Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 102-103 (21.12.1927)
- Date
- 1927-12-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Doppehmntmcr 0,3.9 Qotdmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Kedaktion und Verlag Berlin W 15, MeinekestraS• 10. Erscheint ieden Dienstag and Freitag. Bezugspreis bä der Expedition monatlich 1,85 Goldmark. viertelilbrlicb 5,25 Goldmark. AffMadRdsabeftocRENMt• verden m der Wümme der eisseise» Linde» berechnet Anzeigen •Verwaltung Jfldlscke Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Mdnekestr.tO Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Fflr 0«aUfTcicbi Pos4*f1*rka&t«BAf8t Wien, Konto Nr. 156 OKI Fflr Tichdchoalowtfeei: PosUp«rk4Meu»n*t Pr*#, Konto Nr- 59 41& Für Polen: PorlgparltgeaefHtml wtnehttt. Konto Nt I90 70& Redaktion,Schluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 102/103 | Berlin, 21. XIL1927 AaicdgaapreU; SgespaihNoaptreillczeü« 0,50 G״-M- Sieflengetaeb• 0,25 G-M• Anzrig#n»cWafl1 0 e&itig qad Fr«U»g «1•« bin׳ hm 4 Ufer. כ״ז כסלו חרפ״ח | XXXII. Jahrg. De* Zionismus erstrebt fBr Des indische Volle die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten MelmstStte ln Palästina. ״Baseler Programm," llnruheD In Petadi-TtKwah Jerusalem, 18. Dezember. (J. T. A.) In Petach- Tikwah, wo gegenwärtig die Arbeiter in den Orangen• Plantagen streiken, kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Polizei und den Streikenden. Jüdische Streikposten wollten arabischen Streikbrechern den Zugang zu den Plantagen verwehren. Heranrückende Polizei griff die jüdischen Streikposten an und zerstreute sie. Zwanzig Streikende wurden verhaftet Bei dem Zusammenstoß wurden 16 jüdische Arbeiter verletzt Andere Meldungen besagen noch, daß die Arbeiter das Gemeindehaus stürmten, dort die Fensterscheiben einschlugen, Einrichtungsstücke zerstörten und erst von einer Delegation der Hlstadruth entfernt wurden. Wie der Korrespondent der ״Times“ meldet, hat der Oouverneur des Süd-Distriktes, Mr. Campbell, init fünfzig britischen Polizisten am Sonnabend Nachmittag die Kolonie besetzt den Gemeinde-Rat abgesetzt und sich in dem Gemeindehaus verbarrikadiert Oeffentliche Versammlungen wurden verboten. Der Korrespondent bemerkt noch, daß ״wie gewöhnlich in solchen Fällen■' der Polizei der Vorwurf gemacht wird, dab sie übermäßige Gewalt angewendet hat. Die Erregung in Petach-Tikwah war in den letzten Wochen bereits zur Siedehitze gestiegen, weil die Kolonisten jedem Versuche, jüdischen Arbeitern in der Kolonie Arbeit zu schaffen, ein starres Nein entgegensetzten. Nun scheint die Verzweiflung die Arbeitslosen zu unsinnigen Gewalttaten geführt zu haben. Auch wer dies verurteilt wird bedenken müssen, daß die Heranziehung von Arabern zur Streikarbeit eine Provokation ist die sich keine Arbeiterschaft der Welt gefallen ließe. So bedauerlich der Zwischenfall ist so muß man sich doch vor Uebertreibüngen und Sensationsnachrichten hüten, wie sie vor drei Monaten anläßlich der Demonstration in Tel- Awiw auch in die Weit gesetzt wurden. Der Emst des Arbeitslosenproblems aber, das durch den anbrechenden Winter verschärft wird, darf nicht verkannt werden. Auf der Durchreise nach der Tschechoslowakei traf am י *.Dfemtag, den 13.., d. ׳&* *|«nt|'4t)'IJhr,1Nahum Sokolos« in Dresden ein. Er wurde von einigen Gesinnungsgenossen am Bahnhof erwartet In seinem Hotel hatten sich etwa 50 Gesinnungsgenossen eingefunden. Der Vorsitzende, Herr Pionkowski, begrüßte Herrn Sokolow herzlich, der trotz der Ermüdung durch die Reise in bereitwilligster Weise noch eine Stunde im Kreise der Zionisten verweilte *und einen eingehenden Bericht über die zionistische Lage gab. Am nächsten Morgen begrüßte ihn der Vorstand der israelitisehen Religionsgemeinde durch die Herren S. Pionkowski und Sanitätsrat Zimmermann. Eine halbe Stunde später erschienen zwei Berichterstatter der beiden Tageszeitungen, denen Herr Sokolow Informationen über die wirtschaftliche Lage in Palästina gab. Alsdann wurde Herr Sokolow von den Vertretern der Ortsgruppe zum Bahnhof begleitet. Rothschild gibt £ 5000.