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Jüdische Rundschau · 1927-12-16 · Heft 100-101 (16.12.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 100-101 (16.12.1927)
Date
1927-12-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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י ז Deppebmmmcr OJO QoMmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Kedaktioo und V«rt*g Berlin W l& Mniankwrtrnfle 10. IneMat .ed«n DieoaUg und FretUfc Bamgcprtii bei der Expedition moneilich 135 Goldmark. eiertcliibflieh 5,25 Gddnnrlc. AamuuMlKM«•*•«• •4 י1 »■*זיm VaiMW'te' 4tm4tmm t**dt* berechn«!. Anzeigen * V erwaltung Jüdische Raadadtaa G.m.b.Hl,, Berlin W15, Meinekeetr.10 Telephon: Bismarck 7165-70. Postscheckkonto: Berlin Nr. tt.7393 Fflr 0«ftcrnriefcs P0fUp*rka*1«aarr1t Vit«, Kmart« Nr. 156 0301 Für 1 $eh«cho*!ow»ke1 Postsp8rkM1eo*mt Pr*fl״ Konto Nr. 59 410. Fär Polea: PoaUparkasatiuuat War»ch*u, Kante Nr. 190 706k, Tel«pbon: Amt Bismarck 7165—10. RedaktionsschiuB Sonntag und Mittwoch nachmittag. ftiunmw 100/101 | Bwlltt, 1dl* X1L1927 AnrHgtfipTtitT 8 fe«pmiuNe1ap*reii}ez«ti4 0,50 G.-M. StdDengtsaehe 045 (L-R. AaMlftatefehtSr t>< «aatM «04 Fraitaf » •cb ® < H g 4 Uhr. חייפ״ו־ן כ״ב ככלו | XXXII. Jahfg. o•» etoninmw• «rtinb* «Be «I•• fttdlscli• Volk dlt MwHiimi •Iwr 8H>nillch«rechtlich jwld1wt»n Heimstatt» Iw bnllitlm. ״aaitinr Programm.»« Zwi Perez Chajes Oberrabbiner Dr. Zwi Perez Chajes ist, wie uns aus Wien gemeldet wird, am 13. d. M., 1 h 10 Uhr abends, im Alter von 51 Jahren plötzlich einem Herzschlag erlegen. Sein Leben und Wirken Von Dr. Harry Torczyner. Ein schwerer Schlag für das Judentum, und besonders für Jenen hoffenden Teil der Juden in aller Welt, die ihr Auge auf Zion gerichtet halten, um dort ein neues jüdisches Volksideal zu lebendiger Gestaltung zu bringen. Ein schwerer Verlust, menschlich der schwerste vielleicht seit jenem Tage im Jahre 1904, da mitten im Schaffen unser großer Herzl nns entrissen wurde. Wie dieser ist Chajes in jungen Jahren nach einer kurzen glänzenden Wirksamkeit plötzlich aus unseren Kreis gerissen worden, ohne daB es ihm vergönnt war, die gesteckten Ziele in den Grenzen menschlichen Lebens und Könnens zu erreichen. Zwi Perez Chajes kam im Jahre. 1876 in Brody (Ostgalizien) zur Welt Er entstammt einer hochberühmten Rabbinerfamilie und war, als er im Jahre 1693 zu den ersten Schülern der Wiener Israelitisch-Theologischen Lehranstalt gehörte, bereits ein J'fingling von reichem jüdischen und allgemeinen Wissen, dessen Gedächtnis und Verstandesschärfe schon damals von seinen Kollegen und Lehrern bewundert wurden. Noch entsinne ich mich des jungen Chales, den ich im Jahre 1807 oder 1898, selbst ein Knabe von 12 Jahren, als hebräischen Festredner bei einer Makkabäer-Feier des Jüdisch- "fbeologjscheb .Vereins lp•.WJei».•*linsT«styl , ÄläJ* lennenkrn-te. 10n damals war die Sicherheit des Auftretens, die geläufige L-*־— Jי ־־- •°*- j— — ga .. . BrCehi#׳riMi lieh vollbracht bäC ׳'Schön 'd»n1#15 Chä|es>fts;#1M״ezeicli» neter Talmudist, der zur Wissehsch?Tt v©rzügHch berufen war. Chars bekleidete noch während seiner Studienzeit das Amt des Bib iotLe’ ars im orl n'a Ischen ln־- l;ut der Berliner Universität, und hier entstanden seine Erstlingsarbeiten, wie seine Proverbia-Studien und seine Beiträge zur Nordsemitischen Onomatologi?, die, wenn sie auch von unvermeidlichen Schwächen der Erstlingsarbeiten nicht ganz frei sind, doch sein starkes Wahrheitsgefühl und seinen Blick für wissenschaftliche Probleme bestens dokumentieren. Hier begann Chajes auch die Arbeit an seinem Psalmen-Kommentar, der später in der Sammlung moderner hebräischer Bibel-Kommentare von Abraham Kahane erschien und in diesem Rahmen die bedeutendste und originellste Arbeit darstellt. Bald nach Absolvierung seiner Studien im Jahre 1902 