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Jüdische Rundschau · 1928-06-29 · Heft 51 (29.6.1928) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 51 (29.6.1928)
Date
1928-06-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 370 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 51, 29. VI. 1928 einschlägigen Verhältnisse und Zahlen beruhen. Bei dem völligen Mangel an jeglichem statistischen Material ist seine Arbeit eine wichtige, und sie muß unter Hinzuziehung aller Behörden, Gemeinden und Sachkundigen vorsichtig gelöst werden. Die Kommission hat ihren Sitz in Jerusalem; ihr gehören an Frau Helene Hanna Thon, Frau Frieda Jaffe, Jerusalem, Frau Nanny Margulies, Tel-Awiw, Fr!. Ocnia Birkenheim, Haifa; weitere Mitglieder werden durch Kooptiernng hinzugewählt. 2. Einrichtung eines Pressedienstes, ln regelmäßigen Zeiträumen werden von der Arbeitszentrale Tel-Awiw Presseberichte herausgegeben werden, welche die jüdische Presse des In- und Auslandes über die Arbeit der Moazah und der ihr angeschlossenen Verbände sowie über wichtige Dinge der hiesigen Frauenwelt informieren. Die Berichte werden in mehreren Sprachen abgefaßt sein. Daß außer diesen neuen Arbeitsgebieten die Moazah ihre bisherige Tätigkeit (besonders für Waisen, Kindergärten und sonstige Kinderfürsorge, die ihr vom Auslande überwiesenen Gelder wurden genau nach Wunsch der Spender verteilt) fortsetzt, versteht sich von seihst. Die Frauenarbeit in Palästina Für eine Verständigung. Von M a n i a Ostrowsky, T el-Awiw. Die Spaltung in 'der jüdischen Frauenwelt Palästinas entspringt aus der wirtschaftlichen Krise und paßt sich ihr in der Entwicklung an, d. 11. nach dem Ueberschreiien des Höhepunktes scheint sie langsam abzuflauen. Die Krise stellt an die am sozialen Hilfswerk arbeitenden Frauen- Organisationen Ansprüche, denen diese nicht gerecht werden können. Die Unzulänglichkeit ihrer Hilfsmittel führte zur Unzufriedenheit mit sich selbst und zur verschärften Kritik an anderen; es entstand eine gereizte Atmosphäre, die die Zusammenarbeit störte und nach außen hin durch ewige Widersprüche das Bild des hier Notwendigen verdunkelte. Bei der objektiven Beobachtung der Sachlage handelt es sich um den Streit von zwei Arbeitsgebieten; 1. Arbeit der Wizo. 2. Soziale Arbeit im Lande. Bei den durch Verschiedenartigkeit der Aufgaben streng gefeilten Arbeitsgebieten durften eigentlich keine Reibungsflächen existieren. Dies ist leider nicht der Fall, weil jede der Organisationen eine weit über ihre Erfiiliungsmöglichkeit aufgebürdete Arbeitslast trägt. Wizo hat ein weites Ziel —- planmäßige Ausbildung der Frauen für Land- und Hausarbeit in Palästina. Ihr Arbeitskreis umschließt einige große Lehrinstitute, Beihilfe an Mädehenkwuzoth mit demselben Ziel, drei Kinderfürsorgen und einen Frauenklub in Tel-Awiw. Die Bedeutung der Institute ist so unumstritten anerkannt, daß wenn sie nicht bereits vorhanden wären, man sie hätte schaffen müssen. Beim Kolonisieren bedarf man bekanntlich der Stütze der Frauen. Die Tätigkeit in den Kinderfürsorgeanstalten ist zur Genüge bekannt, dagegen ist der noch wenig bekannte Frauenklub einer ausführlichen Erwähnung wert. Der von der Histadruth Arzith (hiesige Wizo-Gruppe) im vorigen Jahre gegründete Frauenklub hatte zur Unterlage die Ueberzeugung, die Frau braucht überhaupt und in dieser schweren Zeit ganz speziell einen Raum, der ausschließlich ihren Interessen dient; der Erfolg, die die Gründung begleitet, beweist, wie notwendig sie war. Die Aufgabe des Klubs ist kulturelle und praktische Anleitung der Frauen, in dem man ihren Bedürfnissen entgegenkommt. Der Klub hat Kurse veranstaltet in Stricken und Häkeln, was eine