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Jüdische Rundschau · 1928-06-01 · Heft 42-43 (1.6.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 42-43 (1.6.1928)
Date
1928-06-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 303 Nr. 42 43, I. VI. 1928 ihmcn l!aben nichts zu tun mit der Erkenntnis, daß ohne en drängenden Wunsch von Tausenden, die zu jeder Arbeit hcrcit sind, unsere Bewegung nicht vorwärtskommt. Wir könne״ diskutieren über die Erfordernisse einer qualifizierten (,haiuziuth, aber nicht über die Frage, ob es überhaupt Chaluziuth geben soll. Damit komme ich zur Frage unserer Jugend. Wir müssen für die Situation dieser Jugend Verständnis haben. Sie fühlt sich isoliert. Sie ist in einer ähnlichen psychologischen Verfassung wie ein Teil der älteren Zionisten; sie sucht die Schuld für die Unzufriedenheit mit sich selbst bei den anderen. Sich selbst mißtraut sie, sonst wäre nicht soviel Ressentiment in ihren Veröffentlichungen. Die Jugend versucht, sich durch hündische Enge zu bewahren, statt innere Sicherheit zu gewinnen. So verschafft man sich jene schein- *גיre ״Freiheit des Landerziehungsheims“, wo man mit dem ־׳eben nicht zusammenstößt und daher alles ausgezeichnet geht. Es ist die Aufgabe der Jugend, die Welt zu erobern, und das kann man nur, wenn man ihr gewachsen wird. Man kann der Debatte mit alten Zionisten, mit den verrotteten ״bürgerlichen Zionisten“ aus dem Wege gehen, aber nicht Auseinandersetzungen mit der europäischen Welt, die einem entgegentritt nicht nur in zufälligen Gesprächen mit Kommunisten, Assimilanten oder Literaten, sondern in der unver-!»eidlichen Auseinandersetzung mit den dahinterstehenden ״verkappten Religionen“, in denen junge Juden die Möglichkeit haben, die ganze Weite zu empfinden im Gegensatz zu dem, was wir ihnen bieten. Und da ergibt sich: unsere eigentliche attraktive Kraft dieser fremden Welt gegenüber ist nur die zionistische. Die ersten Führer der Linken, die nach Palästina gingen, waren ganze Zionisten, sie werden nie auf den Gedanken kommen, daß sie fortgehen können, sich dem Schicksal des- Volkes entziehen können. Nach der Danziger Jugendkonferenz sagte mir ein Arbeiterführer, er sei erschrocken, wie viele spezialßtische, einengende Auffassungen des Sozialismus es bei dieser Jugend gebe, und wie die zionistische Grundauffassung fehle. Da gilt es zu zeigen, wie z. B. die Entwicklung des Liberalismus vor sich gegangen ist, welche Rolle die Juden im Sozialismus und im Bolschewismus in Rußland gespielt haben, wie überall dort plötzlich ein Judenproblem entsteht mit allen seinen Konsequenzen. Es kann dargestellt werden, ,daß alle Weltkultur sich in ״nationaler Enge“ entwickelt hat und daß erst, wer zu Hause schöpferisch war, der Weit etwas zu sagen hat. Das Durchdenken und Ausfuhren dieser Gedanken ist notwendig, um sich behaupten zu können. Hat man das glückhafte Gefühl, daß das jüdische Volk unser Schicksal ist, dann gibt es in dieser Welt, mit der wir zu ringen haben, keinen Gegner, vor dem wir uns fürchten müssen. Dann wird die Vorstellung unerheblich, daß es für uns günstige oder ungünstige Zeiten gibt — wir müssen uns in jeder Zeit bewähren. Und nach außen hin gibt es auch für unsere Jugend nur eine Front, nämlich die der Zionistischen Organisation. Es kommt darauf an, Mensehen, die