Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 99 (13.12.1927)
- Date
- 1927-12-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10♦ JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 00, 13 XII. 1027 Fn der rumänischen Kammer Hielt der Präsident der Union rumänischer Juden, Abg. Dr. Fildermann, eine Anklagerede und beschuldigte die Behörden, daß sie keinerlei vorbeugende Maßnahmen getroffen habe. Der Sprecher der Nationalen Bauernpartei, M a d g e a r u, beschuldigte die Regierung, die Studenten• Unruhen begünstigt ru haben, um dadurch eine Entspannung der innerpolitischen Lage herbeizuführen. Innenminister Du ca versicherte, die Schuldigen würden strenge bestraft werden. Es seien alle Vorkehrungen getroffen worden, um eine Wiederholung der Zwischenfalle unmöglich zu machen. Dr. Fildermann stellte fest, er habe den Innenminister einige Zeit vor dem Studentenkongreß auf die Möglichkeit von Ausschreitungen aufmerksam gemacht. Am Kongreß haben ein ehemaliger Minister und ein Präfekt teilgenommen. Zum Schluß wandte sich Fildermann gegen die ung 3 r i sc h c Regierung, der er das Recht absprach, in solchen Fragen das Wort zu führen, solange Ungarn den Numerus clausus beibehaite. ln der Senatssifzung interpellierte Oberrabbiner Dr. Nierairover. innenminister Duca drückte das Bedauern der Regierung über die Taten der Studenten aus, die geeignet sind, Rumänien vor der Außenwelt zu kompromittieren. Auch wenn die Studenten tatsächlich provoziert worden seien, hätten sie solche Exzesse nicht verüben dürfen. Die Regierung werde darauf sehen, daß alle Schuldigen bestraft werden. Die Regierung werde sofort alle Schäden, die an den Synagogen und an Privatwohnungen angerichtet wurden, gutmachen. Unterrichtsminister Lapcdatu sprach gleichfalls sein Bedauern über die Vorgänge aus, erklärte aber, er sei überzeugt, daß Lockspitzel die Studenten herausgefordert hätten. Das Kultusministerium werde alle seine Fonds zur Wiederherstellung der an den Synagogen «gerichteten Schäden zur Verfügung stellen. Die ״Lockspitzel". Die ״Voss. Ztg.“ meldet aus Budapest: Fn Großwardein und Klausenburg wurden einige hundert Ungarn und Juden unter der Beschuldigung verhaftet, die Studenten ״provoziert" zu haben und an den Ereignissen Schuld zu tragen. Vor allem wurden alle Verletzten verhaftet mit dem Hinweis darauf, daß eben ihre Verletzungen ein Beweis für ihre Schuld seien. Die Verhafteten sollen vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Die Juden als Schachfigur. Im ungarischen Oberhaus sagte der Rektor der Szegediner Universität, Dr. Karl Toth, bei Besprechung der Siebenbürgener Pogrome, die Untaten, die gegen die ungarische Nation gerichtet sind, haben sich auch gegen die Juden gerichtet, die dort treue Söhne ihres ungarischen Vaterlandes geblieben sind und auch dort auf fremdem Boden die felsenfesten Vertreter der ungarischen Nationalidee und des Glaubens in die Zukunft geblieben sind. Das ganze Oberhaus brach nach diesen Worten in stürmische Eljen-Rufe aus. Gibt es eine bessere Illustration für die Tragik der Judenfrage als die Ironie dieser projüdischen Begeisterung 1m ungarischen (!) Oberhaus?! Und kann die Absurdität der Assimilation und ihres politischen Handlangertums deut- 11ל htr־Wilrtetaefciung־-״*״^״׳*•w- •־־•' Me NaUonallonds-Eingänge im Jahre 6*87 In der Aufstellung der Keren Kajemeth-Eingänge aus allen Ländern der Welt während des letzten Budgetjahres 5687 (Oktober 1926 bis