Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1928)
- Date
- 1928-03-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23, 20. HI 1928 JUimSCHE RUNDSCHAU Seite ICO Ua Goitein Zu Ihrem achtzigsten Geburtstag. Als Frau Dr. Goltein vor etwa zwanzig Jahren nach Mann* heim kam, da äußerte sie, daß sie jetzt mit ihren sechzig Jahren nicht mehr arbeiten und das jüngeren Kräften überlassen wolle. Mit sechzig Jahren wurde sie dann die unermüdlichste und jugendlichste Sammlerin für den Nationalfonds, die sozialste Helferin für al’e von jüdischer Not Bedrängten. Und heute, an ihrem achtzigsten Geburtstage, am 21. März, den die Zionistische Ortsgruppe Mannheim in froher Feier und mit dankbarster Seele wahmimmt, da ist Frau Dr. Ooitein genau dasselbe, was sie Immer war; das Gewissen zionistischer Pflicht, die Geberin jüdisch wertvollsten Empfindens, das Vorbild unserer lugend. Eine große Enkelschar umgibt unsere jugendliche Achtzig* jährige, auch darin echt jüdisch, die Seele trägt hinüber nach Erez-israel, wo zwei Enkel wirken, im Sinne der ramilie Ooitein, im Sinne unserer Achtzigjährigen, die selbst noch in Erez-Israel mit eigenen Sinnen ihren Lebenstraum sehen will, im Lande der Sehnsucht, das sie täglich ln ihren Gedanken und Gebeten trägt. Das Rasen des Weltenbrandes hat von Frau Dr. Goitem schwerstes Opfer gefordert, ein Opfer, das sie getragen Hat mit der Hingebung eines tief frommen Gemütes, auch hierin uns ein Vorbild. Die Generation, die noch Herzl gesehen und die ersten Kongresse mitgemacht hat, feiert mit Frau Dr. Goitein die Erinnerung an die Tage, die in unser ganzes Leben unauslöschlichen Glanz gebracht haben; Tradition und Erinnern, Pfiichtfreudigkett und Selbstlosigkeit, das ist unsere jugendlich Achtzigjährige; das ist ihr Zionismus. Dr. O. S. * Vor zehn Jahren, anläßlich des jo. Geburtstages von Ida Goitein schrieb di« unvergeßliche und unvergessene Johanna Simon-Friedberg einen Glßekwunsch- Aufsatz in der ״Jüd. Rundschau“. Wir glauben nicht nur die Jubilarin treffend zu charakterisieren, sondern auch das Andenken der Schreiberin zu ehren, wenn wir aus deren Aufsalz heute ein Stück wieder «!*drucken. Ida Goitein ist eine ausgesprochen soziale Natur, der das Verantwortlichkeitsgefühl ״koi Juraal arewim so ba-se“ angeboren ist. Dieses Gefühl und ihr feine• Verständnis für den Werl und die Psychologie des östlichen Juden muß sie sehr früh, noch ehe Berzla fisstrickende Persönlichkeit erschien, zur Zionistin gemacht haben. Sie stand allein, denn der Zionismus war damals in Süddculschland — und besondere in der orthodoxen Umgebung, in der sie lebte —* für seine Bekenner gleich einer ״heimlichen Liebe, von der niemand nix weiß". Sie aber hat eine Generation von Zionisten herangeb'ddet, und sie, die mit frommer, aber so leichter Hand säte, sieht heute die Saat ihres Ackers in voller, reifer Blüte stehen. Ihr Erziehungsprinzip war vollkommene seelische und geistige Freiheit, ihre eigenen Anschauungen sollten durch die Kraft ihres?!lebten Beispiels wirken, und das taten sie auch. Für viele der reunde ihrer Kinder blieb es eine lebenslängliche Lehre, wie sie ohne Worte das Geld seiner Herrschaft beraubte und einer ideal gesinnten Jugend bewies, daß der Erwerb innerlicher, geistiger Werte ganz und gar nicht von Besitz bodingt sei. Von sehr reichen und doch kulturlosen