Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 95 (29.11.1927)
- Date
- 1927-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Zionismus erstrebt für das iUdlsche Volk die Schaffung alner «llentllch rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.« Die Weizmann -Tage Pro Palästina •Kundgebung in Köln ־״. Köln, 23. November 1027. Am 22. November fand im Saal der Rürgergescllschaft in Köln die erste Kundgebung des ״Deutschen Komitees Pro Palästina zur Förderung der jüdischen Palastina-Siedlung" außerhalb Berlins vor geladenen Gästen statt. Die Einladung war von Graf Bernstorff, dem Vorsitzenden des Präsidiums des Komitees, und Dr. Adenauer, dem Oberbürgermeister der Stadt Köln, unterzeichnet worden, lieber 530 Damen und Herren hatten der Einladung Folge geleistet, so daß der Saal bis aut den letzten Platz gefüllt war. Fast sämtliche Kölner staatlichen und städtischen Behörden, die Jüdische Gemeinde und die protestantische Kirche waren durch ihre Spitzenvertreter and ihre prominentesten Persönlichkeiten vertreten. Von der Universität waren der Rektor, der Vorsitzende des Kuratoriums sowie zahlreiche Professoren erschienen. Man bemerkte unter den Erschienenen auch fast sämtliche in Köln amtierenden Konsuln, besonders den britischen, französischen, belgischen, polnischen und schweizerischen Generalkonsul, ferner mehrere Ver- 1eger, fast alle Chefredakteure der Kölner Zeitungen und zahlreiche Berichterstatter der Kölner und auswärtigen, auch der ausländischen Presse. Die Versammlung wurde von Herrn Alfred Tictz eingeleitet, der in herzlichen Worten des kürzlich verstorbenen Kölner Mitglieds des Komitees und begeisterten Vorkämpfers des Palästinaaufbaugedankens, Justizrat Ludwig Cahcn, gedachte und sodann Herrn Regierungspräsidenten H au II man n!Stralsund) bat, die Versammlung zu leiten. Dieser begrüßte die offiziellen Gäste und Teilnehmer der Kundgebung und sprach kurz über die Geschichte der Pro Palästina-Bewegung, sodann verlas er folgendes Ichrdben des Oberbürgermeisters Dr. Adenauer: Köln, den 22,. November 1*527. Präsidium des Deutschen Komitees Pro Palästina, x. ft. Seiner Exzellenz des Herrn Grafen Bernstorff. Sehr verehrte Exzellenz! Für die mir freundlichst übersandten Publikationen des Deutschen Komitees Pro Palästina gestatte ich mir meinen verbindlichsten Dank auszusprechen• Wie ich Ihnen schon mitteilte, ist es mir entgegen meiner ursprünglichen Absicht zu meinem lebhaften Bedauern nicht möglich, an der Kundgebung des Deutschen Komitees Pro Palästina am 22. d. M.in Köln teilzunehmen, weil das Preußische Staatsministcrium die Einberufung des Staatsrat» auf den 22. d. M״ auf Grund des Artikels 38 I der Verfassung angeordnet hat, und ich als Präsident die sehr wichtige Sitzung unbedingt leiten muß. Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie auf diesem Wege meine Grüße und besten Wünsche entgegennehmen und der Versammlung übermittein würden. Es ist mir eine besondere Ehre und anenehme Pflicht zugleich, Sie, sehr verehrter Herr Präs!