spätere Heimarbeit ermöglicht, Kochkurse, Abendkurse für Iwrith, Vorträge über Fragen, die ins Frauenleben hfneingreifen. ln den Barackenvierteln werden kleine Gemüsegärten angelegt, die in kurzer Zeit ihren Bewohnern Ertrag bringen. An den Kinderfürsorgestationen hat man für die Mütter einen anschaulichen Unterricht eingerichtet in allen Dingen des Hauswesens, so Wäschewaschen, Bereifung von Kindermahl- Zeiten, Umänderung von alten Kleidungsstücken u. a. Bei der Aussprache mit den Frauen gewinnt man einen tiefen Einblick in ihre Verhältnisse und ein besseres Verständnis für ihre Bedürfnisse. So ist die Arbeit des Klubs mannig- ■faltig und interessant. Für viele Frauen gehören die Stunden, die sie in den mit einfachsten Mitteln hübsch ausgestatteten Räumen verleben, zu den schönsten des Tages. Ob man dabei stricken lernt oder Iwrith oder Zeitung liest und bei einer Tasse Tee plaudert, es ist die Stimmung der Ruhe und Behaglichkeit, die die Frauen meist zu Hause entbehren. Zu Hause harren ihrer die häuslichen und wirtschaftlichen Sorgen der schweren palästinensischen Wirklichkeit. Diese palästinensische Wirklichkeit ist das weite Gebiet für die Tätigkeit der sozialfürsorgerischen Frauenorganisationen mit der Histadruth Naschim hvrioth an der Spitze. Die ,,Histadruth Naschim“ unterhält Kinderkrippe, Kinderbeim, ein Magazin für Zufüfterung bei Kindern, Milchverteilung für stillende Mütter, Arbeitssiube und einiges andere. Trotz der vorzüglichen Arbeit deckt sie nur einen geringen Teil des Bedarfs. Die Zustände auf sozialem Gebiet können nicht lebhaft genug geschildert werden, um das Interesse der jüdischen Frauen aufs äußerste zu wecken. Wohl ist der Kontingent der Bedürftigen nicht größer geworden, teilweise sogar durch Fortzug und Besserung einiger Arbeitszweige kleiner, doch sind die Hilfsmittel bedeutend geringer geworden. Die Gemeinde z. B, hat statt £ 200' monatlich im Vorjahr, nur £ 30 monatlich diesjährläch zur Verteilung. Aehnlich geht es allen anderen Institutionen. Deshalb Ist augenblicklich die Not größer als im Vorjahr. Denke man sich eine Stadt mit so vielen Arbeitslosen ohne Wohlfahrtsamt! Alles lastet aut den Schultern einiger F rauen Organisation en. Wären die Frauen noch so gut organisiert, sie könnten nirgends, geschweige denn in Palästina aus eigenen Kräften die Krise bekämpfen. Die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht und das Suchen nach einem Ausweg schafft all die gereizten Ausfälle und oft ungerechte Kritik den arideren gegenüber,, und das Feld zur Kritik ist weiß Gott groß genug. Histadruth Naschim verlangt von der Wizo personelle Und materielle Beteiligung an der sozialen Arbeit. Wizo verlangt von den anderen Mitarbeit an ihren konstruktiven und kulturellen Aufgaben. Die besonnenen Elemente auf beiden Seifen drängen zur friedlichen Zusammenarbeit, die einzig und allein fruchtbar sein kann. Bei der Jahreskonferenz der Histadruth Naschim wurde der von der Wizo eingebrachte Vorschlag, von beiden Seiten Delegierte zu wählen, die gemeinsam einen Weg zur Zusammenarbeit finden sollen, freudig begrüßt und angenommen. Wizo muß naturgemäß vor allem an finanzielle Sicher- Stellung der eigenen Institute denken, denn wenn es in der Zeit der Not gilt zu retten und zu helfen, wird die Rettung dieser Institute später eine große Hilfe sein. Wohl ist die Forderung der Histadruth Naschim insofern berechtigt, als sie verlangt, Wizo müsse der Gegenwartsarbeit Rechnung tragen und das für Neuarbeit vorbereitete Budget für die soziale Arbeit opfern. Andererseits müßte die Histadruth Naschim, wenn sie ihre Taktik der Wizo gegenüber geändert hat, die großen Leistungen der Wizo anerkennen, indem sie