Häusern kam man in ihr puritanisches Heim, das, beinahe asketisch, keinerlei Geräte-, Möbel- und Kleidungskomfort enthielt, nichts von jener äußeren Kultur, die zu viele Juden mit inner««• Kultur verwechseln; doch jedes wertvolle alte oder neuo Buch, jede Erscheinunggeistigen oder künstlerischen Lebens fand dort einen ,Widerhall. Unvergeßlich bleiben die Abende in ihrem Hsuse Tttr hile, dfren lUodbett mit der,der Coiteinschep **״*^Wwt ihrer •litt־* vorm»;• war-fchro^feliJ^rihri^niea^StrtfÄ die rein charitetive'Hilf «für die Armen ia eino geordnete soziale Tätigkeit *u verwandeln. Ihre stille und stete Hilfsbereitsehsft, mft der sie immer das übernahm, was kein anderer tat, bewies immer aufs neue ihre tiefe jüdische Mütterlichkeit. Ihr Idealismus setzte *ich niemals in Worte um, immer in TatenI So war ihr, ab sie später ihrem zionistischen Ideal in Heidelberg und Mannheim freier leben konnte, keine Arbeit zu gering, wenn sie dem Volkswohl geweiht war. Was in diesen Städten der Jüdische Nationalfonds an Spenden zusammenbrachte, ist und war ihr alleiniges Verdienst. Ihrem fast naiven Glauben an die angeborene Güte der Menschen konnten auch die Oberflächlichen und Lauen kaum widerstehen. Unermüdlich wußte tio Freunde und Helfer für ihre jüdische Arbeit zu finden. Neben ihrer zionistischen Tätigkeit war sie Bogründerin einer jüdischen Brockensammlung, die sie mustergültig organisierte. Sie ist Mitbegründerin der Jüdischen Frauenvereimfmg in Mannheim und der Mannheimer Kinderstube, die selbst im rieg viele jüdische Kinder täglich speist, pflegt und mit jüdischem Gebt« zu erfüllen sucht. Eine internationale Liga zur Bekämpfung der Pogrome Paris, 14. März. (j.T. A.) ln Paris hat sich unter dem, Namen ״Anti pogromiiga“ eine Vereinigung zur Bekämpfung der Hetze gegen Juden gebildet, der angesehene Persönlichkeiten der uelehrtenwelt und des öffentlichen. Lebens in Frankreich angehören. Die Liga hat in diesen Tagen ihre erste öffentliche Kundgebung gegen Pogrome im Saal ״Bullier“ im Quartier Latin abgehalten. Mehr als 6000 Menschen füllten den Kiesensaal. Der bekannte französisch-jüdische Journalist Bernard Lecache erklärte, der Ehrenvorsitz in der Versammlung sei Prof. Einstein übertragen worden. Er verlas das Schreiben Prof, Einsteins, der mitteiit, daß er mit Freuden den Ehrenvorsitz annehme und hoffe, daß alle Völker für die Freiheit und gegen Pogrome sich erklären werden. Lecache feilt dann mit, daß die Regierung unter dem Druck einer ausländischen diplomatischen Vertretung den ihr gehörenden Trocadero-Saal für die Abhaltung der Versammlung nicht hat freigeben wollen (1). Nach Lecache sprachen der Vorsitzende der republikanischen Studenfenföderatfon Frankreichs, Dumas, Professor Hadarmard, der Verteidiger Schwarzbarts, Henri Tor res. Professor Langevin u. a. — Die Versammlung nahm eine Resolution an, in der die Notwendigkeit des Bestehens der Antipogromliga anerkannt wird. Sitzung der ״FonndaBoH“ is Paris P a r i 8, 15. März. (J. T. A.) Ara 8. März d. J. fand in Paris eine Sitzung des Council der American Joint Reconstnmtion Foundation unter dem Vorsitz des Präsidenten, Herrn Franz Philippson, statt Die Managing Directors der Foundation, die Herren Dr. Bernhard Kahn und Louis Oungre, gaben einen 1 ausführlichen Bericht über die Lage und Tätigkeit der von der! Foundation in