Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1928)
- Date
- 1928-07-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,—־ Goldmark. vierteljährlich 5.75 Goldmark. Aus'andsabonnemtoU werden io der Währung der einzelnen Linder berechnet Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165-70. Aazeigenpreit: 8 geipelt.NonpareiUezeile 0.50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-,VL AntelgeatehlnB: Dienstag und Freitag nachmittags 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165 — 70, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oesterreich: Postsparhasaenaiat Wie», Konto. Nr, 156030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag,Koste Nr, 59410, Für Polen: Postsparkaisesamt Warschau, Konto Nr. 19020® RedaktionaschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. מי' אב■ חרפ״ח ,j ""Tlccaii. Jahrg. per ZIohIswu■ eritrebt für da» JUdUche Volk dl» Schaffung •Hier öffentlich - rechtlich gailchafian HalmifiHa In Palästina. ״Baseler Programm.» Zur Sitzung des Aktions - Comites Die Jewish Agency-frage — Der Bericht der Kommission — Das Budget für 5689 — Innere Probleme I. Wenn diese Zeilen in die Hand des Lesers kommen, hat die Sitzung des zionistischen Aktions-Comites in Berlin bereits begonnen. Es wird eine schwere und bedeutungsvolle Sitzung sein. Nicht etwa darum, weil eine besondere aktuelle Streitfrage zur Entscheidung steht; in dieser Hinsicht wird die Bedeutung der Sitzung auf manchen Seiten etwas übertrieben. Wohl aber darum, weil in dem kongreßlosen Jahre das A.-C. als oberste Instanz des Weltzionismus sich über die Lage der Bewegung, die Tendenzen und Möglichkeiten ihrer Entwicklung und über das Schicksal des Aufbauwerkes in Palästina Rechenschaft abzulegen hat. Man muß stets die gänze Epoche des Nachkriegs- Zionismus vor Augen haben, wenn man über eine bestimmte Situation ein Urteil gewinnen will. Nach dem Kriege vollzog sich der plötzliche Uebergang von der Prokiamierung einer Idee zu ihrer Verwirklichung. Der Aufbau einer materiellen und kulturellen jüdischen Position in Palästina trat in den Mittelpunkt zionistischer Betätigung; dieser Aufbau hat seine eigenen Gesetze, fordert von den verantwortlichen Menschen genaue und nüchterne Erkenntnis der Realitäten und deren Bewältigung, mit dem klaren Bewußtsein, daß keine Theorie der vielfältigen Kompliziertheit der Tatsachenwelt im voraus gerecht werden kann, daß also Irrtümer, Enttäuschungen und Korrekturen unvermeidlich sind. Daher ist eine dauernde Selbstkontrolle vonnöten, um zu verhüten, daß man vom Wege abweicht oder um nebensächlicher, bloß scheinbarer Interessen willen das Ziel selbst gefährdet. Wir müssen bedenken, in welcher Zeit die zionistische Aufbauarbeit begann. Es war unmittelbar nach dem Kriege, als nicht nur alle Sicherungen der materiellen Existenz erschüttert, nicht nur die alte Weltordnung überwunden schien, sondern auch das menschliche Denken und Fühlen in einer eigentümlichen Phase romantischer Steigerung war. In mehreren wichtigen philosophischen Werken der letzten Zeit wird dieses den Weltkrieg umschließende erste Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts ideengeschichtlich charakterisiert als eine Zeit, da aus dem Wunsche nach Ueber- Windung des Rationalismus und als Reaktion auf Natur- Wissenschaft und Technik, die Anerkennung einer objektiven Wirklichkeit verdrängt wurde durch die Wert- Schätzung des Lebens, der unmittelbaren geheimnisvollen Lebenstriebe; dieser Irrationalismus, dessen Aeußerungen auf den verschiedenen Gebieten, von der Jugend- Bewegung z. B. bis zur Kunst (Expressionismus) für jene Zeit charakteristisch waren, heute aber in deutlichem Niedergang sind, beherrschte auch diese Phase des Zionismus. Ihm haben wir die ungeheuren menschliehen Leistungen dieser Zeit und unsern — trotz aller Mängel — großen kolonisatorischen Erfolg zu verdanken. Wenn wir in dieser Zeit nicht immer alle durch die Wirklichkeit gesetzten Grenzen beachtet haben, so lag dies nicht etwa nur an unserem Unvermögen, sondern entsprach auch der Tendenz dieses Zeitgeistes. Ebenso aber wie in der Dialektik der Geistesgeschichte nach einer solchen romantischen Epoche eine Korrektur nach der anderen Richtung erfolgt, gilt dies auch im Bereich der praktischen Arbeit; wenn unser so großartig begonnenes Werk nicht Romantik und Traum bleiben, wenn