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Jüdische Rundschau · 1928-07-24 · Heft 58 (24.7.1928) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 58 (24.7.1928)
Date
1928-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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•׳ r;f,, Mit Unterhaltungs-Beilage Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Mehtekettraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, viertelj&hrlicb 5,75 Goldmark. A«*tandsabonnem«nti werden in der Währung der einzelnen Länder berechnet. Nummer 58 | Berlin, 24. VII. 1928 Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.m. b. H״ Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70, A&salganprai•: 3 gaapaiLNoapareillczcil« 0,50 G.-M. SteUengeauelie 0,25 G.-M. AnttlgcsaehluB: Di •n t•{ und Freitag nachmittag• 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oeaterreich: Poitiparkaaianamt Wien, Konto Nr. 1560». Für Tachechoilowakei: roataparkaiicnamt Prag, Konto Nr. 59410. Für Polen: Postaparkaaacnaast Waricbau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. מג׳ אב׳ תרס״ח XXXIII. J&ltrg. Dar Zionismus erstrebt für da» Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstitte in Palästina. ״Baseler Programm." Die snzung des Aktions-comites Ballour Zu seinem achtzigsten Geburtstag Von Nahum Sokolow. Ein achtzigster Geburtstag! Welch ein menschlich ehrwürdiges Fest ist die Feier eines so hohen Alters! Und welche weiten Schichten umfaßt die Feier, wenn sie einem Manne gilt, der nicht bloß dem engen Familien- und Freundeskreise angehört, der vielmehr kraft seines verdienstvollen Wirkens als genialer Staatsmann zur ruhmreichen Geschichte seines Volkes, ja zur Geschichte seiner Zeit gehört, der vor einem halben Jahrhundert dem Berliner Kongreß mit Disraeli und Lord Salisbury als Sekretär beigewohnt, der den Triumpheinzug bei der Rückkehr Disraelis nach London erlebt, der dann, noch jung an Jahren, aber mit großen Geistesgaben ausgestattet, ■dem greisen Lord Beaconsfield nahestand, als dieser mit prophetischem Blick in die ferne Zukunft schauend, mit fruchtbaren Händen ahnungsvoll den Samen einer großen Orientpolitik des britischen Weltreiches am Suez und in Cypern gestreut. Balfour! Dieses eine Wort spricht Bände englischer und allgemeiner Geschichte; die ganze englische und europäische Politik, Dreibund, ״splendid isolation“, Toryismus, Unionismus, Entente — bis zum Weltkrieg, und über diesen hinaus zur Neugestaltung der politischen Welt — all die großen Ereignisse und Entwicklungen sind mehr oder weniger unzertrennlich mit dem Namen Balfour verbunden, der die mannigfaltigsten Staatsämter verwaltet und die allergrößten Würden bekleidet hat. Aber viel, viel tiefer noch als in den Tafeln der Geschichte seines vaterländische^ Weltreichs, hat Balfour für ewige Zeiten seinen Namen in die Tafeln unserer Geschichte, der Geschichte des Zionismus, der Geschichte des jüdischen Volkes eiageprägt. Er hat uns als erster nach dem zweitausendjährigen Unrecht die Versöhnungshand hingestreckt, als erster uns, nicht in einer Anwandlüng von Toleranz, sondern mit einem tiefen Verständnis für die geistigen, souveränen Rechte der jüdischen Nation, wie ein liebender Gönner und Be- Schützer zu gemeinsamer Arbeit im Dienste der Menschheit aufgefordert. Eine ungeheure Genugtuung• lohte im jüdischen Volke auf, daß ihm endlich Recht wurde. Das war nicht eine Aufwallung des Augenblicks oder eine Täuschung der Phantasie; nein, diese Begeisterung für Balfour, für die Anerkennung unseres Rechts, für unser Heim, das er als Programmpunkt des Weltfriedens bezeichnete, für unser Jerusalem, für unsere Universität, die er eröffnete, diese Begeisterung wächst, sie ist eine große politische Kraft, sie ist eine große moralische Kraft. Hieraus ist der wunderbare Balfour-Nimbus für alle Ewigkeit