Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 90 (11.11.1927)
- Date
- 1927-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2652877-2652958--19515-2677399- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzelnummer 0,30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark. vierteljährlich 5,25 Goldmark. Au»l*ndMboraem«nt• werden in der WlhroBÜ der einzelnen Uader berechnet- Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G. mb. H״ Berlin W15, Meinekestr.10 Telephons Amt Bismarck 7155—70. Telephon! Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oeetemichi PoeUpu-kueeumt Vien, Konto Nr. 15*030. Für Tzehechoilawakei •. Poztiparknatennimt PrnjL Konto Nr. 59 410 Für Polen: P0»t*p*rk*»e11Mst Wanebaa, Konto Nt 190708. RedaktionsscbluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 90 1 Berlin, 11. XL 1927 Aiuc£g«nj>rcls: 3 geapoltN011par«dl*1«n• 030 G.-M. Stell eogmehnO.ZS &-M. AmalgenichJafi: Dienet aß «ad Freitag aiehsittig 4 Uhr. ט״ז מרחשון חרס״ח | xxxii. J*hrg. PW llOBliBiui erstrebt für da» JUdlscha Voll« dl• lahefhmg tlm> IHtatllch■ rechtlich gesicherten HelmstStte In Pallstlna. ״Basalar Programm.** Um die Judenfrage (Zu Hilaire Bellocs Buch ״Die Juden") Weizmanns Besuch in Deutschland Von Dr. M. Spitzer. Eine erwünschte Gelegenheit, die Judenfrage in ihrer ganzen prinzipiellen Tragweite — die Gegenstand und Anstoß des zionistischen Denkens bildet — aufzurollen, bietet das Erscheinen eines älteren englischen Buches auf dem deutschen Büchermarkt. Es führt den einfachen Titel ״The Jews“ — ״Die Juden“. Sein Verfasser ist der englische katholische Schriftsteller Hilaire Belloc; Theodor Ha eck er, ein vornehmer, strenger, geachteter katholischer Schriftsteller, hat es ins Deutsche übersetzt und mit einem wichtigen Nachwort versehen, während ein führender katholischer Verlag mit seiner Herausgabe die Verantwortung dafür übernommen hat*). Alle drei bezeichnen das Buch, das die Widmung שלום לישראל trägt, als philosemitisch. ln England blieb es bei seinem Erscheinen, vor 5—6 Jahren, ohne wesentliche Beachtung; wir glauben, daß es in Deutschland Wasser auf die Mühle der Antisemiten sein wird, die zwar hierzulande mit gröberen Mitteln arbeiten (vgl. das in manchen Punkten verwandte ״Secessio judaica“ von Hans Blüher), aber auch die von Belloc gelieferten Waffen nicht verschmähen dürften. Der Verfasser unternimmt die Untersuchung der Judenfrage mit dem Anspruch, dies unvoreingenommen zu tun, gleich ferne und feind der Vertuschungstendenz der eben ausklingenden liberalistischen Epoche wie der antisemitischen Haßgesinnung, welche diese abzulösen droht. Es wird noch darüber zu reden sein, inwiefern dieser Anspruch nicht zu Recht besteht. Trotzdem wird allein dadurch, daß die ganze Frage im Zusammenhang und unter grundsätzlicher Anerkennung einer sittlichen Verantwortung, auch, den Juden gegenschaffen, welche in den letzten Jahren in den Dingen der Judenfrage gleichsam ein Monopol zu erringen vermochte. Und gerade deshalb ist das Buch für uns als Symptom so wichtig. Es zeigt uns von neuem die ernste Seite des jüdischen Problems von einem Nichtjuden gesehen und es zeigt uns zugleich die Begriffsverwirrung, welche in der Betrachtung der Judenfrage besteht. Belloc glaubt Richtlinien für eine Lösung gefunden zu haben, welche die Judenfrage aus der Welt schaffen oder ihr doch die Heftigkeit nehmen soll. Diesen Richtlinien Anhängerschaft zu erwerben, richtet sich das Buch an Juden und an Nichtjuden. Es geht von der drohenden Gefahr aus, die sich ihm so darstellt: Die Verschiedenheit der Juden von den Nationen, unter denen sie leben, macht aus Europa einen ״dauernden Gegner Israels" und die Verschärfung des dadurch