Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1928-04-04 · Heft 27-28 (4.4.1928) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 27-28 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652971-2652998--19869-2677791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jcmmania I ItlDAICA Mit UntcThalttmgs~Bcüa.Qc Doppelnummer 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion and Verlag Berlin W IS, Meisekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Am •nd*»b0fm«a*nt• wai-dea ia dar Wihrnntf dar •fau^aea Uaim bereehnaL Nummer 27/28 rnmummmmmmmmmm |B«riIa^VL1928 Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b. H., Berlin W15, Meiaeke*tr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Ajueig«0pT«i#78 jj®tptiLN0np*reiH*zeU*0,>0G.־״M. Stellengesuche(),2dG.־M Ansci^QBcklisBj Di ©0•t ® g nnd F retta g nachmittag« 4 Uhr Telephon! Bismarck 7165-^70, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 F&r 0©«Urrdefe: Pftstsaftrk&sseiiamt Wies, Konto Nr,!56030. Für T»cb©ehr'»lowai«.־ raattp&rkaMeaamt Frag, Konto Ne, 59410, # För Polen 1 Poatgparkaaaaoamt Waradiaa, Konto Nr. 190708, RedaktionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ד גיסך, ע״פ תרס״ח | xxxm.jahrg. 08» Zionismus inltebt tOr da» fUcHsehe Voll« dl« Schaffung einer dffuwHich ■ retMllth gaalcharlan Halmitätta in Palästina. ״Basalar Programm.** Zionistische Pessachiage Lehren der Geschichte - Aufgaben der Stunde - Für ein Wirtschafts- Programm - Die Lage in Amerika - Scheidende Beamte - Chaluz-Geist Seit dem Beginn der modernen nationalen Bewegung sind uns die Peßach-Tage mit besonderer Eindringlichkeit zu einem Einschnitt im jüdischen Jahr geworden. Sie schließen das erste Halbjahr der Arbeit ab, die erwachende Jahreszeit öffnet den Ausblick in einen neuen Abschnitt. Mit den Gedanken, die zu den liebliehen Gefilden sonnigen und blütenreichen palästinensischen Frühlings schweifen, verbindet sich die stärkende Erinnerung an die wundersamen Begebenheiten, die unsere Vorfahren zu einem Volk gemacht haben. Der Bericht von dem Auszug aus dem Hause der Knechtschaft in das Haus der Freiheit erfüllt uns mit Zuversicht, weil er mehr ist als die Schilderung eines einmaligen geschichtlichen Ereignisses, weil er uns in so tiefer Symbolhaftigkeit die ewige Situation des in Knechtschaft befangenen, zur Freiheit strebenden Mensehen enthüllt. Und darum ist die Peßachfeier so lebendig, weil wir empfinden, daß dies alles, was dartials unseren Vätern widerfuhr, täglich uns widerfahren kann, ja daß wir im Grunde in der gleichen Problematik und vor der gleichen Entscheidung stehen. Niemals haben geschichtliche Ereignisse sich auf einer einfachen Linie abgespielt, stets waren sie erfüllt von Konflikten, von Versuchung, von Abfall und menschlicher Kleinheit. Es ist der große Vorzug der biblischen Erzählung, daß sie— im Gegensatz zu der sonst vielfach üblichen Art von Geschlechtsüberlieferung — uns auch diese Konfiikte׳.