Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 93 (22.11.1927)
- Date
- 1927-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 660 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 03, 22 XI 1927 Zeit ״Spiegel Die Numerus clausus-Komödie ln Ungarn Wir haben vor einigen Wochen die Politik der ungarischen Regierung In der Frage des Numerus clausus nach ln• formationen einer unterrichteten Stelle beleuchtet. Die Ent• Wicklung dieser Frage hat unsere damalige Darstellung vollauf bestätigt. Nachdem die Ankündigung einer Reform des Numerus clausus den offenbar gewünschten Protest seitens der ungarisehen Studentenschaft entfesselt hatte, erfolgte die Verkündung des Gesetzentwurfes der ungarischen Regierung. Dieser Ent• wurf ist durchaus geeignet, die Antisemiten in Ungarn zufrieden• zustellen. Der erste Satz des famosen Projekts lautet: ״Bei der Zulassung zum Hochschulstudium Ist neben den Anforderungen der nationalen Gesinnung und der moralischen Verläßiiehkeit einerseits auf den vorangegangeuen Studienfortgang des Aufnahmebewerbers bzw. auf dessen geistige Fähigkeiten wie auch darauf Rücksicht zu nehmen, daß in erster Reihe die Kriegswaisen und die Kinder der gewesenen Frontkämpfer, ferner die Kinder der öffentlichen Angestellten und der Angehörigen der verschiedenen Berufszweige (Landwirtschaft, Industrie, Handel, freie Berufe usw.) in dem der Zahl der Angehörigen dieser Berufe und der Bedeutung der letzteren entsprechenden Verhältnis zum Hochschulstudium zuzu'assen sind und die Zahl der Zugelassenen auch unter die einzelnen Muttizipien in gerechter Weise aufgeteilt werden soll“ Die Entscheidung über die Aufnahme liegt in dem Belieben der einzelnen Hochschulrektoren. Wenn man den gewundenen Satz des Gesetzesvorschlages in seine Teile zer'egt, so kommt man zum Ergebnis, daß alles beim Alten bleiben wird, wofern die liberalen Blätter Ungarns nicht recht haben, daß der neue Entwurf eine Verschlechterung des alten Zustandes bedeutet. Das ganze ist ein neuerlicher Beweis für die ״Aufrichtigkeit“ der ungarischen Regierung in dieser Frage. Budapest, 18. November. (J.T.A.) Die gestern erschienene Regierungsvorlage über die Revision des Numerus clausus hat alle Hoffnungen auf eine Besserung der Lage der jüdischen Studierenden zunichte gemacht. Im Gegenteil, es ist jetzt allen klar, daß die neue Ordnung eine Verschlechterung der Position der Juden bedeutet. Die RecIitsakKonSre sind schon vollständig beruhigt und erheben nur noch stilistische Einwendungen gegen die Vorlage. Der delegierte Referent der Vorlage erklärt' daß die Juden keine goldenen Berge erwarten mögen. Ihre Zahl in Budapest kann sich höchstens auf 8 bis <) Prozent erhöhen. Zur Feier dieses Ereignisses gab es treh dreiwöchiger Pause an den hiesigen Hochschulen wie Jer kleine Juden krä walle, besonders an der Technischen Hochschule. Wieder überfielen Gruppen von zehn oder mehr je einen jüdischen Studenten, den sie in roher Weise verprügelten. Die randalierenden Gruppen hatten heute sogar den Mut, während eines Vortrages im Lehrsaal Skandaiszenen zu provozieren. Außer mehreren leichter Verletzten gab es heute wieder vier Schwerverletzte. An den übrigen Hochschulen wurde nicht geprügelt, die Juden aber in eigenem Interesse aufgefordert, die Lehrsäle so rasch wie möglich zu verlassen. Der Unterrichtsminister hat den übliehen Befehl herausgegeben, die Ruhe wieder herzustellen. Iler Hlnauswurl in Pernamenz Der Korrespondent des ״B.T.