־ ent, sowie alle Teilnehmer in den Mauern der Stadt Köln auf das herzlichste willkommen zu heißen. Gern gebe ich dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck, daß ihrer Tagung ein red!t würdiger Verlauf und Ihren Arbeiten ein voller Erfolg beschieden sein möge. Gestatten Sie mir noch einige kurze Ausführungen. Durch den Artikel 4 des Palästinamandats ist die Schaffung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina garanfiert worden. Alle im Völkerbund vertretenen Regierungen ufid damit auch die deutsche Reichsregierung haben die Mitverantwortung für die Durchführung dieser dem jüdischen Volk gegebenen Zusicherung übernommen. Es handelt sich um ein Unternehmen, dem aus allgemein menschlichen Erwägungen Anerkennung und Anteilnähme gebührt. Die Entstehung von Pro Palästina-Komitee! in Deutsch-!and, Frankreich und England, denen die Vertreter der Regierungen und neben führenden Angehörigen aller Parteien, Künstler, Wissenschaftler und Wirtschaftler von Rang angehören, ist ein Beweis für die Sympathie, die der Gedanke jüdischer Erneuerung überall dort findet, wo die Förderung menschlicher Wohlfahrt und Gesittung, die Beseitigung der Zwietracht unter den Völkern und des Hasses zwischen Religionen und Rassen als eine hohe Aufgabe betrachtet wird. Die Energie, mit der für den Aufbau des jüdischen Palästina gearbeitet wird, und die Ergebnisse dieser trotz aller Schwierigkeiten und selbstverständlichen Rückschläge fortschreitenden Arbeit sind bekannt. Wir wissen, daß dieses Werk wie jede Kolonisation große materielle und ideelle Opfer fordert. Das Programm des Komitees erklärt, ״daß der Aufbau der jüdischen Heimstätte Anspruch auf die deutschen Sympathien und die tätige Anteilnahme der deutschen Juden hat." Ich hoffe, daß die Sympathie der Welt und die Opferbereitschaft der Judenheit die Wiederauferstehung des alten Landes sichern wird, der die Wiederauferstehung der alten hebräischen Sprache bereits vorangegangen ist. Es handelt sich, dessen sind wir gewiß, um ein Werk des Friedens, das ohne chauvinistische Uebertreibungen, ohne Beeinträchtigung der Rechte anderer Religionen, denen Palästina g'cichfalls heiliges Land ist und sicherlich ohne Beeinträchtigung der wirtschaftlichen und politischen Stellung der nichtjüdischen Bevölkerung Palästinas durchgeführt wird. Das Palästinamandat ist der politirchc Erfolg einer Bewegung, mit deren ersten Anfängen unsere Stadt verbunden ist. Auf dem jüdischen Friednoi in Deutz ist Moses Heß begraben, der geistige Urheber des modernen Zionismus. Seinem im Jahre 1862 erschienenen Werke gab er den Titel ״Rom und Jerusalem". Wir verstehen, daß mit Jerusalem und Palästina jüdische Bestrebungen verbunden sind, deren Ziele schöpferische Leistungen sind, die nicht nur für die jüdische Welt Bedeutung haben werden. Die mit der Scholle verbundenen jüdischen Bauern und Arbeiter sollen nach unserem Wunsch ihr Leben so gestalten, daß sie im Orient als ein Element friedlichen Aufbaus wirken und zur kulturellen Hebung jener Länder beitragen. in diesem Sinne wünsche ich Ihren Arbeiten einen guten Fortgang. Mit ausgezeichneter Hochachtung bin ich Euer Exzellenz besonders ergebener gez.: Adenauer, Oberbürgermeister. Der Vorsitzende brachte ferner ein Begrüßungsteicgram in der Reichsregierung und ein längeres Telegrainm des Grafen Bernstorff zur Verlesung,"der durch Krankheit am Erscheinen verhindert war. Hierauf übermittelte Herr Regierungsrat Freiherr von Klinckowström der Versammlung die Grüße des Ober- Präsidenten der Rheinprovinz und des Kölner Rcgierungspräsidenten. Er betonte, daß gerade hier am Rhein, wo sich die ältesten jüdischen Siedlungen befinden, die N i c h t j u d e n der Pro Palästina-Bewegung Interesse und Sympathie entgegenbringen. Das erste Referat hielt der Rektor der Universität Köln, Professor Dr. Wölb 1$' seijer.. fqrtjjvolleiKietetj und geistvollen