Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 10 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. JO, 3. E 1928 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 09 Das Problem der Arbeitsbeschaffung »Dawa r" vom 26. Januar veröffentlicht die Liste der Arbeiten, die im Monat Januar durch VermLtlung des Arbeitsburos der Histadruth beschafft worden sind. Es sind dies hauptsächlich Arbeiten der Regierung bei der Aufforstung und beim Straßenbau, sowie landwirtschaftliche Arbeiten in den Kolonien. Insgesamt werden dabei 955 Arbeiter beschäftigt, hiervon aus Tel-Awiw 575, aus Haifa 270, aus Afulc und Tiberias je 60. 560 Arbeiter haben bereits zu arbeiten begönnen, der Rest folgt in dieser Woche. Für die nächste Zeit bestehen noch Aussichten auf mehrere Arbeiten, so die Verbesserung der Straße nach Jericho, die 360 Arbeiter erfordert, Verbesserung der Wohnung des Oberkommissärs 60 Arbeiter (zur Hälfte Juden), die Universitätsbauten usw. ״Dawar“ berichtet weiter: Dienstag fand eine Sitzung zwischen den Vertretern des Arbeitsbüros der Histadruth und den Mitgliedern der Exekutive Kisch und Sacher statt Der Leiter des Arbeitsbüros F r u m k i n erläuterte den Arbeitsplan der Histadruth, der die Ablösung des Unter- Stützungssystems in Tel-Awiw durch Beschäftigung der Arbeitslosen bezweckt. Die Durchführung des ganzen Planes erfordert erstens die Bereitschaft der Regierung, der Stadtverwaltung Tel-Awiw ein Darlehn von £ 15 000 zu geben, zweitens die Beteiligung der Zionistischen Exekutive mit einem Betrag von £ 35 000 für verschiedene Arbulen in den landwirtschaftlichen Siedlungen. Sacher erklärte, die Exekutive verfüge über keine Gelder für solche Arbeiten und er könne daher seine Zustimmung zu einem Aufwand von £ 35 003 nicht erteilen. Er fragte, ob das Arbeitsbüro seine Zustimmung zur Einstellung der Arbeitslosenunterstützung auch dann erteilen wird, wenn die Zionistische Exekutive nur für £ 20 030 Arbeiten ausführt; zwar könne er sich vorderhand auch auf diese Summe nicht verpflichten, er würde jedoch versuchen, Quellen hierfür zu finden. Der Vertreter des Arbei sfcüros erklarte, mit einem solchen Betrage könne eine volle Lösung nicht herbeigeführt werden und forderte, die Exekutive möge sich bemühen, auch für die restlichen £ 15 000 ein Darlehn aufzubringen. Der Betrag sei klein angesichts der Bedeutung des Resultates, nämlich einer grundlegenden Verbesserung in der Arbeitslage. Sacher lehnte diesen Vorschlag ab Man einigte sich jedoch, daß nach einer Woche eine neuerliehe Sitzung stattfinden solle. Die Aussichten des Arbeifsmarktes im Rahmen seiner Artikelserie über die nächsten Arbeitsaussichten bringt H. Frumkin im ״Dawar“ Einzelheiten über .die Tätigkeit des Arbeits-Departements der Histadruth. Er führt u. a. folgendes aus: Vor U/s Monaten, als die Palastina-Exekutive den Vorschlag machte, die Arbeitslorenunterstützung einzu־tellen, ohne sie durch einen Arbeitsplan abzulösen, fand si'h die Arbeiter- Organisation völlig allein in ihrem schweren Kampf um eine Besserung der Lage. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich nicht mehr auf die Zionistische Exekutive zu verlassen und zu versuchen, mit eigenen Kräften den Kampf aufzunehmen. Seit Mitte November 1927 konzentrierte die Arbeiter- Organisation in ihrer Hand alles Material über die Regierungs• arbeiten, die ira Lande Ln der nächsten Zeit auszuführen sind. Sti wandte'־Mdh’^s~a%n׳-Zi'V-TI,s>»kr.etI% die fJistr.ikts!; Sekretariate.die Bezirksingenieur e und die •Abteilungsleiter der Regierung und was sie kaum erwartet hatte, geschah: Diejenigen Vorschläge, die sie der Regierung unterbreitete, hatte sie vorher der Zionistischen Exekutive vorgelegt, die sie aber nicht als ernst ansah und nur Zweifel für sie übrig hatte. Für die Regierung aber waren die Vorschläge ernst. Sie untersuchte die Ziffern und bemühte sich seitdem, eine Reihe der in dem Plan enthaltenen Arbeiten zur Ausführung zu bringen. Sie beschloß zunächst, Aufforstungs-, Straßen- und Bauarbeiten durchzuführen, die 950 Arbeiter beschäftigen werden, einen Teil mehrere Monaten und einen Teil bis zu 8 Monaten. Eine Reihe von Arbeiten werden aus technischen Gründen erst in ungefähr drei Monaten beginnen können. Diese werden 550 Arbeiter beschäftigen. Außerdem wurde der Beschluß gefaßt, aus dem Cadoori-Vermächtnis die Schulbauten durchzuführen. Ebenso bemüht sich die Regierung, die Hafen- und manche Eisenbahnarbeiten so rasch als möglich in Angriff zu nehmen. Viel Mühe und Arbeit wird noch nötig sein, um aut die rascheste Durchführung dieser Arbeiten zu drängen und unseren gerechten Anteil an ihnen zu erhalten; im allgemeinen jedoch ist eine Aenderuntf der Haltung der Regierung fühlbar, die von ihrer völligen Indifferenz dem jüdischen Arbeitslosen- Problem gegenüber abzuweichen beginnt Der konzentrierte Angriff der Arbeiterorganisation hat vorerst Früchte gezeiligt Ebenso kann die Arbeitsabteilung auf wehere Erfolge hinweisen, da ihre Bemühungen zugunsten einer rascheren Durchführung mancher Arbeiten der' Stadtverwaltung ln Tel-Awiw und von einzelnen privaten Arbeitgebern von Erfolg gekrönt waren: die zwei großen Arbeiten in Tel-Awiw, das Gesundheitsamt und die nördliche Gartenvorstadt sollen nach etwa einem Monat beginnen. Die Stadtverwaltung selbst wird Straßen und öffentliche Arbeiten im Betrage von ungefähr £ 2000 durchführen; aus Tel-Awiw und Haifa wurden eine Anzahl von Arbeitern an die Jabneel-Straße und zu den Ruthenberg-Arbeiten am Jordan entsandt; der Keren Kajemeth wird seine Bewässerungsarbeiten in Tel:Adaß und in Merchawjah beginnen. Die Arbeiten am Kischan werden in den nächsten Tagen beginnen und all diese Arbeiten bedeuten ungefähr 500 Arbeitstage für ungefähr 700 Arbeiter. Wir sehen also in den nächsten Monaten einer Erleichterung des Arbeitsmarktes entgegen. Es muß aber klar sein, daß all diese Arbeiten die Lage nur erleichtern können, daß sie jedoch eine Lösung des Problemes bedeuten. Die Einsteilung der Arbeitslosenunterstützung erfordert die Durchführung eines Arbeitsplanes für minderten3303 ־ Arbeiter. Die Forderung an die Zionistische Organisat i o n , die gemäß dem ihr vorgelegten Arbeitsplan £ 50 000 zur Durchführung der Arbeiten zwecks völliger Einstellung der Unterstützung beitragen soll, ht also noch immer die ernsteste Forderung der Stunde. Die stereotype Erwiderung, ״cs ist kein Geld da“, können wir nicht akzeptieren. Die gesamte Tätigkeit der neuen Zionistischen Exekutive ist beherrscht von einem Leitmo'iv: völligem Pessimismus und Unglauben an die eigenen Kräfte und die Kräfte der Bewegung. Unsere Aufgabe wird es sein, alle Mittel zu ergreifen, um durch Aufklärung und lebendige Tätigkeit die Zionistische Organration und ihre Institutionen zu zwingen, die schiefe Ebene zu verlassen, auf der sie rieh befindet. ln letzter Zeit ■׳11׳״;le eine neue Registrierung der