“ meldet aus Wien am 1®. November; ״ln der vorgestern abgehaltenen Jahresversammlung des österreichischen Skivereins wurde von der Wettlaufsektion unerwarteterweise der Antrag gestellt, in Zukunft nur Personen arischer Abstammung und deutscher Volkszugehörigkeit a u f z 1111 e 11 m c n. Begründet wurde der Antrag damit, der Verein habe im Hinblick auf die Winteroiympiade die Pflicht, der Majorität der Skiläufer, die infolge der Grundsätze der alpinen und der Turnvereine am Beitritt gehindert waren, diesen Beitritt und damit auch den Start bei internationalen Veranstaltungen zu ermöglichen. Der Antrag wurde mit zwei Dritteln Mehrheit an gen ommen. Die Einführung des Arier- Paragraphen beim österreichischen Skiverein ist eine U e b e rraschung. Denn als vor einem Jahre der Kampf um die Einführung dieses Paragraphen auch die österreichischen Wintersportvercine ergriff, war es der österreichische Skiverein, der sich entschieden gegen den Arierparagraphen aussprach.“ Ungleich dem Korrespondenten des ״B. T.“ sind wir gar nicht ״überrascht“. Der Platz für jüdische Sportbeffissene sind die jüdischen Turn- und Sportvereine. Berliner Kalender Büro: Berliner Zionistische Vereinigung, Berlin W 15 Meinekestr 10. Telephon: Bismarck /163—70. Postscheck Konto Nr. 37830 Berlin NW 7. Kassenverwaltung der B. Z. V Dienstag, den 22. November nachm. V*5 Uhr Jüdisch-Nationale Frauenvereinigung Frauengruppe LlchterfeSde-Dahlem, bei Frau Betty Cohn, Lichterfelde, Ring 65. Bibelkurs unter Leitung von Frau Bose 11 wltz. Mittwoch, den 23. November abends SVa Uhr Gruppe Ost, in den Räumen des Agudaa Achim, Jostystr. 4. Herr Dr. Wolfsberg: ״Die kulturelle Situation des Augenblicks“. ,עבריה" «חבורה להרבצת הדבור העברת חבורה וו קבלה על עצמה להחיות התנועה העברית בברלין. אספה ראשונה תהא ברביעי בשבת- כ״ג בנובמבר בשמונה שעות ב״תלטוד תורה״ רחוב לימן 140. סדר היום: הצעת התבנית. העברים מתבקשים לבוא. Donnerstag, den 24. November abends &«/* Uhr präz. בית מדרש לעברית של קהלת היהירים בברלין" גרוסה המבורגרשצר־. כ״ז• שורת הרצאות של ביאורים גיאוגרפיים והיסטוריים לספרי נביאים ראשונים על פי תמונות אוד. הרצאה א׳: סקירה כלידעז עי א״י. הטרצה: מר ד. אשבל. כל התלמידים" ואף אלו שלמדו לפנים׳ מזומנים לבוא. Metamorphose Der Prediger der Berliner Reform-Gemeinde, Dr. Julius J e 1 s k 1 wird im November 60 Jahre alt Aus diesem Anlaß widmet ihm sein Amtsbruder in den ״Mitteilungen der jüdischen Reform gemeinde zu Berlin“ einen ehrenden Aufsatz, dessen Betrachtungen er eine Reihe von Zitaten aus Jelskisehen Predigten anfügt, die ihm die Persönlichkeit des Jubilars besonders zu charakterisieren scheinen. So unter anderem*): ״Wir kennen nur ein Vaterland. Wir sind ganz und gar verwachsen mit der Stätte und dem Staate, dem wir durch Ge* burt, durch Recht und Sprache angehören." Oder: ״Unser Jerusalem und unser heiliges Land ist das, was uns gemeinsam mit den anderen Bürgern, dem wjr durch die Geburt und Erziehun g angeboren, durch den süßen Laut der Muttersprache, mit Herz und Hand, mit allen Fasern unseres Herzens, mit allen Kräften unserer Hände.“ Die Zitate entstammen der Kriegspredigtensammlung: ״Aus großer Zeit.“ Herr Dr. Jelski hat in Sion im in Russisch* Polen das Licht dieser Welt erblickt.... Hn bißchen Psychoanalyse Stefan Großmann schreibt im ״Montag-Morgen“ über die Aufführung des ״Kaufmann von Venedig“ im Staatstheater: ....... ..... ׳ Diese Neu-Inszenietuhg, •׳Iangwi4rigt‘<«d,Taigwete• fürs Publikum, könnte als Uebungsstunde für Psychoanalytiker gelten. Es spielt Fritz Kortner den Shylock und er läßt den Kaufmann von Venedig gallzianisch jüdeln. Warum? Gedanklich ist es unsinnig, ebenso gut müßte Othello im Nigner-Dialekt gegeben werden, schauspielerisch ist es überflüssig, denn Kortners Rassenhaftigkeit bricht auch ohne das Hilfsmittel des Jargons durch. Der Psychoanalytiker könnte sagen: Er unterstreicht das Judentum, um durch die Betonung eine Distanz, die gar nicht da ist, vorzutäuschen. Freilich Kortner ist ein Kulturjude, deshalb kommt er dem Shylock nur durch Reflexion nahe, während Schildkrauts strömendes Naturjudentum die Gestalt spielend zeugte.