Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 16 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Alt Einzclnttmmer 0,30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15. MeinckestraSe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugaprti• bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark. ▼ierteljlhrlich 5,25 Goldmark. Au»l»cde»honn«tn«nU werden In der Wihranf der «nselnrn Linder berechnet Nummer 16 | Berlin,24. KL 1928 Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin WL5, Melnekestr. 10 Telephon! Amt Bismarck 7165—70■ An*»lg»nprel»:8i*«pa)tNonp»reUl««il«0,Ma־M.Stelleoie»uche0,2öG.-M. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oesterreich: Poatsoarkasseti&mt Wim, Konto Nr. 156 30יז Für Tsnhecboslow&kei: r0sUptrk<»i»ea*!1jl Prag, Konto Nr. 594UX Für Polen 1 PosLsparkaasennaU Wafschau, Konto Nr. 190708, Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ג׳ אדר׳תרס״ח | xxxni. Jahr*. AnzelganicblaBi Dlngstag«adFra'itafnsch(n<Hn{14Ubf. per »iowlawii« erstrebt Hl» das JtUHache Volk die Scheffuna •Ine» «ffentllcH »echtlick «•sicherten Heimstätte ln Pallsllna. ״Base!•» Programm.•* Herzl und Palästina Synthetischer Zionismus Von Chaft» Welzmann Die Redaktion der ,Neuen Jüdischen Rundschau“ in CmrnawiU hat in Broschüren.form die Reden herausgegeben, die Weizmonn bei seinem letzten Betuch in Czernovdlz im Dezember 1927 gehalten hat. Wir entnehmen diesem Heftchen einen Abschnitt, der Bankettrede, in welcher lVei2mann über westlichen und östlichen Zionismus gesprochen hat, die zu einer höheren Synthese kommen müssen. Die erzählte Episode vom 6. Kongreß, bei dem die Abs timmang Ober das Ostafrika-Profekt mit ,Ja" oder ,Nein" darchgeführt wurde (weshalb man von ,Jasagern" und .Neinsagern“ sprach), erwähnt dm Delegierten von Kischinew, inöil gerade damals in Kischinew der^furchtbare Pnqrom stattgefunden hatte, der für Herzl eines der stärksten Motive war, dem Uganda-Angebot rtähermlrelen statt ungewisse Zeit auf Palästina ‘m waren Herzl war also erschüttert, daß die, für die das ,Nachtasyl‘ vor allem gedacht war, es aus Palästina-Liebe ablehnten. Der Aufenthalt hier bei Ihnen war für mich wirklich ein erschütterndes Erlebnis. Mein Leben und meine Arbeit führten mich fast immer nach dem Westen zu den versprengsten jüdischen Gemeinden, die ni:ht den gleichen lebendigen Zusammenhang, nicht die gleiche innere Stärke haben wie hier und so war vielleicht dieser Besuch für mich mehr als für Sie. Man lebt nicht ungestraft lange Jahre im Westen, und England hat ein kaltes Klima. Ich sagte einmal in einer Rede,״ der größte Feind des Zionismus ist die Geographie. Die Geographie zu überwinden, ist eine der größten Schwierigkeiten und gerade die Tatsache, daß wir einen Organismus schaffen aus Tausenden von Schattierungen und Kulturen muß uns zwingen, ungeheuer vorsichtig zu sein, um all« zu einer Symphonie msanmienzwschlieBen. ״Jch; yp;$tihervonll^p#,Pf., sehr wenig,,ifi ■bin ein eljiseitigei tage* der Realität 'Man konnte schwelgen. Juden* statt, und wenn der Judenstaat nicht ging,. dann wurde er ein Charter and wenn■ de׳ Charter nicht ging,'dann, wurde er zu Uganda. Es war ein rascher' Weg. Herzl war ein Westler und hat mit westlichen Begriffen Und Anschauungen gearbeitet Ich habe das Unglück, aus Litauen zu kommen. Ich kenne das jüdische Volk zu gut und es kennt mich noch besser. Und darum sind mir die Flügel, die er hatte, nicht gegeben. Er kam aus dem Blauen, er kam aus der Welt, die wir nicht kannten und wir knieten vor dem Adler der aus dieser Welt kam. Wäre Herzl durch einen Chcder gegangen, so wären ihm die Juden nie gefolgt. Daß er aus der europäischen Kultur kam, das hat die Juden bejwungen. Ich mußte mir erst das erarbeiten, durch schwere Sorgen immer die Juden vor sich zu haben und immer vor ihnen zu stehen, das bat mich gelehrt, diese Flügel, wenn sie auch manchmal da