September 1927) nimmt Kanada mit £E 28330 die zweite Stelle nach Amerika ein. Hierin sind die £E 20 000 bereits enthalten, die auf Rechnung der für den Erwerb eines besonderen Bodenkomplexes auf zubringenden eine Million Dollar im voraus abgeführt worden sind. In den einzelnen Ländern wurden für den Keren Kajemeth aufgebracht: Vereinigte Staaten von Amerika £E 91891, Kanada £E 28 330, England £E 15 626, Polen (Warschau) £E 13 723, Deutschland £E 11958, Südafrika £E 8807, Altrumänien £E 8373, Erez-lsrael £E 7867, Tschechoslowakei £E 7285 usw. (Ziko.) Lloyd George hat die Einladung der Exekutive des Jüdischen Nationalfonds, das Protektorat über den Fonds für Anlegung eines Balfour-Waldes in Palästina zu übernehmen, mit Dank angenommen. Die Gefahr ״New ludaea" (London), das offizielle Organ der Zfenistischen Exekutive, schreibt in seiner letzten Ausgabe: Der 15. Kongreß beschloß, ein Ende zu machen mit einem System,das keinen Ausgleich kannte zwischen Ausfaben und Einkünften. Er setzte ein relativ besehe!• enes Budget fest und wählte eine Palästina-Exekutive, deren Aufgabe es ist, ihre Verpflichtungen innerhalb der Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten zu halten und ״nein“ zu sagen zu jeder Forderung einer Ausgabe — so wünschenswert diese auch sei — die durch die zu erwartenden zionistischen Eingänge nicht gedeckt werden kann.... Damit hat offenbar die Zionistische Organisation alles ihr mögliche getan, um Lehren aas der Verfangenheit zu ziehen und durfte hoffen, bei vorsichtiger Leitung en Sturm zu bestehen, um schließlich mit verstärkter Kraft aus ihm hervorzugehen. Im jetzigen Moment zeigt diese Hoffnung nur zu wenig Aussicht auf Verwirklichung. Die Zeit seit dem Kongreß hat keinen Beweis dafür erbracht, daß der Jischuw geneigt Ist, sich In das Unvermeidliche zu fügen. Im Gegenteil. Die neue Politik des Kongresses wird ignoriert. Forderungen für Ausgaben werden vorgebracht, genau als ob es kein festgesetztes Budget gäbe und jus ob der Zionistischen Organisation unbegrenzte Mittel zur Verfügung stünden. Da solche Forderungen natürlicherweise nicht erfüllt werden können, wird alles mögliche getan, um die Lage der Palästina- Exekutive durch unmäßige Kritik und Angriffe unhaltbar zu machen. Es macht nichts, daß ein solches Vorgehen völlig nutzlos ist und eine bittere Ungerechtigkeit denjenigen gegenüber bedeutet, die die Last der zionistischen Leitung in einer so besonders schwierigen Zeit auf sich genommen haben. Rücksichten auf praktische Notwendigkeiten und auf fair play scheinen gleicherweise nicht in Betracht zu kommen. Trotz der Beschlüsse des Kongresses, trotz 'der offensichtliehen Notwendigkeit von Einschränkungen sollen die Ausgaben wie früher weiter gehen; wenn nicht — doch diese Alternative ist nicht klar zu Ende gedacht oder ausgesprochen. Die offensichtliche Alternative für den Jischuw besteht darin, ganz auf seine eigenen Kräfte zurück geworfen zu werden. Eine Erwähnung dieser Alternative genügt schon, um zu zeigen, wie selbstmörderisch die Politik derjenigen ist, die keinen Frieden mit der Exekutive haben wollen, weil sie nicht das Unmögliche erfüllen kann. So schlimm diese Situation ist, so wäre sie nicht so schlimm, wenn die Exekutive desjenigen Einkorn mens sicher wäre, aus dem sic die minimalen. Bedürfnisse decken könnte, deren Erfüllung der Kongreß beschloß. Früher oder später würden gewiß auch die Intransigentesfen einsehen, daß es nutzlos ist, sich