wir gewinnen wollen, zur zionistischen Auffassung zu bringen, nicht auch zur zionistischen. Die sozialistische Auffassung, die er bei uns auch findet, die findet er anderswo ebenso, aber die zionistische Auffassung kann er nur bei uns finden. Wir wollen auf diesem Delegiertentag einen festen Entschluß fassen, diese Arbeit durchzuführen mit allen, die sie mitmachen wollen, und werden uns nicht beirren lassen durch jene älteren Führer der Jugend, die als reine Parteipolitiker auftreten und ihren Anhang gegen eine zionistische Gesamtanschauung mißtrauisch machen. Individuelle und kollektive Propaganda. Unser Grundproblem ist die Atomisierung der jüdischen Persönlichkeit und der Sinn unserer Propaganda ist, sie dem Kollektiv des Volkes einzufügen» Diese Aufgfbe fgbt es sich iiiÄaorp'ijüdfeehiW^i^ensWlaifefc^ivo ׳ a*fe *NetwÄÄgkeM ■ nicht wegfällt, den Einzelnen dazu zu bringen, daß er bewüßt sein Schicksal mit dem des Volkes verknüpft. Wir müssen das Individuum zum Volksbewußtsein bringen, dem Einzelnen zeigen, daß er frei wird i m Volk. Wir haben nicht Einzelne zu isolierten Zionisten zu machen, sondern zur Gemeinschaft zu bringen. Es handelt sich also nur um die Met h o d e. Die Arbeit ist natürlich von den Möglichkeiten des einzelnen Propagandisten abhängig. Es gibt auch eine Debatte innerhalb des Zionismus darüber, ob unsere Arbeit nicht verbessert wird, wenn wir den einheitlichen Verband zerschlagen. In den Ländern, in denen einzelne Gruppen separiert arbeiten, ist die Arbeit nicht besser als bei uns. Dachverband oder einheitliche Zionistische Vereinigung — für beides können Sie uns haben — aber beides mit affen Konsequenzen. Zu einem Mittelding jedoch, Zionistische Vereinigung und völlige Verselbständiguitg ihrer Fraktionen, können wir nicht ja sagen. Wir haben Respekt vor den Gruppen, aber wir verlangen von ihnen auch Respekt vor der Gesamtheit der zionistisehen Arbeit. Wir haben alle strittigen Dinge mit größter Loyalität behandelt, bei unseren Beamten haben wir nie nach der Fraktionszugehörigkeit, sondern nur nach der persönliehen Fähigkeit gefragt. Wenn wir uns gegen eine Welt behaupten wollen, die mit allen Mitteln gegen uns arbeitet, muß die Leitung das Vertrauen der Bewegung genießen. Sie werden dieses Vertrauen bei der Wahl zum Ausdruck zu bringen haben. Auch die einheitliche Bewegung ist nur arbeitsfähig, wenn Sie ihr größere Mittel zur Verfügung stellen. Redner führt aus, welches Arbeitsprogramm in bezug auf Propaganda und Kulturarbeit durchgfcfünrt werden könnte, wenn die Mittel da wären. Ein zweites Erfordernis ist, daß die Organisation ihre eigenen Beschlüsse durchsetzt und daß es einen engeren Kontakt gibt zwischen den abgekapselten Teilen der jüdischen Jugend und der Leitung der Z. V. f. D. Dazu gehört guter Wille auf beiden Seiten. Wir können unser Programm verwirklichen, wenn wir uns einig sind über eine einheitliche Front nach außen und wenn, nicht mehr der unsinnige Zustand besteht, daß jeder Zionist Politik auf eigene Faust macht. Die Diskussion des Delegiertentages soll die Grundlage sein für unsere Arbeit in den nächsten Jahren, und wenn wir aus unserer Aussprache gestärkt hervorgehen und?eigen, daß der Zionismus lebt, dann gibt es niemanden für uns, der unüberwindlich ist. (Lebhafter Beifall.) Die Generaldebatte Dr. Wolfsberg (Misrachi): Sowohl die Anlage und ier Gehalt von Blumenfelds Rede als auch die Erfordernisse Jes Augenblicks nötigen auch den Diskussionsredner zu rincr allgemeiner gehaltenen Betrachtunng unter Vernachässigung von vielem politischen Detail, das sonst Anlaß zur Kritik geben könnte. Etwas mehr konkreter Bericht wäre freilich erwünscht gewesen. — Das Problem der Propaganda ist deshalb;0 sehr in den Mittelpunkt der Verhandlungen gerückt, weil wir in einen Endpunkt angelangt sind, der zum toten Punkt zu werden droht. Blumenfeld, dessen persönliche Bedeutung und Vhaffenskraft wir kennen und anerkennen, hat dem deutschen Zionismus bei seinem Bemühen, um die jüdische Außenwelt zu werben, eine einseitige Richtung verliehen; die Erfolge, die Blumenfeld dessenungeachtet errungen hat, sind kein Gegenirgument gegen die Behauptung, daß die durch ihn vertretene Theorie und Tendenz unzureichend bzw. unbefriedigend sei; die Energie seiner Persönlichkeit macht eben die Mängel einigermaßen wett. Die Einseitigkeit kommt schon in seiner Terminologie zum Ausdruck: Anah'se und Darstellung der Wirklichkeit deren Bedeutung außer Zweifel steht, sind ihm die adäquaten Mittel, um überzeugend für die zionistische Lehre zu werben. Uns scheint das schon psychologisch unvollständig: wir vermissen — rein terminologisch — Begriffe wie Einfühlung und verstehende Psychologie, als Ausdruck liebevollerer Versenkung in die Psyche der Menschen, die fernstehen und noch zu gewinnen sind. Auch stimmt uns die reichlich militant klingende Bezeichnung ״kämpferische Propaganda1‘ bedenklich — dies gilt weniger gegenüber Biumcnfeld als anderen —, weil der Affekt uns zu heftig erscheint und allzu sehr der Blick sich dadurch nach außen kehrt. Wir sehen völlig ein, daß die Offensive des C.-V. eine Gegenwirkung bewirkt hat, und daß Zurückweisung der Angriffe und ebenso echte Auseinandersetzung Gebot ist. Aber man braucht in diesen Kampf nicht die ganze Seele zu legen, und mit einem Uebermaß an dialektischem Aufgebot hervorzutreten. — ln dem zum Delegiertentag herausgegebenen Heft, das Beiträge zur Propaganda enthält, sehe ich ähnliche Mängel, überhaupt zu viel Subjektivismus. Die Propaganda ruht — und hier beginnt des Misrachi entscheidendes Interesse — vor allem auf der kulturellen Reaktionsbasis. Diese ist im allgemeinen Zionismus und in Blumenfelds propagandistischem Wirken allzu schmal und historisch zu unfundiert. Die Moden des Tages überwuchern und verdrängen die großen, entscheidenden Gesichtspunkte. Man gibt sich sehr Bereitwillig Strömungen hin, die nicht selten spielerisch und journalistisch sind, und ist mit einer geistreichen Formel zufrieden. Der Misrachi verlangt tiefer dringende Erkenntnis, insbesondere die Anerkennung, daß in dem großen Wissensschatz des klassischen jüdischen Kulturgutes die lebenspendenden Faktoren unserer nationalen Bewegung liegen. Wenn energisch die Verbreitung und Förderung der Kenntnis der traditionellen Literatur als Aufgabe in Angriff genommen wird, so wird die kulturelle Wurzellosigkeit und damit die Unsicherheit der Propaganda, der die objektive Basis fehlt, überwunden werden. Deshalb ist unsere spezifische Forderung jetzt mehr denn je allgemein zionistischen Bedürfnissen angepaßt. Ein Zwang zur Lebenspraxis kann auf keinen ausgeübt werden. Aber die geistige und praktische Bedeutung dieser Versenkung kann erst auf dem Wege zur Darstellung gelangen.