waren, einzuziehen und auf der Erde zu bleiben. Herzl wurde zum pallstlnen hchen Zkri ten in dem Momente, wo die Kischlnewer Delegierten auf dem Uganda-Kongreß ״nein“ gesagt haben. Es war eine namentliche Abstimmung, mein seliger Vater stimmte mit ״Ja“, Ich stimmte mit ״Nein“ nach ihm. Dann wurden die Namen der zwei Delegierten aus Kischinew aufgerufen und sie sagten beide 10״“. Und da wurde der arme Herzl bleich und damals wurde er zum wahren Zionisten. Er verstand die Tiefe der Tragödie und die Tiefe der Idee und ging dann darauf aus, die praktische Arbeit in Palästina, wenn auch langsam, wenp auch nur mit ein paar hundert Pfund, aber als Symbol im Lande zu beginnen. Und ich erinnere mi:h, nach dieser Abstimmung — da sagte Herzl; ״Ich verstehe nicht! Ihnen liegt der Strick am Hals und sie sagen nein 1“ Ja, uns liegt und lag der Strick am Hals und wir sagten nein. Weil wir ganz genau wußten, daß ein Tag kommen wird, wo dieselbe englische Regierung uns einen anderen Vorschlag machen wird, — und sie hat den Vorschlag gemacht Und noch eine Er- Innerung. Eine Woche nach der Abstimmung fuhr ich in der vierten Klasse nach London (nur deswegen, weil es keine fünfte gab) und ich ging nach der Downing Street (ich selbst lebte in Whitechapel), und traf dort den Direktor des Departements für die afrikanischen Kolonien. Er hieß P e r c y — ein Bruder von ihm ist jetzt Minister für Er- Ziehung in England, er selb3t ist schon tot — und in meinem gebrochenen Französisch von damals suchte ich zu erfahren, was er vom Ugandavorschlag halte; und der Engländer, ein Sprößling einer der vornehmsten Familien des Landes, ein religiöser Christ sagte: ״Wenn ich ein Jude wäre, so hätte ich nicht einen Sou und nicht einen Menschen für diese Sache gegeben. Denn Sie können nicht Palästina für ein anderes Land eintauschen.“ Ich habe es Herzl mitgeteilt, — ich habe noch die Kopie des Briefes — und diese Erkenntnis war die größte Tragödie Herzls, aber auch sein höchstes Erlebnis. So wurde er. mit Palästina verbunden. Es war nicht mehr ein mechanischer Prozeß, die Ueberführung eines Volkes in ein quasi leeres Land, sondern es wurde zu einem organischen Prozeß und damals lernte ich das, was ich Ihnen *schon gesagt hatte: Es gibt keine Kfizath-Haderech (etwa: Siebenmeilenstiefel-Schrltt — A. d. R.) Uganda wurde von Nordau als Kfizath-Haderech aufgefaßt. Und wir Jungen lehnten uns dagegen auf. Wir Jungen, die wir damals durch das Ghetto in seine weitverzweigtesten Winkel gereist sind — auf einer Reise in Rußland w a rieh mindestens siebenmal im Zuchthaus, wobei ich 1000 Aktien an 1000 jüdische Familien verkaufte, welche die Aktien mit 10 Kopeken monatlich auszahlten. Wir, die wir die Befehle Herzls als treue Diener ausgeführt haben, wir waren gezwungen, uns gegen den, Herr». all, .es. galt; Herzl -oisc/ jl.all.;tlna, SWK,I: w «alt äne’ÜÄrrgelriiÄn auch für die gegenwärtige Zeit Ich glaube nicht, daß man mit der Technik und mit de» mechanischen Mitteln, dJe man sich aüsleiht aus der europäischen Technik und Kultur ohne weiteres unser Wert; vollbringen kann. Mau kann es nicht, und das sage ich meinen freunden aus der Opposition nach all den schmerzlichen Erfahrungen der letzten Jahre in allem Ernst Andere Völker erzwingen sich Erfolge durch Druck und Demonstrationen, durch Paradieren mit Macht, aber ,all diese Dinge gelten in unserer Bewegung sehr wenig. Um es in einem einfachen Satz zu sagen: Man kann die englische Regierung nicht zwingen, man kapn sie nur überzeugen. Und überzeugen kann man sie nur durch das Beispiel apostolischer Hingabe an die Sache. Was Sie leicht erringen werden, werden Sie nicht halten, was Sie schwer erarbeiten werden, das wird einen dauernden Wert haben, und umgekehrt Sie sind die Optimisten, die glauben, daß man durch Organisierung von Paraden und Demonstrationen, wenn Hunderttausende Juden in New York schreien