bedingten Konfliktes ״die Auffindung einer Lösung praktisch dringlich. Denn wenn der Streit ungehemmt zunehmen und ohne Versöhnung weitergehen darf, dann werden wir unerwartet und rasch an einer jener Tragödien anlang?n, die jahrhundertelang ein Merkmal der Beziehungen zwischen dieser eigentümlichen Nation und uns gewesen sind“. Diese Lösung aber muß auf gegenseitigem Ein- Verständnis beruhen, denn die in der Geschichte bereits versuchten einseitigen Lösungen der Vernichtung oder Austreibung haben sich, von ihrer sittlichen Verwerflichkeit abgesehen, als unvernünftig erwiesen, man hat durch sie nicht erreicht, was man wollte; und die Lösung muß ferner von aufrichtiger Anerkennung der Realität getragen sein, denn die liberale Ableugnung des Problems hat ebensowenig Abhilfe geschaffen wie die unter den günstigsten Bedingungen mißlungenen und auch für die Zukunft aussichtslosen Versuche der Juden selbst, in absichtlicher Assimilation die Verschiedenheit verschwinden zu lassen. Die anzuerkennende Realität aber ist das Anders-Sein der Juden als Gesamtheit, welches die allgemeine Ursache für eine dauernde Reibung ist, die es zwar nicht verhindert, daß sich zwischen Individuen der beiden Gruppen innige Beziehungen ergeben, hingegen unweigerlich akut wird, wo ״man zu großen Gruppen kommt und insbesondere auf den Volksinstinkt in dieser Sache trifft“. Die Feindschaft, die in Wahrheit auf dem Anders-Sein basiert, sucht sich zur Rechtfertigung Argumente, man schreibt den Juden minderwertige Eigenschäften zu, aber in Wahrheit ist die Feindschaft primär und die Argumentation paßt sich jeweils den Umständen an. Zu den allgemeinen Ursachen ״die immer da und unausrottbar sind“, kommen aber noch spezielle, die den Konflikt unnötig verschärfen; bei den Juden z. B. eine Tendenz der ״Verheimlichung“ und eine darauf beruhende Praxis, welche dahin strebt, das Jude- und *) Koesel & Pustet, München. Für den Besuch Dr. Weizmanns in Deutschland werden bereits große Vorbereitungen getroffen. Das Programm, das zu bewältigen ist, ist außerordentlich groß. Dr. Weizmann hat sieh trotz der großen Strapazen, die ihm zugemutet werden, bereit erklärt, der Einladung möglichst vieler Städte Folge zu leisten. Seinem Aufenthalt in Deutschland ist jedoch eine feste Grenze gesetzt, da er bereits Ende November in Rumänien sein muß. Weizmann wird am 16. November in Hamburg eintreffen. Die Jüdische Gemeinde Hamburg wird einen offiziellen Empfang veranstalten, am Abend desselben Tages findet ein von dem lokalen Komitee des Keren Hajessod gemeinsam mit der Zionistischen Ortsgruppe veranstaltetes Bankett statt. Am 17. November wird Weizmann in Berlin bei einem Bankett der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und der Berliner Zionistischen Vereinigung sprechen. Von Berlin fährt Dr. Weizmann nach Leipzig, wo außer dem Bankett auch eine öffentliche Versammlung stattfindet, von dort nach München, besucht dann Nürnberg, Frankfurt a. M., M annheim. Von dort kehrt Dr. Weizmann nach Berlin zurück, wo mehrere Veranstaltungen in kleinerem Rahmen geplant sind. Sodann begibt er sich nach Breslau und B e u t h e n und verläßt hier Deutschland. Die Stimmung, die sich ln allen Orten kundgibt, ist außerordentlich begeistert und erwartungsvoll. Viele nicht berücksichtigte Ortsgruppen bedauern, daß Weizmann nicht bei ihnen sein kann und rüsten sich zum Besuche der nächstliegenden Gruppe, bei der Weizmann spricht. In allen Orten wird eine fieberhafte Tätigkeit entfaltet, um den Präsidenten der Jewish Agency einen würdigen Empfang zu bereiten. Vielfach wurden spezielle Empfangskomitees gebildet, denen Persönlichkeiten aller Parteirichtungen, Vertreter der Gemeinden, der