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Jüdische Rundschau · 1927-11-04 · Heft 88 (4.11.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 88 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 624 JUEÖISCHE RUNDSCHAU Nr. 88, 4. XI 1927־ ich fuhren darauf zum Hauptquartier der Militärverwaltung und protestierten sehr energisch. Es stellte sich heraus, daß nicht Rucksichtlosigkeit die Zurückhaltung der Hadassah-Abteilung verschuldet hatte, sondern politische Gründe, nämlich der Wunsch, eine amerikanische Missions-Sanitätsabteilung zu begünstigen, die damals in Palästina tätig war, vielleicht aber noch nicht ganz für die Arbeit ausgerüstet war. Die HadassaH hatte sehr bald danach ihren Sanitätsstab in Tiberias. Die Cholera und andere Erkrankungen wurden wirklich bekämpft. Weder die Cholera noch die anderen Epedimien konnten die Begeisterung jener Tage beeinträchtigen. Fast das ganze jüdische Palästina war nun frei. Alles war voller Freude und lebte in der frohen Erwartung des schnellen Aufbaus der nationalen Heimstätte. S. August 1919. Dr, Friedenwald und Robert Szold waren abgereist. Die englischen Beamten hatten begonnen, uns weniger ernst zu nehmen, was die Folge der Unentschiedenheit dieser Herren war, eine Unentschiedenheit, die die Unterredungen des Herrn Brandeis im Government House viel beitrugen, wieder gutzumachen; doch weilte er nur wenige Tage bei uns. Die Führer der Araber, die man mehr oder weniger zu dem Glauben geführt hatte — überzeugt waren sic freilich nicht —, daß der Zionismus eine von dem Joint Distribution Committee finanzierte philanthropische Bewegung war, die nur eben ein paar nette Juden nach Palästina bringen wolle, mußten wieder zu der Ueberzeugung gebracht werden, daß die Zionist Commission eine ernste Körperschaft, mit bestimmten nationalen Zielen sei. Dies jedoch gehört in ein anderes Kapitel. Am Morgen des 5. August fing das Telephon in meinem Büro heftig zu läuten an. Nur ein paar undeutliche Worte konnte ich verstehen: ״Unruhe“ — ״Rafa“ — ״Meuterei“ — ״Schießen“. Das war alles, was zu verstehen war. Es fuhr nur ein einziger Zug dorthin, ich erreichte ihn noch eben in Ludd. Ich kann mich der langen Reihe der Zwischenfälle an jenem Tage noch wohl erinnern. Zwischen Jaffa und Ludd wogte noch nicht der Verkehr, den man heute dort sieht; man sah nur hier und da einen verunglückten Wagen oder Auto. Das Rad meines Wagens brach unterwegs ab und ich mußte auf dem Wagenpferde weiter reiten, um den Bahnhof noch rechtzeitig vor Abfahrt des Zuges zu erreichen. Der Zug hatte mehr Aufenthalt als Bewegung. Schließlich kam ich spät nachts in Rafa an. Oberst Scott, der sympathische Kommandant der Vierziger, des dritten Bataillons der ״Judaeans“, das in Palästina aus Freiwilligen gebildet worden war, hatte mir bald die Sachlage erklärt. Zweihundert Mann aus dem Bataillon waren zum Wachtdienst in Aegypten und Cypern abkommandiert worden. Sie hatten sich geweigert hinzugehen. Sie erklärten, sie hätten sich nur für den Militärdienst in Palästina verpflichtet Als die Palästinenser sich zum freiwilligen MflHlrdienst im jüdischen Bataillon gemeldet hatten, hatten sie ein Schreiben vorgelegt, in dem sie erklärten, daß sie sich mir unter der Bedingung verpflichteten, daß sie nicht außerhalb Palästinas verwendet würden. Auf diesen Brief war keine Antwort erteilt worden, und die Leute glaubten, daß ihre Bedingung angenommen worden sei, während andererseits die Militärbehörden erklärten, daß der Eintritt in die englische Armee mit keinerlei ״Bedingungen“ verknöpft werden könne. Oberst Scott gab zu, daß ein aufrichtiges Mißverständnis vorliege, aber seine Haltung als Militär war natürlich klar. Er konnte nur. den Befehlen seiner Vorgesetzten Folge leisten. Die Leute müßten dasselbe tun. Die