Rede kennzeichnete er den Zionismus al* die jrei«*! ״* Be wetrun 8 i.jit I m «e!i : «sjelsiittie; flm8 ״tr ätea. •ieatg» Versuch, in das Gbaos des ludenproblems durch Verkuiipfung der Juden mit Ihrer Muttererde wieder eine sinnvolle Ordnung zu bringen. Die große Tat des Zionismus ist, daß er mit der rein historischen Verknüpfung aufräumt und d 1 c Tradition wieder lebendig macht. Gegen eine solche Kultiirfat müssen alle kleinlichen Bedenken z u r ii c k t r e t e n. Es ist das erstemal in der Kolonisationsgesciiichtc, daß ein Land durch die Penetration pacifiquc wiedergewonnen wird. Für das deutsche Volk Ist es wichtig, daß es seine Beziehungen zürn zionistischen Werden nicht verliert. Geschichte, Humanismus und Völkerverständigung־ sind die Grundelemente der zionistischen Bewegung, die gerade die Universität zu würdigen weiß. Rabbiner Dr. Wiener, Berlin sprach über den Aufbau in Palästina als den Aufbau der jiidischeu Seele. Dieser Aufbau könne nur gelingen, wenn die viel gerühmte Solidarität des Judentums sich in ihrer ganzen Stärke beweise. Der Vorsitzende der Versammlung, Regierungspräsident Hauftmann erörterte dann in längeren Ausführungen die zahlreichen Widerstände innerhalb und außerhalb der Judenheit gegen den Zionismus. Besonders eingehend widerlegte er die Beh a up tu n g, daß das Bekenntnis zum Zionismus oder die Ausführung desselben der staats bürgerlichen Stellung der Juden Abbruch tun könne. Der Redner schilderte ferner eingehend die tiefen Eindrücke, die er von seiner Reise nach Palästina mit nach Hause genommen hat. Als letzter Redner sprach Kurt Blumenfeld über die politischen und wirtschaftlichen Probleme des Palästinaaufhaus. Er schilderte den Zustand und die Aussichten der jüdischen Siedlungen und schloß mit einem Hinweis darauf, daß die Nichtjuden wohl durch politische und moralische Unter- Stützung den Aufbau fördern könnten, was sie in den letzten Jahren auch im immer steigenden Maße getan hätten, daß cs aber die Sache der Juden sei, die Geldmittel für dieses schwere und einzigartige Werk aiifzuhringen. Mit einem kurzen Schlußwort des Regierungspräsidenten Ifaufimann endete die Versammlung, die auf die mit angespaimter Aufmerksamkeit und regem Beifall für die einzelnen Redner teilnehmenden Gäste zweifellos einen fielen Eindruck gemacht hat. Die Keren Hajessod• Eingänge im Oktober int Oktober 1927 sind beim Keren Hajessod-Hauptbüro Jerusalem insgesamt £ 29 '280 eingegangen, davon aus Südatrika £ 13000, aus den Vereinigten Staaten £ 10 135, aus Deutschland £ 1509, aus Polen £ 90? und aus Palästina L 618. Die Prager ״Selbstwehr'‘ teilt mit, daß Na 11 um Sokolow demnächst die Tschechoslowakei besuchen wird. Er trifft voraussichtlich am Mittwoch, den 11. Dezember, in Prag ein und wird in mehreren Städten der Republik sprechen, f ür den Empfang werden bereits umfassende Vorbereitungen getroffen. Große Heren Hajessod-lrfolge Empfang bei Stresemann und Schubert Dr. Wei/ituirm ist am 25. d. M. in Berlin eingetroffen. An! 2b. halle er eine längere Unterredung im Auswärtigen Amt mit dem Staatssekretär v. Schn- Bert, der bekanntlich auch dem Ehrenpräsidium des Pro Palästina-Komitees angehört. Hierauf wurde Dr. Weizmann von Legationsrat Sobernheim dem Reichsaußen«!inister Dr. Stresemann vorgestellt und hatte mit diesem eine längere Aussprache, wobei Dr. Weizmann den deutschen Außenminister über die Lage in Palästina und die Fortschritte und Probleme des jüdischen