Logen usw. angehören. Auch die Presse zeigt jetzt schon in Zusammenhang mit dem Weizmann-Besueh großes Interesse für die zionistisehen Fragen. Anders-Sein. zu verbergen, bei den Nichtjuden Unaufrichtigkeit in den Beziehungen zu Juden und Mangel an Liebe. Allein die bewußte Abstellung dieser als ״spezielle“ Ursachen wirkenden Verhaltungsweisen und die aufrichtige Anerkennung des ganzen Tatbestandes verbunden mit einer darauf basierenden, bewußten und einverständlichen Regelung der gegenseitigen Beziehungen kann zu einer Ordnung der Dinge führen, die zwar den Konflikt nicht restlos aus der Welt schaffen, aber einen erträglichen Zustand des Zusammenlebens ermöglichen würde. Das ist das theoretische Gerippe des Buches. In der Form, wie es hier dargestellt ist, sagt es dem Leser dieser Zeitung wenig Neues. Seit 30 Jahren bemüht sich der Zionismus darum, den Juden und der Umwelt verständlich zu machen, daß die Juden als Ganzes eine Gemeinschaft von eigentümlicher Art bilden; daß sie verschiedene Tradition, Geschichte, vielleicht Veranlagung und gewiß das noch so leise Bewußtsein der jüdischen Zugehörigkeit, das wachzuhalten schon die nichtjüdische Umgebung besorgt, von ihrer Umgebung unterscheiden; daß es verwerflich und in jeder Hinsicht verderblich ist, diesen Tatbestand übersehen oder gar bewußt negieren zu wollen; daß vielmehr das volle Bekenntnis zum Judentum nicht nur gerade deshalb eine sittliche Pflicht von hohem Rang ist, weil dieses angefeindet wird, sondern darüber hinaus auch die Voraussetzung für eine echte und tiefe Fruchtbarmachung der schöpferischen Kräfte bildet, welche im einzelnen Juden liegen und von der Lüge verbogen werden, wenn er sein Judentum ignoriert oder bewußt abzustreifen sucht. Seit jeher hat der Zionismus diese Selbstbesinnung als die wichtigste Voraussetzung auch dafür angesehen, in ein ehrlich-aufrichtiges Verhältnis gegenseitiger Achtung und Respektierung zur nichtjüdischen Umwelt zu kommen. Mit dem Kampf für die Bejahung des Judentums und gegen die Assimilation hat er seinen Siegeszug angetreten, die besten Kräfte des Judentums und der Welt für sich gewonnen. Damit hört aber auch die Uebereinstimmung auf; wenngleich da und dort in Bellocs Buch auch weiterhin Beobachtungen und Bemerkungen vorliegen, die zutreffen, so erweist sich doch seine ganze Haltung im Konkreten als eine solche, die selbst als Ob j e k t in eine Untersuchung über die Judenfrage gehört. Daß sich die theoretisch geforderte Lösung der Anerkennung einer bestehenden Verschiedenheit zuletzt in die Forderung einer Beschränkung der Juden in ihren staatsbürgerlichen und sozialen Rechten verwandelt, daß das Verhältnis der Juden zu ihrer Umsolche Persönlichkeiten Einladungen, die durch Leistung ihres Keren Hajessod-Beitrages bewiesen haben, daß sie am Palästina-Aufbau nicht nur ein äußerliches oder Sensations-Interesse haben. Weizmann in Rumänien Buka rest, 7. November. (J.T.A.) Für den 30. November wird die Ankunft von Dr. Chain! Weizmann in Bukarest erwartet. Es wurde ein Empfangskomitee gegründet, in welchem alle jüdischen Organisationen vertreten sind. Die Baifour-Feier wurde für den 2. Dezember festgesetzt, damit Dr. Weizmann an ihr teilnehmen kann. Mit dem Eintreffen Dr. Weizmanns beginnt die neue Keren Hajessod-Kampagne. Am 4., 5. und 6. Dezember wird der Kongreß der rumäni» sehen Zionisten in Bukarest abgehalten werden. Sokolow-Inlerview Im ״Observer“ Die angesehene englische Wochenzeitung ״Obs er ver“ enthält in ihrer Nummer vom 6. November ein langes Interview mit Nahum Soko 1 ow. Die Zeitung erinnert zunächst an das zehnjährige Jubiläum der Balfour-Dekiaration und an die Kämpfe jener Tage und gibt dann die Darstellung von Herrn