ihre kulturellen Bemühungen unterstützt. Recht hat Frau Goldberg-Arlosoroff, wenn sie sagt, man könne 90®/# der Frauen für soziale Hilfe interessieren, nur 10 0/0 hätten für das Werk der Wizo Verständnis. Es wäre, also eine sehr dankbare Aufgabe, diese 90 ״/o zu erfassen, sie für das Hilfswerk in Palästina zu interessieren und so den dringenden Bedürfnissen des Landes entgegenzukommen und gleichzeitig Vorläufer des einmal kommenden Wohlfahrtsamtes zu sein. Für uns hier würde die strengere Pflirhtvcrteilung zur größeren gegenseitigen Achtung führen und zum besseren Verstehen, ohne welches man nicht gemeinsam arbeiten kann. Unsterbliches Wapis — Unslerbllches Abenteuer Glücklicher Eingebung entsprungen ist der doppelsinnige Titel, den Ir ma Lind heim, die Präsidentin der amerikanisehen zionistischen Frauenorganisation ״Hadassah“, dem Buch ihres Palästinaerlebnisses gibt: ״The immortal Adventu r e“*). Als unsterbliches Abenteuer der Seele umschreibt sie damit das emporreißende Erlebnis der leibhaftigen Begegnung mit Erez-Fsrael, als unsterbliches Wagnis den heroischen Versuch der Erneuerung, den das jüdische Volk im Lande seiner Geburt allen Gefahren zum Trotz heute unternimmt Das Jahr der Universitätsweihe (1925) offenbarte Irma Lindheim den Sinn von Erez-lsrael und diese Offenbarung durchfährt sie wie eine Stichflamme. Sie sieht eine neue wundervolle Welt dort aufgehen, erbaut von einem wunderbaren Geschlecht, das denselben stahlharten Willen und Mut in sich trägt wie seine Ahnen — die Felsenbrecher von Jerusalem. Sie sieht jüdische Pioniere dort darum ringen, die große künstlerische Vision ihres Volkes in Wirklichkeit umzusetzen, die große Vision von Vollkommenheit und Einheit, die nicht in Stein und Leinwand ausgedrückt werden kann wie ähnliche Träume anderer Völker, sondern zu deren Gestaltung ihm von jeher mir das edelste Material gut genug war — der Mensch, je mehr sie den Osten kennenlernt, seinen Fatalismus, seinen Mangel an Organisatinnsfähigkeit und an Klarheit im Denken und Tun, desto gewaltiger und monumentaler erhebt sich vor ihr die erhabene ethische Konzcntion des Judentums, die einmal erschaut, nun als ewiger Antrieb wirkt, sie in Reinheit nach außen zu gestalten. Sein Auferstehungsversueli in Palästina entstammt dem gleichen Drange, und das ist es, was Irma Lindheim dort überwältigt: das Ideal des brüderlichen Lebens, um das dort in tiefem Ernst gerungen wird, der Katnnf um die Befreiung aus der Sklaverei der Dinglichkeit, der bloßen Sachkultur, des Besitzes, der dort geführt wird, die neuen geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Wertungen, die dort in Geltung sind, und der Geist des Dienens, des Dienstes an der Allgemeinheit, am eigenen Volk, an der Menschheit und Menschlichkeit, der dort Männer, Frauen und Kinder beseelt. Und sie bejaht aus tiefster Ueberzeitgung die Politik in Palästina, die auf opportunistische Gesichtspunkte verzichtet, und die nicht rasch mit dem Kanital als Endzweck bauen will, sondern die langsam dauernde Grundlagen sozialer Gerechtigkeit und lebender Kameradschaft legen will, und sei es mit den größten Opfern. Darum wächst ihr keine Institution so ans Herz wie der Nationalfonds und darum wird sie nach ihrer Rückkehr seine begeistertste und begeisterndste Propagandntin in dem Lande der Bodensnekulation und krassesten kapitalistischen Tendenz — in Amerika. Das geistige Abenteuer, das Palästina fiir den Sucher, den Denker, den Träumer, den Künstler bereit hält, hat sich Irma Lindheim noch gesteigert durch die ungewöhnliche Weise, in der sie das Land bereist hat. Mit Yigael, einem der tollkühnsten Chaluzim aus den ersten kampfreiclien labren der palästinensischen