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Jüdische Rundschau · 1927-11-08 · Heft 89 (8.11.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 89 (8.11.1927)
Date
1927-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 0£S Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, MeinekeatraBe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Geldm&rk. vierteljährlich 5,25 Goldmark. Aasltndsftb^naesieat• werden cd der Wibrong der einzelnen Linder berechnet Nummer 89 I Berlin, 87x1.1927 Anzeigen •Verwaltung Jüdische RttndschattG'.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Aaeelge&prei•{ 8 gesptit.N0DpareiQ«zene 030 Gr-M. Stellengesuche 0*25 G-M. Aoieigratchltifii Däea#t*g und Freiteg nichnl lieg 4 Uhr- Telephon: Bismarck 7165- 7Ö. Postscheckkonto; Berlin Nr. 17392 Für OeilerreSchi P0*t8park«*8enarat Wien, Konto Nr. 156030. Für Tscbechotlowtkei: Po*t8p«rk*s*e11ami Pr»t Konto Nr. 59 410. Für Polen! Pcctspark&uenjunt Warschsu. Konto Nr. 19070K Rcdaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. י״ג-מרחשון הרפ״ח | xxxil Jah»^. Dar Zionismus erstreb! fflr das IQdlacha Volle dla Schaffung ainar äffnntllch raditllcli paslcharlan HalmstHta in PalBstlna. ״Basalar Propramm.‘1 Bülfour - Feiern in der ganzen Welf Die Feier ln Berlin Sonntag, den 6. November, fand im vollbesetzten Bachsaal anläßlich des zehnten Jahrestages der Balfour-Deklaration, von der Berliner Zionistischen Vereinigung veranstaltet, ein*F est- kt statt, der einen äußerst würdigen Verlauf nahm. Von musikalischen Darbietungen umrahmt, die von dem berühmten Trio Professor Josef Wolfsthal (Violine), Karol $ z r e t e r (Klavier) und Piatigorski (Cello) ausgeführt wurden, führten fünf Ansprachen den zahlreich Erschienenen die Bedeutung der Balfour-Deklaration vor Augen. Als erster Redner ergriff, nachdem der Vorsitzende der Vertreterversammlung der B. Z. V., Dr. Egon Rosenberg Einleitungsworte gesprochen hatte, Prof. Heinrich Loewe das Wort und gab in knapper Zusammenfassung ein historisches Bild von der Entwicklung des Zionismus bis zur Balfour-Deklaration. Ueber Salvador, Montefiorc, Emanoel Noach, Moses Heß, Pinsker, die Bilu, Smolenski, die jüdischnationalen Vereine in Wien und Berlin führte die Ansprache Professor Loewes bis auf unsere Tage. Mit den Worten ״Aus Freiheit wird Freiheit geboren“, charakterisierte er das Grundwesen der zionistisehen Bewegung. Der zweite Redner, Dr. Jakob Klatzkin, erblickte in seiner klangvollen hebräischen Ansprache die Hauptbedeutung der Balfour-Deklaration darin, daß sie die Juden als Nation anerkannte und der Ueberzeugung in der ganzen Welt Bahn brach, daß nur die volle Gleichberechtigung als Volkskörper eine entscheidende Lösung des Judenproblemes anzubahnen vermöge. Dr. Alfred Klee widmete seine Ausführungen den Manen Theodor Herzls, mit dessen Auftreten die Periode der Schtadlanuth in der jüdischen Golusgeschichte ein Ende gefunden habe. Dr. Klee schilderte die ungeheure Wirkung von Herzls Persönlichkeit, der sich auch Skeptiker beugten. Rabbiner Rülf, einer der hervorragendsten Zionsfreunde in Deutschland, zweifelte zunächst daran, daß ein assimilierter Wiener Journalist ausersehen sein könne, Führer des jüdischen Volkes zu werden. Als er jedoch Herzl in Basel gesehen und kennengelernt hatte, beugte er sich dem geborenen Königstum des unvergleichlichen Begründers der Zionistischen Organisation. ."fef ™?torbennn Paladine Max Nach einer Pause, wahrend welcher eine N.-F.