entstanden. Wahrhaftig, wir dürfen uns freuen, daß die Natur — welche selbst, wie in Ehrerbietung, vor dem Greise in ihrem Wirken innezuhalten scheint — uns gestattet, dieses Fest zu feiern. Denn in einer Zeit kleinlicher, praktischer Geschmeidigkeit, in einer Zeit, in welcher als höchste Weisheit gilt, zwischen politischen Systemen hin- und herzupendeln, ist es erquickend und ermutigend, einen politischen Charakter in so hervorragender Lebensstellung und geistesfrischer Tätigkeit zu sehen, der ein langes Leben hindurch die Treue gegen die eigenen Ueberzeugungen, die Treue gegen den Staat, die Treue gegen die Menschheit betätigte. Ein Mann, der am Ende seiner langen Laufbahn keine Abirrung von der Richtung zu beklagen hat, welche er seinem Wirken von Haus aus gegeben, und der eben deshalb gefeiert wird mit aufrichtiger Hingebung an die mächtige Stimme ethischen Wertes, welche sich ausdrückt in den zwei Worten: ein Charakter! Wenn heute dem gefeierten Jubilar Huldigungen dargebracht werden, so ist das jüdische Volk mit Herz und Seele dabei. Wir sehen ihn im Geiste mitten in der Schar seiner Verehrer, hoch aufgerichtet, eine ungebeugte und unbeugsame Gestalt; ihm konnte das Alter zwar das Haar bleichen, aber sonst an Erscheinung, Haltung, Geistesfrische und Geistesschärfe, Gesinnung, Charakter, kurz an Allem, was den Mann macht, nichts verändern. Der Balfour von heute ist nach außen und innen derselbe wie der. Balfour der Universitäts-Eröffnung, wie der Balfour von 1917. Und wenn wir ihn heute schauen, stolz, geistig belebt, mit dem schönen Kopf, mit der hohen Denkerstirn und jeden Zug seines Gesichtes statuenhaft eingeprägt, dann will er uns fast wie ein Standbild erscheinen, ein Fels, an dem die gehässigste Tadelsucht unserer Tage zerschellen muß. Aber wir würden die fast legendäre, grandiose Gestalt Balfours nicht in genug würdiger Weise verherrliehen, wenn wir nur historisch retrospectiv seine monu- RW, Berlin, 23. Juli. Der erste Abschnitt der A.-C.-Sitzung ist vorüber. Die A.-C.-Sitzung hat diesmal weniger den ihr zukommenden Charakter eines Hauptausschusses, als vielmehr den eines kleinen Kongresses, an dessen Beratungen aäch die Oeffentlichkeit und die Presse Anteil nehmen. So sehr ein Kontakt der obersten Organe der Bewegung mit der Oeffentlichkeit zu begrüßen ist, so darf doch nicht übersehen werden, daß durch diese neue Art des äußern Rahmens das Wesen der Beratungen stark beeinflußt wird. Es ist unter solchen Umständen unvermeidlich, daß die einzelnen Parteiführer und A.-C.-Mitglieder zunächst einmal ihre Stellung nach außenhin dokumentieren, sowie dies bei der Generaldebatte der Kongresse der Fall ist. Die eigentliche Arbeit beginnt dann in den Kommissionen, wo auch die wirklichen Streitfragen aus der Verschwommenheit allgemeiner Rede auf eine präzisere Form gebracht werden können, so daß sich erst in diesem Stadium zeigen wird, ob ein Ausgleich möglich ist. Die ersten drei Tage, in denen fast nur über das Problem der Jewish Agency und über den Bericht der Vierer- Kommmission gesprochen wurde, brachten — abgesehen von dem parlamentarischen Schauspiel — wenig sachlich Neues. Die Stellung der Parteien war bekannt, und da das A.-C. in steigendem Maße von Parteiführern monopolisiert wird, waren von vornherein keine Ueberraschungen seitens originell denkender Individualitäten zu erwarten. Von den Parteien sind die Radikalen und Revisionisten wie immer in scharfer Opposition, wobei es ihnen weniger um den Inhalt des Berichtes als um den Sturz Weizmanns zu tun ist. Gegen den Inhalt des Berichtes, insbesondere gegen dessen Stellungnahme zur Frage des nationalen Bodens, der genossenschaftlichen Kolonisation und der Selbstarbeit des Siedlers, richtet sich die geschlossene Gegnerschaft der ganzen ,Link e n. Doch sind hier Nuancenunterschiede unverkennbar, die zwar auch innerhalb