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Jüdische Rundschau · 1928-05-04 · Heft 35 (4.5.1928) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 35 (4.5.1928)
Date
1928-05-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 35, 4. V. 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 253 Literatur ״Blatt Leone Ebreo der Verfasser der Dialoghi di amore*). Von Prof. Dr. Wilhelm Stein, Wien. Der Letzte in der ruhmvollen Reihe jüdischer Religions- Philosophen, zugleich der einzige jüdische Denker der Renalssance, neben den nur noch Spinoza zu stellen wäre, war Jahrhunderte dem Gedächtnis des Großteils seines Volkes fast entschwunden. Nur einzelne Sephardim wie etwa Gcdaljah ibn Jachja, Asarja dei Rossi und Manasseh ben Israel erwähnen Leone Ebreo noch. Und doch ist sein Hauptwerk frühzeitig ins Hebräische übersetzt worden und sein reinstes poetisches Erzeugnis, eine stimmungsvolle Elegie, die ehrliehe Begeisterung für das Judentum atmet, hebräisch abgefaßt. Außerhalb des Judentums aber kannte und las man Ihn, wie Camoens, Cervantes, Giordano Bruno, Bacon, Montaigne und auch Schiller noch bezeugen, da er mehrmals ins Französische, Spanische und Lateinische übertragen worden war. Noch gründlicher als die sonstigen religions-philosophisehen Leistungen mußten Leones ״Dialoghi di amore“ vergessen werden, weil sie nach Form, Idee und Herkunft der Elemente ganz aus der Entwickelungslinie herausfallen. Als Sohn des berühmten Talmudkommentators Isak Abravanel war er in seinem Geburtslande Portugal in jüdisches Wissen und jüdische Ueberlieferung eingeführt worden. Ein Thron- Wechsel drängt die ganze Familie, nach Sevilla, wo Jehuda unter Leitung des Vaters die Philosophie der Araber und der spanisch-jüdischen Denker und dadurch auch die des Aristoteles kennen lernt. Da bricht die Katastrophe von 1492 herein. Is#k Abravanel wandert mit den Seinen nach Neapel weiter. Juda betätigt sich dort als Arzt, findet aber auch Anschluß an den blühenden Humanismus Süditaliens, wie es bereits Jehuda ben Jechiel, der unter dem Namen Messer Leon bekannt ist, und Elia del Medigo, der Lehrer ujtd Freund des großen Pico de Mirandolo, getan hatten. Der junge Abravanel, der selbst Dichter und mit einem ungewöhnlich starken ästhetischem Empfinden ausgestattet ist, fühlt sich von dem dichtenden Philosophieren dieser platonisierenden Kreise angezogen. Die drei Elemente Judentum, Aristotelismus und Platonismus verschmelzen nun zu einer lebenskräftigen Einheit, wozu die ihm bis dahin unbekannte Kabbala als erregendes und weiterdrängendes Ferment tritt. Kaum zwei Jahre dauert der Aufenthalt in Neapel. Der Einzug der Franzosen 1495 jagt die Familie auseinander. Jehudah kommt nach Genua, wo er zwar zahlreiche andere Flüchtlinge vorfindet, sich aber inmitten dieser nur dem Gelderwerb huldigenden Stadt seelisch ganz vereinsamt fühlt. Und hier nun beginnt er die Arbeit an den ״Dialoghi“, die recht deutlich die Zeichen der Vereinsamung und des bitteren Schicksals an sich tragen. Immer wieder wechselt er seinen Zufluchtsort, bald ist er bei seinem Vater in Venedig, dann in Neapel, wohin ihn die Sehnsucht getrieben und wo er als Leibarzt Gonsalvos de Cordoba bis zu dessen Sturz wirkt, hierauf neuerdings in Venedig. Schließlich sind mir unsichere Spuren von ihm mehr vorzufinden; so etwa eine von Gerhard Scholem auf ihn gedeutete Pergamenturkunde aus Ferrara und drei Zeugnisse, die nochmals auf Neapel Hinweisen, bis er gänzlich unseren Blicken entschwindet. Als 1535 die ״Dialoghi“ aus dem Dunkel, in dem sie begraben lagen, ans Licht kamen, also als dieses in der jüdischen Philosophie einzig dastehende Werk herausgegeben wurde, weilte Leone Ebreo nicht mehr unter den Lebenden. Die Stellung der ״Dialoghi“ in der Geschichte der Philosophie läßt sich um so eher fixieren, als sich darin wiederholt historische