Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 36 (8.5.1928)
- Date
- 1928-05-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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cr:k>. Mit UnierhaUungs-BeOafre und ,Jtmgztonistbehc BUMer" Einzelnummer 0£S Goldmark jüdische Rundschau Redaktion und Verlag Berlin W 15. Meinekestraß# 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark• A»tu •ndfftbonncfncnt« werden m der Wlhrontf der «arelnen Linder berechnet. Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau Berlin W15, Melnekestr, 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, Konto Nr, 156030. Fflr Tschechoslowakei: rostsparkassesamt Prag, Konto Nr. 5941a Für Polen: Postsparkassenaim Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 36 | Berlin, 8. V. 1928 AasatgaapraUi 8 g«p»ltN(jnpareiUe1*Ue 0.50 G.-M. St«ll*ngunch«0,25 G.-M. Ani.lgen.chlafl: Diemtsg «ad f rillt( mcbnitl•!■ 4 Uhr, י"ח אייה תרס״ח ) xxxm. jahrg. Pe> »loNiiitfiu« »rsncbt >0r ««»י lUdUcha Volk di• Ichaffunq einer fiHentllch ■ reOitlUH gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Oroqramm.« Mi $ Szold Uber ״Konsolidier! Eine wichtige Rede — Mifj Szolds grofje Chance U RW, Berlin 6. Mal. Wir haben in Nr. 33 an leitender Stelle einen Bericht unseres palästinensischen F.!־״Mitarbeiters über die Er* klärungen der Palästina-Exekutive bei einer Pressekonferenz in Jerusalem veröffentlicht Wir erhalten nun den vollständigen Originaltext der beiden Reden. Miß Szold und Van Vriesland haben dort die Grundsätze auseinandergesetzt, von denen sich die neue Exekutive leiten läßt Van Vriesland hat an Hand der Ziffern die Finanzpolitik der Exekutive erläutert, die Notwendigkeit eines Festhaltens an den Prinzipien gesunder Finanz- Wirtschaft begründet und das Verständnis der Oeffentlichkeit für diese elementaren Erfordernisse erbeten. Miß Szold hat mehr die allgemeinen Richtlinien der Aufbaupolitik dargelegt, die seit dem Kongreß durch eine Kampagne in Presse und Oeffentlichkcit diskreditiert worden sind. Ihre Rede hatte daher zunächst einen apologetischen Unterton, da sie erklären wollte, daß die Politik der neuen Exekutive mit zionistischen Prinzipien und zionistischer Gesinnung in Einklang steht. Sie hat in überzeugenden Darlegungen nachgewiesen, daß der Weg der Sanierungs- und Konsolidierungspolitik nicht Liquidation meint, sondern Chaos und Zusammenbruch verhindert. Die Rede von Miß Szold ist, wie schon ihre Rede in Cleveland vor ihrer Abreise nach Palästina, eine bedeutende zionistische Kundgebung. Seit dem1 Ausscheiden von Dr. Ruppin hat die Exekutive über keine Persönlichkeit verfügt,, fie. in so klarer und durchdachter Form dar praktische P;o-.״״״.) verbeten kann. Mio Szola scheint der eigentlich konstruktive Kopf der Exekutive zu sein, ausgezeichnet vor allem auch durch ein hohes Maß von ״Commonsense“ und demokratischem Empfinden. Wir geben ihre Rede untenstehend in deutscher Uebersetzung (gekürzt) wieder. Es ist bemerkenswert, daß Miß Szold auch diesmal eine ziemlich schlechte Presse in Palästina gehabt hat. Trotz allem, was sie über die Notwendigkeit einer Sanierung als Vorbedingung jeder neuen Ein- Wanderung gesagt hat, trotz ihrer klaren Darlegungen über den Unterschied zwischen fiktiver und wirk- Hoher Ansiedlung, werfen die palästinensischen Zeitungen ihr vor, daß sie nicht für sofortige neue Einwanderung eingetreten ist Der Unwille über die momentane Stagnation verwandelt sich in Vorwürfe gegen die Exekutive. Aber nicht die Exekutive, zumindest nicht diese Exekutive, ist schuld daran, daß im gegenwärtigen Moment eine Einwanderung nicht möglich ist, und eine Kurs- Änderung der Exekutive, ein Nachgeben gegenüber den stürmisch drängenden Elementen, hätte nur die einzige Folge, auch in Zukunft neue Einwanderung unmöglich zu