Lage war kritisch. Anscheinend sollte ein Regiment englischer Truppen von Kantara herbeigerufen werden, um die ״Judaeans“ gefangen zu setzen, während andererseits das ganze jüdische Bataillon seinen Widerstand energisch aufrecht erhielt. Es schien uns, als ob jeden Augenblick ein Unglück geschehen und es zu Hutvergießen zwischen dem britischen Regiment und den palästinensischen Juden kommen könne. Ich war überzeugt, daß, wenn Blut flösse — wenn ein englischer Soldat von einem der ״Judaeans“, oder umgekehrt einer der ״Judaeans“ von einem englischen Soldaten getötet würde —, es mit der Aufrichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte unter britischer Aegide für jetzt und für eine lange und ungewisse Zukunft vorbei sein würde. Es würde das Ende der Hoffnungen bedeuten, die mit der Balfour-Deklaration ver- ■«■WllllllimilMIlllIMM Berliner zionistisena Vereinigung Sonntag, den 6. November, vorm. 11 Uhr Im Bach* (Eiathner) Saal, LOtzowstrafie 76 FESTAKT anlS&llcti des 10. Jahrestages der Balfour• Deklaration PROGRAMM! 1. Mendelssohn Trio D-Mo 11s ProL Josef Wolfsthal (Violine), Cerol Szreter (Klavier). Gregor Piatigorsky (Cello). (Herr Szreter spielt auf einem Flügel der Firma Steinway & Sons, Friedrich-Ebert-Straße 6.) 2. Anaprachan: Dr* Alfred Apfel Karl Blamenfeld Dr. Nahum Goldmann Dr. Jakob Klaftzkin Dr. Alfred Klee Pro!. Dr. Heiarich Loewe Karten zum Preise von Mk.3.—, 2.— u. 1.— erhältlich im Büro der B.Z.V.. Meinekestr. 10, an den Theaterkassen vonWertheim. Bote & Bock u. an der Saalkasse. Wir machen darauf aufmerksam, daß die Feier mit einem Konzertvortrag eröffnet wird und daß während des Konzerts die Saaltüren geschlossen bleiben. — Die Feier beginnt pünktlich 11 Uhr. 11111111111111wwt1111111111111i11[111n11!r11n1!1n111111111111f1111111111i11j111111111111111111n11111111111f1w Ille bunden waren. Oberst Scott hatte nichts von der üblichen militärischen Unbiegsamkeit. Er sagte im wesentlichen folgendes: ״Ich kann nichts tun. Als Offizier kann ich nur erklären, daß die Leute den Befehlen gehorchen müssen. Sie als Zivilist können es mit diesen jungen Leuten besprechen und sehen, was sie erreichen können. Sie glauben im Rechte zu sein, und ich glaube nicht, daß sie Unrecht haben. Die Situation ist aber kitzelig, außerordentlich kitzelig.“ Ich verbrachte die nächsten paar Stunden in ernsten Besprechungen mit den Vertretern der ״Judaeans“, mit Dutzenden von ihnen zu gleicher Zeit, und spät am Abend gelangten wir zu befriedigenden Bedingungen. Die Leute würden am selben Abend nach Aegypten gehen, vorausgesetzt, daß keinerlei Bestrafungen erfolgen, nichts von Meuterei geredet werden und sie bald wieder zum Bataillon zurückkommandiert werden würden» Ich versprach die Annahme dieser Bedingungen zu erwirken und ging mit etwas leichterem Herzen zum Abendbrot in die Offiziersmesse. Einige Minuten später stellte es sich heraus, daß da noch ein kleiner Haken war, aber auch der war bald beseitigt. Am selben Abend fuhr ich von Rafa näch dem Hauptquartier in Kairo in einer Mission, über deren Ergehnisse ich als Zivilist anfing außerordentlich zaghaft zu werden. Was konnte ich dem kommandierenden General Vorbringen, um ihn zu überreden, das übliche Militärverfahren und die militärische Routine, die ich zudem nur recht ungenügend kannte, aus dem Spiele zu lassen? So aber lagen die Dinge. Ich hatte einen Freund im Generalstab in Kairo, Major A., dem ich die Sache erzählte und der mir versprach, mir noch am selben Morgen eine Audienz beim kommandierenden General zu verschaffen. Obwohl äußerlich ruhig, war ich doch innerlich während der langen Unterredung, die nun folgte, recht zaghaft. Es war bei dieser auch der kommandierende General der Truppen in Kantara zugegen, der gerade wegen dieser Sache nach Kairo gekommen