׳־ipadM»sehlehk«fitäi 'nich#*f«r1aiwei§t׳'•und :da», durch uns nur umiö nffter ergreift. Es ist eine leidige Tatsache des menschlichen und auch des Völkerlebens, daß die meisten Menschen aus. den Erfahrungen anderer nicht zu lernen vermögen. Jede Generation muß am eigenen Leibe die Lehren des Lebens erfahren. So ist auch erklärlich, daß wir Juden uns zwar an der Erzählung von unserer ersten Befreiung zu erbauen vermögen, aber im Grunde nichts aus ihr gelernt haben. Bis auf den heutigen Tag vollzieht sich unser Volksleben in derselben Art wie damals. Die zionistische Bewegung ist vor dreißig Jahren mit bewußter Anknüpfung an die Analogie des Auszugs aus Aegypten auf den Plan getreten. Es war eine etwas kühne, vielleicht auch vergröberte Analogie, ähnlich wie der׳ üblich gewordene Vergleich mit den Makkabäern nur sehr eingeschränkt gelten kann. Aber diese Analogie, dieses Sich-selbst-in-die-Lage-der-Vorväter-versetzen, hat doch entscheidend dazu beigetragen, einem entjudeten Geschlecht unsere Feste wieder zu einem lebendigen Inhalt zu machen. Und wenn wir für die Bewertung unserer Gegenwart daraus eine Lehre ableiten dürfen, so ist es die Erkenntnis, daß der Glanz der geschichtlichen Tat von der Kleinheit der Tagesereignisse, der täglichen Sorgen und der menschlichen Konflikte nicht beeinträchtigt wird. Aber aus dem Wege gehen können wir, so sehr wir das Beispiel des Auszugs beschwören, all den inneren und äußeren Trägheiten auch diesmal nicht Dennoch können wir rechtschaffenerweise nichts tun als die vor uns stehenden konkreten Aufgaben mit möglichster Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit zu lösen versuchen. Der Zionismus erstreckt sich ja heute in zwei Welten verschiedener Struktur, deren Zusammenhang zwar gedanklich und persönlich hergestellt ist, die jedoch beide ihre eigenen Gesetze haben- Im Bereich der Idee gilt es, die Wahrheit unserer Erkenntnis und unserer Forderung zu bewähren und nicht in das Reich der Wesenlosigkeit abzugleiten; in der konkreten Wirklichkeit aber, die wir im Lande Palästina zu bewältigen haben, gilt es rücksichtslose Auseinandersetzung mit den Realitäten des Lebens. Hier haben wir jeweils zu untersuchen, wo wir stehen und was zu geschehen hat. In dieser Arbeit ist nicht die Antwort eines Arguments, sondern die Antwort der Tat am Platze * Die Lage in Palästina hat sich in der letzten Zeit gebessert. Nach allen Voraussagen scheinen wir wieder vor einer Zeit wirtschaftlicher Konjunktur zu stehen. Die von uns wiedergegebene Rede Sir Alfred Monds hat im Lande und außerhalb optimistischen Glauben erweckt. Gewisse lange begonnene Pläne gehen ihrer Verwirklichung entgegen, das Elektrizitätswerk wird Kraft erzeugen, die nach Betätigung verlangt, die neu begonnenen Plantagen werden bald Frucht abwerfen, die Rentabilität des Pflanzungsbaues hat endlich auch zu entsprechenden Versuchen des Kapitals geführt. Die Nachwehen der übermäßigen Konjunktur von 1924—25 sind insofern überwunden, als die Arbeitslosigkeit sich stark vermindert hat, teils durch Auswanderung des Ueberschusses an Eingewanderten, teils durch ihre allmähliche Aufsaugung in der Industrie, teils durch verschiedene öffentliche Arbeiten, die freilich provisorisehen Charakter haben. Es ist ein großer Fortschritt, wenn die Ziffer der Arbeitslosen heute nur noch mit etwas mehr als einem Drittel der vorjährigen Zahl angegeben wird. Aber selbst wenn das Problem der Arbeitslosigkeit restlos gelöst wäre, so wäre dies noch kein Grund, befriedigt aufzuatmen. Denn dann erst beginnt wieder die eigentliche zionistische Aufgabe, die jetzt fast drei Jahre lang geruht hat. Sie heißt: Neue Einwanderung, neue Kolonisation, Aufbau des nationalen Heims. Um diesen Punkt kreisen jetzt alle zionistischen Gedanken. Und obwohl niemand es deutlieh ausspricht, ist man — wenn man von einigen atavistischen ״Resolutionen“ absieht — sich doch darüber einig, daß die neue Periode