Arbeitslosen in Tel-Awiw durchgeführt. Hunderte und Hunderte von Arbeitern wurden aufs neue geprüft ifnd registiert und als eines der traurigen Resultate der Krisis zeigte es sich, daß es eine nicht kleine Anzahl von Opfern dieser letzten zwei Jahre gibt, Opfer des Hungers und der Arbeitslosigkeit. Eine der ersten Aufgaben wird es sein, diesen Menschen langsam zur Wiedergewinnung ihrer vollen Arbeitskraft zu verhelfen, damit st-c wieder in das produktive Leben des!,.indes eingereiht werden können. Doch zeigte die neue Registrierung weit wichtigere Resultate: Die zwei Jahre der Arheitslo igkeit und «de;״ Unter- Stützung berührten kaum den in allen lebenden mächtigen Drang nach Arbeit. In all den jungen Menschen und Familienvätern aus Ruß'anÖ, Polen, Kaukarien und Jemen lebt die eine Forderung: Arbeit. Wenn wir all diese Hände sehen, denen es gelang, sich in kurzer Zeit Fachkenntnrise in der Arbeit anzueignen, dann erffllt uns nur der eine Wunsch: nicht zu ruhen und zu rasten, bis diese Tausende von Händen sich aufs neue in arbeitende Hände verwandelt haben. Vom Hapo?J-HamIsra״:u Aul der Histadruth ausgetreten Jerusalem, 15. Januar. (J. T. A.) Der linke Flügel des Hapoel Hamisrachi in Palästina hat vor kurzem den Austritt aus der Allgemeinen Jüdischen Arbeiter-Organisation (Histadruth) und den Wiederanschluß an die Organisation Hapoel-Hamisrachi vollzogen. Aus diesem Anlaß fand eine Rdttrpniialioii d* *r BMet.statfc.i01e Partei hat 4<^<Äetk־Ä|re|t* Siedlung'300 Pfund zum Ankauf von Sämereien und der Anlage einer Geflügelfarm zur Verfügung gestellt. Die vereinigte Exekutive der Zeire Hamisrachi, Hechaluz Hamisrachi una Hapoel Hamisrachi hat ein Seminar zur Ausbildung jüdischer Lehrer in jüdischen Wissenschäften, Zionismus und Soziologie eröffnet. Die Kurse finden täglich zwischen 7 und ,9 Uhr statt und werden von 50 Studierenden besucht. Dem Lehrerkollegium des Seminars gehören Rabbiner Assaf, A. M. Lifshitz, ß. Binyatnin, Hans K o h n, J. Meitzer u. a. m. an. Auf Ersuchen der Zeire Hamisrachi und des Hapoel Hamisrachi hat sich Oberrabbiner K u k entschlossen, eine populärwissenschaftliche Schrift über die Grundgedanken des Judaismus für die Jugend zu schreiben. Er wird auch im Lehrerseminar des Misrachi eine Reihe Vorlesungen abhalten. 40 Studierende der Jeschiwa von Oberrabbiner K u k (Jewish Religious College) in Jerusalem, der Jeschiwa in Hebron und anderer orthodoxer Hochschulen haben sich unter Führung des Hapoöl Hamisrachi zur Gründung einer Kleinpächtersiedlung zusammengeschlossen. Das Budget der Universität F. L Jerusalem, 18. Januar. Nachdem die Begeisterung verflogen ist, mit der die jüdische Öffentlichkeit vor fast drei Jahren die Universitätseinweihung aufgenommen hatte, hat sich in der öffentlichen Meinung kein klarer Standpunkt gegenüber der Universität zu entwickeln vermocht. Wir hatten stets eingesehen, daß der Aufbau einer Universität ein unsagbar schwieriges und kompüriertes Unternehmen ist, das noch viel Zeit beansprucht. Schon jetzt aber interessierte die öffentliche Meinung die. Frage, ob wir eine Universität aufbauen, wo Menschen ein geordnetes akademisches Studium durchführen und am Schluß Examen machen und ihr Diplom erhalten können oder ob eine Forschungsanstalt errichtet werde, wo nur Professoren mit ihren Assistenten arbeiteten. Die letzten Wochen haben, besonders im Zusammenhang mit der in der ״Jüdischen Rundschau“ bereits behandelten Frage des