Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1927-09-23 · Heft 76-77 (23.9.1927) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 76-77 (23.9.1927)
Date
1927-09-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652877-2652948--19415-2677289
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Einzelnummer 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion and Verlag Berlin W15, Meinekteirtfie 10. Erecheint jeden Dienstag und Freitag, Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, ▼lerteljlhrlieh 5,25 Goldmark. Aadudsabmawasnto «rtnlcs m der WlbrunJ der rinirloeo Linder berechnet Nummer 76/77 | Berlin, 23. IX, 1927 Anzeigen - Verwaltung JOdlach• Rttndschaa G.m.b.H., Berlin W15, Meinekeetr.10 Telephon! Amt Bismarck 7165—70. AasalgwiX'eisiS leepeltNonpareiDeeefle 0,50 G.-M. Stellengesuche (US G.-M. AnseigenseUaSi Dleeiti! und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon! