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Jüdische Rundschau · 1928-03-16 · Heft 22 (16.3.1928) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 22 (16.3.1928)
Date
1928-03-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JUEDISCHE RUfnWfirrrf Seite 159 Nr. 22, 18. DI. 1928 — ...J— 1-—־ Die Kultarwoche der Zionistischen lugend Von einer unerwartet imposanten Kundgebung eröffnet, schloß diese Kulturwoche, zu einem Vortragszyklus von Dr. Max Mayer über Neuhebrüsche Literatur verdichtet, mit der von Kanowitz in seinem Schlußwort ausgesprochenen Feststellung, daß Dr. Mayer Berlin besiegt habe. Es war das kleine rednerische Floskel Der volle Saal noch am letzten von den sechs Abenden, welche einarider so rasch gefolgt waren und mit ihren je 2V**tündigen Vorträgen an die Hörer nicht gewöhnliche Forderungen stellten, dieser gefüllte Saal selbst war der leibhafte Wahrheitsbewels für die Behauptung, und der spontane Beifall, den ihr die Anwesenden zollten, konnte nicht anders gewertet werden, denn als ihr Bekenntnis der Freude, daß da einmal ihr Tyrann, die Riesenstadt, überwunden wurde. Es kann hier nicht darauf ankommen, die persönliche Leistung des Vortragenden hervorzukehren, obschon es sehr wahrscheinlich ist, daß niemand anderer in Deutschland über dieses Maß von soliden Kenntnissen und zugleich über das Maß der Liebe zur Sache und zu den Zuhörern verfügt, welche notwendig sind, damit eine Leistung wie die von Dr. Mayer möglich werde. Wichtiger ht es an dieser Stelle, auf die objektiven Umstände hinzuweisen, welche den Erfolg dieser Veranstaltung bewirkten. Sie wurden während ihre« Verlaufes selbst erst richtig deutlich. Eine gewisse Müdigkeit gegenüber rein theoretischen zionistischen Auseinandersetzungen in weiten zionistischen Kreisen hat seine Wurzel in der fortschreitenden Entfernung jener Ueberlegungen und Auseinandersetzungen von den Quellen des konkreten Erlebnisses selb־t, welches die Grundläge des Zionismus ausmacht Die Not und die Fragen des jüdischen Alltags, die entscheidende Wendung ini Ablauf der jüdischen Geschichte, sind es doch, die zum Zionismus führen, indem in der Verwirklichung seines Programms die einzig mögliche oder doch produktive Möglichkeit der Beantwor* tung auch dieser erstrebt wird. Das zionistische Progra m m ist eine direkte Antwort auf die Not, es wird daher verstanden, seine Einzelheiten und strittigen Weinen Punkte erregen noch Anteilnahme. Seine Durchführung aber vollzieht sich in einer undurchsichtigen, nur sehr schwer und auf Umwegen in kleinen Einzelheiten zu beeinflussenden Realität Und diese entscheidenden Einzelheiten, die Ihre Bedeutung vom Tag haben, um sie morgen zu verlieren, müssen trotzdem die ganze Aufmerksamkeit der zionistischen Menschen für sich beanspruchen. Dazu muß das Bewußtsein des großen Zusammenhangs lebendig erhalten bleiben, in dem sie ihren Sinn haben. Die Entschlossenheit des Willens und Konzentriertheit der Idee, die dazu gehören, all diesen kleinen Einzelaufgaben mit Interesse und Tat zugewandt zu bleiben, haben ihren Rückhalt ln dem lebendigen Bezug zur Quelle der Idee. Rein theoretische und analytische Auseinandersetzungen sind ein geeignetes Mittel im Kampfe für diese; die aber gewonnen stad und nun das mit An- Sprüchen schier überlastete Leben eines Zionisten führen, brauchen mehr, etwas Positives, etwas was ihrem zionistisehen Glauben Nahrung gibt und sie ln Irgendeiner Form