den verschiedenen Ländern finanzierten jüdischen j Kreditgenossenschaften aller Art. Der Council hat auf Grund dieses Berichtes neue Kredite in der Gesarathöhe von etwa. 100 000 Dollar für Alt-Rumänien, Beßarabien. Siebenbürgen und die Tschechoslowakei für das Jahr 1928 bewilligt . " , ׳ Am 15. März, dem ersten Jahrzeittage Dr. Paul Nathans, wurde in der Kunstsammlung der Ju d!sehen Gemeinde, Berlin, eine Bronzebüste des Verstorbenen, ein Werk des süddeutschen Bildhauers Arttoki Z a d! k o w, feierlich enthüllt Palästina-Regierung und Arbeitslosigkeit Jerusalem, 16. März, (J.T.A.) Der Oberkommissar von Palästina, Feidmarschali Lord Pluraer, empfing eine Abordnung der Arbeiterschaft von Tel-Awiw, die ihm die Forderung unterbreitete, der Stadtverwaltun g von Tel- Awiw eine Anleihe i!j Höhe von 15000 Pfund zu gewähren; die Stadt Tel-Awiw benötige diese Summe zur Fertigstellung der in der Durchführung begriffenen öffentliehen Arbeiten nach dem Pläne der Liquidation der Arbeitslosigkeit. Die Abordnung teilte Lord Plumer mit, daß gegenwärtig noch 2750 Arbeitslose in Tel-Awiw vorhanden sind. Lord Ptümer versprach der Abordnung, daß er die Angelegenheit In Erwägung ziehen wird. Die Regierung, erklärte er weiter, betrachtet die Ergreifung von Maßnahmen zur Linderung der Arbeitslosigkeit nicht als einen Akt der Wohltätigkeit, sondern als eine Pflicht Die Geschäfte des Antisemiten Czernln Beleidigungsklage des Grafen Czernin gegen die zionistische ״Neue Welt“. — Der Prozeß vertagt. Wien, H. März. (J.T.A.) Vor dem Wiener Bezirksgericht als Strafgericht wurde heute über eine Presseklage verhandelt, die der ehemalige österreichische Außenminister, Graf Ottokar Czernin, gegen den verantwortlichen Redakteur der radikal-zionistischen Wochenschrift ״Neue Weif‘, Julius Löwy, eingebracht hatte. Gegenstand der Klage bildete, wie wir in der ״J. R,“ berichtet haben, ein unter der Ueberschrift ״Ottokar Czernin als antisemitisch er Hetzer׳' in der genannten Wochenschrift erschienener Artikel, der antisemitische Auslassungen Czernihs in seinem vor kurzem erschienenen Reisebuche festnagelte und dem Grafen vorwarf, daß er als Außenminister wie später als Privatmann verschiedene Geschäfte mit Juden tätigte und sich dabei als der gerieben« Geschäftsmann erwies. Czernin klagte aber nur wegen einer einzigen kleinen Stelle in dem umfangreichen Artikel, welche lautet: ״Als österreichischer Gesandter in Bukarest während des Krieges hat sich Czernin bei Lebensmittel- und Waffentransporten nach Oesterreich als Provisionsagent von jüdisehen Händlern betätigt. Er hat seine Stellung als Gesandter ausgenutzt, um Riesenprovisionen abzupressen. Bei jedem Kilo Mais und Tee mußte das ausgehungerte verzweifelte Oesterreich dem Gesandten, Geheimen Rat und Grafen Ottokar Czernin grausame Ueberprofite bezahlen. Ottokar Czernin war es, aer seinen blutenden und leidenden Mitbürgern im Kampfgewühl die Kassen lehrte.