Aufbau- Werkes informierte. Dr. Stresemann nahm die Ausführungen mit großem Interesse entgegen. Im Laufe des Tages stattete Dr. Weizmann dem britischen Botschafter in Berlin einen Besuch ab. Freitag abend leistete Dr. Weizmann einer Einladung von Herrn und Frau Bankier Willy Dreyfuß Folge und hatte in deren Hause eine Unterhaltung mit jüdischen Persönlichkeiten über die Palästina-Probleme. Am 26. mittags fand ein Frühstück bei Herrn Ministerialdirektem Schacffer statt. Unter den Gästen befand sich u. a. das deutsche Mitglied der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes, Geheimrat Dr. Kastl. Sonnabend abend war Dr. Weizmann Gast des Herrn Generalkonsuls Eugen Landau, in dessen Haus sich eine große Gesellschaft jüdischer und nichtjüdischer Pmöitlichkeitcn des politischen und jgdstigen B^rUw Sonntag, am 27״ ist Dr. Weizmann nach Breslau abgereist. Wie uns aus Breslau telephoniert wird, gestaltete sich der Empfangsabend am Sonntag abend zu einem außerordentlichen Ereignis. Der Saal war überfüllt und die Galerien waren von 700 Jugendliehen besetzt. Für den Keren Hajessod wurde ein unmittelbares Zeichnungsergebnis von 40000 Merzielt. Von Breslau begibt sich Dr. Weizmann nach Beuthen und •von dort nach R u m ä!1 i e n , vorausgesetzt, daß die innerpoliti.sche Lage in Rumänien, die durch das Ableben des Ministerpräsidenten Bratianu hervorgerufen wurde, eine programmäßige Abwicklung der vorbereiteten Veranstaltungen gestattet. Von Dr. Weizmanns Besuch in Leipzig ist noch nachzutragen, daß eine zionistische Persönlichkeit, die nicht genannt sein will, zu Ehren Dr. Weizmanns eine Stiftung von 5000 Dollar für die Universität Jerusalem machte. Für den Keren Hajessod wurden in Leipzig bei der Weizmann-Veranstaltung 55000 M. gezeichnet. Nachstehend geben wir die Berichte unserer Korrespandenten über die Veranstaltungen in München und Frankf 11 r f wieder. ln München (Von unserem Berichterstatter.) München, 23. November. Zu einem großartigen und allen Teilnehmern unvergeß• liehen Ereignis gestaltete sich der Besuch Weizmanns in München. Der Keren Hajessod hatte zu einem Begrüßungsabend in den festlichen Cherubinsaal des Hotels ״Vier Jahreszeiten“ geladen. Mehr als 500 Personen, darunter zahlreiche Mitglieder des Gemeindevorstandes und der Gemeinde- Vertretung, waren der Einladung gefolgt; zum größten Bedauern der Veranstalter konnten viele Interessenten nicht mehr eingelassen werde«. Die Gäste, vor allem Dr. Wci/mann, wurden begrüßt von Herrn Dr. A. Perlmutter im Namen der Z ionist ischeu Ortsgruppe und des Keren Hajessod. Der Redner führte u. a. aus: Wo ein Kreis jüdischer Menschen ist, in dessen Mitte eines Tages Weizmann tritt, da begibt sich mehr und größeres als der Besuch eines noch so berühmten Mannes und noch so hoch zu feiernden Gastes, denn um ihn weht Atem der Geschieht e, Und Besinnung־ auf sie ist Forderung an jeden, wo er erscheint. Und heute, da er zu uns gekommen ist, wie könnte es anders sein, als daß wir gegenüber dem ״Mumie, der heute und seit• langem die sichtbare Verkörperung der pgcmvä זt i g c 11 jüdischen Geschichte ist, als daß wir des Ereignisses gedenken, mit den der Name Wc.zmann unlöslich verknüpft ist; ich meine die Balfour-Deklaration, deren zehnjährige Wiederkehr wir in diesem Jahre feiern, jenes Dokument, das den Juden Palästina wiedergegeben hat Nicht freiwillig־ und zur bequemen Nutznießung, sondern damit sie es sich aus eigener Kraft neu erwerben.