wurde Chajes an das neugegründete Rabbinerseminar ln Florenz berufen, wo er sich auch an der Universität habilitierte und den Titel eines Professors |ür semitische Sprachen erhielt. In Florenz wirkte Chajes bis 1912, und während dieser Zeit veröffentlichte er eine größere Zahl wissenschaft’icher Aufsätze auf verschiedenen Gebieten der Judaistik, vor allem in der ״Rivista degii studi orlentali“. Noch aus seiner Wiener Zeit stammt Chajes’ Freundschaft mit meinem Vater, seinem äjteren Landsmann, eine Freundschaft, die mein Vater bei seinen häufigen Besuchen in Florenz öfter zu erneuern Gelegenheit hatte und die sich dann vom Vater auf den Sohn übertrug, fm Jahre 1912 nahm Chajes zur Verwunderung seiner Freunde, die ihn voll zu kennen glaubten, das Amt eines Rabbiners in Triest an. Die bald darauf einsetzenden politischen Verwicklungen, die im Jahre 1014 zum Krieg mit den Westmächten und Rußland und bald darauf auch mit Italien führten, hatten zur Folge, daß Chajes’ Wirken, das sich nun naturgemäß den Bedürfnissen seiner Gemeinde zuwendete, den Juden anderer Linder nicht genügend bekannt wurde. Es war darum für die Öffentlichkeit fast unbegreiflich, daß im Jahre 1917 plötzlich Chajes als Kandidat für den Posten eines Oberrabbiners von Wien genannt wurde, der durch den beabsichtigten Rücktritt des bisherigen Oberrabbiners Güdetnann frei werden sollte. Freunde und Gegner des Zionismus mußten einer solchen Kandidatur zunächst mit manchen Zweifeln gegenüberstehen. Sollte es Chajes, der sich bisher nur als Forscher einen Namen gemacht hatte, gelingen, im praktischen Amt eines Rabbiners eine Stellung vor manchen anderen weit älteren Amtskollegen zu behaupten? War Chajes, dessen kritische Stellung zu den Problemen der biblischen Wissenschaft bekannt war, nicht eine Gefahr für die Einheit der Wiener jüdischen Gemcinde, in der eine starke Partei an der Arbeit war, sich wie in Deutschland als Trennungs-Orthodoxie zu organisieren? War es möglich, daß ein begeisterter Zionist wie Chajel ohne Verleugnung seines Programms in dem in seiner Mehrheit assimilatorisch-liberalen Kultushause Wiens eine Möglichkeit für gedeihliches Wirken finden werde? Konnte ein solcher wissenschaftlich eingestellter Geist auf der Kanzel wirken, wo die blumenreiche Welt des Midrasch die Zuhörer in das Traumland idealisierender Agada zu entführen pflegte? — So stark diese Bedenken schienen, keines von ihnen hat gegenüber Chajes sich als berechtigt herausgestellt. Chajes’ imponierende Persönlichkeit, sein reines gerades Wo"״n überrumpelte und eroberte die Kultusstute, wie es später die Herzen der gesamten Wiener Judenschaft überrumpelte und zur Achtung und Liebe zwang, ln einer Rede vor dem Kultusvorstand entwickelte Chajes offen und ehrlich sein Programm ln so überzeugender Weise, daß der anwesende greise Gtidemann nebst den Vorständen auf der Stelle begeistert die sofortige Wahl Chajes’ proklamierten. Am Tage nach der Wahl fragte mich ein Mitglied jener Wahlkommission, ein Wiener .Universilätsprofessor, ob es denn auch wahr sei, daß Chajes Zionist wäre. So sehr hatte die Persönlichkeit Chajes׳ alle Widers'ände der Hörer hin veggerafft, daß diese sich dessen gar nicht bewußt geworden waren, daß ein politlscher Gegner hier sein Programm entwickelte. Und wie dies bei Chajes’ Wahl der Fall war, so hat er später mit einem Schlage das jüdische und auch das nirhtfüdische Wien erobert und aus der verzwei'e'tcn jüdischen Masse in den schlimmsten Zeiten der Revolution und der ihr folgenden Inflationskrise eine alle Parteien umfassende begeisterte jüdische Gemeinde gemacht, deren Liebe in Chajes’ edler Persönlichkeit ihren Brcnnonnkt hatte. Seine Erfolge hat Chajes nicht durch die Macht seiner Stellung oder du«% das finanzielle Uebergewicht gegenüber anderen Kollegen erzielt, noch auch