Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 86 (28.10.1927)
- Date
- 1927-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0,35 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Mehtekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Berugrprei» bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark. ▼ierteliährlich 5,25 Goldmark. Aaaluid.aboaarnca«* werden in der Wihrtml der eietcltwa Hader berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b. FL, Berlin W15, Melnekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17 392 Fflr 0#*Urt*Ich5 Po«Uparkas1 eaamt Wien. Konto Nr. 156 030. Ffir Tschdchoüiowakei• PotUpnrk&ticmgint Prag, Konto Nr. 59 410. Für Polen: Postsparknatenaiat Warschau. Konto Nr, 190 708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 86 | Berlin, 28. X. 1927 And|aprd■: 8 {eipelLNonpnrtillereil« 0,50 G.-M. Stellengeraehe 0,25 G.-M. Anzelgeaechlaflt Dies•:■« and Freit■« nectuBltteg 4 Uhr. ב׳ מרחשון וזרס״ח I xxxn. Jahrg. 9er Zionismus erstreb« für das fOdlsche Volk dl« 1 Schärfung einer dVfentllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.‘• Nächste Schritte Der Freispruch Schwarzbaris Ina ProzeB gegen den Mörder des Hetmans Petljura fällte das Gericht heute in später Abendstunde am 26. d. M. das Urteil. Die Geschworenen vern e i n t e n die Schuldfrage. Daran! sprach der Gerichtshof den Angeklagten SchwarzbartfreL Es kam zu großen Beifallskundgebungen des Publikums. Der Wahrspruch der Paris« Geschworenen Ist eine erwartete Folge des Prozeßverlaufes. Schon bevor die Geschworenen sich zurückzogen, war die Angelegenheit Schwarzbart für die zivilisierte Oeffentlichkeit entschieden; vor dem Forum der Moral und Menschlichkeit, vor dem Richterstuhl einer höheren Gerechtigkeit war Schwarzbart längst freigesprochen. Niemand wird seine Tat billigen, die das den Juden zugefügte Unrecht und den jüdischen Schmerz nicht wieder gutmachen, die Opfer der Pogrome nicht wieder lebendig machen kann. Aber kann man die Tat auch nicht billigen, so kann man sie doch be• greifen, und dies schließlich ist die Aufgabe menschlicher Richter. Wer die Schilderungen der Zeugen in diesem Prozesse gehört hat, wer erfuhr, wie eng Schwarzbart mit den Opfern der Pogrome persönlich zusammenhing, welche unendliche Fülle von Grausamkeiten an seinen Volksbrüdern er direkt miterlebt oder miterfahren hat, der mußte verstehen: was muß dieser Mensch, einer von vielen, gelitten haben! Man versteht, daß solche Erlebnisse, tiefste seelische Erschütterungen, Höllenpein und Höllenqualen, das Gefühl der Ohnmacht und die Empörung über das beruhigte Stillschweigen Europas, daß dies alles einen Menschen zu Verzweiflungstaten treiben kann, die nur in diesem Zusammenhänge gewertet ■werden können. Durch Schwarzbarts Tat ist die Welt noch einmal an die fast vergessenen Scheußlichkeiten der Pogrome erinnert worden. Schon seit Tagen spielte sich der ProzeB so ab, daß nicht Schwarzbart ,^ו»^0י:*ייויי^י|6ז?#111»־» Pogrom- Stifter. Die Bemühungen da־ Anklagevertreter, die Sache so darzustellen, als ob Petljura an den Pogromen unschuldig gewesen wäre, scheiterten in der Beweisaufnahme an den eindeutigen Zeugenaussagen. Es wurde jedehWlf der vollgültige Beweis dafür erbracht, daß Schwarzbart mit }!echt überzeugt sein mußte, daß Petljura, der Diktator der Ukraine, die Pogrome hätte verhindern können und es aus irgendein« falschen Staatsraison nicht getan hat. Da niemand die Verantwortlichen zur Rechenschaft zog, fühlte der kleine jüdische Uhrmacher sich berechtigt, selbst Strafgericht