Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 40-41 (23.5.1928)
- Date
- 1928-05-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ühkhA, '!JA! 4Nl/\ Mit Unterhaltungs-BeHagc Doppelnummer 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark- Ausl sadtabonnenienU werden in der Wibranf der •buebea Linder berechnet. Anzeigen -Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70, Telephon: Bismarck 7165—70, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Fflr Oesterreich: Postiparkaasenamt Wien, Konto Nr. 156030. Für T■checboelawakei: roetsparkaiseaemt Prag,Konto Nr. 59410. Fflr Polen: Postiparkusenamt Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 40/41 | Berlin, 23. V« 1928 AnzeigeRpreil■ S geepnltNonpareUlezeiU 0,50 G.-M. Stellengesuche 0^5 G.-M. Anielgenschlofl: Dien• tag und Freitefnaebsnitte(,4Ubr. ד׳ סידן, תרס״ח | xxxiii. jahrg. jüdische Volk JH Schaffung einer äfteiHllch - rechtlich atiKhtrlw HtlmiMHt in PaWiIlna. ״Basaler Programm.« Schawuoih und Delegierieniag 99 Nation“ und ״Religion“ — Unsere inneren Probleme Pal&stina•״Budget und Amerika — Perspektiven Der diesjährige Delegiertentag der deutschen Zionisten beginnt unmittelbar nach Schawuoth. Nehmen wir es als ein gutes und sinnvolles Vorzeichen. Denn gerade dieses Fest, das uns an das größte geistige Ereignis der jüdischen Geschichte erinnert, hilft uns, auch den Zionismus, mit all seinen kleinen Tagessorgen, in einen größeren, wesentlicheren Zusammenhang als uns sonst in unserer Arbeit bewußt wird, einstellen. Der Zionismus ist der Versuch, das Judentum aus den Verstrickungen und dem Verhängnis dieser Zeit zu retten,unsere eigene Schuld, die Versäumnisse und Fehler der letzten jüdischen Generationen, wieder gutzumachen. Wir haben in den letzten Jahren viele Wandlungen des Zeitbewußtseins erlebt. Scheinbar Festes ist ins Wanken geraten. Aber gerade in der Erregtheit dieser Zeit hatten wir Grund, uns auf die jüdische Sendung zu besinnen. Kein Fest bindet uns so an die jüdische Idee wie Schawuoth. Die jüdischen Feste erinnern alle an Ereignisse unserer Volksgeschichte, die einzigartig sind. Aber während man etwa bei Pessach noch sagen könnte, daß auch andere Völker Erinnerungsfeste nationaler Befreiung — freilich nicht unter so wunderbaren Begleitumständen — haben, ist Schawouth einzig dastehend in der Menschheit«־ geschichte: daß das ganze Volk in Donner und Sturm eine Lehre empfängt, die — noch vor der Staatsgrün־ bürtsstunde eine Menschheitssendung auf sich nimmt und trotz allen Anfechtungen unbeirrt durch die Jahrtausende trägt, — das ist ganz und gar unvergleichbar.. Also doch das ״auserwählte“ Volk? — Wie frei von nationaler Ueberhebung ist der Bericht über die Gesetzgebung am Sinai und die Volkssage, die ihn umrankt! Mit welcher Aufrichtigkeit wird geschildert, wie das Volk sich dem Auftrag entziehen will, wie es zu fliehen versucht und doch nicht kann, widerstrebt und angezogen wird zugleich; wie schließlich, als es vor der Thora davonlaufen will, ein Berg wie ein Faß über das Volk gestülpt wird, um es wehrlos zu machen und zu fesseln: dieses Volk macht sich auch in seiner nationalen Tradition nicht besser als es ist, ein Haufe von Menschen mit menschlichen Trieben und Schwächen. Und bis heute ist es so geblieben: es läuft davon vor sich selbst, vor seinem Judentum, und kann ihm doch nicht entgehen, immer neue Formen hat der Genius des Volkes gefunden, um weiterzuleben, denn die übernommene Menschheits- Aufgabe hat es in der winzigen