teilhaben läßt an der schöpferischen Leistung des Judentums, deren Erbe der Zionismus ist Die schweren inneren Kämpfe, die sich im Judentum der letzten 230 Jahre abspielten und In ihrem Resultat zum polnischen Zionismus führten, sind in Ihrem Ablauf besonders geeignet, die aus der Vergangenheit geborene und ln die Zukunft weisende Funktion unseres Bemühens deutlich zu machen und so unserem Zionismus neue Kraft zuzuführen. Der Niederschlag dieser Epoche ist uns in seiner Literatur erhalten, deren Darstellung im Vortragszyklus des Dr. Max Mayer solchen Eindruck machte. Natürlich kann Literatur keine Quelle an sich sein, aber sie ist Zeugnis und Ausdruck von Leben und Ringen und der Vortragende hat gerade das besonders gut verstanden, was in diesen etwa 230 Jahren neuhebräischer Profan-Literatur zu Papier gebracht wurde, wieder ins Licht des Lebens zu rücken. Was er leistete, war eine Darstellung der inneres Ent- Wicklung, der Entscheidungsnot der letzten jüdischen Geschlechter, die zum ersten Male ln der jüdischen Oeschlchte seit der Diaspora Fragen gegenübergestellt waren, welch« dem ,,Sein oder Nichtsein" galten, nicht kraft der von außen kominenden Drohung der Vertilgung als vielmehr durch die von Innen her kommende Notwendigkeit, die endlich erfolgte Konfrontation mit Europa zu einem glücklichen Ausgang zu bringen. Den Inhalt dieser sechs zweieinhalbstündigen Vorträge kurz referierend vvlederzugeben, ist unmöglich. Sie umspannen die ganzen schwierigen inneren Kämpfe und Anstrengungen, welche Versuche waren, die Frage nach dem Fortbestand des Judentums zu beantworten. Diese ganze Literatur ist im Grunde genommen verkleidete Publizistik, im Gewand der Poesie werden Belehrung und Aufruf Ins Volk geschickt, daher das große Aufsehen, das jedes von diesen Büchern erregt hat und zum Teil noch heute erregt. Jedes davon griff tief in die Streitfragen des täglichen Lebens ein. Zur Literatur als Kunstgattung wurde die neuhebräische Literatur erst, als ein Ausweg aus all den Schwierigkeiten schon sichtbar wurde, in der ״Literatur der Renaissance". Sie, deren zentrale Figur Bialik Ist, bildet zusammen mit jenen letzten Ausläufern der Haskala-Literatur, welche von der Verdammung des realen jüdischen Lebens zu seiner liebenden Umfassung fortgeschritten sind und in Mendale Mocber Sfarim gipfeln, den ersten Höhepunkt der neuhebräischen Literatur seit der spanischen Epoche. Um nur kurz die wichtigsten Etappen der zweihundertjährigen Periode zu bezeichnen: Wie die Renaissancebewegungen Europas in Italien ihren Ursprung haben, so nimmt auch diese Literatur der nationalen Wiedergeburt von dort Ihren Aus* gang. Gestalten wie Mosche Chaitn (1. Hälfte des 18. Jhdt) und später Schmuei David, aus dem berühmten Oeschlechte der Luzzatto, beeinflussen entscheidend die Entwicklung in den nördlichen Ländern, wo sie in Deutschland ein ganzes Geschlecht hebräischer Dichter und Denker (Measfirn) schuf. Naphtall Herz Wessely6 ״Lieder der Procht“ (Schirej tipheret) bleiben trotz ihrer Epigonenhaftigkeit ein denkwürdiges Monument deutschjüdischen Mitschaffens an dem Prozesse der neuhebräisqhen Literaturentwicklung. Moses Mendelssohns von den Masfcilim aller Länder so hoch verehrte und beinahe überschätzte Persönlichkeit wirkt beim Uebergang nach den Ostlindem entscheidend auf die MTtf _ Generationen der gallischen und russisch«! Haskalak ln Galizien wird Nachmau Krochmal zum Vater der Missionsidee, die