war. Ich legte meine Sache dar, erklärte alle Schwierigkeiten, gebrauchte alle mir zur Verfügung stehenden Ueberredungskünste, und zu meiner großen Erleichterung und Freude wurde alles gütlich erledigt. Die Leute waren bereits unterwegs nach Aegypten und man kam dahin überein, die ganze Angelegenheit als erledigt zu betrachten. Nichts sollte von militärischem Ungehorsam berichtet werden, keiner von den Leuten nach Cypern geschickt werden, und die englischen Garden sollten in einigen Tagen aus Palästina zurückgeholt werden. Ich glaube sie waren bereits in einer Woche wieder zurück. Nach achtundvierzig Stunden, die in all den fünf Jahren, die ich in Palästina verbrachte, vielleicht die aufregendsten waren, kehrte ich nach Rafa und Tel-Awiw zurück, voller Freude über die Ergebnisse meiner Diplomatie, zu der ich, glaube ich, berechtigt war. Keine Meuterei ereignete sich, und dieses unerwartete Hindernis für die jüdische nationale Heimstätte war beseitigt. Eingesandt Oie SIcdlnnjjsbestrebnnfleH des R. |. F. Von Oüterdirektor S. Dyk. Herr Dr.-Ing. Max Levy hatte die Freundlichkeit, sich in der Nummer 85 der ״Jüdischen Rundschau“ vom 25. 10. 1927 mit meiner Wenigkeit zu beschäftigen, wie er zum Ausdruck bringt, aus Sorge, meine Stellungnahme gelegentlich der Veranstaltung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten im ehemaligen Herrenhaus könnte unter Umstanden der ״Berufsum- Schichtung der Juden in Deutschland unermeßlichen Schaden zufügen“. Die Gefahr, in die ich das deutsche Judentum zu bringen auf dem Wege bin, sieht der Artikelschreiber in dem Umstande, daß ich nicht mit dem Faktum auftischen konnte, es sei bereits vom R. j. F. oder gar vom deutschen Judentum ein genügend großer Betrag für die Siedlungsbestrebungen zur Verfügung gestellt worden. Nun ist es ja nicht meine Aufgabe als Landwirt und Siedlungspolitiker, wenn ich grundsätzlich zu Siedlungsbestrebungen Stellung nehmen soll, insbesondere auch zu solchen jüdischer Menschen in Deutschland, Finanzminister einer Gemeinschaft zu sein. Meine Aufgabe ist cs allein, festzustellen, ob sich Juden in unseren Berufen, d. h. in der Betätigung als Landwirte und Gärtner insbesondere in Deutschland bewährt haben und bewähren; und wenn dies der Fall ist, welcher Weg gegangen werden muß, um es ihnen zu ermögliehen, bei ihrem durch Wahl und Eignung ergriffenen Beruf zu bleiben. Dann ist es wohl auch meine Sache, zu der Finanzierung einzelner Siedlungsvorgange zu sprechen. Zu diesem Thema habe ich gesprochen, soweit man das in einer solchen, zwar von Interessierten, aber doch in der Hauptsache von Laien besuchten Kundgebung tun kann. Ich habe insbesondere hervorgehoben, daß wir in Deutschland mehrere hundert junge jüdisehe Landwirte und Gärtner haben, die sich als Praktikanten, Gehilfen und Angestellte ln ihren Berufen bewährt haben, daß sie aber aus bekannten und von mir auch im einzelnen geschilderten Ursachen zu einer dauernden, gesicherten Beschämf' י ' ' Förderung der “Ansiedlung dieser ertüchtigten und erprobten Menschen ist. Ich sprach von jüdischen Bauern und Kleinstellenbesitzen! in Deutschland, die durch Vergrößerung ihres Landbesitz.es zur vollen Ackernahrung oder Ausbau ihrer Wirtschaften und Vervollständigung des Inventars zu Betrieben gelangen können, die ihnen ein wirtschaftliches Fortkommen ermöglichen. Ich habe angedeutet, daß man hierfür Mittel der jüdischen Allgemeinheit wird beanspruchen und sammeln müssen, und habe der Meinung Ausdruck gegeben, daß dabei die vom Reich und den Ländern für Siedlung bereitgestellten Mittel auch für die jüdische Siedlung herangezogen werden können. Ueber die Siedlungsmethoden sagte ich, daß wir Anlieger- Gärtnersiedlun^en und auf Siedhmgsgütem die Ansiedlung solcher Landwirte zu betreiben haben werden, die noch