— Die Eröffnung der Schulen in Palästina. Die offizielle P. C. meldet: Am 27. November, einen Monat später als alljährlich, wurden die hebräischen Schulen in ganz Palästina, die unter Leitung der Zionistischen Palästma-Exekutive stehen, geöffnet Während des ganzen Monats verhandelte die Exekutive mit den einzelnen Gemeinden über die Sicherstellung ihres Anteils an dex Erhaltung der Schulen. Schließlich gelangte man zu einer Lösung, ohne daß die Exekutive genötigt ist, die vom XV. Kongreß für Erziehungszwecke bewilligte Summe von £ 53000 zu überschreiten. Dank des Beitrags Barons Edmond de Rothschild von £ 5000 für die diesjährige Erziehungsarbeit ergab sich keine Notwendigkeit zu sehr starken Reduktionen des Schulwerkes. Außer den Kindergärten in den Kolonien, die von den Koloniekomitees übernommen wurden, sind alle Schulen mit simtlhhen Kla'sen und dem Eanzen Personal wieder geöffnet worden. Von den 140 ehrern, die mit der Begründung entlassen worden waren, daß in diesem Fahre kein Platz für sie an den Schulen sei, wird aller Wahrscheinlichkeit nach über die Hälfte wieder engagiert werden. Auch in Tel-Awiw wurden die Schulen nunmehr eröffnet, nachdem eine Einigung wegen der Beitragsleistung der Stadtgemeinde erzielt worden ist Kriegsbaien in Bai Ja? London, 16. Dezember l[J. T. A.) Aus Jerusalem wird telegraphiert, daß dort ein Gerücht im Umlauf ist, wonach die britische Admiralität die Erbauung eines Kriegshafens im Anschluß an den geplanten großen Handelshafen in Haifa vorbereitet, und daß für* diesen Zweck eine Summe von £ 500000 reserviert ist Es sei daran erinnert, daß das kommunistische Mitglied des britischen Unterhauses, Saklatvala, während der Debatte über die Palästina-Anleihe im Unterhaus davon sprach, es bestünde der Plan, den Hafen von Haifa zu einem befestigten britischen Seehafen zwecks Beherrschung des Aegäiscnen, des Roten und des Schwarzen Meeres auszugestalten. Der Unterstaatssekretär für die Kolonien Qrinsby-Gore hat in seiner Antwort an Saklatvala auf eine Mandatsbestimmung hingewiesen, nach der die Errichtung von Kriegshäfen in Mandatsterritorien verboten ist, 016 Trauer um Chajes Der letzte Gang tschechischen, jugoslawischen, rumänischen und italienischen Zionisten. Von unserem Korrespondenten. Wien, 16. Dezember 1927. Oberrabbiner Dr. Zwl Perez Chajes ist Dienstag, um 1/sjlO Uhr abends, in seiner Wohnung in Wien in der Lackirergasse plötzlich gestorben. Am Sterbelager befand sich nur sein Neffe Oskar Rosen und dessen Frau und sein Neffe Dr. Max Frankel, Assistent an der Universität in Jerusalem und dessen Schwester. Die Bemühungen der Aerzte Dr. Strisower und Dr. Margulies waren erfolglos, das Herz hat versagt. Noch in der Nacht fand sieh am Totenbett des großen Führers das Zionistische Landeskomitee Oesterreichs ein, das , , - וי« ■■#ד•• 1 Die letzte Aufnahme de• Verewigte« während einer Sitzung von der furchtbaren Nachricht ereilt wurde. Mittwoch morgens, als die Nachricht in der Stadt sich verbreitete, gab es in Wien kaum einen Juden, der nicht in tiefster Seele durch den plötzlichen Tod des Oberrabbiners erschüttert