dann vom deutschen Liberalismus zum Um md Auf. seines jikihcbea Bekenntnis sas gemacht wird. Ohne des gaiizischen Literaturhistorikers Schlomo Jehudah Rappeports Studien würden den Deutschen Zunz, Jost, Grit* usw. wertvollste wissenschaftlich-monographische Grundlagen Ihrer zusammenfassenden Arbeit gefehlt haben. Der Satyriker Erter holte als Erster die ״Bath schamajim" (=־ Himmelstochter), wie man die Aufklärung nannte, vom Himmel in die jüdische Gasse herab. In Rußland trat nach einer Reihe ernster Aufklärer, die den Boden gelockert haben, als erstes wirkliches Dichtergenie der unglückselige, vierondzwanzlgjlhrig verstorbene Micha Josef Lebensohn (Michal) auf, der die hebräische Lyrik der folgenden Zeit bestimmend beeinflußte. Ke nächste Periode steht im Zeichen der erbarmungsfosen Aufdeckung und Bekämpfung der Schäden in der jüdischen Gesellschaft jener Tage, wobei die Lichtseiten des Ghettolebens und besonders die chassidische Bewegung dem radikalen Rationalismus kein Verständnis abzuringen vermochten. Uebergangstypen stellen der Schöpfer des neuhebräischen Romanes, Abraham Mapu, und der poeta laureatus jener Zelt, Jehuda Leib Gordon, dar. Zur nationalen Epoche leitet unmittelbar über Pcrez Smolenskin, der erste Theoretiker des jüdischen Nationalismus. Von der Reformidee ausgehend wird Mosche Leib Lilienblum unter dem Einfluß des russischen Utilitarismus zum jüdischen Positivsten und entschiedenen Vorkämpfer sozialistischer Ideen und mündet ln seiner letzten Periode Ln die Chibbath Zion-Bewegung ein, zu deren führendem Repräsentanten er für lange Zeit wird. Den Schlußstein und zugleich die Krönung dieser ersten Periode bildet Mendale Mocher SpharIm, der ״Oroßvater“ der neuhebräischen und der jiddischen Literatur. Bei ihm erhebt sich die Erzählungsliteratur zur wahren Künstlerschaft. Die weiteren Vorträge behandelten die eigentliche ״Safruth Techijah“ (Literatur der Renaissance), repräsentiert durch die Schriftstellerpaare David Frischmann und I. L Perez, sowie Achad Haam und Berdiczewsky (M. J. bin Gorlon). Der Schlußvortrag war ausschließlich der neuhebräischen Lyrik gewidmet, wobei die Darstellung des dichterischen Werkes von Chat m Nichoan Bialik durch heranziehende Vergleichung von Tschernlchowsky und Schneur ergänzt wurde. Der zeitgenössischen Literatur hat Dr. Mayer eine eigene Behandlung versprochen. Indem diese Vorträge in der Darstellung der literarischen Entwicklung das Ringen um den Zukunftsweg des Judentums schilderten, das notwendig zur Konzeption der nationalen Idee führte, roßten sie die ganze Weite der jüdischen Existenzfrage auf und waren derart eine zionistische Förderung, wie man sie selten erfährt. Mosche Chadad. Verhaftung Dr. Hases io Moskau Der Sohn des verstorbenen weltbekannten Moskauer Oberrabbiners Jakob M a 8 e, Dr. Sadia M a s e, Dozent für Literatur an der Moskauer Universität, ist wegen seiner zionisti* sehen Tätigkeit verhaftet und zur Strafe der Verbannung verurteilt worden. Zahlreiche angesehene Persönlichkeiten intervenierten bei der Sowjet-Regierung zugunsten des Verurteilten. Sie konnten lediglich erzielen, daß die Verbannung nach dem fernen Osten gemildert wurde in eine Verschickung in die Nähe von Moskau. Ferner wurden in Moskau mehrere angesehene Zionisten unter der Beschuldigung verhaftet, daß sie Geldmittel für verschickte Zionisten gesammelt hätten. Die verhafteten Zionisten leugnen entschieden, illegale Ver- Sammlungen