Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1927-12-16 · Heft 100-101 (16.12.1927) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 100-101 (16.12.1927)
Date
1927-12-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652877-2652968--19603-2677497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. ICO10 ,101 ׳ Xlt 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 713 Literatur'Blatt Mendele Von Sch. Oore 1 i k. Die zehn Jahre, die seit dem Tode Mendeles, des Klassikers in der jüdischen Literatur, verflossen sind, waren für das jüdische Volk Jahre : hrecklichster Prüfungen, Jahre der grausamsten Pogrome, ries Niederganges des russischen Judentums, der Schließung der Tore Amerikas. Die Balfo-ir-Deklaration und all die Hoffnungen, die mit Pa'äsii 1a verbunden sind, wurden mit zitternder Freude vom Volke aufgenonimen, aber sie vermochten nicht, die zerknirschte Seele und den gebeugten Körper ganz aufzurichten. In einer solchen Zeit ist cs mehr als natürlich, daß das Volk nur Trost- und Liebeswortc bei seinen Dichtern sucht und nicht geneigt ist, Strafpredigten, scharfe Kritik, velßende Satyre über sich ergehen zu lassen. Und so ist es nicht nur Folge einer neuen Geschmacksrichtung, daß der Stern Scholem Aieichem mit seinem Glanz das große Leuchten Mendeles verdunkelt hat. Scholem Aieichem haderte nicht mit seinem Volke, er war der Sänger seiner ewigen Tugenden, und das tat wohl, das linderte. Hingegen lag Mendele mit der jüdisehen Welt, in der er lebte, die er wie keiner kannte, im bittersten Kampf; auch das aus Liebe, die sich aber in Haß, in schärfster Unzufriedenheit ausdrückte. Was Wunder, daß es nicht viele gab, die in diesen zehn schweren Jahren, vielleicht den schwersten Jahren seit Jahrhunderten, zu den Werken Mendeles griffen. Was soll die bittere Auseinandersetzung Mendeles mit den Einwohnern von Glupsk, Tunejadewke und Kabzansk für uns jetzt bedeuten, für uns, die unglückliche Zeugen des völligen Unterganges dieser jüdischen Welt sein mußten?! Wir schenken unsere ganze Aufmerksamkeit dem genialen Humoristen Scholem Aieichem, dem Idylliker Scholem Asch, und wenden uns von dem strengen Mendele ab. Und wie immer bei solchen Anlässen übertreiben wir in unserer Entfremdung, einer Entfremdung, die wichtigste psychologische Gründe hat, die uns aber ungerechterweise vergessen machte, welche Schätze der Liebe, der Zärtlichkeit, der Trauer über die Leiden des Volkes in den Büchern Mendeles verstreut sind. Es ist interessant, daß in der jüdischen literarischen Kritik immer stärker jene Tendenz hervortritt, die die Negierung der jüdischen Wirklichkeit als die größte Sünde Mendeles ansieht. Es gibt jetzt sogar eine Be- Zeichnung ״Mendelismus“, und mit dieser Bezeichnung wird der Stab über alle Nörgler, Unzufriedenen, Pessimisten, Satyriker gebrochen, die ihrerseits nicht gewillt sind, in der Apologetik, in der süßlichen Romantik das Heil zu finden. Indes soll bei der Wiederkehr des zehnten Todestages Mendeles kein Anlaß genommen werden, über das Zeitliche, das seinen Werken anhaftet, zu polemisieren. Nein, an das Ewige in seinen Werken wollen wir uns halten. Ewig, bleibt die große unvergleichliche Kunst, mit der er die jüdische Wirklichkeit seiner Zeit geschildert hat, ■Aup Seht«־ •FÄei^sji^-Bitter,• Qafetjen entitatweUr Wp iütuselten slwL Ewfg ünd von groffem Zauber sind seine Natur- Schilderungen, und ewig vor allem bleiben seine Verdienste um die jüdische Sprache. Er hat sie als erster zu einer Literatur* spräche erhoben. Als ein tote