durch besandercs organisatorisches, ja selbst durch überragendes redncrisches Geschick. Seine einzigartige Stellung verdankte Chajes, der auf alle Nebeneinkünfte eines Rabbiner verziehtete und dessen Gehalt lange Zelt hindurch an das eines mittleren Beamten in Deutschland nicht heranteichtfe, ausse|1j«r. JtC :f0״lp|ltex!aps 1» Temp.eFd.er Wiener-Inneren Stadjf, a«fjw§ebhwgt’d«* liberal assimilatorischen Qedankens, das Gebet für unsere Pioniere in Palästina einführen. Sb konnte er die Kanzel, die Stätte agabischer Träumerei, umwände*« zu einer Vortragsstätte über die lebenden wirklichen Bedürfnisse und Bestrebung«! des jüdischen Volkes. So konnte er, statt als Oberrabbiner sich in der Sphäre der Heiligkeit vor dem profanum vulgtis abzuschließen, hinaustreten in Versammlungslokale aller Art, um dort immer wieder von neuem den Wiederaufbau eines besseren Judendaseins zu künden und für ihn zu we־ben. Es ist nicht leicht, alles im einzelnen aufztizählen, was Chajes für das geistige Leben der Wiener Juden bedeutete. Alle jüdisch-geistigen Institutionen Wiens, das Wiener Rabbinerseminar, das hebräische Pädagogium und manches andere verdenken seirem Wirken ihre Existenz oder doch ihr Fortbestehen. Seiner Persönlichkeit gelang es, Menschen zu begeistern wie George Kohut, der auf Chajes’ Namen eine wissenschaftliche Stiftung errichtete, die den Druck einer Reihe wertvoller Werke der Judaistik ermöglichte. Darüber hinaus hat er auch in sozialer Beziehung das Gewissen der Judenschaft Wiens aufgerütfe'.t und von hier aus, wie auch durch Reisen, in anderen Ländern nebst der geistigen, auch die soziale und wirtschaftliche Not zu lindern gesucht Mit seinem Wirken in dieser zweitgrößten, w׳enn nicht größten, Judengemeinde Europas hat Chajes einen neuen Typus des Lehrers im Judentum geschaffen, der in seiner Art an die Vorbilder der größten Rabbinen erinnert. Chajes selbst hat sein Wirken mit seiner Tätigkeit als Wiener Rabbiner nicht für abgeschlossen gehalten. ״Als ich, so sagte mir Chajes einst, ״im Jahre 1912 das Rabbinat in Triest annahm, hatte ich die Absicht, nur etwa zehn Jahre lang meine Pflicht in der praktischen Tätigkeit für das jüdische Volk zu erfüllen. Nun aber will ich wieder zur Wissenschaft zurückkehren." Und so war es vor allem das Judaistische Institut der Universität Jerusalem, an dem Chajes eine Wirkungsstätte zu finden hoffte und das an ihm sicherlich eine ausgezeichnete Lehrkraft gewonnen hätte — wenn sein Wirken an anderer Stelle uns ׳•:cht so bitter nötig gewesen wäre tmd seinen Verlust nur für beide Wirklingsgebiete so schmerzlich gestaltet. Mag man sich auch fragen, ob Chajes nach seiner Rückkehr aus dem praktischen Wirken jene Ruhe und Konzentration wiedergefunden hätte, die für wissenschaftliche Arbeit nötig ist, und ob er nach schönen Anfängen jene große Leistung hätte vollbringen können, von der er träumte, so ist es doch sicher, daß seine große selbstlos reine Arbeit für das jüdische Volk ihm ein Denkmal gesetzt hat, wie dies keine noch so große wissenschaftliche Arbeit vermocht hätte. Chajes’ wissenschaftliche Leistungen teilen das Los fast aller ähnlichen Arbeiten unserer Zeit Sie werden durch die fortschreitende rastlose Forschung früher oder später überholt und haben ihren Hauptwert als Bausteine für die Arbeit derer, die nach uns kommen. Chajes’ Wirken für das jüdische Volk und im jüdischen Leben dagegen macht ihn zu einer Idealgestalt, wie sie das Judentum nur in wenigen begnadeten Männern besaß, und sie wird ihm ein treues und liebevolles Gedenken sichern beim jüdischen Volk und bei all denen, die in Chajes’ Geist für Zion weiter wirken. 