Lehrstuhls für Jiddisch, die Universitätsprobleme wieder mehr in den Vordergrund treten lassen. Die Reise des Kanzlers der Universität, Dr. Magnes, nach Amerika und die nach seiner Rückkehr in Mainz abgehaltenc Sitzung des Kuratoriums des judaistischen Instituts brachten eine Reihe von Fortschritten in. Beziehung auf den Ausbau der Universität und klärte überdies manche der prinzipiellen Fragen, die mit der Universität im Zilsammenhang stehen. Dr. Magnes hat nach seiner Rückkehr in Jerusalem .eine Pressekonferenz abgehalten, wo er nachstehende Mitteilungen machte: Das Budget der Universität ist gesichert; es beträgt im laufenden Jahre £ 46 030 für die laufenden Ausgaben, dazu kommen Sonderfonds für bestimmte Zwecke wie Büchersammiung, Neubauten, Ausbesserung der Erdbebenschaden, sowie ein in Amerika gesammelter Extrafonds zwecks Ankaufs alter Synagogenruinen 111 Palästina. Von dem ordent- Heben Budget von £ 46 000 werden mehr als £ 14 000 tür das judaistische Institut und die anderen geisteswissenschaftlichen Abteilungen, £ 15 000 für die naturwissenschaftlichen Abteilungen, über £ 7000 für die Bibliothek und der Rest für allgemeine und Verwaltungsausgaben verwendet. Der Lehrkörper besteht aus 43 Personen, die Zahl der Studenten beträgt 213, von denen etwa die Hälfte ordentliche Hörer sind. Die frage: Forschungsinstitut oder Lehranstalt ist in letzter Zeit insbesondere durch die Mainzer Sitzung in der Richtung geklärt worden, daß die Universität überall da, wo sie bereits über ausreichende Lehrkräfte verfügt, von jetzt an auch Studenten aufnehmen will. Man wird also in jedem einzelnen Fach zunächst ein Forschungsinstitut aufbauen, das bei Erreichung eines gewissen festen Standards zur wirklichen Lehruniversität werden wird. Man muß verstehen, daß es schwer ist, wertvolle wissenschaftliche Kräfte dauernd für die Universität zu gewinnen; mit Kräften aber, die nur für ein Jahr nach Jerusalem zu gehen bereit sind, läßt sich ein geregelter Lehrbetrieb nicht durchführen. Wie bekannt, ist die Frage des Lehrstuhls für jiddisch durch die Mainzer Kuratoriumssitzung den palästinensiscfiec Instanzen zur letzten Entscheidung übergeben worden, die den einhelligen Beschluß gefaßt haben, daß zu* nächst die Lehrstühle für Bibel, Hebräische Sprache, jüdische Philosophie errichtet werden muß len, ehe der jiddische Lehrstuhl errichtet werden könne. Wie’bekannt, bemüht sieb die Universilät seit Jahren vergeblich, einen Dozenten ausfindig 7« machen, der über Bibel lesen könnte und allen Richtungen genehm wäre. Es fragt sich, ob hier nicht die Quadratur des' Zirkels gesucht wird, ob es eitle Persönlichkeit geben kann, die dem traditions treuen und dein bibelkritisch eingestellten Juden in gleicher Weise Zu^gt Jedenfalls scheint man entschlossen, dem uiunöghchen Zustand einer judaistischen Fakultät in JlfL'salem ohne Lehrstuhl Tür Tenach ein Ende zu bereitet 5#- י ■•Andere׳■Erweiterungen der judaistischen "Fakultät, so durch eine Dozentur über H alaenah werden demnächst verwirklicht werden, ebenso wird die Fakultät für Orientforschung erweitert werden und man wird beginnen, sich gewissen allgemeinen, d. h. nicht judaistischen, Gebieten der Geistes- Wissenschaften zuzuwenden. Ferner stehen Erweiterungen der chemischen Fakultät und die Errichtung der physikaltsehen in Aussicht. Auf allen diesen Gebieten hofft man, jetzt schneller vorwärtsschreiten zu können, nachdem es Dr. Magnes in Amerika