den Mond herunterzuwünscheir und daß es klüger ist, das beste aus denjenigen Mitteln herauszuholen, die wir besitzen, als unsere Energien auf vorerst tinerfällbare Forderungen auszugeben. Doch sind die Schwierigkeiten der Lage ernstlich dadurch vergrößert, daß die Einnahmen der letzt en Monate hinter dem vom 15. Kongreß beschlossenen Budgetzurückblei ben. Um es gerade heraus zu sagen: Die Zionisten der Welt erfüllen ihre Pflicht der Exekutive gegenüber nicht, die ihre Vertreter in Basel gewählt haben. Dies kann so nicht wettergehen. Wenn die Exekutive di« ihr durch den Kongreß auferlegten Grenzen nicht noch weiter ausdehnen soll, dann ist es unerläßlich, «5 ihr zu ermöglichen, diejenlgen Aktionen durchzuführen, die in dem Budget vorausgesehen sind. .1»״,*!״* ZuaanuuMhang darait ist;,nleM ,die, amerikanisenea Zionisten zu erwähn««. E* wir in den letzten fahren ihr Privileg, eine« großen Teil der Summern fttr den Aufbau des nationalen Heimes beizutragen. Sie sind es, die wir allem für die Politik einer ״Rationalisierung‘* verantwortlich sind, die jetzt durch geführt wird. Es ist kaum denkbar, daß sie selbst den Wunsch naben, durch unzureichende Bemühungen in dieser Zeit der Not einen Teil der Schuld an dem Scheitern dieser Politik beimtragen. Wenn die Zionistische Exekutive in Palästina aus Amerika und von anderswo die zirka E£ 50 Ott) monatlich, auf denen das Budget fundiert ist, erhalten würde, dann könnten die gegenwärtigen Schwierigkeiten noch überwunden werden. Doch es gibt noch einen anderen Faktor, von der die Exefcutive vielleicht berechtigt ist, größere Hilfsmaßnahmen zu er* warten, als sie bisher gewährt wurden, die Mandats-Rei e r u n g. Wir verstehen sehr wohl, daß es die Sache der alästina-Rcgierung Ist, für die Wohlfahrt Palästinas zu sorgen und nicht für die Stabilität der Zionistischen Organisation. Doch möchten wir zum Ausdruck bringen, daß diese beiden Dinge nicht ganz voneinander getrennt werden können. Ganz unabhängig von der Verpflichtung Großbritanniens für die Errichtung eines jüdischen nationalen Heimes ist es durchaus im Interesse der Palästina-Regierung, daß jüdisches Kapital und jüdische Energie in das Land fließen. Die Tote Meer'Konzession tan Interlunis London, 7. Dezember. (J.T,A.) Im Unterhause fragte Colonel Howard Bury den Unterstaatssekretär lür die Koloulen, ob die Regierung nicht mit der Vergebung der Konzession für die Ausbeutung der Mineralien des Toten Meeren so lange warten wolle, bis das Haus über die Bedingungen vollkommen informiert ist Ormsby-Oore erwiderte: Es ist fraglos, daß eine Konzession für Ausbeutung der Mineralsalze des Toten Meeres vergeben wird und daß die Interessen der Regierungen Pa* lästinas und Transjordaniens dabei wahrgenommen werden. Es würde dem Herkommen widersprechen, schon heute, vor der Unterzeichnung, die Bedingungen bekanntzugeben. Die Verhandlungen werden ja im Namen der erwähnten Regierungen geführt. Die Frage des Verhältnisses zu dem deutschen Kali- Monopol werde erwogen. Es haben mit Bezug auf die Ablagerungen des Toten Meeres solche Uebertreibungen Platz gegriffen, daß ein Wort der Vorsicht nottut Auf die Frage Wedgwoods, wie die Erträgnisse der Konzession auf Palästina und Transjordanien verteilt werden würden, erwiderte Orasby-Gore, er könne hierüber noch keine Auskunft geben; in der Theorie werde angenommen, daß die Grenze zwischen Palästina und Transjordanien unterhalb der Meeresmitte ist. Colonel Bury