veranstaltet und eine den Gesetzen der Sowjet- Regierung; widersprechende Tätigkeit entfaltet zu haben. Kleine Nachrichten Der Direktor des Keren Hajessod, Leib Jaffe, ist nach Palästina zurückgekehrt Zum Tode des amerikanischen Arbeiterführers Max Pi ne hat die jüdische Arbeiterorganisation Palästinas ein herzliches Kondolenztelegramm nach Amerika geschickt, worin sie den schweren Verlust beklagt, der der jüdischen Arbeiterbewegung und dem Palästinagedanken ln Amerika zugestoßen ist. Beileidstelegramme sandten auch sämtliche Institutionen der Arbeiterschaft sowie eine große Zahl von palästinensischen Arbeiterführern. In Ostrowfec verstarb im Alter von 74 Jahren der berühmte Raw und Chassidim-Rabbi Jechiel Meier Haistock, der als der ״Ostrowzer Rebbe" bekannt war. Im Januar 1928 sind ln Palästina 259 Personen, unter ihnen 176 Juden, eingewandert. In dem gleichen Monat wanderten 217 Personen, unter ihnen 185 Juden, aus. — Im Dezember 1927 zählte man 253 Einwanderer, unter i'in.n 170 Juden. Die Schokoladefabrik Lieber in Tei-Awiw hat kürzlich weitere 20 Arbeiterinnen eingestellt. Sie beschäftigt jetzt insgesamt, einschließlich der warnten, 110 Personen. Ihre Proauktion beginnt allmählich auch in den ägyptischen Markt einzudringen, was weitere gute Zukunftsmöglichkeiten für die Fabrik eröffnet. (Zika) Laut dem ״Haaretz" sind in Palästina gegen 40 000 Dunam mit Tafeltrauben angebaut. Davon gehören den Juden nur gegen 5000 Dunam. Dagegen sind die mit Wein* trauben bebauten Flächen zum überwiegenden Teile in jüdischem Besitz. (Ziko.) Wie dem Jahresbericht der jüdischen Immigranten- Hilfsgesellschaft von Canada zu entnehmen ist, sind im Jahre 1927 4815 jüdische Einwanderer nach Canada gekommen. Sie wurden alle von der Gesellschaft betreut Im Jahre 1927 haben die canadischen Zionisten 221 134 Dollar für Palästina-Zwecke aufgebracht; das bedeutet gegen 1926 eine Zunahme von 17 000 Dollar und die höchste Jahresleistung seit Begründung der Organisation Canadas. Unerkannt entkommene Einbrech«• haben die in der Nähe von Nablus, dem biblischen Sichern, gelegene Grabstätte Josephs, die von den Moslemiten als ein heiliger Ort verehrt wird, heimgesucht und verschiedene historische Urkunde», sowie eine antike goldene Lampe entwendet Der Gemeinderat von Athen hat beschlossen, einer der Hauptstraßen der Stadt den Namen ״Max-Nordaa- S t r a ß e" zu geben. Der Welt-Zündholztrust, der seinen Sitz in Schweden hat, hat laut ״Dawar" die Haifaer Zündholzfabrik ״Nur" käuflich erworben. Die bisherigen Besitzer der Fabrik werden den Betrieb noch zwei Jahre lang leiten. Arabische Fuhrleute haben eine regelmäßige Automobil- Verbindung zwischen Jerusalem und Jericho eingerichtet Die Fahrt dauert gegen \% Stunden und kostet 125 bis 150 Müs (etwa 3 Mark). Der Verkehr ist besonders in den Morgenstunden sehr rege. (Ziko.) Die in Palästina verbreiteten Gerüchte, daß dii Regierung beabsichtige, den ZollaufZuckerzu ermäßigen, entbehren laut Mitteilungen der dortigen Handelskammer jeder Grundlage, Probleme der zionistischen Ideologie Ein Mahnruf zur Revision. Von I s I H e p n e r. Wer gewohnt ist, die Menschheitsentwicklung nach dem zu bewerten, was sie herzubringen vorgibt, dem entgeht es bestimmt, daß jeder noch so große Fortschritt stets mit einem Minus erkauft wird. So ist es in der Politik, wenn angebliche Freiheit mit Terror erkauft werden muß, so ist es in der Technik, deren Ueberspsnnung