machen. Die Exekutive bedarf daher in ihrer Haltung der stärksten Unterstützung seitens der zionistischen Welt. Es muß klar sein, daß wir an einem Wendepunkt der praktischen Arbeit stehen und daß sich die Methoden unserer Kolonisation geändert haben. Es hat keinen Sinn, mit großen Versprechungen Leute ins Land zu lassen, die dann als Enttäuschte dastehen oder zurückkehren. Im Interesse der Einwanderer, der Chaluzim, der Arbeiter, die angesiedelt und nicht gefoppt werden wollen, muß die Einwanderungspolitik künftig im Einklang mit den realen, finanziell fundierten Ansiedlungsmöglichkeiten gehalten werden. Alles andere würde nicht nur die betroffenen Menschen, sondern auch das moralische und politische Prestige des Zionismus schwer schädigen. Miß Szold hat klar ausgesprochen, daß die Hauptaufgabe des Zionismus Kolonisation ist Andere Aufgaben wie Erziehungswesen und Gesundheitswesen sollen wenigstens teilweise auf andere Schultern überwälzt werden. Das zentrale Problem heißt Kolonisation. Eine solche Erklärung gerade aus diesem Munde ist von ungewöhnlicher Bedeutung. Denn der eigentliche plausible Grund der Mißstimmung gegen das neue Palästina- Budget liegt darin, daß, während alle Posten und besonders die Kolonisation sich erhebliche Reduktionen gefaßen lassen mußten, ein einziger Posten als unberührbar, sacrosankt und überhaupt keiner Diskussion unterliegend herausgehoben wurde, nämlich das Gesundheitsbudget, das von der amerikanischen Frauenorganisation Hadassah, der Schöpferin des Gesundheitswerkes in Palästina, eigen* mächtig festgesetzt wird. Die Hadassah hat eine begreifliehe Vorliebe gerade für ihr Werk; aber die Hadassah ist ein Teil der Zionistischen Weltorganisation, und ebenso wie alle anderen Arbeitsgebiete, die ursprünglich in viel größerem Maßstab begonnen haben, sich allmählich an die Erfahrungen und kleineren Verhältnisse anpassen mußten, so müßte auch die Hadassah es tun. Gewiß ist das Gesundheitswesen von primärer, grundlegender Bedeutung; aber noch wichtiger, zentral wichtig, das Sein oder Nichtsein des Zionismus, ist Kolonisation. Das weiß natürlich auch eine so kluge Frau wie Miß Szold, die Ehrenpräsidentin und eigentliche Schöpferin der Hadassah. Ihr nun erwächst aus ihrem neuen Tätigkeitsgebiet und ihren neuen Erfahrungen eine große, entscheidende Aufgäbe: sie muß nun auch ihre Hadassahfrauen für die Idee des Primates der Kolonisation und die Idee der Gesamtverantwortlichkeit der ganzen Zionistisehen Organisation gewinnen. Die Hadassah hat, nicht zum wenigsten durch die organisatorische Leistung von Miß Szold, heute eine Bedeutung erreicht, die es ihr nicht mehr gestattet, sich auf ein Spezialgebiet zurückzuziehen. Sie muß Größerem ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Die Führerinnen in Amerika sehen offenbar die großen Zusam men hänge noch nicht genügend klar und stehen zu sehr unter dem Eindruck mehr lokaler amerikanischer und propagandistischer Intentionen. Sie werden eine Aufklärung durch ihre Führerin, die inzwischen eine überragende Stelle in der Gesamtbewegung errungen hat, nicht ignorieren können. Miß Szold h!t auf eine .Anfrage, in der Jettpale1n|r Pressekonferenz gesagt, sie bähe vr IVe. AbreMe au:, f:״Äi1irEaTili'Äefi׳ihÄgp1:>w#rtaia8säh gelöst und könne daher auch auf den gegenwärtigen Konflikt in Amerika keinen Einfluß ausüben. Dies ist wohl nur rein formell richtig, ln Wahrheit ist es schwer denkbar, daß die amerikanlschen Zionisten, die seit Jahren eine Beteiligung an der Exekutive fordern, gerade in dem Moment, wo eine aus ihren Reihen hervorgegangene Persönlichkeit in die Exekutive eingetreten ist, deren Votum bagatellisieren. Wenn wir nicht irren, war es Miß Szold, die in Atlantic City vor einem Jahre beim Beginn der Attacken gegen die Lipsky-Vcrwaltung, den Frieden