“ Das schreibt ausgerechnet Stefan Großmann, von dem wir die längste Zeit angenommen hatten, er sei katholisch getauft, während er (nach einer seinerseit von ihm einem völkischen Blatt geseni kten Berichtigung) evangelisch ist Versucht Großmann nicht durch diese Kritik ״eine Distanz die gar nicht da Ist“, vorzutäuschen? *) Sperrungen von uns vorgenommen. D. Red. Dr. Jizchak Slelnberp Erfolge Selbst die obskursten jüdischen Ocmeindeblättrhen verzeichnen mit großer Genugtuung, daß der Ostjude Jizchak Steinberg den vom Goe hebund gestifteten Preis für das Drama ״Der Dornenweg“ erhalten und auf der Bühne des Bremer Schauspielhauses einen jz-oßen Erfolg errungen habe. Diese Freude der stramm assimi.atorbchen Presse am Erfolge eines Ostjuden freut uns selbstverständlich und wir wollen vergessen, daß dieselbe Presse sonst, a'lerdings in vorsichtiger Weise, über den kulturell rückständigen Zuzug aus dem Osten die Nase zu rümpfen pflegt. Hoffentlich wird diese Presse von nun an allen Ostjuden gegenüber die gleiche Objektivität aufbringen wie in bezug auf Dr. Jizchak Steinberg, den sie allerdings schamhaft konsequent nur J. Steinberg nennt. Henry Ford and Theodor Friisch Die Zeitungen wissen zu melden, daß Henry Ford Theodor Fritsch verboten habe, das Buch ״Der internationale Jude“ von Henry Ford, weiter zu vertreiben und den Namen Fords als Aushängeschild für antisemitische Literatur zu verwenden. Henry Ford soll erklärt haben, daß es ihm mit seiner feierlichen Revokation ernst sei, und daß er sich bemühen werde, das von Ihm verübte Unrecht gutzumachen . . . Sofern das wirklich der Gesinnung Fords und den Tatsachen entspricht, sind wir die letzten, die daran etwas auszusetzen haben. Nach den Friedhöfen die Synagogen ln der Nacht zum Sonnabend ist die Synagoge der Lüneburger jüdischen Gemeinde von unbekannten Tätern in gemeiner Weise beschädigt und beschmutzt worden. An einem Baum in den benachbarten Anlagen war ein Tuch mit einem Hakenkreuz befestigt worden. Auf die Ermittlung der Täter wurde eine hohe Belohnung ausgesetzt. Beschloss« der Joiai-lea-FonndaBon Berlin, 17. November. (J.T. A.) Am 13. November fand eine Council-Sitzung der American Joint Reconstruction unter dem Vorsitz von Herrn Justizrat Blau in Berlin statt, in der über die weitere Arbeit der Foundation wichtige Beschlösse gefaßt wurden. Auf Grund der Berichte, die die Managing Directors dem Council über die Lage und Arbeit der Foundation in den verschiedenen Ländern gegeben haben, beschloß der Council den Managing Directors die Gesamtsumme von 275 300 Dollar für die kooperative Arbeit in Polen, Litauen, Rumänien und anderen Ländern nach Verständigung mit den betreffenden Kassen oder ihren Vertretungen zur Verfügung zu stellen. Die kreditierenden Organisationen, Joint und!ca, stellten der Foundation hierbei einen neuen Betrag von 150 000 Dollar für Kreditzwecke zu den vorhandenen Disponibilitäten der Foundation zur Verfügung. Todesfälle Duisburg. Am 18. November starb nach kurzer Krankheit an einer Kopfgrippe der Vorsteher der Repräsentanten- Versammlung Max Kolski Im Alter von 72 Jahren. Kolski war eine charakteristische Erscheinung im jüdischen Leben Duisburgs. 31 Jahre lang gehörte er der Repräsentanz an, jahrzehntelang unter liberaler Herrschaft in der Opposition, sei! ft.Jahren, al$ die liberale Mehrheit picht mehr bestand, * als. Vbiftfih&i;der;.',,VlrsalBmlunt; di|t'W1:ä»Ä?bM1er>.T«!fetfe Kolski war ein echter Jude, bis ln die letzten Tage hinein voll jugendlichen Feuers. Ohne Zionist zu sein, ging er fast stets mit den Zionisten, war ein Freund Palästinas, der Ostjuden und jüdischsoziater Arbeit Selbst Mitglied des Ccntralverejns, ließ er nie eine Etatsberatung vorübergehen, ohne in ernster, eindrucksvoller Weise dem Centralverein die Gegnerschaft gegen den Zionismus vorzuhaiten. Er stand in dem langjährigen, schließlich e־f()!