Katastrophen fordert und die Bedürfnisse gebiert, deren Verwirklichung soziales Unheil anrichtet usw. Es zeigt sich dem, der nicht nur die Dinge, sondern hinter die Dinge zu sehen gewohnt ist, ein erschütterndes Ohnmächtigkeitsgefübl in der Menschheit, die Dinge, das Leben zu bewältigen. Es ist, wenn überhaupt ein Gleichnis zu finden ist, als wenn ein Chirurg eine Operation vornähme ohne anatomische Kenntnisse. In der Tat ist uns nicht be* schieden, hinter die Geheimnisse der Lebensgesetzlichkeit zu, kommen und solange die Biologie hier ver3agt, sind alle Versuche, Menschheits- und Völkerprobleme zu lösen, so zu bewerten, wie die Eingriffe des erwähnten Chirurgen. Das vorauszuschicken ist Notwendigkeit, wenn man betrachten will, was der Plusseite der politischen Teilerfolge des zionistischen Endzieles an Minus gegenübersteht Seit dem Eintreten in das praktische Stadium zionistischer Arbeit zeigt sich unverkennbar eine Problemfeindlichkeit. Man ist gewissermaßen froh, die Epoche des Theoretisierens, Diskutlerens, den Kampf gegen die zionistische Ideologie hinter sich zu haben und glaubt an die Ueberwältlgung des Gegners durch die Tatsachen. Die Situation ist ähnlich der im marxistisehen Lager, in dem der Proletarier im Werte ein Feind der Intellektualität ist, jedoch übersieht, daß seine Weltrevolution nur ein Niederreißen wäre, wenn die Aufbauer kein System des Wiederaufbaues zu zeigen hätten. Im zionistischen Lager ist dieser Fehler doppelt schwer, weil man glaubt, daß alle Problematik nur für den Oegner da wäre. Das ist ein verhängnisvoller Irrtum, der zur Folge hat, daß der frühere Elan einer Stagnation und Ratlosigkeit Platz gemacht hat Man übersieht, daß man früher Postulate aufgestellt hat, mit denen man heute nichts anzufangen weiß. Vielleicht sieht man dies auch und weiß keinen Weg. Ich will einige von diesen herausgreifen und zur Diskussion stellen. ״Religion und Volk sind untrennbare Begriffe", ״Jüdische Religion und Jüdisches Volk finden keine Analoga in der Völkergeschichte“, ״Religion Ist Privatsache״ ,״Der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum“. Es wird zu untersuchen sein, ob diese in Wort und Schrift unserer Bewegung gewissermaßen zum täglichen Gebrauch gewordenen Redewendungen noch Existenzberechtigung haben. Mir will es scheinen, äls ob man in der Zeit, in der Propaganda, in der Bewegung eine große Rolle sielte, etwas freigiebig mit der Anwendung von Termini war, vielleicht aus Opportunität die Tore weit Öffnete, keine Weltanschauung forderte und glaubte In der Formulierung des Nationalen eine Plattform gefunden zu haben, die Platz Tür alle religiösen, sogar atheistischen Vorstellungen gewähre. Hat man in den Wald gerufen: ״Religion und Nation sind untrennbar", so schallt es aus Palästina zurück: Unser Nationalismus ist Religionsersatz". Hat man früher mit großer Geste bei öffentliehen Kundgebungen von der Wiedergeburt, vom geistigen Zentrum gesprochen, so hört man heute: ״Judentum müsse etwas werden oder sein wie z. B. das Deutschtum, nach dessen Sinn kein Deutscher frage", also doch das gesuchte Analogon, das man früher bestritt Mit dem Schlagwort ״Religion ist Privatsache״ ist es überhaupt heikel, da Religion und Volk untrennbare Begriffe seien, in der Tat zeigt sich bei Abwehr von Taufe, Mischehe, Austritte, Assimilation und vor allem im Kampfe gegen Liberalismus, daß man auf unsicherem Bode» stehe und gezwungen ist, gegen