“ Der Verteidiger Julius Löwys, Dr. P1 a s c h k e s, erklärte, daß sein Klient den Wahrheitsbeweis antreten werde und beantragte u. a. die Vernehmung von Nathan Ei ding er, eines Millionärs, der im Kriege dem Grafen Czernin Dienste leistete und den Czernin als Berater zur Friedenskonferenz in Brest-Litowsk mitgenommen hat. Es wurde auch die Vorlage von Beweisdokumenten beantragt, so u. a. des Protokolls der Aussage Eidingers vor der Wiener Wirtschaftspolizei und eines Briefes, aus dem hervorgeht, daß Eidinger in der Kriegszeit dem Grafen Czernin 3000 Pfund Sterling gegeben hat, damit Czernin seine Lieferungsgeschäfte unterstützt, ln dem Protokoll erklärte Eidinger ferner, daß Gzfrnlji in der Nachkriegszeit än dert Geschäften mit Eidinger We ' SeWÄg-. - tu de«. JjWef, *fr Czernin. sehfeibt Efdlnger: ,^Da!m«Ls war ich Ihntn ehe#- bürtig, heute sind Sie der Graf; ich der Jud.“ Die Verteidigung beantragte die Ladung weiterer Zeugen, die schlechte geschäftliche Erfahrungen mit dem Kläger gemacht haben. Der Richter beschloß, zwecks Vorladung neuer Zeugen und Herbeischaffung von Beweisstücken die Verhandlung aut zwei Wochen zu vertagen. Dr. Mase begnadigt Aus Riga wird gemeldet, daß der sowjetrussische Gesandte dem Abgeordneten des lettischen Sejms Dr. Nurok mitgeteilt habe, die Sowjetregierung beabsichtige, die Verbannung Dr. Mases aus Moskau in eine Erlaubnis unuuwandeln, nach Palästina zu übersiedeln. Dr. Mäse ist, wie wir gemeldet haben, wegen seiner zionistischen Tätigkeit verhaftet und nach Sibirien verbannt worden. ״Loyale* Rabbiner in SowJetrnBland Einunddreißig Rabbiner in der Sowjetunion veröffentlichen einen Aufruf, in welchem sie gegen die Resolutionen der Misrachi-Konferenz in Polen und der Rabbiner-Konferenz in Galizien protestieren. Die Rabbiner in der Sowjetunion be* zeichnen es als unrichtig, daß die Sovvjctregicrung die jüdische Religion in Rußland, verfolge. Die jüdisch-kcmmunistische Zeitjing ״O k t o b e r“ quittiert diesen Kotau der Rabbiner in der Sowjetunion mit der Bemerkung, daß ihre Enunziation geheuchelt sei und daß man eine neue Kampagne, viel radikaler als bisher, gegen die jüdische Religion und die Rabbiner einleiten müsse. Scbwarzbart maßte nach Frankreich zarück Paris, 16. März (J.T.A.) Bekanntlich hat die palästinensische Regierung aus formalen Gründen das Gesuch von Schatom Schwarzbart um ein Einreisevisum für Pa* iästina abschlägig beschieden. Es hieß, daß Schwarzbart sich bis zur Erledigung seiner Visumsache in Beirut aufhält Dies stellte sich als falsch heraus. Auf Grund einer aus Paris ergangenen Instruktion haben die Landungsbehörden in Beirut Schalom Schwarzbart das Betreten des syrischen Bodens verboten; er mußte mit dem gleichen Schiffe nach Frankreich zurückkehren. Noch immer fehlt aus tahlreidien Orten die Endabrechnung der Purim-Aktion. Vertrauensleute des Keren Kajemeth! Rechnet unverzüglich ab und überweiset die gesammelten Spenden! Aus den Anfängen der Chaluzbewegung Im ״Dawar" enählt anlißlich des zehnjährigen Jüb► läurns de• Chalux eil» Mitglied der ersten russischen Chain*־ gruppe aus den Anfangategen der Bewegung: Unsere Gruppe in der Krim, war von den anderen Teilen Rußlands «!*geschnitten und nur mit großer Mühe solang es, xu den Gruppen de» Hechalux außerhalb der Krim in Verbindung *0 kommt). Anfang 1g«8 erreichte uns die Nachricht, daß Joseph Trumpeldor nach Petrograd gekommen ist und sich mit der Organisation des Hechalux und der Schaffung einer Selbstwehl beschäftigt. Ende 1918 oder Anfang 19(9 kam er dann auch nach Südrußland und in die Krim. In diesem Menschen voller Energie und Taten *ah die Jugend den Repräsentanten unseres sich erneuernden Landes. Die Einfachheit seiner menschlichen Haltung machte ihn allen lieb, die