Exkurse finden. Der Versuch einer Versöhnung der aristotelischen Philosophie mit der platonischen wurde früher besonders unterstrichen: Jehudah setzt hier Maimuni und Josef Schemtob fort; nur glaubt er die Hauptdifferenz zwischen beiden Systemen darin gefunden zu haben, daß Aristoteles den Slnnendingen mehr Wesenhaftigkeit zuschreibt als Plato, jeder aber seinen Standpunkt, wie das eben ge- Kchichtüch begreiflich sei, übertrieben habe. Allmählich jedoch erkannte man den Einfluß der Kabbala in immer größerem Maße an, so daß David Neumark die Idee des Siwwug sogar als Grundlage der Philosophie des Leone Ebreo bezeichnete. Demgegenüber stellt Heinz Pflaum in seinem aufschlußreichen Werk über Leone Ebreo die Behauptung auf, daß das Hauptverdienst unseres Philosophen darin gelegen sei, zum erstenmal in der Geistesgeschichte ein System geschaffen zu haben, in dem ein universales Lebensprinzip statuiert sei und daß von ihm zum erstenmal die Welt als einheitlicher Organismus aufgefaßt werde. Durch seine einheitliche und dynamische Auffassung der Natur ist Leone Ebreo der unmittelbare Vorläufer der Naturphilosophie des sechzehnten Jahrhunderts. Er wagt damit als erster den gewaltigen Vorstoß aus der verwirrenden Vielheit der Ent- Ichnungen und Strömungen der Frührenaissance, also dem Zeitalter des Synkretismus, um das neue kraftvoll-einheitliche Wcltgcfühl der Hochrenaissance zu erleben. In der vorbereitenden Epoche ringen noch die verschiedensten Denkrichtungen und Systeme miteinander. Die lediglich rationalistisch begründete Scholastik ist zusammengebrochen, wogegen sich die im Mittelalter zumeist unterirdisch fließende Mystik durch die Verschmelzung mit kabbalistischen und anderen orientalischen Elementen so kräftigt, daß sie später in einer mystischen Naturphilosophie die Oberband gewinnt. Diese Strömung bleibt unter der Fülle der philosophischen Abhängigkeiten lang genug undeutlich, bis sie mit Leone Ebreo zum erstenmal ihre deutlichere Richtung erhält. Freilich macht er sich noch nicht von der für das Mittelalter charakteristischen Hierarchie des Seins los, aber das starre Gebilde wird schon lebendig und beweglich, indem zwischen den einzelnen Seinsformen die Liebe als wirkend angesehen wird. ״Die mittelalterliche Substanzialität setzt sich in Funktionalität um.“ Der Liebesbegriff Leone Ebreos unterscheidet sich zunächst von der jüdischen und christlichen Auffassung des Mittelalters, da er eher an Plato und Aristo- *) Heinz Pflaum, Die Idee der Liebe. Leone Ebreo. Zwei Abhandlungen zur Geschichte der Philosophie in der Renaissance. Verlag 1. C. B. Mohr, Tübingen 1926 (Heidelberger Abhandlungen). teles, vor allem aber an die italienische Renaissancephilosophie anknüpft. Er meint ja nicht nur die Gottesliebe, sondern er begrenzt die Liebe in ihrem gesamten Umfange, wie etwa auch die natürliche Liebe, so daß er es in seinen ״Dialoghi“ als erster wagt, ein Liebespaar zu Trägern der tiefsten philosophischen Auseinandersetzungen zu machen. Er versteht unter Liebe keineswegs wie Aristoteles das Streben nach dem Besitz einer für gut erkannten Sache, sondern das Streben nach der Vereinigung mit etwas als gut Erkannten, bzw. den Genuß, den diese Vereinigung schafft, wodurch er das mystische Wesen der Liebe hervorhebt. Gerade diese Definition der Liebe aber wird ihm zum Hauptprinzip seines Systems. Für das zweite Hauptelement seiner Lehre vom Schönen konnte Leone Ebreo der jüdischen Philosophie kaum Neimenswertes entlehnen. Er befreit sich in seiner Kunstlehre von der bisher herrschenden und auch von Thomas von Aquino angenommenen Anschauung, Schönheit sei eine Proportion der Teile. Für ihn ist Schönheit ein ״formaler Reiz, der uns antreibt, die Sache zu begehren. Dieser Reiz beruht auf dem Anteil, den die reine Form, d. i. die konstitutive Idee in einer Sache hat." Durch Leones Lehre, die Schönheit sei die Idealität einer Sache schlechthin, hat er seine Aesthetik transzendental begründet, wodurch er sich in einen gewissen Gegensatz zur sonstigen Kunstlehre der Renaissance stellt. Möglich, daß hier seine jüdische Abstraktionskraft mitwirkte. Ein wenig übertreibend hat der bekannte spanische Aesthetiker Menendez y Pelayo von Leones Kunstlehre gesagt: ״Niemals Ist vor Hegel die idealistische Aesthetik in einem größeren Umfang entwickelt ־worden.