es geschichtlichen Bestand haben soll, dann muß die Synthese zwischen irrationalem Wollen und rationaler Wirklichkeitsverknüpfung gefunden werden. II. Nach dem Krieg wurde die Verwirklichung unseres Werkes mit der großen Begeisterung von Scharen Pioniere in Angriff genommen. Diesem gewaltigen Wollen, in welchem sich der nationale und soziale Befreiungsdrang des Volkes elementar manifestierte, stand jedoch keine adäquate Maschinerie gegenüber, die den Strom hätte lenken und mit ihren Mitteln die volle Ausnutzung der Kräfte sichern können. Die Diskrepanz wurde sofort fühlbar; und wenn wir von der Episode der vierten Alijah absehen, so beobachten wir eine kontinuierliche Linie von der Londoner Konferenz 1029 bis zur Berliner A.-C.-Sitzung 1928. Schon auf der Londoner Konferenz sehen wir die Ratlosigkeit gegenüber den Aufbauproblemen; einen in sich konsequenten Ausweg, von dem wir freilich nicht wissen, zu welchen Resultaten er uns gebracht hätte, zeigte eigentlich nur Brandeis; aber seine Vorschläge gingen von falschen Voraussetzungen aus, sie rechneten nicht mit der Psychologie der zionistischen Welt. So wurde ein Notausweg gewählt, die Prokiamierung eines Fonds von 25 Millionen Pfund, ohne daß die große Mehrheit der Delegierten sich über die Irrealität dieses Planes im klaren gewesen wäre. Eines aber wußte man: ohne große Mittel ist eine große Einwanderung und Kolonisation nicht zu machen, die jüdische Bevölkerung Palästinas nicht zu vergrößern und das Jüdische Nationalheim, das bis dahin nur eine politische Formel war, nicht zu einer Realität zu machen. Während die Chaluzim an die Tore Palästinas pochten, wurde für die Bewegung die F i n a n z f r a g e zur zentralen Angelegenheit. Es gelang, den Keren Hajcssod zu schaffen, der durch diese acht Jahre das 1920 begonnene Werk weiterführen und die damals gegründeten Kolonien über Wasser zu halten vermochte. Aber während wir jahraus —■ jahrein uns mit der Beschaffung des Budgets und noch mehr mit den stets von neuem sich ergebenden Defiziten quälten, erfüllte uns ein Gedanke: Wie können wir unsere Kräfte vergrößern, um nicht nur einige Siedlungspunkte weiterzuföhren, sondern wirklich das Jüdische Nationalheim zu bauen? Die Hoffnungen, daß private Initiative die jüdische Position vermehren wird, verstärkten sich in Zeiten der Konjunktur, einmal in Häuserbau und Industrie, dann wieder in Orangenplantagen; aber darüber hinaus galt lind gilt die Sorge der Zionistischen Organisation der sogenannten nationalen Kolonisation, die wir materiell, vor allem aber ideell als das Kernstück des Nationalheims betrachten. Für diese nationale Kolonisation bedarf es der Vergrößerung der öffentliehen Mittel. Vergrößerung der Mittel aber setzt Vergrößerung des interessierten Menschenk r e i s e s voraus. II f. Dt::: Einsicht bewog vor fünf Jahren Dr. Weizmann zu seinen Vorschlägen betreffend Erweiterung der Jewish Agency. Auf Grund seiner persönliehen außerordentlichen propagandistischen Erfolge glaubte er damit rechnen zu können, daß diejenigen jüdischen Kreise Amerikas, die heute allgemein als finanziell mächtigste jüdische Gruppe gelten und die durch ihn der Palästina-Idee gewonnen worden waren, auch einen Teil der Verantwortung für den Aufbau des Nationalheims übernehmen werden. Niemals haben jene Kreise daran gedacht, die Macht der Zionistischen Organisation zu usurpieren, wie dies in völliger Verkennung der Zusammenhänge Die Sitzung des Aktions-ComitSs wurde Donnerstag nachmittag durch den Präsidenten des A.-C., Herrn M o 11 k I n, eröffnet. Anwesend sind bisher folgende Teilnehmer: Von der Exekutive: Weizmann, Sokolow, Eder, Rosenblüth, Lipsky, Sacher, Miß Szold; Mitglieder des A.-C.: Landsmannschäften: Bernhardt, Bileski, Blumenfeld, Farchy, Feiwel, Fishman, Hindes, Mossinsohn, Motzkin, Dr. Reich, Dr. Rufeisen, Dr. Ruppin, Suprasky, Dr. Thon, Ussischkin; Ersatzmitglieder: Brodetskv, Goldbloom, Goldstein, Halpern, Ismojik, Dr. Klee, Landsberg, Rabaisky, Schmorak. Misrachi: Rabb. Berlin, Farbstein, Federbusch, Rabb. Fischmann, Schapiro, Lewin-Epstein, Nurok, E.-M.: Barth. Hitachduth: Kaplan, Melzer, Sprinzak, Twersky, E.