ihn kennen lernten. Wo er hinkam, organisierte er Zweigstellen, hielt er Vorträge, schickte «r junge Leute in die Hachscharab. Seine einfache Darlegung Ober das Wesen des Hechalux wurde *ur Theorie der Bewegung. Trumpeldor wandte sich nicht nur an Gruppen, sondern nahm sich eines jeden Eintelnen an. Nie war er geneigt, auf einen Eintelnen, ein ,Alleingänger“, tu verrichten. Es war damal* die Zeit der Debatten und Haarspaltereien, im Mittelpunkte aber standen die so einfachen Anschauungen Oßja’s (so wurde Trumpeldor genannt), die tief in die Herten gedrungen waren. Das Volk, ohne Heimat, dem Boden entrissen, muß wieder tu einem Volk worden, das auf seinem Boden sitzt und ihn bearbeitet. Zu allererst müssen wir einen Bauernstand schaffen . . . Palästina ist seit Jahrhunderten ein verstoßenes Land, wir habe« 08 wieder *tu beleben: wir haben ein produktives Volk zu werden. . , . Der Chalux muß wissen, was die Ehre seine• Volke* von ihm verlangt und wird zur Zeit der Not auch die Ehre seines Volk«» und »ein» Land» zu verteidigen verstehen. Das war io der Hauptsache die Lehre Trumpeldor», und in ihr salien wir das Symbol der Bewegung, welche heißt: Die Arbeiterbewegung Palästinas. Die aufgewandte Kraft trug Früchte. Hunderte jung»׳ Menschen, die von ihrem Volke und seiner Kultur entfernt waren, kehrten zurück und stellten «ich in die Bewegung. Die kleine Krim mit ihrer geringfügigen jüdischen Gemeinde zählte hundert« Chalurim, die fast alle in der Landwirtschaft tätig waren. Die anderen lernten Fischerei und Schiffahrt. Die Bewegung erstarkte, dio Zahl der Genossen stieg. Der Wunsch wurde mächtig, den Aufbruch allen Schwierigkeiten zum Trotz zu wagen. Trumpeldor bändigte: Es geht nicht, nur einfach zu fahren, ohne Ordnung und Sinn. Erst müssen wir unsere Stellung kräftigen und erfahren, was das Land jetzt von uns verlangt. Wir wollen noch einige Zeit warten. Und Trumpeldor machte sich als Sendling der Genossen auf den Weg nach Palästina, um die Bedingungen des Lande• und die Möglichkeit einer geordnoten Einwanderung m erkünden. Daa war im Sommer *910. Es war Rußland« Schrecken*- zeit, die Zeit Pctljuras, Denikins, Wrangels. Da» Judentum blutete schwer. In dieser Zeit begannen sich Nachrichten von einer jüdisehen Regierung in Palästina zu verbreiten. Diese — unbegründeten — Gerüchte elektrisierten die Atmosphäre der Vernichtung und Verwüstung, in welcher dio ukrainische und sOdrussiache Judncschaft lebte. Nur einzelne — und unter ihnen Trumpeldor — wiesen auf dio Gefahr solche« LügennacKrichten hin. Unterdessen waren Juden in Mengen nach der Krim gekommen, um von ihren Ufern aus das Land der Hoffnungen xu erreichen■ Das Verlangen nach dem Aufbruch wurde in den Chalurim übermächtig und »io begannen sich für den Weg m rflsten. י .* ■Im tSammm »Rif - ׳gabל m ■-noch׳ kdm -Pabrtvsrbjaduiig•!»