wiederhergestellt hat. Es erwächst ihr heute eine neue, größere Aufgabe. Der Kern der amerikanischen Oppositionsgruppe ist die Hadassah. Alles kommt darauf an, diese Opposition zu einer fruchtbaren, konstruktiven zu gestalten. Die Gegensätze in Amerika sind letzten Endes, wie wir bereits kürz- (ich an dieser Stelle ausgeführt haben und wie Miß Szold in Jerusalem ausdrücklich bestätigt hat, Gegensätze zwisehen ost- und westjüdischen Schichten. Der Zionismus kann auf keine dieser Gruppen verzichten. Es wäre müßig, aus der Feme konkrete Vorschläge in bezug auf die Personalfragen einer Landesorganisation machen zu wollen; aber es ist unmöglich, daß, bei Einsicht in die Notwendigkeit, ein Ausweg nicht gefunden werden kann. Es liegt hier ein Kardmallnteresse der Gesamtbewegung vor, nicht eine interne amerikanische Angelegenheit. Miß Szold ist heute die Figur, die am sichtbarsten den amerikanischen Zionismus an die Interessen der Gesamtbewegung knüpft und die zionistische Welt erwartet von ihr, daß sie im Interesse der übergeordneten Idee in die amerikanischen Verhältnisse ordnend eingreift. Ihre Rede in Jerusalem zeigt Miß Szold als die Trägerin eines großen zionistischen Gedankens. Sie kann eine historische Rolle in der Geschichte der Bewegung spielen, wenn sie jetzt die Bewegung in Amerika zur Höhe des zionistischen Gesamtinteresses emporzwingt. * Nachstehend geben wir einen Auszug aus der Jerusalems Rede auf gewisse Punkte mehr als auf andere zog. Die Hauptschlagworte waren die ״Balancierung des Budgets“ und ״Konsolidierung“. ״Balancierung des Budgets“ ist sicherlich kein neuer Gedanke. Keine vorhergehende Exekutive wollte etwas anderes, als sich innerhalb der zu ihrer Verfügung stehenden Mittel halten. Keine vorhergehende Exekutive wollte die Bewegung in Schulden stürze«. Jede Exekutive hätte gesagt, daß ״Balancierung des Budgets“ eine elementare Verwaltungspflicht ist. Wenn nichtsdestoweniger eine solche selbstverständliche Forderung heute zur Losung f, . aus einem oder dem andern Grande das Jahresbudget nicht balanciert worden ist, mit dem Ergebnis, daß die Bewegung mit Defiziten und Verpflichtungen belastet wurde, die eine Hypothek auf unsere künftigen Einnahmen für drei oder vier Jahre bilden. Diese Sachlage führte zu einer Ueberprüfung unserer Einnahmen. Der XV. Kongreß umschrieb genau die Grenzen der zu erwartenden Einnahmen. Uns innerhalb dieser Grenzen zu halten, war der eigentliche Auftrag des Kongresses an die Palästina-Exekutive. Was dies im Einzelnen für die Finanzpolitik zu bedeuten hat, wird der Treasurer (van Vriesland) auseinandersetzen. Ich gehe jetzt zu der zweien Losung über — Konsolidierung. ״Konsolidierung“ ist ebensowenig ein neuer Grundsatz wie ״Balancierung des Budgets“. Das Wort erschien auf dem Wiener Kongreß 1925, machen, wenn wir ein Budget »ächten, das Ausgaben für; Bewässerung, Gebäude, lebendes und tote? irwentar 1ur.fdSte, :»|e."' 'Was wir;außer acht ließen, war, daß ״Konsolidierung“ bedeutet, Wasser, Gebäude, Inventar usw. in genügendem Ausmaß und innerhalb einer gegebenen Zeit zu beschaffen. Wir übersahen, daß, wenn• aas Werk sich zu lange hinzieht, keine ״Konsoüdierung“ vorliegt Unsere Aufgabe, die Aufgabe der gegenwärtigen Exekutive ist, rückwirkend Budgets zu balaneieren, damit die Siedlungen konsolidiert werden können. Die Durchführung der beiden Losungen erforderte eine gründliche Revision unserer ganzen Arbeit vom Gesichtspunkt der Kolonisation aus. Auch hier sage ich nichts Neues, auch hier ist es nur eine Frage der Betonung. Die zionistische Bewegung ist zumindest seit 1922 eine Bewegung für die An- Siedlung von Juden in ihrem Land, wo sie die nationale Heimstatte zu erbauen haben. Wir haben aber und konnten offenbar nicht unsere Arbeit ganz und gar vom Gesichtspunkt der Kolonisation