“ Die Schönheit entzündet nun die Sehnsucht, in Gott aufzugehen, in dem die höchste und reinste Idee ruht. Aber dieses Aufgeben in Gott bedeutet durchaus nicht die Weltflucht und Askese des Mittelalters. Alles soll teilbaben an diesem Einswerden, indem die niederen Sphären von den höheren emporgezogen und vervollkommnet werden. Die Liebe erst ermöglicht es der naturverhafteten Seele, die oberen Pforten zu öffnen. Sowie auch Gott seinerseits die Einswerdung ersehnt und genießt, Dilettasi ״il Signore ne glieffetti suoi“ ״Der Herr freut sich in seinen Geschöpfen“ (Ps. 101, 31), denn erst die Vervollkommnung der gesamten Schöpfung bringt die Vollkommenheit Gottes. Diese wechselseitige Liebe, dieses Liebesbündnis zwischen Gott und Welf, weist wohl wieder auf die mystisch allegorische Auslegung des Hohenliedes. Unsere Glückseligkeit aber liegt in der Erkenntnis des höchsten, des göttlichen Intellekts, in welchem die Dinge früher und vollkommener als in jedem geschaffenen enthalten sind. Mit Recht verweist Zimmets, der erste deutsche Biograph Leone Ebreos, auf die seltsame Tatsache, daß ein Mann, welcher in seinem Leben soviel Haß und Leid erfahren, gerade über die Liebe so viel und innig sprechen konnte. Des gehetzten und gequälten Jehuda Abarbanels Idee von der ״amore intellettuale de Dio“ hat dann der andere jüdische Renaissancepbilosoph übernommen, um sie als amor dei intellectualls dem europäischen Geistesleben als fruchttragende Gabe zu bringen. Bruno Frank s Politische Novelle. Emst Rowohlt Verlag. 170 Seiten, 5,- M. Wer sich darüber klar wird, daß der Krieg die Idee der Gewalt ad absurdum geführt hat, fragt sich, ob es Utopie ist, da(} beherrschende Geister Europas aufstehen, sich zusammentun, diesem Zustand ein Ende machen und menschliche Gesittung an Stelle menschlicher Torheit setzen könnten. Brune Frank läßt die beiden tragenden Figuren seiner Novelle Unter- Teilungen über dieses Thema führen. Ihm ist der französische Minister Dorval — ein vollkommenes Abbild des lebenden Briand — ein solch überragender Geist, für Deutschland fehlt seit Rathenaus Tode eine 'solche Persönlichkeit; Carmer, dei Vertreter Deutschlands in Franks Novelle, ist kein Abbild eines Lebenden, vielmehr eine ldealgettalt nach bester geistiger deutscher Tradition mit klarer Erkenntnis für die Notwendigkeiten einer neuen Zelt. Ihre Gespräche sind voller Erkenntnis vom Wesen der Politik. Beide begreifen sie, daß nur die große Idee, die Leitstern alles Tuns Ist, das Kleinliche des Alltags erträglich macht. Für die Zusammenarbeit der Völker Europas und damit für seine Befriedung sind beide Männer Dorval wie Carmer geeignet, weil sie erkennen, daß, so wie jeder Mensch, auch jedes Volk seine Begabung und seine Grenze hat. Daß darum Ergänzung notwendig ist, daß jedenfalls Verschiedenheit im Wesen und Charakter nicht Minderwertigkeit bedeutet. Während so die beiden Meister in gegenseitigem Verstehen, jeder sich der eigenen und seines Volkes Eigenart bewußt, aber geneigt und gewillt, die Vorzüge des Anderen anzuerkennen, miteinander politische Gespräche führen, debattieren gegeneinander ihre Sekretäre auf dem Gebiet der Literatur, aber nicht in liebevollem Verstehen des Anderen, sondern in scharfer Kritik, beruhend allerding* auf genauer Kenntnis der Literatur und Sprache des Anderen. Beide sind Juden; als sie einander begrüßen, ״grüßt ein