-Sammlung zur Eintragung Lord Balfours in das Goldene Buch des Nationalfonds vorgenommen Wurde, hob Dr. Nahunt Golijmarin hervor, daß die Balfour-Deklaration nur ein Rahmen sei, dessen Inhalt von d er jüdischen Gesamtheit geschaffen werden müsse. Sie war der Ausdruck der nationalen Emanzipation des jüdischen Volkes, nachdem lange vorher in einreinen Ländern die individuelle ausgesprochen war. Die Baifour-Deklaration ist in zweifacher Hinsicht falsch bewertet worden: erstens von den Zionisten, die in ihr schon die Vollendung ihrer Pläne erblickten und zweitens von den Gegnern des Zionismus, die den Versuch machten, die Balfour-Deklaration und den Palästina-Aufbau zu bagatellisieren. Durch die Deklaration ist die Judenfrage aktualisiert worden. Wir Zionisten haben durch unsere Bestrebungen ein Risiko auf uns genommen, und das jüdische Schicksal zur Entscheidung gestellt. Entweder gelingt unser Werk unter Mühen und Schwierigkeiten in absehbarer Zeit, oder das Judentum ist dem Untergange geweiht. Als letzter Redner sprach Kurt Blumenfeld. Er gedachte desjenigen Mannes, der im Namen des jüdischen Volkes die Balfour-Deklaration verlangte und bekam: Dr. Chajim We i zm a n n s. Er zeichnete die Schwierigkeiten des von der Zionistisclien Organisation auf Grund der Balfour-Deklaration eingeschlagenen Weges zur Verwirklichung des Baseler Programms. Die zionistischen Fonds sind die Form, in welcher die jüdische Gesamtheit für den Palästina-Aufbau Steuer leistet. Der Palästina-Aufbau ist eine Angelegenheit der jüdischen Gesamtheit, nicht eine Parteisache der Zionisten. Die bisherigen Ergebnisse haben dargetan, daß das Land für die Durchführung des Werkes geeignet ist. Wenn im Anfang bei einzelnen praktischen Maßnahmen geirrt wurde, so gilt es, diese zu ändern. Gegenwärtig ist eine Experten-Kommission damit beschäftigt, ein maßgebendes Urteil über die einzuschlagenden besten Methoden zur Durchführung des Palästina-Aufbaus abzufassen. Die Zionisten haben immer Selbstkritik an sich geübt, wodurch vielleicht in gegnerischen Kreisen falsche Meinungen entstanden sind. Unsere Zuversicht ist jedoch gegenwärtig stärker als je, daß unserWerk gelingenwird. In dieser Stunde der Erinnerung an die Verkündung der Balfour-Deklaration geziemt es, dessen zu gedenken, daß wir auch eine Welt von F reunden haben, nicht nur in England, sondern auch in Deutschland, die sich mit uns vereinigen, um uns bei der Erreichung unseres Zieles zu fördern, dessen Sinn die Erneuerung des jüdischen Lebens ist. Außer führender! Zionisten — unter ihnen Professor Warbürg und Justizrat Bodenheimer, Köln — nahmen an der Feier Vertreter zahlreicher jüdischer Organisationen teil. Es muß mit Befriedigung vermerkt werden, daß auch die Jüdische Gemeinde Berlin in der Person des Rabbiners Dr. Weiße einen Vertreter zur Feier delegiert hatte. Oberrabbiner Chafes feiert Lord Ballonr Von unserem Wiener Korrespondenten. 1. th. Wien, 3. November. Im überfüllten Wiener großen Konzerthaussaal feierte am J. November Oberrabbiner Chajfs die Balfour-Deklaration und insbesondere deren Schöpfer, Arthur James Balfour. Nach einem Orgelpräludium des palästinensischen Konzertmeisters Lampel begrüßte der Präsident des zionistischen Landeskomitees, Dr. Goldhammer, die Festversammlung und insbesondere die erschienenen Vertreter der bulgarisehen, griechischen, polnischen, tschechoslowakischcn und rumänischen Regierung. Wegen Hoftrauer, infolge des Ablebens der Marquise of Cambridge, mußte der englische Gesandte absagen und sandte ein warmes Glückwunsclischreiben. Eine kurze hebräische Ansprache hielt dann Dr. R ot h b I u m. Schließlich betrat, jubelnd begrüßt, Oberrabbiner Dr. Chajcs das Podium, um die Festrede zu halten. Er wolle, sagte Dr. Chajes, den Nachfahren vorgreifen und zur Vorbildlieh kurzen Balfour-Deklaration eine längere Exegese geben. Er möchte die Vorgeschichte der Balfour-Deklaration erzählen, die wichtigsten