr, und die Arbeiterführer kamen nach Berlin mit dem festen Entschluß, Sacher zu stürzen, nachdem sie diese Parole in Palästina und im Galuth bei ihren Anhängern sehr populär gemacht hatten. Wenn man sich nun ein objektives Urteil bilden will, wie das Problem Sacher zu beurteilen ist, so bedarf es zunächst der Trennung des Sachlichen vom Personliehen. Die sachliche Aufgabe Sachers war eine, äußerst schwierige. Er hat ein sehr belastetes Erbe übernommen und es ist nicht seine Schuld, wenn seine Amtszeit nicht voll konstruktiver Pläne und Werke sein konnte. Jede Exekutive hätte in diesem Jahr abbauen müssen. Wenn die Exekutive dieses Jahr Überstunden hat und sogar auf eine wesentliche Besserung der Lage in Palästina hinweisen kann, so muß man diese Tatsachen als Verdienst einschätzen. Mag sein, daß die Behauptung der Histadruth, sie habe an der Lösung der Arbeitslosenfrage größeren Anteil als die Exekutive, richtig ist; trotzdem muß inan erkennen, daß diese wichtige Aktion, wie so manche andere, nicht gelungen wäre, wenn nicht die Exekutive, unbeugsam au dem Grundsatz festgehalten hätte, daß vor allem die Finanzen saniert werden müssen, daß man Gelder, die man nicht hat, nicht ausgeben darf und daß in dem Augenblick einer Finanzkrise die Wiederherstellung׳ des Kredits oberstes Gebot ist. Daß die Exekutive dies trotz dem damit verbundenen Odium tat, ist eine Leistung ersten Ranges. Wenn wir dies betonen, so wissen wir sehr wohl, daß durch einseitige Beobachtung finanzieller Gesichtspunkte in Palästina wahrscheinlich niemals eine Siedlung entstanden wäre. Die schöpferische Aufgabe des Zionismus bedarf des Wirkens irrationaler Kräfte, die sich an Berechnungen nicht halten. Wir treten nicht ein für das, l was man in Palästina ironisch ״buchhalterischen“ Zionis-