und gegen Eng'and demonstrieren werden, etwas erreichen wird. Das ist nritser tiefsten Uebzrzeugung nich ein falscher Weg. Unjüdisch in seiner Auffassung, denn er operiert mit Mitteln, die auf unsere Bewegung, die auf lang* sames organisches Wachset? berechnet ist, nicht angewendet werden können. Bevor Herzl zu uns Armen gekommen ist, klopfte er an die Türen der Reichen. Und nur, als er die Türen jener verschlossen fand, kam er zu uns und fand uns bereit. Lesen Sie seine Broschüre über seine Eindrücke nach dem ersten Kongreß. Er dachte nicht, daß wir Subjekt sein können, er glaubte, wir werden Objekt der westlichen, zionisti* sehen Bewegung sein.*, Und aus dem Widerstreit der beiden Anschauungen entstand das, was wir heute synthetischen Zlonismus nennen. Die Palästina - Kampagne In New York New York, 19. Februar. (J.T.A.) Die Eröffnung der diesjährigen Kampagne für den United Palertlne Appeal in New York fand am 15. Februar int Meec* Temple statt Es wurden schon am ersten Abend 644000 Dollar fflr das Palästinawerk gespendet Der Hauptredner des Abends war Senator William H. King aus Utah, der erklärte, der Patriotismus der Juden der Vereinigten Staaten und ihre Treue zu Amerika entbinde sie nicht der Pflicht* sich an dem Werke des Palästina- Aufbaus zu beteiligen und entschuldige keineswegs eine Gleichgültigkeit gegenüber diesem Werke. Besserung der palästinensischen Handelsbilanz Der soeben erschienenen Februarnummer des ״Commerrial Bulletin“ ist zu entnehmen, daß die Besserung der palästinensischen Handelsbilanz auch im November 1927 angehalten hat, wenn auch in diesem Monat nicht nur der Export, sondern auch der Import nach längerer Zeit wieder eine Steigerung gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres aufweist. Diese Steigerung des Imports beträgt aber nur 6 «/#, während der Export um 30 0/0 gestiegen ist per Import betrug im November £ 59S159 gegen561162■׳ im November 1926, während der Export £ 169101 gegen 130 558 im November 1926 betrug. (pkoj. ־.. ...־~ .. ' «9* " ־ """־ ...״ו ־■ י ■ -.— .imimml Der Hafenbau in Haifa Der ״Karmel“ will aus sicherer Quelle erfahren haben, daß die Londoner Ztsntralregiening entgegen der Meinung der Palästinaregierung dem Vorschlag von Ingenieur Palmer, den Bau des Hafens in Haifa ap Unternehmer zu vergeben, zugestimmt hat. Die Vermessungsarbeiten werden mit großer Beschleunigung durchgeführt. Nach deren Beendigung soll ein öffentlicher Wettbewerb ausgeschrieben werden. Danach ist mit dem Beginn des Baues nicht vpr Oktober zu rechnen. (Ziko.) I Am 2. März erscheint In der .Jüdischen Rundschau“ der erste Schekel'Ausweis ior Deatschiandl aaschiauniit eie soheKei-sammiung! Die antisemitische Idee Eine Auseinandersetzung mit Ohe Flake Von Gustav Krojanker. 1 Im Februarheft der ״Neuen Rundschau“ äußert sich Otto Flake zum Antisemitismus. Er sieht Gründe für den Antisemitismus; hält es für kindisch, sie aus dem Gesicht der Wirklichkeit hinwegzuretuschieren; und verwahrt sich dagegen, als Antisemit zu gelten, weil er als Beobachter des Lebens das jüdische Problem zu den gegebenen Dingen rechnet. Und er sagt deutlich, wie verderblich bei den Juden die Taktik wirkt, ein Problem nicht ein Problem zu nennen. Soweit wären wir ganz einig. Auffällig bis dahin ist höchstens, daß wir in diesem Zusammenhang ganz unerwähnt bleiben. Flake hat am ״Juden“ mitgearbeitet. Daß er den Zionismus ablehnt, brauchte noch nicht die Anerkennung zu verhindern, daß es immerhin auch Juden sind, die von je diese Taktik, ein Problem zu verschwel- . schon dadurch, daß sie qs als Juden stellten, entscheidend beigetragen haben. Wenn Flake das für nebensächlich halten sollte, mag er bedeutet sein, daß cs auch ein Erfolg gerade unserer Arbeit ist,' wenn heute zum Beispiel die ״Neue Rundschau“ — durch Verlag, Rectaktion und Publikum gleicherweise gebunden — Flakes Aufsatz, dessen Inhalt sie