zu halten. Man muß sagen, daß der Prozeß im allgemeinen mit vorbildlicher Korrektheit und Objektivität geführt Worden ist. Leider hat der eine der Rechtsvertreter der Petljura-Partei, Advokat Wilnt, es für nötig gehalten, während der Beweisaufnahme und in seinem Plädoyer antisemitische Espektorationen einzuflechten. Statt vor der ungeheuren Tragödie, deren Bild sich vor den Zuhörern entrollt hat, zu verstummen, statt die Gefühle eines Eiim zeltnien jaturesiag der Ballonr-Deklaration Der 2. November 1917 Ist einer der großen Gedenktage der jüdischen Geschichte. Er ist der Tag jener berühmten Deklaration des damaligen englischen Außenministers James Arthur Balfour, worin erklärt wird: ״daß die britische Regierung di» Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina tlr dal jüdische Volk mit Wohlwollen betrachtet und alle Anstrengungen machen wird, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern.“ Balfours Name unter dieser Deklaration ist nicht nur ein Symbol für die Erfüllung unserer Hoffnungen, Balfour selbst kein zufälliger Vollstrecker unserer historischen Ansprüche: seitdem die Deklaration seinen Namen trägt, ist Lord Balfour zum eifrigsten Interpreten und Verteidiger unserer Sache geworden, in der er nach seinen eigenen Worten ״die Wiedergutmachung eines 2000jährigen Unrechts“ erblickt. Daß Lord Balfour mit innerer Anteilnahme das große Werk des Palästina-Aufbaus verfolgt, hat seine Beteiligung an der Eröffnung der Hebräischen Universität in Jerusalem bewiesen, die er als ״einen der großen Merksteine der zukünftigen Laufbahn des jüdischen Volkes“ bezeichnet Das Direktorium des Keren Kajemeth Lejisrael ist der Ansicht, daß die 10jährige Wiederkehr des Tages der Balfour-Deklaration uns ein willkommener Anlaß sein sollte, dem Schöpfer der Deklaration die höchste Ehrung, über die das jüdische Volk verfügt, die Eintragung in das Goldene Buch des Keren Kajemeth, zu erweisen. Das ganze nationalbewußte Judentum der Welt soll sich an dieser Eintragung beteiligen, an dieser beispiellos gemarterten Volkes zu respektieren, versuchte Herr Wilm, das jüdische Interesse an diesem Prozeß zu verdächtigen. Er sprach davon, daß man ״die Kräfte Israels mobilisiert“ hat, daß die Juden für die Verteidigung des Mörders Schwarzbart Geld gesammelt haben, daß ״Israel sich einen Mörder zu seinem Nationalhelden gewählt“ habe. Dies alles sprach der Vertreter einer Partei, der gegenüber man auf Grund der Prozeßergebnisse wirklich geltend machen könnte, daß bei ihr Volkshelden und Mörder nicht immer klar zu unterscheiden waren. Wir sind aber weit entfernt davon und haben dies stets betont, das ukrainische Volk als solches für die Taten seiner Pogrombanditen verantwortlich zu machen. Unerhört aber ist es, wenn der jüdischen Oeffentlichkeit ihr Interesse an dem Prozeß, dessen Gegenstand die Abschlachtung von hunderttausend Juden ist, verübelt wird. Niemals hat ein jüdisches Organ aus Schwarzbart einen Nationalhelden gemacht. Aber wenn die Geschichte der Pogrome vor einem Gericht, im Lichte der ganzen Kulturweit, behandelt wird, dann wünschen wir Juden freilich, daß auch die Wahrheit an den Tag komme und daß man keine Vertuschungsmanöver zulasse, wie es manchmal in der Politik üblich ist. Wir haben auch ein Interesse daran, daß unverschämte Beschuldigungen nicht unwidersprochen erhoben werden. Herr Wilm hat vielleicht gemeint, auf die niedrigsten instinkte der Geschworenen und der Oeffentlichkeit zu wirken, wenn er das Gespenst einer ״jüdischen Weltverschwörung“ an die Wand malte, die