des Aufbaus im Zeichen neuer Methoden stehen muß. Wir haben gelernt, daß eine Kolonisation ohne gesicherte Mittel and ohne genau eingehaltenen Plan nur mit großen Verlusten an Geld und־ Menschenkraft dttrefifrtthren Jst. unvermeidliilfe1 « ist heute niefit wiederfioibar. Der Keren Hajessod hat durch seine Finanzierung, des ersten Stadiums des Aufbaus eine htetorisehe Rolle erfüllt;: aber er hat, entsprechend seinen materiellen Ergebnissen, seine Funktion gewandelt; er ist heute der unentbehrliche Fonds zur Erfüllung einer Reihe von öffentlichen Bedürfnissen, aber in seinem heutigen Ausmaß reicht er keineswegs aus zur Inangriffnahme größerer Pläne. Was von einigen, vor allem von Arlosoroff, schon vor fünf Jahren gesagt wurde: daß Kolonisation ohne konzentriertes Kapital, das heißt aber: ohne Anleihe-Kapital, nicht durchführbar ist, — ist heute Gemeingut der zionistischen öffentlichen Meinung geworden. So ist zu erklären, daß das allgemeine Interesse sich den Nachrichten zuwendet, die über den Plan einer zionistisehen Anleihe unter den Auspizien des Völkerbundes bekannt geworden sind. Die Zionistische Organisation ist bereits seit längerer Zeit bemüht, die Sympathie der wichtigsten Völkerbundsmächte für ein solches Projekt zu gewinnen, und soweit bekannt geworden ist, waren diese Bemühungen erfolgreich. Man muß jedoch, will man sich nicht selbst täuschen, bei dieser Sache deutlich zwei verschiedene Aspekte auseinander halten. Auf der einen Seite ist die Anleihe- Frage ein Politicum und daher des Wohlwollens der führenden Staatsmänner bedürftig; auf der anderen Seite jedoch ist sie ein finanztechnisches Problem, das bei uns keineswegs so leicht lösbar ist wie bei einem wenn auch noch so kleinen Staatswesen. Diese Kompliziertheit der Sache bringt es mit sich, daß sie die verschiedensten S t a d i e n zu durchlaufen hat. Bevor sie konkrete Form gewonnen hat, läßt sich ein abschließendes Urteil über die Chancen nicht abgeben. Daher sind auch die verschiedenen Darstellungen, die ihren Schekel und Delegierientag Wir ersuchen alle unsere Gruppen und Schekelvertrauens- Ieute dringendst, die Schekelsammlung an ihrem Orte jetzt unverzüglich durchzuführen. Wir weisen hierbei ausdrücklich daraut hin, daß nach den in Erfurt angenommenen Bestimmungen unseres Statuts die Wahlberechtigung der Ortsgruppen und der einzelnen Wähler von der Abführung der Schekel vor der Vornahme der DeJegfertenwahlen abhängig Ist. Der nächste Schekelausweis erscheint am 24. April d. J. Zionistisch« Vereinigung für Deutschland Berlin W.15, Meinekestraße 10. Postscheckkonto: Berlin 8091. (Die Tagesordnung des Delegiertentages befindet sich im Innern des Blattes.) Weg durch die jüdische Presse machen, mit großer Vorsicht aufzunehmen, selbst wenn es sich um kolportierte Aeußerungen einer führenden Persönlichkeit handelt. Solche Nachrichten sind schon darum wertlos, weil sie den Stempel der Zufälligkeit auf der Stirn tragen. Ebenso zurückhaltend sind auch die ausgestreuten Mitteilungen abzuschätzen, wonach innerhalb der Zionistischen Exekutive Meinungsverschiedenheiten über diese Sache bestehen. Meinungsverschiedenheiten sind unvermeidlich, vor allem in finanztechnischen Einzelfragen, die die Öffentlichkeit kaum übersehen kann. Schon die Funktion des Keren Hajessod dabei kann kontrovers sein. Wenn man damit rechnet, daß die Gelder der Anleihe vor allem für eine Kolonisation in dem als rentabel erwiesenen Orangenbau