Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 79-80 (4.10.1927)
- Date
- 1927-10-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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GfcR.VMNIA jUDAk.'A Einzelnummer 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekestr&ße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, rierteljShrlich 5,25 Goldmark. Au.tandsabonnemenU werden in der Wihran( der einzelnen Linder berechnet :\ ummer 79/ 80 | Berlin, 4. X. 1927 Anzeigen - Verwaltung Jfldische RundschauG.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. AszeigeBprcfs: 8 £e«p4lLNonp»reill*zeile 0,50 G.-M SteÜeag«8acbe 0,25 G.-M. AnzeigenachlaB; Dicnita? and Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165-70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Ffir Oeilerreich: Poetiparkuienzmt Wien. Konto Nr, 156 010. Für T■ehechoelowekei: Poetiperkeeeenemt Praß. Konto Nr. 59 410. Für Polen: Poetrparfeaeeenamt Wtrechan, Konto Nr. 190 708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ח, תשרי היפ״ח | xxxn. Jahrg. Dar Zionismus erstrebt für das Jfldische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstütle In PaMstlna. ״Baseler Programm.'• Unsere zionistische Zuversicht Von Kurt Blumenfeld. Was bedeutet der letzte Kongreß für die zionistische Arbeit? Die Antwort auf, diese Frage muß jetzt gegeben werden, ln unserer Organistion, die schon ein 30jähriges Jubiläum hat feiern können, gibt es naturgemäß eine erhebliche Zahl auch innerlich alter Zionisten, gibt es den selbstverständlichen Prozentsatz resignierter, skeprischer, verärgerter und beleidigter Mitglieder, denen jedes zionistische Ereignis eine neue Rechtfertigung für ihre Untätigkeit und zionistische Unzulänglichkeit bedeutet. Die Palästina-Wirtschaft ist in ihren Ausmaßen objektiv meßbar; die zionistische Bewegung ist so stark wie sie sich fühlt. Wer den Zionismus ernst nimmt und ihm gläubig ergeben ist, wird in schwerer Zeit ungerufen zur Verfügung stehen. Wem zionistische Idee nur noch Jugenderinnerung oder bestenfalls eine verlorene Chance seines Lebens ist, den wird die ungebrochene Leidenschaft, der unermüdliche Wille zur Arbeit und die gläubige Zuversicht an das Gelingen unseres Werkes naturgemäß irritieren. Er will sich durch die Darstellung der von ihm erkannten Unzulänglichkeifen in seinem Verhalten rechtfertigen. Beide Sorten von Zionisten haben sich auf dem Kongreß und in den Tagen nach dem Kongreß gemeldet. In der Art, wie man auf den Kongreß reagiert, zeigt sich schon, welche Ergebnisse unsere zionistische Arbeit im nächsten Jahre zu erbringen vermag. Eine neue Exekutive ist gebildet worden. Wie sah der Kongreß aus, der sie, wählte, wie kam sie zustande? Wie ist es um den Zionismus bestellt, was hat er zu tun? Auf diese Fragen sei kurz geantwortet. I. Der Kongreß übertraf alle seine Vorgänger nach dem Kriege und auch eine Reihe Vorkriegskongresse an äußerer und innerer Kraft. Die Zionistische Organisation hat auf diesem Kongreß den sehr viele Zionisten überraschenden Beweis erbracht, daß sie mit Ernst, Verständnis und Verantwortungsgefühl an die Regelung ihrer Geschicke geht. Die Delegierten waren im allgemeinen informierter als bei früheren Kongressen. Ließ die Arbeit in den Kommissionen auch oft zu wünschen übrig, gab es naturgemäß eine ganze Anzahl unüberlegter Zufallsbeschlüsse, so war doch immer eine allgemeine Linie spürbar. Nichts von der Planlosigkeit