mit Hilfe des Bolschewismus oder mit ihm im Bunde sich unschuldige Opfer sucht. Eine solche Hetzrede war wahrhaftig gerade in diesem Moment höchst deplaziert und alles weniger als gentleman-like. Die Anklagevertreter haben sich ein recht törichtes Argument ausgesucht, wenn sie darzutun versuchten, Schwarzbart sei ein Agent der bolschewistisehen Tscheka gewesen. Wer kann so etwas glauben? Welcher halbwegs besonnene Mensch soll glauben, daß die Sowjets heute auch nur das geringste Interesse an der Beseitigung Petljmas haben? De Erklärung der Motive der Tat, die sich aus dem Zeugenverhör ergab, war vollkommen ausreichend. Es Ist unwürdig, In ׳einem., solchen Moment ״sieb-jener Terminologie zu bedienen, die das beliebte Instrument der Pogrömh e t z e r aller Länder ist. Die französischen Geschworenen ließen sich dadurch nicht beeinflussen, aber für uns Juden ist auch diese bedauerliche Episode eine Lehre, die wir uns merken müssen. Denn zwar ist die Wahrheit über die Pogrome gesagt worden, zwar haben die Richter nach Gerechtigkeit geurteilt, aber die feindlichen Mächte gegen uns sind unvermindert am Werk. Wir Juden dürfen solche Erfahrungen nicht vergessen. Wir müssen stets dessen eingedenk bleiben, daß wir selbst uns helfen müssen, da uns sonst nicht geholfen werden kann. De Völker sollen sich einem geeinten und organisierten jüdischen Volk gegenübersehen, das sich zu verteidigen weiß und in Rübe leben und schaffen will. Dies und nichts anderes ist schließlich der Sinn der nationalen Emanzipationsbestrebungen des jüdisch״n Volkes. Kundgebung besonderer und seltener Art, von der sich kein Zionist ausschließen wird. Lord Balfour wird mit besonderer Genugtuung zur Kenntnis nehmen, daß die ihm zugedachte Ehrung zugleich eine unmittelbare Förderung unserer nationalen Heimstätte bedeutet * Wir fordern alle Zionistischen Ortsgruppen auf, die von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland vorgeschlagenen Balfour-Feiern durchzuführen und auf das sorgfältigste vorzubereiten. Wir bitten* die Ortsgruppen, für die Aufbringung eines möglichst hohen Eintragungs-Betrages zu sorgen. Wir hoffen, daß es gelingen wird, eine Summe aufzubringen, die das Recht dazu gibt, Lord Balfour eine Urkunde über die Eintragung seines Namens in das Goldene Buch durch die deutschen Zionisten Oberreichen zu lassen. Keren Kajemeih Lejisrael Wollsieiner Schwarz Glaser Sokolow bei Mossolini and Kardinal Gaspari Rom, 25. Oktober. (J. T. A.) Der Präsident der zionistischen Weltexekutive, Herr Nahum Sokol 0 w, wurde vom italienischen Regierungschef, Mussolini, empfangen und unterhielt sich mit ihm eingehend über das zionistische Aufbauwerk in Palästina. Später wurde Herr Sokolow vom Staatssekretär des Vatikans, Kardinal Gaspari, in längerer Audienz empfangen. Von Kurt Blumen fei d. Die Exekutive hat die neue Arbeitsperitide mit einem Aufruf eingeleitet. Der Aufruf ist kurz, besonnen und hoffnungsfreudig. Durch Einschränkung soll die Grundläge zu neuer Expansion gelegt werden. Das empfindet die Exekutive selbst als ihre Aufgabe. Die Pflicht der Zionistischen Organisation ist es, wie auch immer die einzelnen Gruppen zur Exekutivwahl gestanden haben, die Durchführung der Maßnahmen der Exekutive zu ermöglichen. Arbeitsergebnisse und nicht Zustimmungserklärungen beweisen, ob der Aufruf Resonanz gefunden hat. An Stelle grundsätzlicher Deklarationen über Mitverantwortlichkeit oder oppositionelle Haltung wird in der Arbeitsperiode helfende positive Kritik zu treten haben. Wer für die vom Kongreß gewählte Leitung