eine letzte Vervollständigung ihrer Ausbildung als selbständige Bauern brauchen. In diesem Zusammenhänge erwähnte ich auch die notwendige Heranziehung und genügende Vorbildung der jüdischen Frau als zukünftige Bäuerin. Daß ich einen Unterschied zwischen der beruflichen Betätigung eines Landwirts und der eines Gärtners zu würdigen Habfmah in Dflsseldor! Düsseldorf. (Eigener telegraphischer Berieht.) Das Gastspiel der Habitnah begann am 2. November, und zwar mit der meisterhaften Aufführung des ״Dybuk“. Düsseldorf ist alles weniger als ein Resonanzboden für die jüdische Kultur des Ostens. Die große Kunst dieser Truppe aber erschütterte nicht nur die vom ganzen Niederrhein herbeigeeilten Zionisten, das vollbesetzte Haus gab durch zahlreiche Hervorrufe zu erkennen, welche Gewalt Habimah auch auf spröde Hörer ausübt. Zum Schluß wurden die Künstler mit begeisterten Hedad-Rufen überschüttet. Da־ Gastspiel dauert bis zum 7. November. * Das Gastspiel der ״Habimah“ in Frankfurt a. M. war ein kolossaler Erfolg. Die Vorstellungen fanden begeisterte Auf• nähme bei Publikum und Presse. In der ״Frankfurter Zeitung“ schrieb Bernhard Dieb old überden ״Golem“ u. a.: ״Man sitzt atemlos vor diesem Stück und dem wunderbaren Spiel der Hebräer. Alle früheren Golems sind ausgelöscht aus unserem Gedächtnis. Meyrink? Wegener? d’Albert...? Das spezifisch Schauspielerische erschien diesmal deutlicher als beim ״Dybuk“... In Gang, Bewegung, Mimik des Lehmkolosses spürte man das erwachende wachsende Leben, die Menschvverdung bis zu der peinlichen Grenze, wo die Seele schreit. Er weint, der Golem. Das bricht uns selber fast das Herz. Er zuckt nach Leben und muß dahin. Eine große Leistung. Es gibt keine anderen Golems mehr. Wer es sich nicht ansieht, der verliert Großes, Der Beifall war sich bewußt, daß er für Großes zu danken hatte.“ Ueber den ״Ewigen Juden“ schrieb Diebold u. a.: ״,Wem die klassizistische Palästina-Szenerie seit ״Judith“ und den ״Toten Augen“ verleidet ist und auch die romantischheroische Konfektion der ״Salome“ über hat, der gehe zum ״Ewigen Juden“ der Habimah. Da sieht er kein nazarenisches Bibelalbum von Schnorr von Carolsfeld, sondern Orient; keine jüdischen Athener, sondern Hebräer; keine Rhetoren, sondern ״Wüstensöhne“. Die ganze Optik ist neu, glühend östlich, auf Wüstensand gebaut, bucht eine hohe Säule. Die ganze Akustik Ist unerhört; tönt von weit, weit her; singt ohne Jamben. Ei« monotoner Psalm, den man eher 'mal bei rlagenbeck als in der Bibel gehört hat. Eine sandig braune Szene; Menschen wie von uraltem Staub bedeckt; und eine steinerne Sprache, in der die Pyramiden reden könnten.... Das Wunder dieser Ha• bimah-Kunst zeigt sich wieder überdeutlich: durch alle symbolische Szenerie, durch alle Ornamente der Masken, durch alle Melodramatik hindurch spielt ein elementarer Naturalismus. Soviel Regie — die Schauspieler dringen durch.“ Maximilian Harden Am 30. Oktober starb im Alter von 66 Jahren Maximilian Harden, dessen ursprünglicher Familienname Witkowsky lautete. Von der Bedeutung Maximilian Hardens im kaiserliehen Deutschland besonders während des Krieges und nach dem Zusammenbruch ist nicht nur im deutschen Sprachgebiet sondern auch in ganz Europa überflüssig, viele Worte zu verlieren. Maximilian Harden hat zweifellos nur darum nicht eine seinen Fähigkeiten entsprechende Verwendung in der aktiven Politik erreichen können, weil er, abgesehen von seinem ungezügelten Temperament, jüdischer Abstammung war. Dieser Geburtsfehler machte es dem ehrgeizigen Manne unmöglieh, die Widerstände gegen einen Juden im kaiserlichen Deutschland zu überwinden. Maximilian Harden war, nimmt man alles in allem, ein Wahrheitsfanatiker, der rücksichtslos gegen Feind, und manchmal auch gegen Freund, vorging, ln späteren Lebensjahren