mehrtausendjähriges gleiches Schicksal rieh selber in diesem Bück“. Erlanger, Carniers Sekretär, verteidigt in französischer Sprache die deutsche Sprache und Literatur mit ihrem Reichtum: Bloch, Dorvals Sekretär, in deutscher Sprache französische Klarheit und Abgewogenheit. In feiner Bemerkung sagt der Dichter von ihnen: ״Hätte sie einer gehört, die Erwägung hätte ihm kommen können, ob nicht der innige Anteil am Worte, am Laut werdenden Erinnerungsschatz eines Volkes Zugehörigkeit tiefer begründe, als manche fragwürdige Blutsverwandtschatt. Vielleicht aber, wer will da schwören, hätten sich einem strengen Hörer die Streitenden nur vollends verdächtig gemacht. Der hätte vielleicht gefunden, daß jeder von ihnen allzu vollkommen die Sprache des andere rede.“ Eines Kommentars bedarf es zu dieser, die Wirklichkeit richtig wiedergebenden Bemerkung nicht, besonders, wenn man noch folgende Worte des Dichters hizufügt: ״Solcher Chauvinismus in das Nationale und Staatliche übersetzt, hätte ungefähr bei jeder Wendung Gefahr und Kriegsfall bedeutet.“ So wie hier mit treffenden Worten ein kleines Stückchen | der Judenfrage gestreift ist, ist mit Blicksicherheit und Feinheit der Empfindung noch manches andere im Buche angedeutet und dargestellt: der Luxus der Riviera, das Auftreten der Negerdiva Becky Floyd (nach dem Vorbild der Baker), das französische ־ Essen, die französische Frau, Landschaft und Städte, besonders j Marseille, das Tor nach Afrika. Hier in Marseille endet die \ Novelle. Carmer wird von einem entlassenen Soldaten er- 1 mordet. Der Krieg währt nach; ihn überwinden zu helfen, ist dieses mutige, dieses anständige, dieses erfreuliche Buch geschrieben Albert Baer. Soeben erscheint gleichzeitig mit 9 Übersetzungen im Ausland Bet jWenfdjenfotyn Geschichte eines Propheten von €m(l Hu&tmg Mit 15 Kupfertiefdrucktafeln nach Zeichnungen von Rembrandt 1.-30. Tausend Ganzleinenband M 9.50 ★ In diesem untheologischen Buche, das sich nur auf den Urbericht der Evangelien stützt, sucht der Forscher und Künder großer Charaktere die Entwicklung eines demütigen Jünglings zum Propheten, die Geschichte seines Selbstgefühls und die Ohnmacht des Gottbegeisterten gegen den Widerstand der stumpfen Welt zu deuten. Ludwig weist dabei in dieser menschlichen Tragödie, die nur von Jesus, nicht von Christus handelt, auf das große Beispiel für die Idealisten aller Zeiten, wie •ie auch heute wieder als Märtyrer kämpfen und fallen. זי־ in jeder guten Buchhandlung vorrätig Ausführlicher Prospekt kostenlos durch Cr ״fl &08>0i)lt ©erlag Berlin 5 lm Verlag Shapiro, Vallentine & Oe, Ixmion ist soeben ersehienen: מלוי שמושי לתלמוד למדרש ולתרגום Handwörterbuch zu Talmud, Midrasch und Targnm Htbräiaeh — Deutsch — Englisch von Baruth Krupnlk u. Dr. A, M. Silbermann 2 große Bände. Format 251619,924 Seiten Das Werk umfaßt den gesamten Wortschatz dee babylonischen und jerutdUmiseken Taltnuds, sämtlicher Midraschim und Targumim. Jede Wortform ist durch Zitat belegt. Düs Anlage ist sinnvoll und praktisch. Das Werk ist auf gutem Papier gsdrvekt und *n zwei geschmackvollen Leinsnbänden gebunden, Preis | 10.— (Mk. 42.-) Auslieferung für das deutschsprachige Gebiet: Buchhandlung Rubin Muss (torm. Buchhandlung ״JaVod") Berlin-Charlottenburg, Kanttfraße 46 ... ...■■■.. .... SOEBEN ERSCHIENEN: SONDERHEFT ZU Marlin Bauers fflnfzlüsient Gebortstajt Hrnolb $t»eig 3an# 80b« Jlftolf H8f!met tltarfu# Hein Hobert tPeltfcf? (Ernft Simon 3»6« C. Hl eignes ean-Hldjarb Klocb iegfrlcb Cebmann «rieb $itf<b&erg Plftor Kellner 5ranj Hofenjtpeig Cell! *Deltfö f$ugo Hergmann Cubttrig Straufj tttag Hroö Ätleärlcb «frie&erget «rnft müder ®etfyjti» Scbolent maraarete Susman Ceo baed Hathan Him&aunt Stlartin Huber Preis des Heftes Mk. 330 mit Beiträgen von Jüdischer Verlag / Berlin W ä1

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