individualistische Auffassungen des religiösen Judentums Front zu machen. Die Aufrollung dieses Problems, das man als ״die Frage nach dem Sinn des Judentums“ bezeichnen kann, ist insofern wieder akut, als sie nicht von den Gegnern des Zionismus gestellt wird, sondern aus dem eigenen Lager erschallt Es muß doch eingestanden weiden, daß e$ heute weit schwieriger ist Propaganda zu machen als früher, trotz greifbarer politischer Erfolge. Sowohl die ernstesten Zlonisten als auch Juden, die dem Judentum massenweise in Deutschland, Oesterreich und Rußland den Rücken kehren, stellen das Argument der ״Sinnlosigkeit des Judentums“ in den Vordergrund. Wer von der Sinnlosigkeit überzeugt Ist, hat nach dem Sinn gefragt und keine Antwort erhalten. In der Tat gibt es außer zwei bis drei Philosophen niemanden, der sich diesem Problem ernstlich widmet. Hier liegt der Kardinalfehler, an dem die ganze zionistische Bewegung scheitern muß, es sei denn, daß sie sich begnügt, aus einer erstrebten Wiedergeburt, einer Fortsetzung der großen Ge* schichte, zu einer Transportbewegung zu werden, die europäisches Chaos nach Palästina übertragt. Wenn man glaubt, weltanschauungsfragen auf ein totes Gleis schieben zu müssen, vielleicht weil man vor der persönlichen Freiheit dis Einzelnen einen so groß«! Respekt hat, daß jedes Berühren der ersten und letzten Dinge als etwas Mittelalterliches bezeichnet wird, so soll man alle großen Phrasen lassen und sich über nichts mehr wundem. Wenn man aber vorgibt, daß einem die Zukunft des Judentums am Herzen hege, der Annäherung geistiger Juden an Christentum, Weltanschauungen anderer dem Inhalte des Judentums entgegengesetzter Richtungen nichts entgegenzusetzen weiß, so sollte man seine Ohnmlchtigkeit bekennen und als Führer abtreten. Dann soll man sich aber nicht suggerleren, daß das fudentum noch ״werbende Kraft*‘ habe, dann soll man sich nicht vorgaukeln, daß ein Nochnichtzionist für den Wiederaufbau Palästinas zu gewinnen wäre für eine Erlebenswelt, die ungefähr der deutschen, der polnischen oder tschechoslowakischen gleiche. Bei anderen Nationen genügte der bisher eingedämmte Freiheitsdrang zur Selbständigkeif, um nationales Leben im eigenen Staate zu stabilisieren. Wenn führende Zionisten — früher sicii gegen diese Analoga stemmend —, heute jeder inhaltsgebung des Judentums feindlieh gesinnt, aus Verlegenheit sich an diesen Rettungsanker halten, so wird sich dieser Leichtsinn schwer rächen. Diese Verantwortung ins Bewußtsein zu rufen, ist der Zweck meiner Ausführungen. Bas 10 jährige Jubiläum des ״Bedialuz״ Tei-Awiw, 1t. März. (J.T.A.) Ke Woche vom II. bis 19. Adar (3. Ms 11. März) war in ganz Palästina ab ״Hechaluz-Woche“ aus Anlaß des lOjlhrigen Bestehens d« Hechaluz-Bcwegung begangen worden. Eingeleitet wurde die Festwoche am 3. März abends mit einem Fackelzug durch die Straßen von Tei-Awiw, an welchem sich alle Jugend- und Pfadfinderorganisationen beteiligten. Am 7. Mär?־ wurde auf dem Platze vor dem Tel-Awiwer ״Beth-Am“. (Volkshaus) eine große Volksfeier abgehalten. Auch in den anderen Städten Palästinas und in zahlreichen Kolonien wurde das Jubiläum des Hechaluz festlich begangen. Die Tageszeitung der jüdischen Arbeiterschaft ״Dawar*‘ veranstaltete eine Festausgabe. Die jüdische Arbeiterföderation Palästinas ״Histadruth Haowdim“ hat einen Aufruf an die jüdische Jugend in den Galuth-Ländern erlassen.

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