-M.: Hellmann, Tartakower. Poale Zion: Harzfeld, Kaplansky, Locker, Mereminski, Rubaschow. Radikale: GrUnbaum, Soloweitschik. Revisionisten: Großmann, Lichtheim. Waad Leumi: Dizengoff, Ben Gurfon. Vertreter der Institute und Funktionäre: Cowen, Schocken, Hantke, Jaffe, Nafditsch, Dr. Jakobson, Gronemann, Dr. Barth. Vorsitzender Motzkin hält den Verstorbenen einen warmen Nachruf, insbes. Temkln, Chajes, Landau, Lindheim, Barondes, CIro Giass. Sodann folgen die Berichte der Exekutive, erstattet von Weizmann, Sokolow, Sacher, Szold. Da die Exekutive selbst Vorschläge zur Jewish Agency-Frage eingebracht hat, wird die Sitzung abgebrochen, um den Gruppen Zeit zur Beratung zu geben. Freitag früh beginnt die Debatte. manchmal dargestellt wird. Von z i 0 n i s t i sc h er Seite ging die Initiative aus, denn die Zionisten waren an dieser Erweiterung des für Palästina verantwortlichen Kreises allein interessiert. Es ist hier nicht der Ort, die unsern Lesern ohnedies bekannte Geschichte dieses Erwcitcrungsgedanlens darzustellen. Nach einer vorübergehenden Entfremdung gelang es Dr. Weizmann im Januar 1927, die Marshall-Gruppe zu einem konkreten Ausdruck ihres Palästinawillens zu veranlassen: Es wurde zur unmittelbaren Vorbereitung der gem e i n s a m e n Arbeit geschritten, durch Entsendung der Experten und zur Ernennung der zur Empfangnahme der Expertengutachten eingesetzten Vierer-Kommission. Inzwischen bewegte sich die zionistische Aufbauarbeit ungefähr in gleichbleibendem Umfang weiter, der letzte Kongreß mußte zu starken Einschränkung e n schreiten, das Budget des Jahres 5688 wurde aber leider wieder nicht gedeckt. Man konnte im Zionismus diese Stagnation der Kolonisation nur als provisorischen Zustand ertragen, der durch eine neue Wendung abgelöst werden müsse, ohne aber sich genau Rechenschaft darüber zu geben, in welcher Weise und mit welchen Konsequenzen diese Wendung erfolgen solle. Besonders jene Gruppen, die über die Stagnation am meisten klagen und eine neue Einwanderung fordern, scheinen leider am wenigsten klar zu Ende zu denken, welche Voraussetzungen eine neue Einwanderung erfordert. Das erste und wuchtigste Erfordernis ist die am meisten rationelle und ökonomische Ausnützung der heute vorhandenen Mittel zur Erzielung des größten möglichen kolonisatorischen, Wirtschaftliehen, und das heißt: nationalen Effektes. Eine Anpassung an die vorhandenen Mittel erfordert immer Verzicht, aber nur solcher Verzicht rettet die Gesamtheit des Werkes. Nur wenn kein Geld unwirtschaftlich verloren geht, können wir hoffen, etwas für neue Gründungen zu erübrigen. Nur wenn unsere Unternehmungen selbsterhaltend gemacht werden, können neue begonnen w erden. Die Frage, w i e dieses Zie! zu erreichen ist, wird seit Jahren im Zionismus umstritten. S i c war die Hauptfrage, die den Experten der Jewish Agency vorgelegt w׳erden mußte. IV. Wir haben jetzt den Bericht der Kommission in der Hand, der die Gutachten der Experten verarbeitet hat. Schon hat ein heftiger Kampf um ihn eingesetzt, und es ist nicht daran zu zweifeln, daß der Bericht zun» Hauptgegenstand der Diskussionen des A.-C. gemacht werden wird. Dabei wird, wie es in einem derartigen politischen Gremium naheliegt, die politische Leid e ri s c h a f t und nicht die sachliche Prüfung den Ausschlag geben. Zwei Forderungen aber müssen seitens der zionistischen öffentlichen Meinung an die Leitung des A.-C. gerichtet werden. Sie muß erstens dafür sorgen, daß der Bericht nicht isoliert, nicht als Kampfobjekt zwischen uns und den Nichtzionisten behandelt wird, sondern im Zusammenhang der zionistisehen Gesamtsituation. Es muß klar werden, wie die Palästinaarbeit weitergehen soll, auch wenn es gar keinen derartigen Agency-Bericht gäbe. Der zw׳eite Gesichtspunkt, auf den geachtet werden muß, ist die Grundtendenz und der wirkliche Text des Agency- Berichtes; wenigstens vor diesem höchsten zionistische« Forum sollte nicht zugelassen werden, was jetzt schon in zahlreichen Aeußerungen zu beobachten ist: eine Ent- Stellung der Absicht und des Sinnes dieses Berichtes. Wir haben an dieser Stelle bereits vor kurzem ausgeführt, daß wir den Bericht in mehreren Punkten für sachlich anfechtbar halten, daß wir darin auch einen detaillierten Aufbaupian mit Finanzgrundlagen vermissen; der Bericht ist keine sachlich erstklassige Arbeit, sofern man ihn als wirkliehe Grundlage kolonisatorischer Tätigkeit betrachtet Aber gerade wenn man diese Kritik übt, ist es ein Gebot der fairness, nichts in dieses Dokument hineinzudeuten, was nicht drinsteht. Der Bericht, ge-