Zeitspanne von viertausend Jahren noch nicht erfüllen können. Ist nicht für jeden Juden, wenn er sein jüdisches Bewußtsein prüft, dies der Kern seines Judentums: ein Glied dieser Kette zu sein, die ihren Ursprung von jenen konstitutiven Vorgingen in der Wüste ableitet? Dieses Geschichtsbewußtsein repräsentiert sich in unseren Tagen in der Form des Zionismus. Wieder ist eine jüdische Lebensform zerfallen und wir fühlen den Zwang, eine neue zu erbauen. Viele Juden widerstreben, aber die Schicksalsgemein־ Schaft des Judentums ist mächtiger als sie. Das jüdische Volk wird leben. Und dieses Leben wird notwendig im Zeichen der großen Verpflichtung und der großen Verheißung stehen, an die das Schawuothfest mahnt. Jeder Jude hat, noch in den verzerrtesten Formen, in sich etwas von messianischen Hoffnungen und Willen zur Gerechtigkeit. An dieser Stelle ist nicht der Platz für religiöse Betrachtungen; aber auch jenseits der rein religiösen Anschauungen, die bei dem einen so und dem anderen anders sein mögen, ist Schawuoth das Fest der Besinnung auf die Einzigkeit Israels, des Volkes und Landes, und damit für uns eine Kraft-Erneuerung aus den geheimen, verhüllten und vielen unbewußten, ja von vielen geleugneten wahren Wurzeln des Zionismus. ״Volk“? ״Religion“? ״Nation“? Wie unwesentlich ist der Streit, der eine zeitlang die Gehirne ernsthaft erregt hat, ob die Juden eine nationale oder religiöse Gemeinschaft sind, ob wir ein Volk sind usw. Gewiß gelten alle diese Termini für uns und gelten gleichzeitig auch nicht; Israel ist eine historische Erscheinung sui generis. Es ist charakteristisch für das niedrige Niveau der jüdischen Auseinandersetzung unserer Zeit, wenn immer wieder der Streit um das Wort ״national“ entbrennt. Denn unsere jüdischen Gegner mußten bereits weit entgegenkommeu. Sie verstehen, daß es zwecklos ist, unentwegt von dem Judentum als bloßer Religion (als Analogon etwas zum Christentum) zu sprechen. Sogar der ehrwürdige Claude Montefiore, der liberale Führer, der demnächst seinen 70. Geburtstag feiert, hat jüngst in einer schönen Rede zugegeben, ״Jüdischkeit“ sei mehr als bloße Religion, umfasse noch historische, volkliche Elemente. Und doch hat er kurz darauf die 1917 zur Abwehr der Balfour-Deklaration und des Zionismus gegründete ״League of British Jews“, die sich in richtiger Selbsterkenntnis bereits auflösen wollte, daran gehindert, mit der Begründung, sie müsse nach wie vor für den Gedanken kämpfen, daß die Juden nur eine religiöse, geistige Gemeinschaft seien. Montefiore weiß, daß vor dem Sinai das jüdische Volk als Volk und nur als Volk gestanden hat. Fühlt er sich nicht als Abkömmling dieses Volkes, das noch heute angerufen wird? Welche seltsame Verblendung, im Namen der diesem Volk gewordenen Religion, der an das Volk ergangenen Gottesbotschaft, dem Kreise der religionsfernen reichen Assimilanten Theorien zu liefern! Nein, dies ist wahrhaftig nicht die Frage, um die es geht. Das geschichtliche Wesen und die geschichtliche Rolle des Judentums ist nicht durch Begriffsspalterei zu begrenzen. Wer von ״Religion“ spricht, muß wissen, daß das Ereignis am Sinai erst möglich war, nachdem das ,ypjjp.füis Knechtschaft herausgeführt '••־iiv M׳ a*■■ .'Li-:. H:־T-anr. .ifesf jilehluifi' ItoÄ»,’gereinigt' von den assimilatorischen Schlacken, gerade von denen verstanden und gewürdigt werden, die heute an der Befreiung des Volkes arbeiten, damit dieses Volk wieder ein Empfänger von Ruf, Lehre und Schicksal und ein Träger von Taten