Verwendung finden sollen, dann muß man auch berücksichtigen, daß bis zur Zeit des ersten Ertrages, also durch etwa sechs Jahre, der Keren Hajessod den Zinsendienst auf sich nehmen müßte; er erhält dadurch eitle ganz neue und wichtige Aufgabe, die einen Teil seiner Mittel absorbiert, aber in der ökonomisch rationellsten Weise der Ausdehnung der jüdischen Position im Lande hilft Schon daraus geht hervor, daß auch im nächsten Stadium unserer Arbeit der Keren Hajessod das Rückgrat unseres ganzen Werkes ist. Ob nun die Anleihe in dieser oder jener Form vei #frfficht ivfrd, öder* 06 es gelingt, auf andere #dse ein entsprechendes Kapital für Ausdehnung der Kolonisation zu sichern, auf alle Fälle ist von größter Wichtigkeit, daß entsprechende Kolonisations-Pläne reefitzeitig da sind. Ja, diese Pläne sind zweifellos geradezu die Voraussetzung jeder Kapitalbeschaffung. Die Zionistische Organisation hat sich bisher noch nie dazu entschlossen, einen umfassenden, auf sachverständiger Prüfung beruhenden Plan vorzulegen. Dies hängt wohl zum Teil damit zusammen, daß wir durch die täglichen Sorgen völlig in Anspruch genommen waren. Nun stehen wir in Erwartung des Berichtes der Experten-Kommission, die einen solchen Aufbau- und Finanzplan liefern sollte. Aber sollte sich — was wir nicht wissen — zeigen, daß die Experten ihre Aufgabe mißverstanden haben, so daß sie zwar eine Kritik der bisherigen Arbeit, aber kaum einen tragfähigen Aufbauplan für die Zukunft liefern werden, dann wäre es ein dringendes Erfordernis, daß die Zionistische Organisation selbst mit einem entsprechenden Projekt, gestützt auf die Erfahrung eines Jahrzehnts und auf die Urteile der bewährten alten Arbeiter und Fachleute, hervortritt. Die Berichte der Experten werden, in ihrem kritischen Teil sicherlich, eine Bestätigung dessen bringen, was wir selbst wissen, was von unseren eigenen Fachleuten wiederholt gesagt wurde, und was im Grunde auch der Anlaß zur Einsetzung der Experten-Kommissten war; aber es kann — bei der Ungeschicklichkeit der Regie — so kommen, daß die Experten diese Dinge in einer Weise sagen, als ob sie gegen uns gerichtet seien. Es wäre höchst unklug, wenn wir in dem Moment, wo wir selbst die Überzeugung der Reformbedürftigkeit des alten Systems gewonnen haben, uns mit dem Reformbedürftigen identifizieren ließen, statt zu sagen, was wir jetzt tun wollen, und diese neuen Pläne den Sachverständigen vorzulegen. Der Bericht soll ein sachliches Instrument sein, das uns in der sachliehen Arbeit weiterhilft; nur nach diesen Gesichtspunkten ist er zu beurteilen. Wenn er auf Voraus- Setzungen aufgebaut ist, die für unser Volk und unsere Menschen nicht zutreffen, dann ist er für uns wertlos. Wjr hoffen, daß dafür Sorge getragen wurde, diese Berichte nicht zu abstrakten ״wissenschaftlichen“ Arbeiten werden zu lassen, sondern so zu gestalten, daß sie auf unsere Aufgabe anwendbar werden. Bei einer Bewegung, die so sehr auf Propaganda angewiesen ist wie die unsere, wäre es aber auch falsch, das Prestige-Moment vollständig zu vernachlässigen. Wir sind sicher die letzten, die eine leere Prestige-Politik befürworten. Aber es wäre Verhängnisvoll, in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen und * sich Maßnahmen, von deren Notwendigkeit man selbst überzeugt ist, von außen aufzwingen zu lassen, als ob die zionistische Bewegung für diese Erkenntnisse nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.