fler beiden Arbeiterparteien bestehen mögen, deutlich aber zwischen beiden Parteien zutage traten. Während die Poale Zion nicht nur gegen den Bericht, sondern gegen das Agency-Projekt und gegen Weizmann Stellung nehmen, erklärt die Hit achduth mit aller Deutlichkeit, nach wie vor für die Erweiterung der Agency und für Weizmanns Führung einzutreten, fordert jedoch die Ablehnung der bereits bezeichneten Stellen des Berichtes der Kommission. Dunkel ist bisher die Stellung des Misrachi, dessen einzelne Redner nur für ihre Person zu sprechen erklärten; es scheint, daß der Misrachi gespalten ist, was durchaus räsonabel wäre, da es liier um keine Frage von religiöser Relevanz geht. Auffallend ist, daß manche Exponenten einer bürgerlich-mittelständischen mentale Größe bewundern würden: Balfour ist nicht nur Geschichte und Vergangenheit! Nein! Balfour lebt und wirkt noch jetzt! Voll Güte und Nachsicht, von einer demütigen Zärtlichkeit, von unsäglicher Geduld und unbeugsamer Willenskraft, innig, entsagungsvoll, von einem wahrhaft staatsmännischen Geiste beherrscht und zugleich kernhaft, kraftvoll, übt Balfour noch jetzt einen großen und segensreichen Einfluß aus. Und vielleicht jetzt mehr denn je. Denn er ist für den Rahmen seiner Partei zu groß geworden. Philosoph mit starker religiöser Grundlage, pietätsvoller Deist, der trotzdem großes Verständnis für freies Denken hat, Altmeister der berühmtesten Universitäten, ein wirklicher Intellektueller und ein Edelmann von Stand und Erziehung, ein Schöngeist und ein Sportvirtuos, war Balfour seit langem schon zu vielseitig und zu eigenartig, um als Parteimann abgestempelt und festgelegt werden zu können. Er hatte auch lange den ihm angebotenen Adelstitel, abgclehnt, und nur ganz zuletzt sah er sich durch zwingende Gründe veranlaßt, den Earlstitel anzunehmen. In der englischen Vorstellung über Balfour hat sich durch den Titel nichts geändert: Balfour ist just Balfour, da ist nichts zu ändern.Mir klingen noch in denOhren die schönen Worte des seligen Lord Bryce (ehemaliger britischer Ambassadeur in Washington und Autor mehrerer Listerischer Werke), die er auf einem großen offiziellen Bankett in London 1917 sagte: ״No figure Stands out more clearly, no figure impresses its contemporaries more rightly with individual genius and vigour, no man has left a deeper Impression on the development 01 the British Empire, no man has done more to help the Jewish people.“ Aehnlich klangen die Worte, die Lord Birkenhead erst vor drei Wochen in der Guildhall auf dem Balfour-Forest-Dinner sprach. Aehnlich spricht auch mancher Arbeiter: ״unser Balfour“, wie man einst vom ״grand old man“ (Gladstone) zu sprechen pflegte, mit dem Unterschiede jedoch, daß Gladstone immer noch sein Parteicharakter anhaftete, Balfour hingegen wie eine Art Hohepriester dasteht. Man weiß, daß hinter diesem Mann, wie hinter keinem anderen, ein gedanken- und erfahrungsreiches Leben liegt, das Wirtschaftspolitik innerhalb des Misrachi gegen den Bericht sind, obwohl dieser — zumindest nach Ansicht der Linken — eine Parteinahme Für diese mittelstiindische Richtung bedeutet. Dieser Widerspruch ist auch bei anderen bürgerlichen A.-C.- Mitgliedern fcstzustelleij, z. B. beim Vertreter der bürgerlichnationalen Vereinigung Palästinas. Von den Allgemeinen Zionisten hat U s s i s e h - k i n eine eindrucksvolle Rede gegen die Agency-Politik gehalten, eine ״klassische zionistische Rede“, wie Lipsky sie mit Recht nannte, ln dieser Rede kam nochmals in bedetttender Form der Widerstand zum Ausdruck, den eine Bewegung mit reicher innerer Geschichte und festen Traditionen an einem Wendepunkt der Zeiten empfindet, wenn ihr Werk, an das ihre Menschen ein Leben schweren Kampfes gesetzt haben, sich durchgeset/t hat und nun nach seinen eigenen Gesetzen über die selbstgesteckten Gienzen hinausflutet. Die