gelungen ist, eine großen Organisation der Freunde der Universität zu schaffen, der die besten Namen angehören. Dr. Schmarja Lewin hat sich von Palästina nach Amerika begeben. Er wird ln den Vereinigten Staaten eine Aktion zwecks Fundierung der Verlagsgesellschaft ״Dwir“ unternehmen. Später geht er nach Kanada, um dort an der Keren Hajessod-Kampagne teilzunehmen. Anläßlich seiner Abreise wurde in Tel-Awiw ein Abschieds-Tee veranstaltet, bei dem Bialik den Vorsitz führte. Rosenbaum (Warschau 1923) und ״Die Abenteuer des Kapitäns Hatteras“, übersetzt von Isaak Spiwak (Tel-Awiw 1926). ״Die Reise um die Welt in 83 Tagen“ hat kein Geringerer als Elieser Ben-Jehuda ins Hebräische übersetzt; die Uebersetzung ist in Jerusalem 1901 erschienen. Der Aufbau der hfstoriseheii Welt im Judentum war das Thema eines Vortrages, den Prof. David Koigen im Rahmen der verdienstlichen Montags-Vorlesungen der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gehalten hat Die jüdische Historie bietet mit ihren Epochen nach Auffassung des Vortragenden ein Abbild der Struktur der Historie überhaupt, als deren Grundformen er Geschichte und Kultur bezeichnet. In jedem Stadium der Historie sind beide Elemente wirksam, doch in verschiedenem Spannungs- Verhältnis. Im Judentum war bis zur Auflösung des Staates im Bewußtsein die reine Geschichte maßgebend. Der Ausgangspunkt des ganzen Lebensbaues ist das Volk, das durch den Sinaibund als Ganzes in ein Verhältnis zu Gott getreten ist, das die Dramatik des Geschichtsablaufes erfüllt ln dem späteren Nationalstaat wird diese Ge־chichte immer mehr säkularisiert. In der Epoche der Propheten, wo der Zusammenbruch des Staates sich ankündigt, wird das Verhältnis ein kausal-ethisches. Die entscheidende Reformation — die die ״Kultur“ vorherrschend macht — bringt die pharisäische Zeit, die eine Art Gottesstaat schafft, eine Trennung von Staat und Kirche; hier wandelt sich das Ge- Schichtsbewußtsein und nimmt den Charakter eines Glaubens an die Offenbarung in der Geschichte an. In diesen drei Grunderlebnissen: Treue, moralische Kausalität, Geschichte als Offenbarung — äußert sich das jüdische Geschichtsgefühl. Vom pharisäischen Zeitalter bis auf den heutigen Tag ist das Kultur-Erlebnis ausschlaggebend geblieben, so daß wir eigentlich zwei große Weltalter zu unterscheiden haben, in deren erstem das Wirken des Volkes entscheidend ist, während in dem zweiten der abgesonderte Mensch seihst eine Kultur aufbaut. Während an die historischen Stadien andere Völker durch eigen Bruch charakterisiert sind (Buddhismus in China, Christentum im Abendland), bildet das Judentum eine autochthone Kontinuität Der Träger des jüdischen Ge- Schichtsverlaufes ist eigentlich eine Art ״kolonisier Mensch“ in dem Sinne, daß die geistige Bindung vorausgeht und das Volk erst nachkommt. Der Vortrag von Prof. Koigen, der reich war an geistvollen Exkursen und doch ein gcschlossenes Ganzes bildete, vermittelte die Kenntnis einer originellen, auf einem fruchtbaren Grundgedanken fußenden öeschichtsphilosophie. Die Hörerschaft folgte den oft recht schwierigen Gedankengängen mit großer Anteilnahme. In seinem nächsten Vortrag im Institutum Judaicum (am 3. d. M.) wird Koigen, ausgehend von derselben geschichtlichen Grundauffassung, über den Chassidismus sprechen, den er diesmal nur streifen konnte. Er sieht im Chassidismus eine neue Reformation durch den Eingriff der jenseitigen Welt in die