handelnden Personen darsteilen, um zur eigentliehen Kommentierung der Deklaration zu übergehen. Die Vorgcschichte der Balfour-Deklaration reiche bis ins Jahr 70 nach Christi zurück, und zwar nicht darum, weil die Juden vor diesem Jahre Palästina besessen haben, sondern vor allem deshalb, weil die Juden seit diesem Jahre nicht aufgehört haben, den wirklichen Zusammenhang mit Palästina zu suchen. Dann kam in unserer Zeit als etwas Entscheidendes, der politische Zionismus mit Herzl. Herzl, der überall angeklopft hat, wo sich ihm eine Möglichkeit der Zurückgewinnung Palästinas zu bieten schien, erkannte mit sicherem Instinkt, daß England ״der archimedische Punkt“ der zionistisehen Bewegung zu werden berufen sei. Dann kam Oberrabbiner Chajes auf Balfour und dessen Bekanntschaft mit Weizmann zu sprechen. In der Analyse des politischen Gehalts det Balfour-Deklaration bemühte sich Chajes, insbesondere deren Elastizität zu beweisen. Lord Balfour hat in den zehn Jahren seit Bestand der Deklaration schon zur Genüge bewiesen, wie ernst es ihm um den Gehalt seiner Deklaration zu tun ist und war. Wie der Sechsundsiebzigjährige zur Universitätseröffnung nach Palästina kam und dann beseligt von Ort zu Ort wanderte, zeugt am besten von seiner tiefen inneren Verbundenheit mit den politischen Dokument, das mit vollem Recht seinen Namen trägt und dessen Geburtsstunde zugleich die Geburtsstunde der Unsterblichkeit ihres Schöpfers war. ״ln diesem Augenblick“, schloß Chajes, ״feiert man in allen Teilen der Erde, wo Juden wohnen, und in allen wohnen Juden, die Balfour-Deklaration und besonders deren unsterblichen Schöpfer, Lord Balfour. Wir grüßen dich, Arthur James Balfour!“ Diese Worte waren in diesem Augenblick keine Phrase, sie waren aus dem Herzen der Zweitausend gesprochen, die sich von den Sitzen erhoben haben und gleichzeitig den greisen Engländer in der Ferne und den Mittler, der zu ihnen und für sie "iRrä^rttifwisch Ikklamiefte«. Offr Feier schloß dann mit musikalischen Vorträgen des Konzertmeisters Zimblcr und mit einer Efeklamation aus Ezechiel des bekannten Schauspielers Oskar Beregi. In Warschau Warschau, 3. November. (J. T. A.) Am 2. November, abends, wurde im großen Saal der Warschauer Harmonie eine Gedenkfeier zum 10. Jahrestag der Verkündung der Balfour- Deklaration abgehalten, an der die führenden Persönlichkeiten des polnischen Judentums und weite jüdische Kreise den Saal bis auf den letzten Platz füllten. Als Redner traten auf Dr. J. Apenschlak, Abg. J. Grün bäum, Dr. J. Gott lieb, Red. Dr. Heftmann, Leon L e v i t e , Abg. 4. Levinson , Abg. Dr. Farbstein, Oberrabbiner Prof, Dr. Schor und der Maler L. Pilichowski. Es fand aus dem gleichen Anlaß eine Kundgebung der Warschauer jüdischen Jugend mit St r a Henumzug und Fahnen statt. In der vom polnischen Judentum an Lord Balfour gesandten Huldigungsadresse heißt es u. a.: Der 2. November 1017 ist für uns Juden zu einem historischen Tag erster Bedeutung, zu einem Wendepunkt auf unserem tausendjährigen Wege, zum Beginn einer neuen Epoche des Aufstiegs und der Hoffnung geworden. Am zehnjährigen Jubiläum der Baliour-Deklaration ■geben wir, polnischen Juden, unserer großen Verehrung für Sie, edler Lord Arthur James Balfour, Schöpfer dieser Deklararation, Ausdruck. Das jüdische Volk hat im Verlauf der zehn Jahre alles getan, was in seinen Kräften liegt, um dieser Deklaration •einen lebendigen Inhalt zu geben. Trotz furchtbarer Erlebnisse in Osteuropa, trotz geistigen und materiellen Ruins infolge der Kriege, Revolutionen und wirtschaftlicher Umschiclitung hat das jüdische Volk mit größter Energie und höchster Begeisterung seine Kinder und seine Kapitalien an die Front der jüdischen