2092 und 10 Von Dr. Robert Welt sch. Mit tiefer Trauer stehen wir diesmal am V prabend des Chanukkahfestes. Wir haben einen Fteund 1)md Genossen verloren, einen Lehrer und Führer. Die zionistische Bewegung־ — und man kann wohl in diesem Falle ohne Phrase sagen: das ganze jüdisch fühlende( jüdische Volk — steht schmerzlich erschüttert an der Bahty eines Mannes, dessen gleichen es wenige im heutigen.Judentum gibt. Was Chajes als Gelehrter und geistiger Füfirer gewesen ist, wird an anderer Stelle von berufener Seite gesagt. Was er als wirklicher Gentleman, als Menpch von europäischer Bildung und Horizont, als Jude irjit einer Aura stärkender Güte war, wissen die, die seine Gemeinde bildeten. Dieser Mann von großen Geistesgaben, vton einer seltenen moralischen Hoheit und von einem Charme der liebenswürdigen und bescheidenen Persönlichkeit, der allen, die ihn kannten, unvergeßlich bleiben witjj, hatte eine geheime Leidenschaft: die Politik. Ei füllte besonders in den Jahren der Friedensverhandlungejn einen unwiderstehlichen Trieb, aktiv einzugreifet, er fühlte in sich ־die* Kräfte und Fähigkeiten, für sein Volk apuch auf Difefgangs slIe־hnd^ern.Binge:i»rÄkslehei|. müssen vor der politischen Tat Als ich ihm einn^al — es war wohl 1919 — vorzuhalteq versuchte, daß errsich in dieser Tätigkeit aufreibe, daß er allzu bereitwillig jedem Rufe folge und seine wertvolle Kraft dort vergeude, wo auch Andere ausreichen würden, antwortete er:!״,Lieber Freund, Sie vergessen, in welcher Zeit wir lebffn!“ In ihm w׳ar etwas von wahrem Makkabäergeist — die Verbindung von Glauben an die jüdische Auserwähltleit mit Bereitschaft zum Freiheitskampf bis zum letzten, j Dieses große politische Temperament, das nach Meinung vieler Freunde oft zu weit ging, war nur zu erklären dunp seine etwms naive Auffassung der Politik, deren unvemijeidliche Schattenseiten und Unreinheiten er überhaupt nlchfjsah. In den entscheidenden Tagen war er einer von den Männern, die nach San Rem» eilten, um die endgültige Besegelung des jüdischen Palästina-Charters durchzusetzen. Bei großen und kleinen Anlässen, auf der Kanzel, in Varsammjungen, Vorträgen, in politischen Körperschaften, vor Juden und Nichtjuden, stets hat er mit der gleicften Noblesse und Entschiedenheit die politischen j Grundbedingungen der jüdischen Existenz verfochten.!Erst vor kurzem hat er anläßlich des zehnten Jahrestages der Baifour-Deklaration einen grundlegenden politischen־ Vortrag gehalten: und wenige Tage nach dem zehnten |ahrestag der Einnahme Jerusalems ist er von uns gegangd». Nicht nur das österreichische Judentum, sondern das;gesamte Judentum hat einen Verlust erlitten; dem am ifmmittelbarsten betroffenen jüdischen Volke Oesterreichs gilt unsere herzliche Teilnahme. Vor 2092 Jahren ist Jerusalem von Juda Makkabi eingenommen worden. Vor 10 Jahren ist der Feldmarschall Allenby in Jerusalem eingezogen. Das kleinen{ Ereignis steht im Schatten des größeren. Es ist nicht reiner Zufall gewesen, daß Allenby diesen Tag w ählte. Er wußte wohl, was Weizmann ihm später deutlich sagte, daß seine Tat nur dann unvergänglich in die Geschichte ein;gehen wird, wenn zwischen ihr und jener Befreiung Jerusalems, die zur Reinigung des Tempels und zuin Lichtwujnder führte, ein engerer Zusammenhang besteht. Nach mehr als zwei Jahrtausenden feiern Menschen in der ganzen Welt, feiert ein lebenswilliges Volk das Andenken an Juda Makkabi. Wird man die Eroberung Jerusalems von 1<17ן auch noch in Jahrtausenden feiern? Dies hängt davon ab, ob das Ereignis des 9. Dezember 1917 der Anfaatg einer , wirk* liehen Befreiung Erez-Israels gew׳esen ist, ob sich daran dieselben historischen Folgen knüpfen wie an die Nieder• ringung der hellenistischen Assimilation (Surch die Hasmonier; kurz davon, was wir daraus machen werden. Denn Erez-I srael kann nur von Juden erobert und wiederhergestellt werden. Die Engländer konnten uns Palästina nicht geben, wir müssen es selbst gewinnen.

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