erkundigte sich nach der Qualifikation Novomeyskys, des jüdischen Ingenieurs, der mit Major Tulloch die Konzession erhalten wird. Ortnsby-Gore erwiderte, Novotnejsky sei Ingenieur und besitze gute lokale Erfahrungen. Er sei auch Fachmann in der Analyse mineralischer Salze. Er habe vor einiger Zeit an den Ufern des Toten Meeres Experimente gemacht. Auf die Frage Kenworthys bestätigte Ortnsby-Gore, daß Novomeysky palästinensischer Bürger ist. Die Debatte geht noch einige Zeit weiter. In ihrem Verlauf fragt Col. Bury, ob es richtig sei, daß dieVerhandlungen nur mit Novomeysky geführt wurden und Tulloch nur ein Strohmann ist. Ormsby-Gore erwidert, nach seinen Informationen nahmen an allen Sitzungen beide Herren teil. * Am nächsten Tag setzte Colonel Howard Bury seine Anfragenkampagne hartnäckig fort. Diesmal interpellierte er nicht das Kolonialamt, sondern den Schatzkanzler Churchill. Er fragte, ob der Schatzkanzler mit Rücksicht auf die große Wichtigkeit der Mineralschätze des Toten Meeres für das britische Imperium für eine finanzielle Kontrolle jeder zur Ausbeutung dieser Schätzung etwa gebildeten Gesell- Schaft sorgen werde, sowie es bei der Anglo-Persian Oil Company der Fall ist. Auf die Antwort Churchills, er könne den Mitteilungen Ortnsby-Gores nichts hinzufügen, sagte Colonel Bury weiter: Ist der heutige Schatzkanzler nicht so weitsichtig, wie diejenigen seiner Kollegen, die einst die Beteiligung an der Anglo-Persian Oll Company und am Suez-Kanal sicherten und dadurch nicht nur ein schönes Stück Geld für ihr Department, sondern auch die Unabhängigkeit der britischen Flotte verbürgten? Will er nicht in Ihnlieber Weise die unabhängige Versorgung des britischen Reiches mit Kali und Brom sichern? Churchill antwortet nur nochmals, daß alle Fragen in dieser Sache, an da* Kflonialaat gerichtet werden müssen. Es scheint daß Mm׳ eine organisierte Kampagne vorliegt, die ähnlich wie ek vor fünf Jahren bei der Rathenberg-Könzession der Fall war, die Vergebung der Konzession au Novomeysky verhindern will. Es ist aber anzunehmen, daß diese Agitation ebenso erfolglos sein wird wie im Falle Ruthenberg. Der Erfolg der Palästina-Anleihe in der ״VoSsischen Zeitung** wird ausgeführt, daß die vor einigen Tagen ln London aufgelegte Palästina- Anleihe darum einen so großen Erfolg haben konnte (bekanntlich waren die Listen sofort nach deren Auflegung voll ' ־־־■־ ' ‘ rung eine doppelte finanzielle Sicherung gegeben war. Die Zeitung schließt: ״Man wird in der Annahme nicht fehlgehen, daß ein Weiner Teil der Emission auch in Deutschfand untergebracht worden ist." Im Unterhause fragte Atbertv, ob ausländische Inhaber von Stücken der neuen 5 *feigen Palästina-Anleihe Einkommen- Steuer zu zahlen hätten. Mr. Churchill erwiderte, daß Personen, die nicht in Groß-Britannien oder Nord-Irland wohnep, von der Leistung einer britischen Einkommensteuer aus der Verzinsung ihres Anleihekapitals befreit sind. Bronx- Express (Berliner Kammerspiele.) ( Bronx kennen die Leser zionistischer Zeitungen liauptsächlieh aus den Berichten des amerikanischen Keren Hajessod- Drives. Es ist eine stark von Juden bewohnte Vorstadt von New York, von der aus die jüdischen Arbeiter alltäglich mit dem Expreßzug der Untergrundbahn zu ihren Arbeitsstätten in der New Yorker Down-Town fahren. Das Leben dieser Ein- Wanderer, die mit ihren aus Osteuropa mitgebrachten Sitten und mit ihrer Sprache eine Stadt für sich bilden, bewegt sich noch