Wiederauflebung in Palästina geworfen. Palästina ist von einem öden Punkt auf der Landkarte zu einem Land mit einem blühenden Kulturinhalt geworden. Millionen Juden wünschen Ihnen, edler Engländer und großer Zionist, daß Sic Ihre unermüdliche Arbeit für das englische und das jüdische Volk noch lange fortsetzen mögen. Tschechoslowakei Prag, 4. November. (J. T. A.) Die Feier der zehnjährigen Wiederkehr der Balfour-Deklaration fand unter dem Protektorate des englischen Gesandten Sir Ronald Mc Lay am 1. November im Städtischen Theater in Brünn statt. Es hatten sich Vertreterder Landesbehörden, des Landesmilitärkommandos und der Bürgermeister von Brünn angefunden. Die Festredner waren Dr. Ludwig Singer (Prag) und der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld. Dr. Singer sagte, die Deklaration sei nicht ein Geschenk der politischen Konstellation, sondern die Folge der vorausgehenden Epoche der zionistischen Politik, die nach einer Zeit der Zerstreuung, Negation und Desertion, eine Zeit der Konzentration und der Treue zum Judentum einleitete. Die Deklaration gab den Juden aber auch Pflichten. Kurt Blumenfeld schloß seine mit großem Enthusiasmus aufgenommene Rede mit den Worten: Als Israel mit Amalek kämpfte, siegte Israel, so lange Moscheh seine Hände hoch hielt. Aber er konnte sie nicht allein hochhalten, auch der Begnadete weiß, daß seine Hände immer wieder müde werden, wenn nicht die Helfer da sind, die seine Arme stützen. Auch unsere Kämpfer in Erez-Israel würden müde werden, wenn sie nicht wüßten, daß Hunderttausende von Helfern in der ganzen jüdischen Welt auf sie blicken, von echten Helfern, nicht nur von Sympathieerklärern, sondern von Menschen, welche wissen, daß auch ihn Sein den Sinn verliert, wenn die Kämpfer in Erez-Israel müde werden. Das jüdische Gemeindegesetz in Polen Polen and der Schwarzbart-Prozeß Von unserem Korrespondenten. —g, Warschau, Anfang November. Das vor einigen Tagen im polnischer! Reichsgesetzblatt veröffentlichte Dekret des Reichspräsidenten über die jüdischen Gemeinden in der Republik bedeutet ein wichtiges Ereignis im Leben der polnischen Judenheit. Kein erfreuliches Bild stellt bis heute das jüdische Gemeindeleben in Polen dar. Die Kehilla, eine Keimzelle der von allen nationalen Elementen erstrebten national-kulturellen Autonomie und in spe der Träger der jüdischen Minderheitsrechte im Osten —- befindet sich meistens noch in einem Zustand, wie vor 50 Jahren! Kein Hauch modernen und erwachten jüdischen Lebens ist in ihr spürbar. Während durch das ganze Volk und in all ■diesen Ländern eine Revolution nach der anderen dahinbrauste, blieb das ״Kehillastübl“ verrostet und vermodert.... Schuld an diesem argen Zustand tragen wohl auch jüdische Parteien, aber in viel größerem Maße die unnormalen, veralteten und chaotischen rechtlichen Verhältnisse, die bis nun in bezug auf die jüdischen Gemeinden herrschten. Im ehemaligen Kongreß-Polen war zwar schon ein Fortschritt zu verzeichnen: das noch von der deutschen Okkupationsmacht während des Krieges hcrausgegebene Dekret legte den ersten Stein zur modernen Reorganisation der jüdischen Gemeinde, wurde aber schon damals von jüdisch-nationaler Seite scharf kritisiert und nach dem Kriege, nach Verlautbarung der Minoritätsrechte konnte man dieses Dekret fast als reaktionär vom nationalen und allgemeinen Standpunkt betrachten. Die polnische Regierung hat aber, trotzdem in der Verfassung die Bestimmungen des Minderheitstraktats aufgenommen wurden, das deutsche Dekret mit kleinen Aenderungen aufrechterhalten und auf dieser rechtlichen Basis existieren heute die jüdischen Gemeinden in Kongreß-Polen. Mit Ausnahme jedoch Warschaus, wo auch zwar aus innerjüdisehen Gründen keine positive Arbeit geleistet werden kann, wo aber doch eine gewisse Ordnung in der Verwaltung und eine begrenzte parlamentarische Tribüne geschaffen wurde, hat sich das oben geschilderte Bild gar nicht geändert. In den Randgebieten aber, wo der größte und regsamste Teil der polnischen Judenheit lebt, bestehen überhaupt gar keine organisierten und öffentlich-rechtlich anerkannten jüdischen Gemeinden. 