werden kann. Dies darf einmal, am Festtag, gesagt sein, — nicht zu oft, damit wir uns nicht in Phrasen verlieren: aber dieser Sinn und diese Hoffnung liegen zugrunde auch unserer Beschäftigung mit den prosaischen Dingen des nüchternen Alltags, mit den Problemen der konkreten zionistischen Bewegung. Denn für unser gegenwärtiges Stadium jüdischer Geschichte ist unsere Generation verantwortlich und wir haben praktische Notwendigkeiten des Volkslebens in konkreten Formen durchzusetzen, nicht, wie die vorhergehende Generation eines ״liberalen“ Judentums getan hat, für unverbindliche und unverpflichtende Ideale zu schwärmen, in das Reich der Abstraktion zu entfliehen und dabei seelenruhig den Verfall des Eine 3 Mill. Dollar N.~F.~Anleihe lieber die zwischen der Zionistischen Organisation und einer Gruppe amerikanischer Bankiers seit einiger Zeit schwebenden Anleiheverhandlungen hat kürzlich Lipsky der Presse Mitteilungen gemacht, die auch in der ״Jüd. Rundschau“ vom 27. April wiedergegeben wurden. Wir haben ferner berichtet, daß Dr. Feiwel sich zur Führung der Verhandlungen nach New York begeben hat. Die Stipulierung der formalen Bedingungen hat längere Zeit in Anspruch genommen, da verschiedene Instanzen, vor allem das Direktorium des Jüdischen Nationalfonds, sich dazu äußern mußten. Um die Verhandlungen mit dem Direktorium zu führen, fuhr der Beamte der Zionistischen Organisation Amerikas, Herr Marek Schwarz, nach Jerusalem, und die J. T. A. meldet nunmehr aus Jerusalem, daß das N.-F.-Direktorium zu den Vorschlägen seine Zustimmung gegeben hat. Danach beträgt das Anleihekapital drei Millionen Dollar und ist mit 61/2 Prozent zu verzinsen und in 20 Jahren rückzahlbar. Da sonach eine Einigung über die Bedingungen erfolgt ist, dürfte dem Abschluß der Anleihe nichts mehr Im Wege stehen. Die in verschiedenen Berliner Zeitungen, darunter im Handelsblatt des ״Berliner Tageblatt“, •veröffentlichte Meldüng, daß die Anleihe bereits abgeschlossen ist, dürfte jedoch verfrüht sein. Es handelt sich hier um eine Anleihe des Jüdischen Nationalfonds, die auf privatem geschäftlichem Wege erfolgt; sie ist wohl zu unterscheiden von der geplanten internationalen Anleihe, die mittels politischer Unterstützung der Völkerbundsmächte angestrebt wird. Die Drei-Millionen- Dollar-Anleihe, die durch erste Hypotheken gesichert wird, dürfte ln erster Linie zur Entlastung des Jüdischen Nationalfonds und der übrigen Bodenkaufsgesellschaften dienen, d. h. zur Fundierung der letzten Bodenkäufe, sowie der Haifa Bay. Im einzelnen Ist die geplante Verwendung natürlich noch nicht bekannt. Doch kann auf alle Fälle gesagt werden, daß der Abschluß dieser Anleihe eine gewaltige Erleichterung auch für die Finanzen der zionistischen Exekutive bringen kann, zwar nicht durch Entlastung im ordentlichen Budget, aber doch durch die indirekten Wirkungen. Judentums mit anzusehen. Aus diesem Irrtum unserer Väter bedeutet der Zionismus ein Erwachen. Auch er hat das Ziel der Ewigkeit im Herzen, aber er hat erkannt, daß bloße Anbetung Verrat ist; darum gestaltet er das wirkliche Leben, hier in der Welt der Materie will er Lebensbedingungen für das Judentum schaffen. Dem dient die zionistische Arbeit. Und damit sind wir schon bei unserm Delegiertentag. * Dieser Delegiertentag soll nicht so sehr den Fragen der praktischen Palästina-Arbeit oder der zionistischen Politik gewidmet sein, als vielmehr eine umfassende Aussprache über die geistige Situation des Zionismus in Deutschland