גדול שמושה של תירה ייתר מלמודה — Des Misrachi Aufgabe bleibt es auch nach Akzeptierung seiner kulturpolitischen Postulate, für das traditionelle Leben die Menschen zu gewinnen. Wir wollen durch die wissensmäßige Grundlegung des kulturellen und des politischen Lebens eine objektive Basis schaffen, die uns von den Zufällen frei macht, die heute entscheiden. ״Erlebnis“ und ״Erleben“ stehen am Beginn jedes Entschlusses, Zionist zu werden; aber das sind intime Prozesse המסורה ללב Die ״Erlebnisseligkeit“, die einzureißen droht, ist bedenklich. — Im deutschen Zionismus geht vielleicht jetzt eine Epoche dahin, ohne daß es ihren Trägern zum Bewußtsein kommt. Ich habe eine außerordentliche Verehrung für die deutschen Zionisten, die fast alle ohne elterliche Tradition in jüdischer Hinsicht zu solch jüdischer Höhe gelangen konnten. Ihre große Hingabe spricht für ihre großen sittlichen Werte. Wir wissen aber nicht, ja wir glauben, daran zweifeln zu müssen, daß die künftige Generation bei gleichem Minimum an kulturellem Besitz zu gleicher zionistischer Leistung befähigt sein wird. Die kulturellen Werte können, wie das letzte Menschenalter lehrt, nicht nach Wunsch in genügender Fülle und Reife produziert und konstruiert werden, man muß deshalb auf den unendlich reichen Besitzstand zurückgreifen. Es ist unser Schicksal, mit dem Gesetz und der es tragenden Literatur unlöslich verbunden zu sein. Will man das VolK am Leben erhalten, soll man auch Individualismen zurückstellen. Bel dem Kampf nach außen hat man zu sehr nur eine £rt«rt..ge^hf1>rfldie.As;fT»41*ttQ,n;׳Ä1n»0r tritt »utdter &״¥» 1׳־aea GeäiÄtskrefilr ־־Man':rvergiß:t'j׳an|־*den־rTdl,':der, als Kraftquelle viel bedeutsamer Ist: die Orthodoxie, Insbesondere die nichtseparatistische. Hier gilt es, Berührungen zu gewinnen und für unsere Zukunft neue Menschen. In konkreter Hinsicht sei darauf hingewiesen, daß der Mls׳ rachie, von einigen, allerdings sehr prominenten Freunden abgesehen, ln seiner großen Mehrheit die Fortführung und Beibehaitung der Z. V. f. D., solange nur möglich, wünscht. Ich selbst bin zwar kein Dogmatiker der Z. V, f. D., meine aber auch, daß sich die Arbeit in Deutschland noch besser sehen lassen kann als anderwärts. Die kulturelle Haltung und kulturpolitische Einstellung der Z. V. f. D. aber, und insbesondere Blumenfelds, hat bei uns in weitgehendem Maße Mißstimmung und Unzufriedenheit erweckt. Deshalb gibt es für die, welche den Territorial verband bei uns abiehnen, nur die Möglichkeit, eine Sicherung der Kulturoolitik in einem Geiste, der unseren Forderungen, damit zugleich aber auch den wohlverstandenen Interessen der Z.V, f. D. genügt, anzustreben. Nur bei erhöhter Teilnahme an der Verantwortung bei der Führung der Geschäfte der Z. V. f. D. wäre dergleichen möglich. Sonst bliebe nur die Rolle der Opposition, denn bei den bisherigen Verhältnissen kann es wirklich nicht bleiben. Entweder man entfernt sich weiter von der gemeinschaftlichen Arbeit oder man geht tiefer in die Z. V. f. D. hinein. Ob das gelingen kann — das hängt nicht von uns, sondern von den anderen ab. Dr. Schachtel (Breslau) erklärt, sich mit der zionistischen Praxis beschäftigen zu wollen. Von Palästina wolle Redner nicht