111 G a1izi e n wieder galten die alten österreichischen Gesetze und besonderen Statuten der einzelnen Gemeinden, und so kam es, daß dort, insbesondere in Westgalizien, noch die letzten Mohikaner der abgetanen Assimilanten im Verein mit den reaktionärsten Teilen der Ortho• doxie herrschen. Seit Jahren nun kämpfen die polnischen Zionisten für die radikale Aenderung dieser unnormalen Verhältnisse. Der jüdisehe Nationalrat und die jüdische Sejmvertretung haben in unzähligen Memoranden, Reden und Beratungen mit verschiedenen Regierungen die Herausgabe eines ganz Polen umfassenden Gesetzen über die rechtliche Organisation der jüdischen Gemeinden als Träger der nationalen Selbst v er waltung im Einklang mit den Bestimmungen der polnischen Konstitution und des Versailler Traktats verlangt. Der berühmte ״Ugoda“-Vertrag hat dieses Postulat aufgenommen und samtliehe Regierungen, rechte und linke, haben immer diesbezüglich den Juden Versprechungen gemacht. Nun hat die Pilsudskische Regierung ihr Wort gehalten, aber der Inhalt des verlautbarten Gesetzes hat das nationale Judentum, insbesondere die Zionisten, stark e n 11 ä u seht. Als Fortschritt ist anzusehen, daß überhaupt eine rechtliche Regelung, einheitlich für ganz Polen (mit Ausnahme des ehemaligen preußischen Gebietes, wo man — wie es scheint — noch allzu sehr den Antisemitismus der dortigen polnischen Bevölkerung fürchtete) endlich eingeführt wurde. Im Laufe eines Jahres müssen die bis nun auf anderer rechtlicher Grundläge bestellenden jüdischen Gemeinden sich nach dem neuen Gesetz konstituieren. In Galizien wird dies wohl ein Ende der Herrschaft der assimilatorisch-reaktionären Clique bedeuten. Sämtliche Gemeinden bilden zusammen einen öffentlichrechtlichen ״Jüdischreligiösen Verband“ mit einem Obersten Rat an der Spitze, welcher als die Vertretung der Judenheit der Regierung gegenüber fungieren wird. Das Entstehen besonderer ״religiöser Vereine“ innerhalb der Gemeinden ist zwar gestattet, sie haben aber nur privatrechtliclien Charakter. Somit ist also die Gefahr separatistischer Gemeinden nicht mehr vorhanden. Alle diese Lichtseiten genügen aber nicht, den Grundfehler des ganzen Gesetzes gutzumachen. Die polnische Judenheit wird nicht als nationale, sondern nur als religiöse Gemeinschaft, mit allen daraus resultierenden Konsequenzen, anerkannt. Die Regierung hat also unsere Kardinalforderung ganz unberücksichtigt gelassen. Die Kompetenzen sowohl der einzelnen Gemeinden, als auch des Rates wurden sehr eng gezogen. Trotzdem Art. 113 der polnischen Verfassung ausdrücklich von einer kulturellen und philantropischen Tätigkeit der Religionsverbände spricht, hat das soeben erlassene Gesetz diese für uns wichtigsten Gebiete der jüdischen Selbstverwaltung aus der Kompetenz der Gemeinden aus geschaltet. Die Hoffnung also, daß mit der Zeit die jüdischen Gemeinden laut dem Versailler TraktlPt die Aufsicht über das jüdische Volksschulwesen übernehmen werden, ist jetzt gänzlich geschwunden. Ferner hat das besprochene Gesetz die Wahlordination der deutschen Okkupationsmacht weiter gelten lassen. Das allgemeine Wahlrecht wird zwar eingeführt, aber mit völliger AusschaltungderFrauenjdas aktive Wahlrecht habe»

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