bringen. Allgemein ist die Empfindung, daß nach einer Zeit fast ausschließlicher Palästina-Propaganda eine Ueberprüfung! des inneren Zustandes der Bewegung unerläßlich ist. Die zionistischen Energien, die in zwei Jahrzehnten zionistischer Erziehungsarbeit aufgestapelt worden waren, drohen sich zu verbrauchen. Ohne ein solches Energie- Zentrum kann aber keine Art zionistischer Tätigkeit und auch kein Zweig des Palästina-Aufbaus funktionieren. Wir müssen unsern gedanklichen Fundus auffüllen und an den reichen Erfahrungen des letzten Jahrzehnts kontrollieren; die mannigfachen Umwäl2»«gei» im Völkergilt es für uns fruchSr zu machen. Denn viel zu selten werden wir uns darüber klar, daß organisatorische Formen etwas Relatives, Unwesentliches und Vergängliches sind, keineswegs unantastbares Heiligtum. Als die Zionistische Organisation entstand, stand die vorwärtsdrängende Welt im Banne der Idee der formalen Demokratie, die als politisches Ziel lebhaft erstrebt und umkämpft wurde. Die zionistische Bewegung, die in Wahrheit nur Propaganda einer Idee und nur für ihre eigene Organisation, nicht aber darüber hinaus für wirkliche Lebensrealitäten zuständig war, gab sich ihr eigenes Parlament. Nach dem Krieg hat sich sehr viel geändert, nicht nur weil Palästina ein realer Gegenstand zionistischer Arbeit und Verantwortung wurde, sondern auch weil die Ideen der nationalen Freiheit und der formalen Demokratie nach ihrer Durchsetzung in Europa ihre attraktive Kraft im allgemeinen verloren haben. Der Zionismus hat diesen Entwicklungen noch nicht genügend Rechnung getragen, vielleicht auch darum, weil die inzwischen herangewachsenen Menschen noch nicht eine entsprechende Stellung in der Bewegung errungen haben, noch keine neuen Führer stellen. Das Chaos, in das nach dem Krieg das gesamte jüdische Volksleben geriet, verhinderte eine organische Entwicklung des Nachwuchses an Menschen und Gedanken. So sind notwendig manche Partei-Institutionen obsolet, manche im internen Kreise aus alter Gewohnheit erbittert geführten Diskussionen bereits überholt, der nach einer bestimmten Zeit stabilisierte Personenkreis der Partei vielfach zu eng. Wenn wir uns die Frage vorlegen, wieso die Zionistische Organisation als solche nicht wesentlich in den letzten Jahren gewachsen ist, obwohl die zionistischen Erkenntnisse und das zionistische Gedankengut fast unmerklich sich durchgesetzt haben und von vielen Nichtzionisten mit der größten Selbstverständlichkeit zur Schau getragen werden, dann ist es notwendig, daß wir uns zunächst volle Klarheit zu verschaffen versuchen über die Hindernisse, die in unserer eigenen Organisation und unsern Parteiformen liegen. Das eigentliche Problem ist: wie vermögen wir eine Erstarrung — nicht des Zionismus aber — des ihm dienenden organisatorischen Gebildes und Apparates zu verhindern? Die zionistische Propaganda hat in den letzten Jahren große Erfolge gehabt, die sich jedoch nicht genügend greifbar ausgewirkt haben. Was ist zu tun, um neue Menschen zu fesseln, Menschen, die nicht mit der dreißigjährigen Geschichte der vionistischen Parteitradition bekannt sind und Betätigung in unsern Reihen suchen? Dieses Problem ist ganz umfassend; es beginnt bei dem Leben der einzelnen Ortsgruppe, die immer schon ein Sorgenkind war, und reicht bis zu den Fragen der zionistischen Jugendarbeit und Erziehung. Es betrifft unser Verhältnis zur nichtjüdischen Umwelt ebenso wie das zur jüdischen Gegenwart. Es wäre unzweckmäßig, an dieser Stelle den Beratungen des