heute größtenteils zwischen der Fabrik, wo die aufreibende Tagesarbeit in dem rasenden Tempo des amerikanischen Betriebes absolviert wird, und der Familienidyllik ihrer Wohnung in Bronx oder Brooklyn. Ihre Organisation bekommt ihren besonderen jüdischen Anstrich durch die Eigenart der jüfischen Gewerkschaft, der ״Union“, die sozialistische Gedanken mit traditionell kleinbürgerlichem Konservativismus kombiniert. Von dem rauschenden, wirbelnden Leben Amerikas mit seinem Reichtum und UebtrfluB, bekommen diese Menschen, auch wenn sie viele fahre in New York leben, nichts zu sehen. Die vornehmen Stadtviertel durchfahren sie unter der Erde. Ein solcher Mann, der nur in phantastischen Träumen den Glanz New Yorks erlebt, ist Chaskel Hungerstolz, der Knopfmach er, der in Ossip Dvtnows ״Bronx-Expreß“ wie jeden Tag von der Arbeit nach Hause fährt Es ist Freitag, kurz vor Jom Kippur, und er freut sich auf den häuslichen Scftabbes, zumal heute das Jubiläum seiner fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit in der Fabrik gefeiert wird, ln dem mörderischen Gedrängre stößt er mit einem Nachbar zusammen und es käme beinahe zu einer kleinen Rauferei, wenn sich nicht mitten darin die beiden Gegner als alte Bekannte erkennten, die vor fünftmdzwatzzig fahren auf dem gleichen Schilf in New York angekommen sind. Nun erzählen sie einander ihr Erleben, der ehrliche Chaskel schildert die Freuden seines Familienlebens, während Jankel verächtlich auf diese Zurückgebliebenheit herabsieht und seinem alten Bekannten von der Schönheit und den Möglichkeiten des echten Amerika vorschwadroniert, wo man mit einem guten Einfall Millionen verdienen kann. Er zeigt ihm die verschiedenen Plakate in der Untergrundbahn und schätzt die dort angezeigten Erfindungen in Millionen Dollar ab. Natur- Uch Ist alles Schwindel und Großsprecherei, und der angeblich so welterfahrene und erfolgreiche Business-Mann borgt sich zum Schluß einen Dollar. Aber auf Chaskel hat dieser Spott über die Treue zur jüdischen Tradition Eindruck gemacht, und im Traum, während er in der Bahn einschlummert, werden ihm nun die Gestalten der Plakate lebendig und verführen ihn zusammen mit Jankel in die Welt des Bluffs und des Erfolgs. Auch er muß, um reich zu werden, eine Idee haben, und nach einigem Nachdenken verfällt er auf den Gedanken, den Jom Kippu r abzuschaffen, um eine Störung der Arbeit und Produktion zu beseitigen. Die mystischen Plakatgestalten jubeln, Chaskel erhält Sacke mit Gola, heiratet die Plakatfigur einer türkischen Zigarettenmarke, fährt mit ihr nach Florida und erlebt nun dort mit tiefen Qualen den Jom Kippur, an weichem der Rebbe als Packträger Lasten trägt, sein eigener künftiger Schwiegersohn Zeitungen verkauft, sein Sohn Schuhe putzt, seine Tochter als elegantes Badegirl die Plakatfigur eines Hustenbonbons heiratet, seine eigene Frau Sara für fremde Menschen ■— am Jom Kippur! — kocht. Aus all diesen Höllenquälen erwachend, findet sich Chaskel schließlich im Kreise seiner Familie zum Schabbes. Diese etwas harmlose Handlung ist mit Witz und Geschick durchgeführt. Ossip Dymow, mit seinem wahren Namen Joseph Perlmann aus Biaiystok, hat erst nach dem Krieg in Amerika für das jiddische Theater zu schreiben begonnen, er ist einer der fruchtbarsten Theaterdichter und hat 1—2 Stücke im Jahr roduzlert. Er leitete mit Rudolf Schildkraut gemeinsam das erühmte Jiddische Theater in Bronx. Auch das Stück, das wir in deutscher