einrichten, indem wir alles andere — industrielle Unternehmungen, medizinische Fürsorge, Erziehung — aus dem zentralen Zweck, der Kolonisation, emporivachsen ließen. Kolonisation ist unser zentrales Ziel, weil nur durch ihr Gelingen wir dem integralen Ziel des Zionismus näherkommen können. Und sie muß auch darum als unsere zentrale Aufgabe betrachtet werden, weil unter allen zionistischen Aufgaben die Kolonisation und Imtnigration, die damit zusammenhängt, die einzige praktische Aufgabe ist, welche von der Durchführung der Juden allein abhängt Die Regierung kann sie erleichtern durch ein gerechtes Steuersystem, durch Bodenzuteilung, durch pollzeiliehen Schutz, aber letzten Endes ist die Kolonisation die praktische Manifestation unseres Willens, ein nationales Heim zu haben, welche jeder anderen Lebensäußerung vorhergehen muß. Aus diesem Grunde stellt unsere Exekutive die Konsolidierung der Siedlungen in den Vordergrund. Sie müssen ausgestattet werden mit dem, was ihnen versprochen worden ist und was bisher nicht gewährt werden konnte, zum Teil deshalb, weil wir neue Siedlungen begonnen haben, bevor die älteren konsolidiert oder auch nur auf dem Wege dazu waren. ״Konsolidierung“ meint aber nicht nur volle Ausstattung innerhalb der gegebenen Zeit, sondern auch die Herstellung von richtigen Beziehungen zwischen den Siedlungen und der Instanz, die die Gelder vorgestreckt hat. Diese Regelung muß natürlich nicht nur die vorgestreckten Gelder in Betracht ziehen, sondern auch die Arbeit, die organisatorische Kraft und den sozialen Idealismus, den unsere Siedler hineingesteckt haben. Die Regulierung dieses Verhältnisses in juri* stischer Form ist eine der Maßnahmen der Konsolidierung, für welche die Exekutive sich verantwortlich fühlt. Juden denken nicht an Kolonisation als ein Ding für sich. Sie betrachten sie als den Einleitend sagte Miß Szold, es sei schwer für sie, in Ab- Wesenheit ihrer Kollegen ein Programm der Exekutive darzulegen. Darüber hinaus ist es schwerlich im Einklang mit dem System zionistischer Arbeit, das Programm der Zionistischen Exekutive in Jerusalem von dem Programm der Exekutive in London zu trennen. Die beiden Teile der Exekutive sind in dieser Beziehung untrennbar. Ein eigentliches Programm der Gesamtexekutive ist jetzt in der Entstehung begriffen. Auf Grund der Expertenberichte und auf Grund der Erfahrungen während unserer Amtszeit wird ein langfristlges Programm ausgearbeitet, das dem Aktions- Komitee im Sommer vorgelegt werden wird. Im großen ganzen bin ich der Meinung, daß die Tendenzen und Prinzipien, die uns geleitet haben, nicht wesentlich von denen verschieden sind, die die Arbeit der Exekutive seit der Balfour-Deklaration bestimmten. Es ist nur ein Unterschied der Betonung. Manche Tendenzen wurden in den Vordergrund gedrängt, weil die gegenwärtige Situation die Auimerksamkeit Nährboden einer jüdischen Kultur. Wenn nicht die Gelegenheit für eine jüdische Kultur und hebräische Entwicklung in Palästina gegeben wäre, dann wäre die Kolonisation undenkbar gewesen. Die Schule ist eine ebenso grundlegende Forderung wie Boden und Inventar. Ebenso grundlegend vom Standpunkt des Kulturmenschen ist jede andere kulturelle Forderung, wie Hygiene, medizinische Fürsorge usw. Solange die jüdische Bevölkerung spärlich ist, muß jede kulturelle Forderung von der kolonisatorischen Instanz befriedigt werden. Aber mit fortschreitendem Wachstum des Gemeinwesens wächst auch seine Fälligkeit, die kulturellen Bedürfnisse selbst zu decken und deren Befriedigung von der Regierung zu verlangen. Daher ist es die Aufgabe der Exekutive, dem Gemeinwesen bei seiner Organisation zu helfen, so daß es in zunehmendem Maße imstände ist, zur Kulturarbeit beizutragen, und seine Forderungen in wirksamer Weise der Regierung vorzulegen. f % #'