Instrument lag sie in den Händen seiner Vorgänger. Mendele kam und zeigte, was man aus diesem Instrument hervorlocken kann. Sie wurde die gelästerte verkannte Sprache, auf einmal reich genug, um stärkste Zornesausbrüche, stilles Gebet sowie zarteste Weisen auszudrücken. Was wirklich groß in Mendeles Kunst ist kann nicht alt werden. Die Zeit Mendeles wird noch einmal kommen. Sie wird desto eher kommen, je stärker die Einsicht an Boden gewinnen wird, daß Idylliker, Difhyrambisten und Troubadore in der Literatur unter Umständen gefährlicher sein können als Satyriker und mutige Angreifer, die das Volk zur Selbsterkenntnis auffordern. ״Das Erbe Israels" Die judaistische Literatur in englischer Sprache ist um ein wichtiges Werk bereichert worden. In der von der Oxford University Press hcrausgegebenen ״Legacy Series“, welche bisher drei Sammelbücher ״Das Erbe Griechenlands“, ״Das Erbe Roms“ und ״Das Erbe des Mittelalters“ herausgegeben hat, ist als vierter Band ״Das Erbe Israels“ erschienen, ein Sammelbuch wie seine Vorgänger in der Reihe, entstanden aus der Zusammenarbeit von 15 Autoren, von denen nur ein kleiner Teil Juden sind. Dabei ist — wohl mit Absicht — die Arbeit zwischen jüdischen und nichtjikfischen Autoren in der Weise aufgeteilt worden, daß Nichtjuden über das Judentum als solches, Juden über die Wechselwirkung zwischen nichtjüdischer und jüdischer Welt referieren. (The Legacy of Israel 551 p.) Der Titel erregt natürlich Bedenken. Sollte Israel für tot erklärt werden nach dem Vorgang jener Wissenschaftler, welche die israelitische Geschichte mit dem Jahre IQ für beendigt erklärten? Die letzte Phase der Wissenschaft des Judentums hat gerade auch auf christlicher Seite die Erkenntnis gezeitigt, daß dieser Einschnitt irrtümlichen Voraussetzungen entsprang. Mehr und mehr erkennt man die organische Einheit der jüdischen Geschichte und beginnt einzusehem, daß die Durchforschung der jüdischen Geschichte nach 70 noch sehr viel Material sowohl zum Verständnis der Geschichte des Christentums als zur Erfassung der kulturellen Wandlungen und Wanderungen während des Mittelalters beibringen wird. . In der Tat ist das neue englische Buch trotz seines aus äußeren Gründen gewählten Titels gerade dieser Auffassung entsprungen: Das Judentum soll als lebendiger Organismus bis auf den heutigen Tag begriffen und in seiner Wechselwirkung mit der umgebenden Welt erfaßt werden. In diesem Sinne sagt in seinem Vorwort der Oxforder Professor A. D. Lindsay: ״Dieses Buch behandelt nicht im strengen Sinne ein Erbe, sondern die Gaben, welche eine noch lebendige Gemeinschaft der Zivilisation gegeben hat. Wir erfahren aus diesem Bande, wieviel unsere Zivilisation durch die Tatsache gewonnen hat, daß Israel sich als gesonderte, nicht absorbiertc Gemeinschaft in der christlichen und*׳ mohammedanischen Welt erhalten hat.“ Diesem Programm entsprechend behandelt der größte Teil des Buches das nachbiblische Judentum. Ueber das biblische Judentum spricht nur Sir George Adam Smith von der Universität Aberdeen In einem Beitrag, den er ״der hebräische Genius im Alten Testament“ betitelt. Höchstens wärt noch eine Arbeit von A. Meillet vom College de France über den Einfluß der hebräischen Bibel auf die europäischen Sprachen hier zu nennen. Alle anderen Aufsätze behandeln die große Auseinandersetzung zwischen dem Judentum der Diaspora und seiner Umwelt, welche durch 20 Jahrhunderte an Schärfe nicht eingebüßt hat. Diese Auseinandersetzung fand ihre erste, klassische Ausprägung im hellenistischen