wandte sich sein Interesse auch jüdischen Problemen zu. Harden, der am Anfänge des Jahrhunderts seine ״Zukunft“ Rathenau für den Artikel ״Höre Israel“ zur Verfügung gestellt hatte, fand besonders nach dem Zusammenbruch Worte tiefsten Verständnisses und ehrlicher Bewunderung für jüdische Art und jüdische Leistungen. Unvergeßlich bleibt sein Aufsatz, in dem er davon sprach, daß Namen wie Kurt Eisner, Gustav Landauer, Levine, Haase und Rosa Luxemburg, die die ersten und fast die einzigen Opfer des deutschen Umsturzes gewesen sind, eine Ehre für die im Dienste eines Ideals sich opfernden Juden sind. Maximilian Harden brachte der zionistischen Bewegung viel Interesse entgegen, was in zahlreichen Aeußerungen über den Zionismus zum Ausdruck kam. Die letzten Lebensjahre Hardens waren durch die wahllose antisemitische Hetze der Völkischen verbittert, die sogar gegen ihn, der neben Rathenau, Einstein u. a. auf ihrer Proskriptionsliste stand, ein Attentat verübten. Deutschland verliert in Maximilian Harden den fähigsten Publizisten. Sein plötzlicher Tod ist um so tragischer, als er nach mehrjähriger Ruhepause bereits alle Vorbereitungen zur Wiederherausgabe der ״Zukunft“ getaffen hatte. tu. Frank Harris In Berlin. Es war für jeden, der Frank Harris׳ Schriften kennt, von großem Interesse, diesen Mann, in dem sich in so eigenartiger Weise die Energie und der Elan der anglo-amerikanischen Welt verkörpert, persönlich zu hören. In seinem Buch ״Mein Lebe n“ (Deutsch bei S. Fischer, Berlin) lernen wir Harris als einen Mann von ungewohnlicher Begabung und zäher Willenskraft kennen, der dem Leben mutig und offen gegenübertritt und alle Stufen des selbsterrungenen Erfolges du'rchmacht. Der alle Klassiker beherrschende Student verwandelt sich in einen abenteuerlustigen Cowboy, dann wieder in einen Geschäftsmann, Advokaten, Literaten, eingestreut sind (etwas kitschig und zu genau erzählte) Liebeserlebnisse, Begegnungen mit bedeutenden Menschen, Reisen und Erkenntnisse; kurz, ein seltener Reichtum und eine erstaunliche Vitalität, und mit naturburschenhafter Frische erzählt. Harris hat schon frühzeitig den Entschluß gefaßt, jede Sache, die er tut, mit ganzer Seele und Kraft zu tun, und das Rezept hat sich bev.: ״rt. Warum dies hier berichtet wird? Weil die Eigenart ", anglo-amerikanischen Welt, in die der SchwerpunJ Judentums sich allmählich verschiebt, von uns vielfat‘־ ״ verkannt wird und ein Gegen-Typ des gewöhnlich gesehenen starren Konventionalismus uns belehren kann; und weil diese Art, Ungewöhnliches zu wollen, die bei Harris sich in eine! geradezu ״heidnischen“ Lebenskraft äußert, Menschen, die in einem Kampf um Neues stehen, nicht gleichgültig lassen kann. — Wer freilich von Harris eingehende Shakespeare- Exegese erwartete, wird von seinem Vortrag enttäuscht worden sein. Die Tiefe des Shakespeareschen Genius, die uns gerade Männer jüdischen Blutes — Bab, Gundoif und vor allem Gustav Landauer — gedeutet haben, ,־Heb unenthüllt; Harris, der ankündigte, über Shakespeare als Liebhaber, als Künstler und als Denker sprechen zu wollen, blieb eigentlich die zwei letzten Drittel schuldig und verbreitete sich mehr in Form einer — oft etwas zu formlosen — Causerie über das erste Thema. Interessant war ein Exkurs, in welchem Harris sich gegen die Zusammenstellung ״Shakespeare und Milton“ wandte. Dies sei eine ebenso unberechtigte Phrase wie in Deutschland ״Goethe und Schiller“. Milton ist ein Rhetoriker wie Schiller. Wenn die Deutschen schon ein Paar haben müssen, warum sagen sie nicht lieber ״Goethe und Heine“? (Armer Harris, wenn er wüßte...) Der sympathische Mann, dem man sein Alter nicht ansieht, wird in der Lessing-Hachschule, die den Kursus veranstaltet, noch zweimal sprechen. w.

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