war. Eine Gemeinde trauerte im wahrsten Sinne des Wortes um ihren Führer, ein Volk trauerte um einen seiner Besten. Daß die Juden in aller Welt um Chajes trauern, bestätigen nicht nur die unzählbaren Beileidstelegramme an die Kultusgemeinde und an das Zionistische Landeskomitee, die aus allen Weltgegenden eingelangt waren und die vielen Vertreter der ausländischen Zionisten, die zum Begräbnis eingetroffen sind, sondern das bestätigte einem das eigene Gefühl, die Empfindung, daß um diesen Menschen das ganze Volk trauern muß und trauern wird. Wie wenn man aus unserem Leib ein Stück Fleisch gerissen hätte, der wilde Schmerz hat den ganzen Körper durchzuckt, im ersten Augenblick hat er uns sogar betäubt Zum letzten Male Habe ich Oberrabbiner Chajes am 2, November d. J. anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Baifour-Deklaration sprechen gehört Diese Rede war leider sein Schwanengesang. Es war eine große Rede, nicht nur wegen des Inhaltes und wegen der meisterhaften Form, nein, ganz besonders wegen des inneren Feuers, das die Worte durchglühte, wegen der bezwingenden Natürlichkeit und Schlichtheit, die diesen großen Bekenner auszeichnete und zu dem werden ließ, was er war: älteste jüdische Vergangenheit und ferne jüdische Zukunft in einem, der Jude, wie wir ihn wollen, wie wir ihn ersehnen. Er war wohl nur der Weise und das Kind, Geist aus seinem Geiste aber und Blut aus seinem Blute wird der jüdische Bauer und der jüdische Pionier sein. * Er war im Leben ein Fürst und wurde wie ein Fürst zu Grabe getragen. Schon am frühen Morgen, am Freitag, den 16. Dezember, versammelten sich die Juden Wiens in den Straßen um den Seitenstetten-Tempel, obwohl in den Tempel selbst der Eintritt nur mit Einlaßkarten gestattet war. Der Tempel war schwarz dekoriert. Es waren u. a. erschienen: Der Bundesprisident Dr. Hainisch, der P0Uzeiprisident Schober, Vertreter des Bundeskanzlers, des Untexrichtsministers und des Ministers für soziale Verwaltung, Vizebürgermeister Emmerling, die Präsidenten der Wiener jüdischen Gemeinde, Oberstabsarzt Dr. Pick, Dr. Löwenherz und Dt. Ornstein, und schließlich Vertreter der ZtonKtiscben WdtorguüMdon cowie der deutschen, polnischen, Nach Absingung eines Trauerpsalmes durch Oberkantor M a t h y a s, ergriff der achtzigjährige Rektor des israelitischtheologischen Seminars, Prof. Dr. Schwarz, der ein Lehrer des verstorbenen Oberrabbiners war und ihn seinerzeit noch als 18jährigen Studenten in das Seminar aufgenommen hatte, das Wort, um in tiefster Ergriffenheit die letzten Grüße des Seminars, der Gemeinde um) des ganzen Volkes zum Ausdruck zu bringen. Mit Dr. Chajes, sagte Rektor Schwarz, sei eine hell leuchtende Sonne untergegangen. Es sei keine Uebertreibung, wenn man sagt, daß um diesen Gelehrten, um diesen Seelsorger, um diesen Zionistenführer und Menschen das Judentum der ganzen Welt trauere. Im Namen des Bethaus- Vorstandes sprach der Präsident Dr. Münz. Unter Gesängen wurde nun der Sarg aus dem Tempel getragen und auf einen vierspännigen Wagen gehoben. Der Zug bewegte sich über den Kai und den Ring bis zur Wollzeile und dann über die Landstraße nach dem Zentralfriedhof. Die Menge bildete in den Straßen, die auf Anordnung des Bürgermeisters beleuchtet waren, Spalier. In der Zeremonienhalle am Zentralfriedhof hielt die Trauerrede Rabbiner Dr. F euchtwang, ein persönlicher freund des Verstorbenen. Er würdigte die überragende Persönlichkeit Chajes’, den er die Krone des ganzen jüdischen Volkes nannte. Chajes׳ Größe konnte auf jeden Schein verzichten, sie bedurfte der Aeußerlichkeiten nicht Er war die Natur selbst ln ihm hat sich das unzerreißbare Band zwischen Volk und Gott das das Judentum durchwirkt, verkörpert. Er war der historische Jude. Als Mensch eine Kinderseele, der das Gemeine, das uns Menschen alle bindet, überhaupt nicht verstand. Sehr bezeichnend und treffend war der Ausruf, den Rabbiner Dr. Feuchtwan g an die Frömmsten in da־ Gemeinde richtete, die vielleicht manchmal dem Verstorbene» .irgfSttidRfSii Weinen.Formfehler in der Erfüllung der Qmimf•' ... tJÖrt andächtig schwärmen, , *©»dem .