Judentum und darum ist der Aufsatz von Edwyn R. B e v a n über das hellenistische Judentum gewissermaßen ein Programmartikcl des Buches, denn er stellt eine geistige Situation dar, welche sich in den Jahrhunderten wiederholt und auch heute noch aktuell ist. Die hellenistische Literatur war, so erzählt Be van, in ihren Anfängen geradezu judenfreundlich. Schüler des Aristoteles, welche in der ersten Zeit der mazedonischen Weltherrsehaft über die Juden schrieben, sahen in ihnen eine Nation von Philosophen. ״Sie verbringen, schreibt Theophrast, ihre Zeit mit Erörterungen über göttliche Angelegenheiten.“ Diese bewundernde Einstellung aber nahm ihr Ende, als sich mit dem Einsetzen der jüdischen Zerstreuung die Berührungs- und Reibungsflächen zwischen Juden und Griechen vermehrten. Vor allem war es das freiwillige Sichabschließen der Juden, welches Antisemitismus erzeugte. Die Juden der hellenistisehen Zeit waren gute und gesuchte Soldaten, befaßten sich nicht mit dem Handel, zu dem sie nach Josephus keine Neigung hatten, mischten sich nicht in die Politik der Städte, in denen sie!wohnten, weil sie viel zu kosmopolitisch waren, und ihre Interessen viel zu sehr mit dem Wohlergehen des ganzen Reiches verbunden waren, als daß sie Sinn gehabt hätten für die partikularistischen Sonderbestrebungen der einzelnen Städte. Eine ganze Reihe von Faktoren also, welche man in der letzten Zeit als Ursachen des Judenhasses angesehen hat, existierten damals nicht. Aber cs genügte, daß die Juden nicht an den gesellschaftlichen Vergnügungen Infere Unterhaltungsbeilage Vom 1• Januar 1928 wird die ״Jüdische Rundschau“ eine ständige Unterhaltungsbeilage haben, wo in höherem Maße als bisher unsere Leser mit Erscheinungen auf dem Gebiete der jüdischen Literatur, Kunst und Wissenschaft bekannt gemacht werden sollen. Die Unterhaltungsbeilage wird xcgedmäßig der Dienstag-Nummer be!gegeben werden. Wir beginnen im neaen Jahrgang zunächst mit der Veröffentlichung von zwei Werken: dem Roman «Hotel Savoy“ von Joseph Roth and den Reise-Memoiren ״Ein jüdischer Schriftsteller reist nach Kanada" von Sdbmaija Gorelik. ״Hotel Savoy“ ist einer der besten und fesselndsten Romane der Nachkriegsliteratur. Er schildert die Heimkehr eines jüdischen Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft in sein jüdisches Heimatsstädtchem In Galizien, die Liehe und Erlebnisse des etwas weltfremd gewordenen schüchternen jungen Mannes, das Milieu der reich gewordenen Bürger und die Schicksale einer KomSdiantentruppe, mit großer Charakter-Kunst. Gorolik, unsere Lesern wohlbekannt, zeigt in zarter, humorvoller Erzählung, mit dem etwas resignierten Ton des Skeptikers, die Situation des jüdischen Schrift- Stellers inmitten einer geschäftigen Welt, die ihn ihrer ganzen Natur nach als überflüssiges Requisit empfinden muß. Außer einer charakteristischen Zeichnung des jüdisehen Lebens und seiner typischen Figuren in Kanada und Amerika, gibt Gorelik, an der Hand seiner Erlebnisse, allerhand nachdenkliche Betrachtungen, die von leiser Ironie des Romantikers und doch *von gütiger lebensbejahender Liebe zeugen. Auch der übrige redaktionelle Teil der ״Jüdischen Rundschau“ wird im neuen Jahrgang erheblich aasgebant werden. Von besonderen Beilagen, die periodisch erscheinen werden, erwähnen wir außer der Unterhaltung*- beilage die Fraaenbellage und eine Jagendbeilage. Ferner wird das Leben in den jüdischen Gemeinden sowie die Probleme der jüdischen Gemeindearbeit, Kulturarbeit und sonstigen Gegenwartsarbeit in einer eigenen