mitverantwortlich ist, hat in besonders hohem Maße die Pflicht, sein Vertrauen durch zustimmende und auch durch ablehnende Stellungnahme zu einzelnen Maßnahmen der Exekutive zu begleiten. Was Dr. Wcltsch am 21. d. M. in der ״jüdischen Rundschau“ über die Durchführung früherer Exekutivbeschlösse sagte, ist — z. B. in der Frage der Behändlung des Solei Boneh — auch unsere Meinung. Die von der Exekutive zu ergreifenden Maßnahmen werden wichtige Teile unserer Arbeit schwer beeinträchtigen. Es wird nicht leicht sein, gegenüber den nur allzu verständlichen Ausbrüchen von Unwillen und Empörung auf unabwendbare Notwendigkeiten hinzuweisen. Wie große Abstriche aber auch immer erforderlieh sein mögen, der Gedanke der Vorbereitung neuer Expansion muß immer spürbar bleiben. Eine Fülle von Umständen, die gleichzeitig vorhandeti waren, hat die bisherige Entwicklung ermöglicht. Die Erscfcgeliay^^eg^Welt^ nach' lent ‘Kriege, die be-״׳ sonders gr<»Ä‘:^lite#e Unsicherheit großer Teile des jüdischen Volkes! Gedanke der Verwirklichung unserer zionistischen Ziele in kürzester Zeit, die aus vielen Quellen gespeiste große Chaluzbewegung, die uns ein Menschenreservoir geschaffen hat, dessen Beherrschung weit über unsere Kräfte ging. Eine notwendige Atempause ist eingetreten, nicht etwa erst durch die Beschlüsse des letzten Kongresses, sondern erzwungen durch die Verhältnisse. In der wirtschaftlichen Arbeit müssen wir einen Stillstand ertragen können. Wir glauben auch, daß wir ohne Beunruhigung diese Zeit zu überdauern vermögen, wenn zwei Forderungen erfüllt werden: Aufrechterhaltung der zionistischen Hoffnungen im Lande, d. h,, praktisch gesprachen, ernsteste Bemühungen um die Lösung des Arbeitslosenproblems, und verantwortliche Haltung gegenüber der zionistischen Jugend in aller Weit. * Wir verfügen über Massen von Pionieren. Auf det letzten ' ägung des Brith Hanoar in Danzig vertraten die Delegierten annähernd 60 000 junge Menschen, deren größter Teil in Polen lebt. Für diese Jugend ist die kommende Zeit eine schwere Belastungsprobe. Die chaluzische Alijah führte naturgemäß zunächst die stärksten zionistischen Kräfte nach Erez-lsrael, Jugendführer und zionistische Erzieher verließen ihre Gruppen, oft ohne zu fragen, ob geeignete Nachfolger zurückblieben. Wer erst einige Jahre in Palästina lebte und arbeitete, verlor meist den Blick für die Erfordernisse der zionistischen Bewegung im Galuth. Was im Galuth geschah, erschien eng und unerheblich im Vergleich mit den ernsten Problemen der Gestaltung des eigenen Lebens, des sozialen Aufbaus, der Erziehung und der Wirtschaft in Palästina. Und doch durfte man keinen Augenblick vergessen, daß die Entscheidungsschlacht des Zionismus noch immer außerhalb unseres Landes geschlagen wird. Die Labilität des allgemeinen Lebens findet immer ihren charakteristischsten Ausdruck in der Haltung der jüdischen Welt. Der unaufhaltsame Ansturm neuer Strömungen erzeugte einen beängstigend schnellen Anschauungswechsel in unserer Jugend. Die Pioniere der zweiten Alijah und großenteils der dritten Alijah waren, fast durchweg jüdisch fundiert, auch in ihren Zukunftshoffnungen durch jüdische Entwicklung und Geschichte bestimmt, selbstverständlich dem jüdisehen Volk und dem jüdischen Volksgedanken ergeben, schlechtweg Zionisten im Grunde ihres Wesens. Auf zionistischem Grunde, aus jüdisch-nationaler Erkenntnis erwuchsen ihnen besondere Vorstellungen vom Leben der Gesellschaft und vom Werden der Wirtschaft. Als Zionisten vertraten sie einen spezifisch jüdischen Sozialisraus.