diesseitige, in einer Zeit, die durch die Skepsis charakterisiert ist, die sich von Spinoza konsequent bis zur modernen Relativitätstheorie hinspinnt. An vorausgehenden Abenden sprachen im Rahmen der ״Montag-Vorlesungen“ der Philosoph und Schachmeister Dr. EmanueT Lasker über ״Weltbejahung als philosophisches und religiöses Problem“ und Dr. Fritz Heymann über ״Der Jude und das Abenteuer“, wobei er besonders die Gestalt des Salomon van Geldern, Heines Onkel, charakterisierte. Am 13. Februar liest ebendort Hans J. Rehfisch aus ungedruckten Werken. w. Jüdische Mosik Moderner jüdischer Komponisten-Abend ln Leipzig (Mit einleitendem Vortrag von Arno Nadel, Berlin.) Leipzig hatte seinen guten Abend. Wir wissen, wie gefährlieh Abende sind, an welchen jüdische Mukik zu Gehör gebracht wird. Hier ist durch das geschmackvolle Arrangement des Rabbiner-Ehepaares Cohn und des Herrn Kapellmeisters Licht im Rahmen der Veranstaltungen des ״Jüdischen Frauenbundes“ ein höchst anregendes Konzert zustande gekommen, an das wohl jeder Zuhörer noch lange denken wird. Zunächst lernte man einen neuen Komponisten namens Wilhelm Rettich kennen (Kapellmeister am Stettiner Stadttheater). Man wird ihm gewiß noch öfter begegnen. Dafür zeugten seine verträumten echten Musikerlieder, vor allem das prächtige ״Vollmond“. Die wichtigste Nummer des Abends war Sternbergs in Berlin schon öfter gehörtes Streichquartett mit Altsolo. Wenn man dieser spröden, oft verbissenen Musik sich zuerst auch nur widerstrebend hingibt, so merkt man doch bald — namentlich bei der ״Uebertragung“ des Parom-Liedes יwelch ein Romantiker dahinter seines liohen Berufes waltet. Die Ausführung war leider oft unzulänglich. Dafür aber entschädigte der wundervolle Erste Geiger Leo Schwarz das Publikum in den beiden ״Chassidischen Stimmungen“ von Bloch. — Die Paraphrasen von I. Wolfsohn, die mehr momentan anmutende Phantasien als bewußt geschaffene und gestaltete Paraphrasen darstellen, spielte mit Verve und gediegener Ausdruckskunst Heia Mandelbrod. Die Hingabe des Publikums war ebenso groß wie der gespendete Beifall. * Murtk-Abend der ״Freien Jüdiichen Volkihoduchule Berlin“ Alice Jacob-Loewenson, die Veranstalterin, dozierte weniger und veranschaulichte viel, und das war gut Daß heute eine ״gleichwertige jüdische Musikkultur“ — im Verhältnis zur übrigen Musikproduktion — besteht, kann nur eine so große Optimistin und Revolutionärin wie Frau Alice Jacob-Loewenson behaupten. Was aber tuts? Interessant ist unsere Ausführung und Bemühung genügend. Das bewiesen die Namen und Könner: Sternberg, Wep'rik, Milner, Brod, Bloch, Engel und Ravel. Hervorzuheben ist der besonders aparte Alexander W e p r i k, der in seiner zu unrecht Kaddisch benannten Psalmodie die Sphäre des Jüdischen ausgezeichnet modern charakterisiert. Im Grunde kommt es nämlich nur auf solche Darstellung an. Hier kann man zwei Richtungen unterscheiden: eine russisch-französische, von Debussy inspirierte, und eine neue deutsche, von Schönberg beeinflußte. Jene ist impressionistisch, vibrierend, elegant und echt, wenn auch oft dem Salon und dem Theater sich zuneigend, diese ist experimentierend und leider oft unwahr. Hoffentlich kristallisiert sich in Zukunft aus beiden Richtungen ein Stil. — Rahel Kaufmann sang vortrefflich, mit schönen Mittete und bester Vorarbeit, R i a s a nzew brachte mehr sein gutes Material zur Geltung. — Es folgt am 13. Februar ein zweiter Abend. Arno NadeL