■■ttil'C J»tlf י" Jtr'B«׳ d e 1 n״. . Der Präsident der Wjeijer jSdisjrhetj Gemeinde, Dr. Pick, hob besonders das Brfiderschaftlichkejtsgefühl hervor, das der verstorbene Oberrabbjner für alle Menschen empfand und das seiner helfenden Güte den Grundton gab. Im Namen der Zionistischen Weltexekutive und des Zionistischen Aktions-Gemütes sprach M o t z k i n, der aus London gekommen war. Er begann hebräisch und setzte dann deutsch fort Der Tod von Chajes hat in uns, sagte Motzldn, zuerst Verwirrung hervorgerufen, von der wir uns noch nicht erholen konnten. Auf allen Tagungen, bei jedem Kongreß, in allen Städten der Welt wo man nur mit Chajes zusammenzutreffen Gelegenheit hatte, überall und immer gab er sein Bestes, sein Alles dem Judentum hin. Ex verstand es, das Alltägliche zum Feiertag zu erheben, denn er verband in sieh in glücklichster Weise Gelehrsamkeit mit Menschlichkeit, Geist und Wissen, Reife und Kindlichkeit. Zur Zeit der Proteste des offiziellen Rabbinertums gegen den Zionismus schwenkte er die Fahne der Einigkeit und der Renaissance nach beiden Seiten bin. Motzkin erzählte, in welch' herzlichen und überschwenglicben Worten Vertreter aller Völker, mit denen er auf den Minoritätentagungen in Berührung kam, über den Qberrabbiner von Wien, Dr. Chajes, zu sprechen pflegten. Motzkin antwortete immer in solchen Fällen; Er ist ein großer Mensch, weil er ein großer Jude ist. Es ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Wiener jüdischen Gemeinde, daß sie einem Chajes einen würdigen und großen Wirkungskreis gab. ״Wir Zionisten“, sagte Motzkin, ״beneideten Euch oft um das Geschenk, das wir Euch in Chajes gegeben haben. Wir wollten es Euch in der nächsten Zeit nehmen, aber nur im Interesse des Judentums und für das Judentum. Er aber.starb am Wege, in der Blüte seines Lebens, und darin liegt auch seine Tragik.־‘ Tief bewegt dankte im Namen der österreichischen Zionisten Dr. Leo Goldhammer dem Toten für all׳ das, was er für uns alle getan. Wir stehen jetzt fassungslos und verwaist an einer Bahre wie vor 23 Jahren. Der Geist von Chajes lebte in einer neuen Welt, die wir erstreben. ״Wir geloben,“ schloß Dr. Goldhammer, ״Deinem Beispiel zu folgen, der Du uns lehrtest jüdische Gemeinschaft und jüdische Würde!“ Im Namen der italienischen Zionisten, des italienischen Gemeindebundes und der Triestiner Gemeinde nahm der Oberrabbiner von Triest, Dr. Zoller, der Amtsnachfolger von Dr. Chajes in Triest, vom Verstorbenen Abschied. Prof. Herzog aus Graz sprach für die österreichischen jüdischen Gemeinden außerhalb Wiens, Generaldirektor Haas namens des tschechischen Gemeindebundes, Vizepräsident Dr. H ausmann im Namen der Zionisten Ostgaliziens und der jüdlsehen Gemeinde in Lemberg, Dr. S i k für die jugoslawisehen Gemeinden und Zionisten. Die tiefe Trauer der deut» sehen Zionisten brachte Dr. Martin Rosen blütii zum Ausdruck. Für die Juden Kongreßpolens sprach Dr. «Hin des aus Warschau, für die Fürsorge-Institutionen Kommerzialrat Klempner, ferner der Vertreter der ßnei-Brith, Dr. Schläfrig. Dozent Dr. R a bi n aus Breslau würdigte _