sprechen, er begnüge sich mit der Feststellung, daß es dort wieder vorwärts gehe. In Deutschland haben wir nicht die Ausdehnung erfahren, die wir erhofft haben und unsere Gedanken haben nicht weitere Kreise des Judentums erfaßt Man hat wohl einen* Teil des Vokabulariums übernommen und man hat sich sogar viele zionistische Gedanken angeeignet aber es fehlte bei den meisten luden doch an der letzten Konsequenz. Trotzdem ist eine stärkere Ent- Wicklung in jüdisch-bewußter Richtung festzustellen. Dem alten Liberalismus war es kaum um das Judentum zu tun, die Jung-Liberalen und die ״Kameraden“ sind jüdisch viel mehr interessiert als die ehemaligen Liberalen. Wir erleben es, daß auch im C.-V. von jüdischen Kulturfragen die Rede ist; so schrieb R.-A. Foerder in Breslau von ״jüdischer Kulturgemeinschaft“ als einer Selbstverständlichkeit. Wenn die Entwicklung zum Zionismus doch so langsam vor sich geht, so ist das auf den Mangel an Jüdischkeit zurückzuführen, der nicht nur bei Nichtzionisten, sondern auch bei Zionisten festzustellen ist. Es sind keine Fehler in. unserem zionistisehen Gedankengebäude, aber wir sind in einer merkwürdigen Lage. Wenn jemand Literatur von uns verlangt, fehlen uns allgemeine und einzelne Darstellungen, denn das meiste des bisher Herausgegebenen ist veraltet. Daher ganz widersprechende Urteile über uns. Der C.-V. nennt uns religionslos, und andere wiederum sagen, wir wären schwarze Orthodoxe. Selbst unsere ״Jüdische Rundschau“ klärt keinen NichJzionisten über alles auf, da er sie ohne zionistische Vorkenntnisse kaum verstehen wird. Es ist sehr bedauerlich, daß wir keine Zeitschrift haben. Der;,Jude“ war den Lesern wahrscheinlich zu hoch und zu wenig aktuell. Wenn man wüßte, daß wir uns nur davor hüten, uns in religiöse Streitigkeiten einzumengen, so wäre es uns leichter, in die jüdisch-bürgerlichen Kreise einzudringen. Man widerspricht bei uns jedem Paktieren, doch in der Propaganda kann man nicht anders als durch Kompromisse etwas erzielen iptd man muß die Mentalität derjenigen kennen, zu denen man spricht Man muß Geduld haben. Die Parole von der ״kämpferischen“ Auseinandersetzung halte ich für eine unendliche Gefahr. Es ist nötig, auf die Psyche unserer Gegner einzugehen. Es gibt viel unbewußten Zionismus. Es ist unsere Pflicht den Weg für die unbewußten Zionisten zu uns zu erleichtern. Man kann nicht von jedem die Annahme der gesamten Theorien und aller Kommentare verlangen. Man muß versuchen, mit denjenigen, die uns entgegenkommen, gemeinsam zu arbeiten. Bei den Gemeinde- und Landesverbandswahlen haben wir viele Stimmen bekommen von Menschen, die eigentlieh nicht zu uns gehören. Der C.-V. versucht vorzutäuschen, daß wir kein Interesse für die realen Dinge des jüdischen Lebens in Deutschland haben. Wir können die Abwehrarbeit nicht dem C.-V. überlassen. Arbeitsteilung ist ein richtiges Prinzip, aber wenn wir sehen, daß andere die Arbeit falsch machen, so können wir uns dieser Arbeit nicht entziehen. Unser Ziel ist die jüdische Erneuerung. Der Palästina-Aufbau ist das Mittel dazu. Es ist sicherlich sehr wichtig, die jungen jüdischen Kreise uns noch näherzubringen. Aber es ist fraglieh, ob man diesem Ziel näherkommt, wenn man mit der Faust auf den Tisch schlägt. Zeigen wir unseren Erneuerungswillen auf allen Gebieten. Man hält