., «ae|,' KonstantrnÄpel; Nur ah und zu legte ein *öo Konstantinopel bin»' mendes Kriegsschiff in der Krim an, oder fuhr von dort dahin. Herr über alle Häfen war damals dio Flotte der Ententemächte. Eino Ueberfahrtsbewilligung zu erhalten, gehörte xu den, Unmöglicbkeiten. Trumpeldor war auf dem Wege nach Konstantinopel bis Scbasinpol gekommen. Mit seinen Ausweisen von der jüdischen Legion ausgerüstet, begab er sich zusammen mit sechs Genossen auf ein unweit vom Ufer verankertes Kriegsschiff, und im Verlauf von zwanzig Minuten hatte er die Ueberfahrtserlaubni*. Im August war er schon unterwegs. Damals wagten es einzelne unserer Gruppen schon, in Barkassen nach Konstantinopel hinüberzusetzen. Wir waren fünf Genossen; ebenso viele wie die türkiachen Schmuggler, in deren Einsegler wir fuhren. Das war schon unser zweiter Versuch. Schon vor einer Woche hatten wir mit den Türken verabredet, daß ihr Boot uns auf offener See erwarten solle. In der Nacht fuhren wir in einem kleinen Sportboot hinaus. Wir suchten weit und breit, fanden aber die Barkasse mit den Türken nicht. Diesmal glückte es. Eine Stunde vom Ufer entfernt fanden wir das Türkenboot. Unsere Freude war grenzenlos, als wir in die IJarkasse hinaberkletterten, die uns nach Koastantinopel bringen sollte; als hätten wir schon die Ufer der Sicherheit erreicht ... Zu der Fahrt, die von einem Dampfer ft* einem bis zwei Taget! bewältigt wird, brauchtun wir sechs Tage. Am dritten Tag gab es wütenden Sturm und unsere türkischen Schiffsleute waren verzweifelt. Aber am sechsten Tag setzten uns unsere ״Freunde" am asiatischen Ufer ab. Von dort. wanderten wir zu Fuß — ohne Essen und oft ohne Wasser zur Stillung unseres Durst« — drei Tage lang, bis wir zu einem Ort kamen, in dem es einige Familien spaniohscher Juden fab. Sein Name, ״Meßilah Chadaschah“ ist unter den Chalurim ekannt geworden, Tags darauf fuhren wir auf einem mit Holz beladenen Wagen nach Skutari und von da nach Konstantinopel. Dort fanden wir Trumpeldor. Er war nicht allein. Viele waren schon auf ähnliche Weise wie wir selbst nach Konstantinopel gekommen. Und immer wieder trafen kleine Gruppen von Chalurim ein. In kurzer Zeit waren es zweihundert junge Männer und Frauen. Die Lago wunde schwierig. Nach Palästina weiterzugohen,׳ war unmöglich. Böse Nachrichten kamen von dort. Die Zeitungen erzählten von 30 Arbeitslosen in Tel-Awiw! Widerwillig blieben wir in Konstantinopel. Wir versuchten unsere Lage zu befestigen. Eine Zweigstelle des Hecbaluz wurde begründet. Wieder bewährte sich Trumpeldor als Organisator und Ordner. Er bildete kleine Kooperativen für aller Art Erzeugung und zur Ueberaahme von Lohnarbeit. Eine Anzahl Genossen ging nach Meßilak chadaschah,, ein Vermittlungsamt trat ins Leben —- Trumpeldor war der Leben*- gi;ist all dieser Arbeit. In den zwei Monaten, die er in Konstantinopel war, gelang es ihm, Verbindungen nach Europa und nach Palästina zu schaffen, und er schickte Nachrichten nach Rußland. Dann machte er «Ich schnell nach Palästina auf und befahl den Genossen, sich zu beherrschen und in Konstantinopel zu bleiben, bis er Nachricht geben werde. Er selbst wollte nur kurze Zeit, einige Monate, 1a Palästina bleiben und dann schnell nach Rußland zurückkehren. Trumpeldor hat die Mission seiner' Auftraggeber nicht erfüllt. Ihm fiel eins andere zu; die Mission der Tags von Tel-Chaj. An Stelle von Miß Szold, die nach Palästina übetsiedelt ist, wurde Frau Rosensohn, die Gattin des gegenwärtigen Schatzmeisters des U. P. A., in die Leitung der Frauenorganisation Hadassah gewählt Auf dem jüdischen Friedhof in Velbert haben ttnbekannte Täter in der Nacht zum Sonntag eine Anzahl Grabsteine umgeworfen, nachdem sie die Eingangstür zum Friedhof gewaltsam erbrochen hatten. Der Oroßrabbiner von Tunesien, Nisslm Rlahl, Ist im Alter von 78 Jahren verstorben. \