Kolonisation, auf dem noch ans der Gründlingszeit von Merchawja arabischer Bluthann ruht, von dem aber die Mär gebt, daß er unverwundbar ist und den viele arabische Stämme als ihren besten Freund ehren, durchreitet sie drei Monate lang das Land kreuz und quer bis in seine verlorensten Bergtäler, seine verstecktesten Beduinendörfer, seine höchsten Drusensiedlungen. Vom Augenblick, da sie Palästina betritt, erscheint ihr die Eisenbahn, aus der sie steigt, die ganze neuzeitliche Welt der Maschinen und des Komforts, die in Palästina eingedrungen ist, unwirklich, und real nur die Bibel und das Volk der Bibel. So unerhört lebendig sieht sie die biblische Zeit in Land und Menschen dort verkörpert. Eine großartige Romanze. einen Traum von lugend, Liebe und Schönheit, das Sahbatjahr ihrer Seele durchlebt sie während ihres Aufenthalts in Palästina und wie eine ״hochempfindliche Platte“, so fühlt sic es selber, reagiert sie auf das ganze bunte Vielerlei des orientalisch-euronäischen Gewirres, das Palästina in so unverrrieichlicher Farbigkeit darstellt Der ungeheure Mut ihres Volkes iedoeb, in dieser Umgebung von neuem als Kulturschöpfer zu beginnen, seine göttliche Entschlossenheit hier neuen sozialen Idealen zu leben, berauscht sie restlos und ״der Beduine in ihr jubelt, der zeitlebens auf der Suche nach einem Futterplatz für seine Seele war und ihn nun in Palästina fand“. All diese Stimmungen und Eindrücke reflektieren die Briefe wider, die Irma Lindheim aus Palästina nach Amerika an ihren Mann und an ihre Kinder schrieb und in denen sie ihnen die Romantik und den Zauber des Landes zu vermitteln sucht Keine ökonomischen Betrachtungen, keine statistischen Daten will sie geben, sondern wenn sie jetzt, wie sie in ihrem Vorwort sagt, es geduldet hat, daß ein paar ihrer über alles geliebten Räume gefällt wurden, um Papier für den Druck dieser Briefe zu liefern, so geschah es in der Hoffnung, daß sie auch andere־■ die Lichtung, die neuen Ausblicke, die neuen Horizonte zu eröffnen vermöge, die sich ihr in Palästina erschlossen haben und die ihr die Kraft und den Schwung zum bewnnderungswürdigen Dienste am zionistischen Ideal verliehen haben, den sie in den letzten drei Jahren gegeben hat Dr. Nadja Stein. Selma Lagerist (Walter A. Berendsohn, Scma Lagerlöf, Alb. Langen, München.) Kürzlich sah man irgendwo ein Bild der beiden Nobelpreisfrägerinnen, Grazia Deledda und Selma Lagerlöf: zwei alte Damen ■in altmodischen Seidenkleidern mit Spitzenkragen saßen zusammen und schauten aus großen, fremden Augen in das Getriebe des Tages.... An dies Bild mußte ich denken, als Ich die kenntnisreiche und vorsichtig nachfühlende Biographie der Selma Lagerlöf von»4V alter A. Berendsohn las — auch dieses Buch legt, wie so viele seiner Genossen, ein schönes und vielsagendes Zeugnis davon ab, wie ein Jude geschärften Sinnes imstande ist, sich ganz und gar in eine ihm urtümlich fremde Welt hineinzuleben. Hier nämlich ersteht Selma Lagerlöf, die wir alle seit unserer Kindheit liehen, seit wir mit dem kleinen Niels Holgerson die Reise mit den Wildgänsen unternahmen, vor unsern staunenden Augen in ihrem Doppelleben geheimnisreich wie eine der Gestalten aus ihres Landes oder aus ihren eigenen Sagen: was sie schrieb, das kennen wir alle; wer sie ist — das weiß niemand. Da ist die bescheidene Lehrerin aus Landskrona, die rhetorische Gedichte macht und sich au Preisausschreiben beteiligt; plötzlich erwächst aus ihr die Gestalt einer Norne, einer Seherin, der Sprecherin eines ganzen Volkes: an Deborah oder an Mirjam muß man denken. — Gerade darum, weil wir in ihr mehr sehen als eine Einzelseele, weil sie phantastische Gesichte der Geschlechter, jahrhundertalte "Weisheit in ihren Werken einfing und bald stärker, bald schwächer, aber immer reinen Tones wiedergab — gerade darum hat sie auch *) New ,York, The Macaulay Company, 1928. für uns Juden eine fast symbolische Bedeutung: sie leistete fiir Schweden, was wir für Juda vergeblich ersehnen, — In zweiter Reihe erst steht für den jüdischen Betrachter ihres Schaffens, was man früher gewohnt war, an die erste Stelle zu rücken: daß auf diese Natur von fast biblischer Graßheit und Glaubensfähigkeit die Stoffe der Bibel und das Land der Bibel unleugbar großen Einfluß ausgeübt haben. 1899/1930 sah die Dichterin das Heilige Land; während sie es ablehnte (was sehr zu ihrem Wesen stimmt), für eine Zeitung von dorther Reisebriefe zu schreiben, bewahrte sie das Erlebnis dieser Schau in ihrem großen Werke ״Jerusalem“, das neben dem unvergeßlichen Gösta Beding wohl als bedeutendstes ihrer Bücher anzusehen ist. Es ist die Geschichte einer schwedischen Siedlung im Heiligen Lande. Der Kampf zwischen Heimatssehnsucht und religiöser Ekstase endet hier wie das bei dieser tief in der Heimat verwurzelten Natur nicht anders möglich ist, mit dem Siege der Heimat im Herzen der Lieblingsgestalten der Dichterin. Wie eingehend sich damals Selma Lagerlöf mit der Geschichte des Landes Israel beschäftigt haben muß, zeigt besonders die später stark veränderte Fassung des Romane?, dessen lebendige Bilder aus der Landschaft und dem Gegenwartsleben Palästinas so unerquicklich sie manchmal sind, noch heute ihren Wert bchalten. — Wollte Gott, Selma Lagerlöf könnte die Pilgerfahrt nach dem Heiligen Lande, die nun dreißig Jahre zurückliegt, heute noch einmal erleben. Es wäre vielleicht ein hoher Gewinn, zu hören, was diese klare Stimme zu dem neuen Leben auf alter Erde, zu dem neuen Gefühl von Verbundenheit mit Volk und Land, das gerade sie im Tiefsten berühren muß,, sagen würde. Denn wie es Berendsohn einmal zutreffend zusammenfaßt: Niemand kann stärker als sie vor Anbeginn alles Schaffens gebunden sein an die Idee der Gemeinschaft in Volk und Menschheit. Als Selma Lagerlöf vor dreißig Jahren nach Palästina zog, war eine Jüdin ihre Begleiterin: Sophie Elkan, ״eine echte Jüdin von jener vornehmen Art, wie sie nicht ganz seifen in der Freiheit der oberen Gesellschaftsschichten europäischer Großstädte gedeihen, feinfühlig, lebhaft, geistvoll, mit einem Zug zur Schwermut unter heiterer Oberfläche, weltgewandt und tatkräftig“ (Berendsohn). Die beiden Frauen sind Lebensfreundinneu geworden; und in einer Widmung an Sophie Elkan spricht Selma Lagerlöf von ״der kleinen Hand, die mich ins Wunderland führte und dem großen Herzen, das midi es lieben lehrte“. Bertha Badt-Strauß. Die Steilung der islamischen Frau Aus Jerusalem wird der ״Frankfurter Zeitung“ gtschrieben: Die reformatorischen Versuche, die in der mohammedanisehen Gesellschaft jetzt in allen Ländern des Orientes vorgenommen werden, erstrecken sich vor allem auf die Stellung der Frau und zielen auf die Qurchbrechung ihrer bisherigen Abgeschlossenheit von allem sozialen und kulturellen Leben hin, die sich vor allem in der Einrichtung des Harems und der ihr entsprechenden Verschleierung auf der Straße kundtat. In wachsender Zahl haben in den letzten Jahren mohammedanische Frauen vor allem in den mehr fortschrittliehen Ländern wie in Syrien und Aegypten sich von dem Zwang des Schleiers befreit und damit die Scheidewand niedergerissen, die sie von dem modernen Leben schon äußerlich getrennt hat. Aber noch immer trägt die überwiegende Zahl der mohammedanischen Frauen den Schleier. Kennzeichnend für die jetzige Stimmung in der islamischen Welt ist ein Vorfall, der sich Mitte Mai in Beirut, der Hauptstadt des