Rubrik behandelt werden, ln der Rubrik ״Zeit- Spiegel41 werden charakteristische Erscheinungen und Ereignisse, die ein Licht auf die Lage des Judentums und die Mentalität der heutigen Juden werfen, glossiert werden. Die Berichterstattung aus Palästina sowie aus andern großen jüdischen Zentren, wo wir eigene Korrespondenten haben, wird wie bisher unsere Leser über alle wichtigen Vorkommnisse der jüdischen Welt und insbesondere der zionistischen Bewegung unterrichten. Wir bitten unsere Freunde, der Werbung von Abonnentea die grüßte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Evtl. Auskünfte erteilt der Veilag. Redaktion u. Verlag der ״Jüd. Rundschau“ Berlin W, 15. Meinekc.ilr.10 und religiösen Festzügen der Griechen teilnahraen, um Mißtrauen und Haß gegen sie zu erzeugen. Die Sonderexistenz Israels, welche die Quelle seiner kulturschöpferischen Leistung־ war. ■war auch die Quelle des Judenhasses. In überaus feiner Weise wird der kulturelle Zusammenstoß des Judentums mit der griechischen Welt beschrieben. Ueber die politischen Ereignisse, die Hasmonäerkämpfe und die Errichtung des makkabäischen Reiches geht Bevan hinweg. Wichtiger als die 79״ Jahre fragwürdiger politischer Unabhängigkeit“ des palästinensischen Staates erscheint ihm die geistige Auseinandersetzung zwischen Juden und Hellenen in Alexandrien. Bevan analysiert c':c Lehre Phi los, um an ihr griechische und jüdische Elemente zu scheiden. Er faßt die beiden Weltanschauungen in je drei Leitsätzen zusammen: Das Judentum lehrt 1. Gott als den sittlichen Willen, der in der Weltgeschichte wirkt. Z Die Weltgesrhichte als zeitlichen Prozeß nach göttlichem Plan. 3. Verwirklichung dieses Plans durch das Volk Gottes, gipfelnd in einer Erlösung. Demgegenüber lehren die griechisehen Philosophen 1. Gott als unbewegtes Wesen, das nicht in die Welt ein!.reift. 2. Die Weltgeschichte als sinnlose ewige Wiederkehr. 3. Erlösung des Individuums durch Loslösung •oa der Welt. Philo übernimmt vom Judentum das erste Element, nicht aber das zweite und dritte — die mcssianischc Hoffnung ist ihm so gut wie fremd. So führt hier die Auseinandersetzung zwischen den beiden Welten zu einer ersten Synthese. Aber das Problem bleibt bestehen und treibt zu neuen Lösungen bei den Kirchenvätern. Clemens und Origcnes führen die Lehre Philos weiter, der ״während ihn die jüdische Gemeinschaft vergessen hatte, beinahe zu einem Lehrer der Kirche geworden ist“. In den immer wieder erneuten Versuchen einer Synthese aber dringt das jüdische Element mehr und mehr durch und die Leitsätze, in denen schließlich Bevan die christliche Weltanschauung zusammenfaßt, sind mit den jüdischen identisch, wenn man für das Volk Gottes die Gemeinschaft der Gläubigen setzt. Weitere Aufsätze von Burkitt, Guillau me, Charles und Dorothea Singer behandeln die Wechselwirkung mit dem Christentum, dem Islam und dem mittelalterliehen Denken. R. Travers Herford, der bekannte Erforscher der pharisäischen Lehre, behandelt den Einfluß des Judentums auf die Juden selbst, den er insbesondere an Glückei von Hameln und ihrer Lebensauffassung darlegt. Die Arbeit von Singer über den jüdischen Faktor im mittelalterlichen Denken, dem Umfange nach die längste des Buches, verfolgt die Leistungen der Juden des Mittelalters außerhalb des Gebietes der Religion, insbesondere in der Wissenschaft. ״Im kulturellen Sinne waren die Judgnr die ersten Europäer.“ ״Die jüdischen Siedlungen in Südfrank- Äffch,; tW &r-;!bwfecMff .fJkMüveNanp Jö» -Rbetilartd ־'■kifiten für sich in Ansprach nehmen^ daß sie die längste und älteste Kulturgeschichte in Europa haben, mit Ausnahme der klatsisehen Zone.