und Programmlosigkeit des Wiener Kongresses. Ein großes Verdienst hat sich in dieser Hinsicht das durch unseren Freund Felix Rosenblüth besetzte Organisations-Ressort erworben. Die alte Forderung nach offizieller Stellungnahme vor dem Kongreß zu allen Fragen, nach einem Programm der Exekutive, wurde diesmal erfüllt. Gedruckte Anträge der Exekutive und ein gedrucktes Programm, das zu allen Hauptfragen Stellung nahm, lag vor. Dr. Weizmann hielt zur Einleitung der Generaldebatte eine durch dieses Programm in allen Einzelheiten bestimmte Rede. Kritiker bemerkten, daß die Linie dieses Programms im weiteren Verlauf nicht immer eingehalten wurde. Das stimmt. Aber jeder kommende Kongreß wrird, wenn alle verantwortungsvollen Zionisten diese Entwicklung zu fördern bemüht sind, durch programmatische, beschlußtnäßig festgelegte Beschlüsse der Exekutive eingeleitet werden, die in immer höherem Maße politisch verbindlich erscheinen werden. Ein besonderes Verdienst erblicken wir auch in dem Versuch, die Wahl der Exekutive vor Schluß des Kongresses vorzunehrnen. Es ist auch tatsächlich gelungen, die Exekutive in der vorletzten Sitzung zu wählen. So war dafür gesorgt, daß uns einmal das Schicksal des Wiener Kongresses erspart blieb — der Permanenz- Ausschuß war, wenn die vorgeschlagene Exekutive im Plenum keine Majorität gefunden hätte, bereit, sofort zusammenzutreten und hätte einen neuen Vorschlag machen können — und ferner bestand die Möglichkeit, programmatische Erklärungen der neuen Exekutive entgegenzunehmen und diese Exekutive auf Grund des von ihr im Plenum vorgeschlagenen Programms zu wählen. Dr. Weizmann hat seine Erklärungen vor der Wahl und nicht nach der Wahl abgegeben, so daß also die Wahl der Exekutive zugleich eine Abstimmung über die Erklärung des Präsidenten bedeutete. Dadurch wurde für die Exekutive eine klarere Basis geschaffen als bei früheren Kongressen. 11. Unser Palästina-Programm hieß: Konsolidierung der Palästinawirtschaft. Was darunter zu verstehen ist, stand in zahlreichen redaktionellen Artikeln der ,,Jüdischen Rundschau“ und als kongreßpolitische Forderung insbesondere auch in meinem Artikel ״Verantvvortungspolitik“ in Nr. 41-42 der ״Jüdischen Rundschau“. Wir verlangten die notwendigen und möglichen Reformen, in erster Linie die Abkehr von einer irrealen Budget- Politik, deren Konsequenzen uns finanziell unerträglich belasten. Wir verlangten Abbau der Defizit-Wirtschaft und forderten daher, daß Ausgaben ohne effektive Deckung nicht gemacht werden dürfen, ln der Budget- Kommission zeigte sich, daß es nur ein Mittel gibt: Die letzte Entscheidung über die Auszahlung von Geldern einer Instanz zu überlassen, die die volle Verantwortung für unsere Finanzpolitik in der wirklichen Arbeit trägt. Der Kongreß ist diesen Weg gegangen. Er hat das Budget beschlossen, aber gleichzeitig die Exekutive bevollmächtigt, sich innerhalb dieses Budgets nach Maßgäbe der vorhandenen Mittel einzurichten. Auch in der durch den Kongreß erfolgten Budgetfestsetzung ist ein entscheidender Fortschritt durch die Annahme unserer Forderung erzielt worden, daß die durch Exekutive und Direktorium des Keren Hajessod erfolgte Einschätzung der Eingänge des nächsten Jahres den verbindlichen Höchstbetrag des nächstjährigen Budgets darzustellen habe. ' Die Erkenntnis der Notwendigkeit veranlaßte uns, die Konsolidierungspolitik mit aller Energie durchzuführen. Sie ist in keiner Weise mit Resignation