״reichen Kampfe um die jüdische Schule in vorderster Reihe. Wo es Wahrheit und Recht im jüdischen Leben zu verteidigen galt, war Kolski zu finden. Auch im öffentlichen Leben der Stadt betätigte er sich mit Hingebung. Vor dem Kriege war er eine Reihe von Jahren Stadtverordneter. Seit vielen Jahrzehnten widmete sich der selbstlose Manu mit großem Erfolge dem Feuerwehrwesen, in den letzten Jahren als Branddirektor. Berlin, 17. November. (J.T.A.) Der Chordirigent der Berliner Jüdischen Gemeinde, Musikdirektor Albert Keller• mann, wurde am 16. d. M. von einem Privatauto so Unglücklieh überfahren, daß er an den erlittenen schweren Verletzuu׳■ gen sofort starb. Albert Kellermann hat sich als Komponist und Bearbeiter altjüdischer Hausmusik hervorgetan. jene Gefühllosen aus unserem eigenen Volke aufhorchen, an die Bernard Lazare, der Feuerrufer im Dreyfußprozeß die Worte gerichtet hat, die die Revue aus seinen Manuskripten abdruckt: ״Wer bist Du? Was willst Du sein? Du bist Jude, sagt man Dir und das schlägt an Dein Ohr wie ein fremder Name. Du bist Jude. Weißt Du, was das heißt Jude zu sein? Mache es wie ich, lerne es. Du willst der Welt dienen? Sei Du selbst, mehre Deine Persönlichkeit und Du wirst ihr besser dienen.“ Grete Wolf - Krakauer (Ausstellung im Kunstsalon Würthle, Wien.) Von Dr. Martha Hofmann, Wien. Wir kennen die noch jugendliche Künstlerin nicht erst seit heute. Bald nach Kriegsende trat sie mit ihren sensiblen und phantasievoiien, stets interessanten und eigenartigen Komposilionen vor die Ocffentlichkeit. Noch sehr jung damals, zeigte die Persönlichkeit der Künsterin das ehrliche Ringen um aen individuellen Ausdruck ihres Selbst. Fein nuancier,e Farbigkeit tiad eine gewisse Kühnheit der ausdrucksvollen Linienführung waren ihren expressionistischen Kompositionen eigen, die an Qualität weit den Durchschnitt der damals Mode gewordenen Produktion übertrafen. Wenige Jahre später begegneten wir der Künstlerin wieder: es war kurz vor ihrer Uebersiedhmg nach Palästina, als uns Grete Wolfs gereiftes Werk gleichzeitig in mehreren Ausstcllungen begegnete. Damals fiel uns die großzügige Behandlung der Flächen und Linienführung namentlich bei ihren Porträts aut, die in ihrer knappen uni klaren streng um;is52nen Stilisierang letzten Einblick m die Psyche des Dargeste.,.en gewährten. Schon damals zeigte sich in der Auffassung und Umrelßung dieser Kopie die fast männliche Kraft der Künstlerin, eine Art seelischen Radikalismus, dem wieder die träumerische Sensibilität einiger Landschaftsbilder, die feine Tönung der Farben (die an japanische Traumlandschaft gemahnende zarte Silhouette etwa ihres ״Traunstein“), die von ganz gelöster Einfühlung in die Seele der Natur zeugt, als weibliches Element gegenüberstehen. In Jerusalem traf ich die Künstlerin wieder, mitten in heißer und beglückender Arbeit. Es war eine Fülle neuer Gesichte, neuer Erlebnisse an Farbe und Form, an Seele und Stoff auf sie eingedrungen. Es ist wahrhaftig keine Kleinigkeit für einen Maler des Nordens, mit einem Male mitten hinein versetzt zu sein in die durchsichtige Atmosphäre des Orients, in dieses schwebende Licht, das Konturen und Entfernungen aufhebt, ln diesen blendenden Tag, der keinen Uebergang kennt, keine Dämmerung. Nur Tag und Nacht — Licht und Dunkel stehen sich hier gegenüber. Licht und Dunkel: in wörtlichster Bedeutung gesagt, klingt es wie ein Symbol: denn auch in eine Umwelt von blendendem Licht und dunkelstem Schatten fühlt sich der Neuling versetzt. Berge, wüstenkahl und nackt wie totes Gebein, starren asketisch gen Himmel und leuchten, ehe es Nacht wird, in der brennendsten Glut roten und gelben Lichtes, hüllen sich in das wärmste und tiefste Blau, wie in Gottes Mantel, ja — es ist ein Land, in