sachlich bedeutendste und sehr aufklärende Rede hielt Dr. Ruppin, der die Unzulänglichkeiten der Expertenberichte analysierte, aber eine deutliche Scheidung machte zwischen den ungenügend informierten außenstehenden Experten und der aus jüdischen Persönlichkeiten bestehenden Vierer-Konimission, deren Hilfsbereitschaft unzweifelhaft sei. Die Größe des zionistischen Erfolges, der in der Annäherung dieser Nichtzionisten an die zionistische Arbeit liegt, wurde auch von mehreren anderen Rednern gewürdigt, besonders nachdrücklich von Blumenfeld, der — bei aller Solidarisierung mit den sachlichen Einwendungen der Linken — in dem Bericht eine Tatsache von größter politischer und propagandistischer Wirkung sicht. Einen Ausweg aus der Situation bemühte sich Prof. B r 0 d e t z k y zu zeigen, der die in den Resolutionen der English Zionist Federation gegebenen Richtlinien dem A.-C. vortrug. Die englischen Zionisten haben diesmal eine führende und vielleicht entscheidende Stellung innerhalb des A.-C., denn es scheint, daß ihre Resolutionen die Basis für eine Lösung geben könnten. Noch ungeklärt ist die Frage, ob die Exekutive auf die englischen Resolutionen cingehen würde. Es ist eigentlich mehr eine Frage des Stils und der Gewichtsverteilung als eine Frage des Prinzips. Denn die Exekutive hat selbst schon zu Beginn der Debatte Resolutionen vorgelegt, die bei aller positiver Bewertung der im Bericht zutage getretenen Mitarheit der Nichtzionisten, Vorbehalte in den umstrittenen Punkten des Berichtes, besonders bezüglich des Nationalfonds und des sozialen Selbstbcstimmungsrechtes der Siedler, formulieren. Die Exekutive hat auch nachdrücklich betont, daß der bei einzelnen Mitgliedern des A.-C. vorherrschende, bereits vor der Sitzung vielfach geäußerte Eindruck, es handle sich um ein kolonisationspolitisches ״Ultimatum“ der Nichtihn mit allen welthistorischen Ereignissen in Verbindung brachte; man weiß, daß er die hervorragendste oft entliehe Stellung in der Staatskunst Großbritanniens und der Welt einnimmt, und daß er für alle Zeiten seinen Namen verbunden hat mit der Auferstehung des jüdischen Volkes und dem Wiederaufbau des jüdischen Landes. Wir huldigen Balfour nicht wie Ghettojuden einem ihrer Wohltäter oder wie Emanzipationsjuden einem menschenfreundlichen Andersgläubigen zujubeln, weil dieser einmal, was auch sehr anerkennenswert ist, ein gutes Wort für die verfolgten Juden eingelegt hat. Himmelhoch steht Balfour über diesem Niveau, und in aller Bescheidenheit möge es uns gestattet sein zu sagen, daß auch wir himmelhoch über diesem Niveau stehen. Aber wir huldigen ihm — als Zionisten einem Zionisten. Denn Balfour ist ein gradliniger Zionist von Gottes Gnaden, ohne Winden und Krümmen, in aller Reinheit, in aller Unbedingtheit. Das war die unzvveideutige, authentische, persönliche Balfour-Erklärung auf dem Zofimberge in Jerusalem, im Hebräischen Gytnnasium in Tel-Awiw, in Rischon-le-Zion, in Balfouria, in Roschpinah und anderen Orten! In diesem Geiste bieten wir unserem großen Gesinnungsgenossen die Palme des Schalorn und wünscheu ihm ein bis an die fernsten Grenzen menschliehen Lebens reichendes, immer geistesfrisches und tatkräftiges Alter, damit sein herrliches Charakterbild noch lange nicht in die Geschichte allein verwiesen werde, sondern bis in eine ferne Zukunft lebendig sichtbar bleibe, als Vorbild zur Ermutigung und Stärkung für Alle, die im zionistischen Geiste für das jüdische Nationalheim im Lande Israel überzeugungstreu und enthusiastisch, mit unerschütterlichem Vertrauen, staatsmännischer Weisheit, weitausschauendem Blick und energischer Heranziehung aller guten Geister des Judentums und der Menschheit streben und wirken. Dem Verdienste — der Kether Schern Tob, die Krone des guten Namens! Berlin, 23. Juli 1928.

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