mir vor, daß der von mir gepredigte Zionismus ein Zionismus ״ä la Cafe Haag“ ist und daß man durch ihn viele Leute immunisiert, den richtigen Zionismus anzunehmen. Beides ist falsch. Man fragt; wo bleiben die Erfolge des Fraternisierens? Mit mehr Recht muß ich die, Gegenfrage stellen: Wo bleiben die Erfolge des Systems mit der Faust auf den Tisch zu schlagen? Denn das hat immer schon das Entgegenkommen gestört. Auf dem Gebäude, in dem wir tagen, steht die Aulschrift ״Weise im Rat, kühn in der Tat“ — es ist fraglich, ob wir immer im Rat weise gewesen sind. Dr. Rudolf Samuel (Breslau, Hitachduth): Die Verantwortung für die zionistischen Geschicke in Deutschland lag in diesen Jahren auf einer bestimmten Gruppe. Das gilt mit der Ausnahme der Gemeindepolitik, und ich möchte meinem Bedauern darüber Ausdruck geben, daß wir auch auf diesem Delegiertentag keine Möglichkeit der Aussprache mit den zionistischen Trägern der Gemeindepolitik haben. — Wir sind der Meinung, daß der Zionismus sich in verstärktem Maße auch um die Lebensinteressen des deutschen Judentums kümmern muß. Wir werden beantragen, daß dieser Delegiertentag eine Kommission einsetzt, die die Gemeindearbeit bei der Z. V. f. D. überprüft und zu Beschlüssen kommt Die Verantwortung lag in diesen Jahren ganz besonders stark auf dieser Gruppe, weil die Organisation sich nicht in der Form, aber dem wahren Inhalt nach in den letzten Jahren entscheidend geändert hat. Das Zentralkomitee war ohne jeden Einfluß, der Landesvorstand hat wichtige Dinge kaum besprochen. Das erste, was wir für die Zukunft wünsehen, ist daher eine weitergehende Demokratisierung: Wahl eines Präsidenten und eines größeren geschäftsführenden Ausschusses, ln den letzten zwei oder vier Jahren war es anders. Da das Präsidium sehr homogen zusammengesetzt war, wurden die Funktionen der Kontroilinstanzen mehr und mehr ausgehöhlt. Aber das ist nur eine Forderung rein formaler Art. Wichtiger sind die Dinge, die wir in sachlicher, inhaltlicher Hinsicht zu fordern haben. Es ist eine Tatsache, daß dieser Delegiertentag mit dem allgemeinen Gefühl zusammentritt, daß es dem deutschen Zionismus nicht gut geht. Blumenfeld meinte, wer selbst müde ist, sieht, daß andere müde sind. Ich glaube das nicht. In der uns vorliegenden Schrift hat Blumenfeld auf die wachsende Unsicherheit im deutschen Zionismus hingewiesen. Die Frage ist, ob man den heutigen Zustand bei behalten oder ob mau ihn ändern soll. Die Allgemeinen Zionisten haben ein Programm aufgestellt. Wir findet» dieses Programm nicht schon, es ist im wesentlichen nur eine Aufzahlung von Selbstverständlichkeiten. Sicher ist, daß dort nicht der Wunsch besteht, den Kurs des deutschen Zionismus zu ändern,''*';Ich jlaube, daß er“gelmdeft-W'ef'den״ muß. Es geht '׳unk׳'* augenblicklich schlecht, nicht nur wegen der Krise in Palä«ina, die ja jetzt überwunden ist. Der Zionist fühlt steh schlecht, weil er merkt, daß die werbende Kraft des Zionismus nachgelassen hat. — Ein paar Worte über den C.-V.: Wir unterstützen die Politik Blumenfelds, glauben aber, daß dieses Problem für uns nicht so zentral ist, daß es nicht die erste Aufgabe des Zionismus ist, den C.