Libanon, abgespielt hat. In dieser Flauptstadt mit ihrer vorwiegend christlichen Bevölkerung wuchs die Zahl der Mohatnmedaqerinnen, die sich schleierlos in der Öffentlichkeit zeigen. Daegen hat eine Protestbewegung eingesetzt, und in den Straßen eiruts wurden Flugblätter verteilt, die die mohammedanische Bevölkerung aufriefen, gegen jene Frauen, die sich entgegen den herkömmlichen Sitten de? Islams unverscbleiert auf "der Straße zeigen, einzuschreiten. Es ist charakteristisch für die Haitung weiter mohammedanischer Kreise und für den Fortschritt der Reformbewegung, das am nächsten Freitag anläßlich der Predigten in den Moscheen die mohammedanische Geistlichkeit gegen dieses Flugblatt Stellung genommen hat. Die Prediger in den Moscheen haben die Respektierung der persönlichen Freiheit gefordert und jeden Fanatismus, wie er sich in jenen Flugblättern äußerte, abgelehnt. Auch der führende Ulcma von Beirut Mustafa ei Ghalaini hat sich in dem gleichen Sinne ausgesprochen. Auch in Damaskus wird die Diskussion über das Schlciertragen der Frauen mit großer Heftigkeit geführt. Freilich hat es hier vorläufig mehr theoretische und zeitcharakieristische Bedeutung, denn in dem überwiegend mohammedanischen Damasktis ist der Schleier noch allgemein Sitte. Die WIZO ln Jugoslavien Kürzlich wurde der Landesverband der zionistischen Frauen Jugoslaviens konstituiert und der Womens International Zionist Organization (Wizo; angcschlossen. Die Tagung, zu der Dr. Martha Hofmann aus Wien als Vertreterin der Londoner Zentrale erschienen war, nahm einen befriedigenden Verlauf. Schon existieren eine Reihe von Ortsgruppen, weitere Gründungen stehen unmittelbar bevor. Besonderes Augenmerk wurde der Erfassung der sephardischen Jüdinnen in Sarajewo zugewendet. Der Leitung gehören 11. a. an: Frau Julia König (Zagreb), Frau Dr. Pops (Beograd), als Präsidium; ferner die Damen : Alice Jünkcr, Miriam Wciller, Sandei, Weiner und andere. Elischewa-Abend In Königsberg (Pr.). Am 21. Juni ver anstaltete der ,,Verein für jüdische Geschichte und Literatu einen Abend, welcher der ׳״־f der Durchreise hier weilenden Dichterin gewidmet war. Nachdem Herr Prof. Dr. Cohn de Dichterin begrüßt batte, lucit Herr Dr. Daugilajcky ein einleitendes Referat, in dem er die Persönlichkeit und die Bedeutung Elischewas würdigte. Er wies darauf hin, daß die Juden, die soviel Dichter und Denker an andere Kulturen abgegeben haben, in dem Anschluß Elischewas an die hebräische Literatur einem Akt ausgleichender Gerechtigkeit in der Geschichte sehen müssen. Darauf trug die Dichterin mehrere eigene Gedichte vor und schilderte dann in hebräischer Sprache ihre Eindrücke aus Palästina. Sie betonte, daß gerade das Alltägliche, scheinbar Unbedeutende im palästinensischen Leben eine besondere Anziehungskraft auf sie ausiibe und ihr darüber hinweghelfe, daß die großen Ideen noch nicht verwirklicht seien. Der in Palästina lebende Jude wird auch gegen seinen Willen gezwungen, sich an die auf'.ebende hebräische Kultur anzuschließen. So sprechen in Te!-Aviw auch diejenigen Kinder, die Talmud-Thoras mit jiddischer Unterrichtssprache besuchen, in den Pausen hebräisch, während in der Galuth die Verhältnisse bekanntlich umgekehrt liegen. — Nachdem Elischewa noch einige neuere Gedichte vorgetragen hatte, hielt Herr Gittelmann eine hebräische Ansprache, in der er in rührenden Worten der Bewunderung der älteren Generation für die Dichterin Ausdruck gab. — Nach dem Vortrag fand eine, von dem Ostjüdischen Studenten-Vercin veranstaltete, Zusanunenkunft im engen Kreise statt, die die Vcrsammltcn mit der Dichterin bis in später Abendstunde vereinigte.

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