Uebersetzung bei Reinhardt kennen lernen, zeigt ganz und gar die Tradition des jiddischen Dramas. Seine wesentliche Seite Ist die Milieu-Schilderung, die SentimentaHtät der Familien-Idyllik, welche als stärkste erhaltende Macht der jüdischen Gemeinschaft idealisiert wird. Das Grundmotiv ist auch hier wie schon in der russisch-jiddischen Dramatik vor zwanzig und dreißig Jahren die Spannung zwischen jüdischem Eigenleben und der fremden Umwelt, die diese Bastion bedroht. Durch alle Selbstironie dringt die moralisierende Tendenz des nationalen Selbsterhaltungswilfens. Dieses Stück kann als richtiges Volksstück seine ganze Wirkung zweifellos nur im wirklichen Volksmilieu erfüllen, vor einem Publikum, welches das ganze Entsetzen über den Verkauf des Jom Kippur in seiner Seele mitlebt, und gleichzeitig in einem tiefen Versteck seines Herzens bereits die drohende Versuchung verspürt, selbst ״den Jom Kippur zu verkaufen“, alle durch das Judentum erzeugten Hindernisse abzuwerfen, sich zu assimilieren, um vorwärtszukommen, Reichtümer zu erwerben, auf den Broadway zu avanderen. Der Hörer fühlt sich entlarvt, er sieht seinen geheimen Trieb verkörpert und bloßgestellt in der Figur des lächerlichen Assimilanten und dämonischen Verführers Jankei. So gibt uns dieses Stück ein Bild des wirklichen Lebens und Denkens der roßen Masse des amerikanischen Judentums und zeigt uns« eutlicher als theoretische Abhandlungen den Prozeß, der don im Werden ist, während sich heute noch dieses Judentum der Macht des amerikanischen Schmelztiegels entgegenstemmt. Das schwierige Problem der Uebersetzung eines derartigen Textes, bei welchem es so sehr auf volkstümliche und idiomatische Nuancen ankommt, ist relativ glimpflich gelost Man kann natürlich manches dagegen einwenden, daß in der deutschen Sprache durch den Tonfall und das Stehenlassen einzelner populärer jüdischer Ausdrücke ein Eindruck des Mauscheins erweckt wird, der dem wirklichen Jiddisch fremd ist. Aber wir müssen uns damit abfinden, daß jüdisches Volkstum in irgendeiner Weise in jeder Sprache sich charakteristische Formen geschaffen hat und daß durch eine solche — Übrigens relativ diskrete — Verwendung eines Jargons etwas von der ursprünglichen Wirkung erhalten bleibt, da ja anders das für das Grundmotiv des Stückes, die Assimilation, wesentliche Moment der ungelenkigen Sprachassimilation gar nicht ausgedrückt werden könnte. Es ist aber unerfindlich, warum man gerade ״nebbich", ״meschugge“ und ähnliches stehen läßt, dagegen in Hochdeutsch immer wieder erzählt, daß Jossele drei Tage nach Jom Kippur ..eingesegnet" werden soll. Das jüdische Stück hat in den Kammerspielen unter der Regie von Heinz Hilpert mit den Bühnenbildern von Ernst Schütte eine ausgezeichnete Aufführung gefunden. Das originelle Motiv, die Handlung in einem Wagen deT fahrenden Untergrundbahn beginnen zu lassen, und dessen Umrisse durch alle Verwandlungen des Traumes beizubehalten, ist sehr glücklich gelöst worden. Im Traume selbst hätte man vielleicht noch ein etwas bewegteres Tempo gewünscht, das die Phantastik stärker hervortreten ließe. Der Rhythmus der fahrenden Untergrundbahn müßte in allen Bildern fühlbar sein, sowie er einmal am Schabbestisch durch das Klappern der Restecke auf den Tellern angedeutet wird. Die meisten Darsteller verrieten eine gute Kenntnis des Milieus und der Typen, die sie zu spielen hatten. Allen voran ist Kurt Bois zu nennen, der die geschmeidige Zudringlichkeit und