Sokolow wieder. Herr Sokolow gibt einen Ueberbfick über die gesamte zionistische Palästina-Arbeit, über den Umfang und den Charakter der Einwanderung, er spricht sodann über die neu entstehende hebräische Kultur und den entstehenden Typus eines neuen Juden. Zwei Feinde, sagte Herr Sokolow weiter, hat unsere Kolonisationsarbeit, und zwar das Trachom und die Malaria. Beide werden erfolgreich bekämpft von der Hadassah, die ihr modernes Sanitätswerk im Lande organisiert hat. Der ״Observer“ berichtet dann über Sokolavvs Intervention in Rom, wo er mit Mussolini und dem König Unterredungen hatte. Beide hätten mit großem Interesse die Berichte über die Entwicklung der zionistischen Arbeit unter dem britischen Mandat angehört und Herrn Sokolow versichert, daß sie im Interesse der Humanität und des Weltfriedens diese Sache unterstützen wollen. Sokolow erklärte, er sei sehr optimistisch und hoffe, daft die Biciste» zehn Jahre noch größere Resultate df8 satto• naler. Heimes bringer, werden. gebung falsch und beleidigend gewertet wird als das eines Fremdkörpers zu dem von ihm gestörten Organistnus, eine Fülle von Details, Bewertungen und Tatsachendeutungen, sind offensichtlich Ergebnisse von Ressentiments, die es schwer machen zu glauben, daß der Autor an sein Werk unvoreingenommen gegangen ist, es vielmehr fast zur Gewißheit erheben, daß es eben jene Ressentiments waren, die ihn erst zur Abfassung seines Buches drängten. Belloc erklärt es an einer Stelle seines Buches für eines der wirkungsvollsten Insfrumente der jüdischen ״Verheimlichungs“praxis, daß jeder, der sich an eine offene Darstellung des jüdischen Problems wagt, als Antisemit verschrien und lächerlich gemacht wird. Zweifellos gibt es jüdische Kreise, die gegen jede öffentliche Behandung der Judenfrage eine gereizte Empfindlichkeit zeigen, die wir nicht teilen. Bei aller Bereitschaft aber, in eine öffentliche Diskussion dieses Problems einzutreten und trotz der festen Ueberzeugung, daß es nur auf dem Wege der gegenseifigen aufrichtigen Aussprache gelöst werden kann, vielmehr gerade darum und um der Erzielung des endliehen Einvernehmens willen kann man diesem Buche als Jude nicht anders begegnen, als es bezüglich des deutschen Volkes der Deutsche H a e c k e r tut, der gegen einige Deutschland treffenden Bemerkungen Bellocs im Nachwort sagt, man solle ״Kränkungen, Beleidigungen, Verleumdungen seiner Nation . . . nicht einfach liegen lassen . . . Das gibt keinen rechten Frieden, das macht nur unsere Seelen krank, jene aber essen sich überhaupt nicht mehr satt an ihrer Verachtung. Es ist weiser und männlicher, sie mit eindringlicher Schlichtheit und Bestimmtheit zurückzuweisen. Nur so kommt man weiter und zum rechten Frieden“. Hier aber stocke ich schon. Haccker genügen zwei bis drei im Vorübergehen eingeflochtene Bemerkungen über Deutschland zu dem Urteil, daß ״Belloc, der dieses wahrhaft katholische Buch über die Juden geschrieben hat, keines etwa über die Deutschen hätte schreiben können“. Und doch ist es so, daß man ein Buch vom gleichen Umfang wie das Bellocsche schreiben müßte, um die ״Kränkungen, Beleidigungen und Verleumdungen“ des jüdischen Volkes zu bezeichnen, die sich in diesem Buche im Text und zwischen den Zeilen finden. Was da etwa vom jüdischen Verrat gesagt wird, indem vorgeblich der Vor• wurf eben des Verrates zurückgewiesen werden soll, das verdient keine Widerlegung. Aber als besonders schweres Beispiel einer Kategorie von Beschuldigungen sei es hier für viele andere erwähnt. Von der für die ganze Haltung des Buches verhängnisvollen Einschätzung der Juden als ״Fremdkörper“ war schon die Rede. Es ist unerträglich für eine Gemeinschaft, von der jedes Mitglied