gegenüber unserem irgendwelchen. V4ggteMg»föhtan׳- verbunden. Es handelt sich, wie jeder wissen muß, um eine unerläßliche Notstandsaktion, deren Ziel eine auf solider Basis erfolgende neue Expansion sein muß. Es handelt sich um die Aktionsfähigkeit und Verhandlungsfreiheit dieser oder jeder kommenden Exekutive. Gelingt die Aktion, dann hören wir auf Sklaven unserer Schulden zu sein, und ein kommender Kongreß kann zum ersten Mal nach Jahren wieder in Freiheit über ein Budget verfügen, dessen größerer Teil für neue Arbeiten benutzt werden kann. Der Prozeß ist schmerzlieh, aber seine Vornahme für den verantwortungsvollen Zionisten selbstverständliche Pflicht. Einschränkung und Abbau werden auch bei reicheren Bedingungen niemals widerspruchslos entgegengenommen. Wir haben auch in den Monaten vor dem Kongreß deutlich erklärt, daß wir uns über die möglicherweise kommenden Ereignisse nicht täuschen. Aber wir wußten und wissen, daß nur die Wahl bleibt, ob solche Folgen als Begleiter einer durch immer größere finanzielle Verpflichtungen zur Ohnmacht verurteilten Exekutive eintreten, oder ob sie — als Nachwirkungen einer schweren Zeit — in einer Zeit ernster Wirtschaftsreformen, die eine bessere Zukunft vorbereiten, spürbar werden. III. Unser Programm war fertig, ehe uns Mensehen für eine neue Exekutive zur Verfügung standen. Man weiß, daß wir bereits in Wien den vergeblichen Versuch gemacht haben, geeignete Kandidaten für die Palästina-Exekutive zu finden. Ihre Zahl ist gering. Die allgemeine Prognose, die auch wir für nicht unwahrscheinlich hielten, war daher auch diesmal: ״Es wird alles beim alten bleiben; es wird unmöglich sein, Personen für die Durchführung des Konsolidierungs- Programms in diesem Augenblick zu finden.“ Daß nur Menschen von besonders hohem Verantwortungsgefühl, von größter Selbstlosigkeit, starkem Willen und vor allem eiserner Nervenkraft in der Lage sind, heute in die Palästina-Exekutive einzutreten, war klar. Und wenn es schon solche Menschen gab, dann entstand die Frage, ob sie bereit sind, diese höchstem Pionierdienst gleichwertige Tätigkeit zu übernehmen. Wer bereit war, in diese Konsolidierungs-Exekutive zu gehen, der wußte, daß er einmal zwei Jahre lang ein Opfer bringt, dessen Bedeutung die mitlebende palästinensische Welt weder verstehen noch würdigen wird. Umgeben von Feindschaft, passivem und aktivem Widerstand aller Kreise, wird die Exekutive ihre Konsolidierungsarbeit durchzuführen haben — das ist übrigens nicht nur in Palästina so. Noch bei Kongreßbeginn fehlten die Kandidaten. Wir dachten schon vor längerer Zeit an Harry Sacher, den manche Leute heute als unbekannten Neuling zu kennzeichnen versuchen. Sacher ist ein alter Zionist, geschult an Achad Haam; er war Jahre hindurch ein vertrauter politischer Mitarbeiter Dr. Weizmanns und hat an unseren großen politischen Erfolgen in England — vor allem an der Balfour-Deklaration — nicht nur durch seine Tätigkeit iin ״Manchester Guardian“ und durch sein mit Leo Simon zusammen herausgegebenes Buch über zionistische Fragen, durch die von ihm geleitete erste politische Palästina-Zeitschrift in englischer Sprache, sondern vor allem auch durch seine persönliche Wirkung auf politische Instanzen und Persönlichkeiten erlieblichen Anteil. Er war Mitglied der Zionist Commission, die als erste offizielle zionistische Instanz nach der Neuordnung der politischen Verhältnisse in Palästina im Lande erschien, und