-V. zu bekämpfen und die Auseinandersetzung mit ihm in den Mittelpunkt unserer Debatten zu stellen. — Es ist richtig, es gibt für alle Richtungen nur eine nationale Propaganda. Es ist richtig, daß der zionistische Sozialist nationale Propaganda macht, und ich möchte hier ein Wort an meine Freunde vom J. J. W. B. richten, ich habe den Eindruck, daß die dort herrschende Unsicherheit gegenüber den nichtzionistischen Sozialisten auf einer dialektischen Unzulänglichkeit oder aber auf dem Gefühl eines schlechten Gewissens beruht. Es muß klar sein, daß der zionistische Sozialist kein schlechterer Sozialist ist. Wir gehen hier mit Blumenfeld weitgehend konform. Recht hat er auch, wenn er sagt, daß immer die Analyse die Voraus- Setzung der Propaganda ist. Es fragt sich aller hier bereits, was diese Analyse bezweckt: ob man dem Einzelnen seine individuelle Situation vor Augen führt oder die Situation des ganzen Volkes. Es handelt sich nicht nur um eine Frage der Methode, sondern um verschiedene Auffassungen des Zionismus. Für mich ist Zionismus nicht das Problem des Einzelnen, nicht mein individuelles Problem. Für mich ist Zionismus eine national-soziale Freiheitsbewegung, eine Kollektivbewegung, die in der Masse wurzelt. Wir haben eine bestimmte Grundkonzeption, die sich von der anderen entscheidend unterscheidet. Heute, wo die Jugend und die Menschen nüchterner sind, könnte schon aus Zweckmäßigkeitsgründen eine andere Form der Propaganda wirksamer sein. — Wir gehen auch in Erziehungsfragen andere Wege. Ich behaupte, daß die Müdigkeit vieler deutscher Zionisten davon herrünrt, daß sie Zionisten geworden sind, um ihre eigene Seele zu retten. Im Osten ist der Zionismus natürlich und lebendig. Dies Gefühl können wir nicht künstlich erzeugen, aber etwas von diesem sozialeren kollektivisterischen Geiste können wir auch in den deutschen Zionismus hereinbringen. Es ist ja nicht mit der Analyse allein getan, sondern es besteht die Frage, was fangen wir mit den gewonnenen Menschen an, und wie ordnen wir sie in den deutschen Zionismus ein. Ich muß an dieser Stelle feststellen, daß die Politisierung und Verknüpfung des deutschen Zionismus mit Palästina stark in den Hintergrund getreten ist. Heute ist Palästina aus dem Ortsgruppenleben fast verschwunden. Der deutsche Zionismus wird aber seine Menschen nur halten, wenn sie fühlen, daß sie an der Entwicklung Palästinas mitverantwortlich sind, wenn er sie mehr und mehr mit Palästina und dem Geist des neuen Jischuw verknüpft. — Es muß festgestellt werden, daß die Jugendpolitik der Z. V. f. D. besonders unglücklich war. Das K. J. V. befindet sich heute in keinem guten Zustand, auch ist es die Schuld der Z. V. f. D., daß der Blau- Weiß eine solche Entwicklung genommen hat. Die Ursache liegt in der zu kleinen zionistischen Grundbasis. Man kann keine Jugendbewegung mit Nationalismus ohne Chaluziuth machen. Keiner Nationalismus, der nicht einmal Chaluziuth umfaßt, ist neben den großen Fragen und Bewegungen der Menschheit weder existenzberechtigt noch werbefähig. Jugend- Politik der Z. V. f. D. war stets ein Reflex ihrer Kongreß- Politik, und damit haben sie die zionistische Jugend in Deutsch-!and getötet. Ich glaube, daß der ganze Zionismus in den großen Bewegungen der Welt links steht, aber sicher ist, daß die Jugend, die nach Palästina geht, den Weg der Linken gehen muß. — Das ״linke Zentrum“ ist die einzige Gruppe, die

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