dem Steine reden — .... Ein Land, in dem wunderbar neue Häuser und Gärten mit wunderbar neuen Menschen mitten zwischen altem Schutt und Geröll entstehen, in dem der Motor dahinrast, vorbei an dem ewig trägen Trott der Mittler zwischen den Orten dieses Landes: den Kamelen. Ein Land, in dem die Kefija des Beduinen, der Streimel des Wunderrabbi und die kecke Mütze des Chahtz nebeneinander zu Recht bestehen. Alt-Neuland. Alt-Neuland, mit seinen spitzbogig überwölbten Bazaren, der arabischen Altstadt Jerusalems, durch die beladene Eselchen wanken, in der Händler feilschend und schreiend sieh hinkauern an das grüngrau schillernde, uralte Mauerwerk der Torbögen, Alt-Neuland mit seinen von der Sonne versengten, bleichfarbigen und rötlichen Zeltlagern und den primitiven Holzbaracken In der Ebene jesreel, wo die neuen Kolonien der Pioniere sich entfalten, umringt von farbig bedeckten Hügeln und Tä'ern, Alt-Neuland mit dem stumpfergebenen Tierb’ick der Jemenitenfrau, mit den hohlen Wangen im strenggekerbten Antlitz der persisch-jüdischen Mutter. Alt-Neuland spiegelt sich heute In der ihr eigenen radikalen Weise in den Blättern der Künstlerin. Das Werk unermüdlicher, zweijähriger Arbeit im Lande liegt vor uns, wenn wir ihre diesjährige Ausstellung im Kunstsalon Würthle in Wien besuchen. Ihre Linienführung ist herber geworden, spröder, man möchte sagen asketischer. Etwas von der radikalen Atmosphäre des Landes, etwas von seinem Glauben und seiner Naivität liegt darin. Großer Wahrheitsmut und viel Streben nach vöUig treuer, reiner Wiedergabe. Namentlieh die Mappe von farbigen Lithographien, die die Künstlerin im Aufträge des Keren Hajessod in mühevoller Arbeit seihst hergestellt hat — soviel Farben, soviel Platten — spiegelt uns die Stimmung der Arbeitersiedlungen in Palästina mit schwerem Werk und farbigem Horizont in aller Härte und aller Phantastik wieder. Eine gewollte Primitivität charakterisiert die proletarische Einfachheit der Gehöfte. Doch ein Horizont von abaresker Eigenart und stimmungsvollen Reflexen umsäumt die Landschaft, in welche hier und da — nicht immer glücklich — die menschlichen Figuren hineingestelit sind. Einzelne der Köpfe, wie namentlich das prachtvolle Porträt von Frau E., zeigen den alten Charme, die weibliche Sensibi'llät der Einfühlung, von der wir früher gesprochen haben. Jene mütterliche weiche und Tiefe des Nachschaffens, die wir namentlich an dem Bilde ihres schlafenden Kindes mit soviel Innigkeit und Naturwahrheit am Werke sehen. Im ganzen aber ist Grete Wolf-Krakauer in Palästina herber und härter geworden, sparsamer in ihre■ Mitteln und beherrscht von der entschiedenen Tendenz, nur das Wesentliche und Charakteristische darzustellen. Eine chaluzische Tendenz, die sie der Arbeiterschaft abgelauscht und wodurch sie diesen wesentlichsten Menschen Palästinas bei ihrer dreimonatlichen Arbeit in deren Mitte nahegekommen ist. Professor J. Elbogen feiert am 30. November d. J. sein 25 jähriges Dozenten jubilä um an der Hochschule für die •Wissenschaft des Judentums in Berlin. Prof. Elbogen ist als Sohn eines Lehrers in der Stadt Schildberg, in der früheren Provinz Posen, geboren, absolvierte das Gymnasium und das Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau und war dann zunächst Dozent am Collegio Rabbinico Italiano in Florenz, das damals unter der Leitung von Prof. Dr. Margulies auf dem Höhepunkt seiner Blüte stand. Von dort wurde er nach Berlin an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums berufen, an der er seitdem ununterbrochen wirkt. Prof. Elbogen Ist als Historiker des Judentums Spezialist auf dem Gebiete der Gesehi hte des jüdischen Gottesdienstes, Lt aber auch auf anderen Gebieten mit wertvollen Wissenschaft i hen, insbesondere historischen Arbeiten, vielfach hervorgetreten.