vielleicht noch vor einem Jahrzehnt höchst, ketzerisch gefunden hätte, heute wie selbstverständlich abdruckt Was Flake zur Suche selbst zu sagen hat, ist eine Erkenntnis, die weniger überraschend ist als die geistige Haltung, mit der er sie vorträgt. Die tiefste Wurzel des Antisemitismus, meint er, liegt im Gegensatz zwischen Idee und Wirklichkeit, Radikalismus und Gebundenheit, der abstrakten Geistigkeit und dem konkret Gegebenen. Hier weitet sich, behauptet er, der widrige Kampf ins :Weltanschauliche, weit über Caliban® Gefilde,' in.' die Arnold Zweig die Gegensätze bannen will D.rs kann man natürlich sagen, wenn man tatsächlich nicht die tiefste Wurzel, sondern die höchste Spitze meint; es ist hundertmal gesagt worden. Gewiß liegt hier ein objektiver Anlaß zum Antisemitismus, wie es deren übrigens noch mehrere gibt. Nur bleibt bei dieser Dar- Stellung die Voraussetzung, nämlich die natürliche Verschieden heit der Subjekte, also etwas sehr Animalisches, gänzlich außer Betracht, und damit auch die Erklärung dafür, warum der Kampf der Geister in diesem Fall sich in einer so besonders vergifteten, niederen und erniedri- -genden Atmosphäre ab spielt. Es besteht zwischen aljen Völkern eine Verschiedenheit, die durch Natur und Geschichte gesetzt ist. Die instinktive animalische Fremdheit — und das ist doch die Voraussetzung — schafft sich nun ihren ideologischen Ueberbau, vor sieh selbst auf höherer Ebene gerechtfertigt zu sein. Es gibt bei Gruppen verschiedener geistiger Struktur natürlich Gegen- ,Sätze. Wie die Individuen darauf reagieren, ist kein prinzipieller, sondern nur ein gradueller Unterschied. Die einen machen daraus Systeme, die anderen ״hauen und berufen sich dabei auf die Systeme. Während aber das Hauen sich höchstens in bezug auf die Vollkommenheit der Technik wandelt, wechseln die Systeme mit den wechselnden Zeiten. Wie verschieden ist nicht schon der Antisemitismus im Laufe der Jahrhunderte begründet worden, und jede dieser Begründungen war, wenn man so will, richtig. In einer von der Kirche beherrschtet Zeit waren die Juden das verfluchte Volk, das Gottes Sohn ans Kreuz geschlagen hat. In einer wirtschaftlich rückständigen Zeit waren sie die Wucherer und Ausbeuter. Heute sind sie für das konservative Bürgertum die Träger des revolutionären und universalen Gedankens. Und zu jeder Zeit ist jede dieser Argumentationen ״richtig“; map darf sie nur nicht durcheinanderwerfen. Was ist damit gesagt? Daß die Behauptung, es gebe Gründe für den Antisemitismus, nicht gescheiter und nicht überraschender ist als die Behauptung, es gebe Gründe für die Feindschaft zwischen Franzosen und Deutschen. Natürlich gibt es die. Es sind zwei Gruppen, durch Blut und Geschichte geschieden. Und es würde mir nicht allzu schwer fallen, für diesen in seinem Ursprung höchst animalischen und materiellen Gegensatz ein Prachtpaar von Weltanschauungen zu finden, das noch überdies den Vorzug der Richtigkeit haben würde. Wenn ich es selbst nicht kann, brauche ich mir nur Thomas Manns ״Betrachtungen eines Unpolitischen“ aus dem Bücherschrank zu langen, und mein Gegensatzpaar wird so schlagend wie feinsinnig sein: der Krieg ist weltanschaulich vollkommen gerechtfertigt. Ich weiß eigentlich nicht, warum man sich bemüht, einen neuen zu verhindern. Ich weiß es schon: weil trotz der zarten Wendungen geistiger Schriftsteller Caliban regiert, weil er in jenem Urgrund haust, auf dem all dies erbaut ist, und weil sein Endziel nicht im förderlichen Kampf der Geister liegt, sondern in der Vernichtung des Lebens selbst Und weil uns die Aufgabe gesetzt ist, zwar nichts hinwegzuretuschieren aus dem Bild der Wirklichkeit, aber die Gegen- Sätze, die bewegenden und belebenden, aus Elementen der Vernichtung und Vergiftung zu solchen der Förderung und Bereicherung zu machen — wozu uns eben Gott die ״Ratio“ gab, als welche auch eine Lebenstatsache ist