er blieb im Lande. (Gelegentlich seiner Wahl hat man ihm merkwürdigerweise den Vorwurf gemacht, daß es ihm gelungen ist, der erfolgreichste Advokat in Erez-Israel zu werden.) Im März erklärte sich Sacher bereit, über die Frage seines Eintritts in die Exekutive unter gewissen Voraus- Setzungen zu verhandeln. Auf Grund dieser Erklärung haben wir und einige Menschen außerhalb unseres Kreises die Kandidatur in ernste Erwägung gezogen. In den ersten Tagen des Kongresses erklärte Sacher aber, daß er sich nicht entschließen könne, in die Exekutive einzutreten. Auf Grund dieser Erklärung schlug Dr. Weizmann im Permanenz-Ausschuß eine andere Exekutive vor — die alte Exekutive, verstärkt durch die Herren Ussischkin und Hantke, die aber beide nicht annehmen wollten, und einen Amerikaner, dessen Name noch nicht feststand. Es schien also alles beim alten bleiben zti sollen. Erst Schockens Einwirkung veranlaßte Sacher, für die Exekutive zu kandidieren. Als Mitarbeiter Sachers sollten van Vriesland und Kisch in die Exekutive eintreten. Die Kandidatur van Vrieslands scheiterte an dem Widerspruch des Misrachi, der die Teilnahme des Herrn van Vrieslands an der Exekutive aus religionsgesetzlichen Gründen für unmöglich erklärte. Darauf versuchte man, Miss Henrietta Szold, die frühere Präsidentin der Hadassah, zu gewinnen. Miss Szold wies auf ihre sonstigen zionistischen und persönlichen Verpflichtungen hin, entschloß sich aber, als man sie von der Notwendigkeit ihres Eintritts in die Exekutive überzeugte, die Kandidatur anzunehmen. IV. Sehr schwierig war es, die Majoritätsverhältnisse des Kongresses zu klären. Die allgemeinen Zionisten bildeten zwar rein zahlenmäßig bei Hinzurechnung ihrer Mitglieder in der Exekutive, im Finanz- und Wirtschaftsrat und im Aktions-Comite eine kleine Majorität (bei Beginn des Kongresses 54°,0), praktisch waren sie in der Minderheit. Eine Exekutive konnte nur gebildet werden im Einverständnis mit der Linken oder mit dem Misrachi. Nachdem die Kandidatenfrage gelöst war und Weizmann im Permanenz-Ausschuß für die Palästina-Exekutive Kisch, Sacher und Miss Szold vorgeschlagen hatte, begannen daher die Verhandlungen mit diesen beiden Gruppen. Radikale und Revisionisten kamen für Verhandlungen nicht in Betracht, da sie grundsätzlich jede Exekutive unter der Führung von Dr. Weizmann ablehnten. Der Misrachi verlangte als wichtigste Bedingung seines Eintretens für die neue Exekutive, daß in die Wirtschaftsverträge mit Siedlern und Siedlungsgenossenschäften als "Vertragsbedingungen bestimmte religiöse Forderungen aufgenommen werden. Wir waren der Ansicht, daß in Wirtschaftsverträge nur wirtschaftliche Forderungen aufgenommen werden dürfen und daß solche Verträge kein Mittel sein dürfen, um die Beobachtung bestimmter religiöser Vorschriften von wärtschaftlich abhängigen Siedlern zu erzwingen. Wir glaubten, daß der religiösen Entwicklung in Palästina dadurch der schlechteste Dienst erwiesen wird, und konnten uns schon auf dem Kongreß davon überzeugen, daß die Annahme der Bedingungen des Misrachi gerade auch in denjenigen Kreisen der Arbeiterschaft, die für religiös-nationale Forderungen in steigendem Maße Verständnis haben, zu einem leidenschaftlichen Kampf gegen die Religion überhaupt geführt hätte. Die Bedingungen wurden nicht nur von sämtlichen Vertretern der Landsmannschaften, sondern auch von den neu zu wählenden Mitgliedern der Palästina-Exekutive abgelehnt.