“ Diese Arbeit Singers findet ihre Fortführung in dem Beitrage, welchen der bekannte Descartesforscher Leon Roth über das jüdische Denken in der modernen Welt beigesteuert hat. Während Singers Aufsatz den Leser durch die Fülle des Materials erdrückt, beabsichtigt Roth nicht über einzelne jüdische Denker zu referieren, sondern er will den jüdischen Faktor im modernen Denken als solchen aufdecken. Dieser jüdische Faktor ist ein extremer Monismus, begründet in einem entschiedenen Monotheismus. Dieser Monotheismus ist aber nicht eine wissenschaftliche Theorie wie bei einzelnen griechisehen Philosophen, sondern eia religiöses Erlebnis, deswegen unumschränkt und extrem, während die griechischen Philosophen, auch wenn sie Theisten waren, Konzessionen an den Pluralismus machten und den Zufall in der Welt zuließen. Der englische Physiker Whitehead hat in einem kürzlich veröffentlichten Buche ״Die Wissenschaft und die moderne Welt“ darauf hingewiesen, wie sehr der im christlichen Monotheismus des Mittelalters enthaltene Rationalismus der wissenschaftlichen Erfassung der Welt die Bahn freimachte. Hier ist die wissenschaftliche Auswirkung der jüdischen Religiosität. Roth verfolgt diese Linie von Maimonides zu Spinoza, den er als •durchaus jüdischen Philosophen anspricht, nicht etwa nur wegen seiner Quellen, sondern weil seine Vision, jene Geistesverfassung, die Spinoza charaktcrisiert — ״Spinozismus ist nicht ein System, sondern eine Geistesverfassung“ (Pollock) — jüdisch sind. Roth versucht dann noch diese Linie weiterzuführen über Mendelssohn und Hermann Cohen bis Einstein und Freud, allein es will mir scheinen, daß die klare Linie seiner Arbeit sich verwischt, wo er von der Geschichte, die er meisterhaft beherrscht, abweicht und sich der Gegenwart nähert. Die Psychoanalyse wird wohl in einem ganz anderen Sinne jüdisch genannt werden müssen als die Philosophie der monistischen Systeme. Es ist schon gesagt worden, daß von einem ״Erbe“ Israels nicht geredet werden kann. Das Buch bringt dies auch dadurch zum Ausdruck, daß die Herausgeber Claude Montefiore das Wort zu einem Epilog gegeben haben, welcher der Zukunft gilt. Montefiore, der Führer der Liberalen und Gegner der Zionisten, hat hier in wahrhaft ritterlicher Weise objektiv über den Zionismus referiert. Wo er freilich seine eigene Ansicht darlegt, verrät seine Position die Schwäche einer Stellung, welche das Judentum auf rein ethische Grundlagen gründen will und ausdrücklich die OffenbarungsleJire aufgibt. Obwohl jeder Leser die ganze Sch wierigkeit der geistigen Lage des Judentums begreift — heute wie einst in Alexandrien —- und versteht, warum Montefiore in seinen Konzessionen so weit geht, so bleibt doch das Gefühl, daß dieser Epilog matt endet, wenn er dem Judentum die Aufgabe zuweist, eine Armee von Millionen leidenschaftlieh er und ungeduldiger Theisten in der Welt zu sein. Eine Armee dieser Art braucht stärkere Losungen als die rein ethische Doktrin Montefiores. Dies muß wohl gesagt werden trotz aller Sympathien, welche der schöne Aufsatz Montefiores weckt. Das liberale Judentum sucht erst seinen Weg. Eine besondere Erwähnung verdient der Bildschmuck des Buches, der von Charles Singer zusammengestellt wurde: 83 erlesene Bilder, in sich selbst ein Stück jüdischer Geschichte spiegelnd vom Mesasteine in Moab bis auf den heutigen Tag. Hugo Bergmann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.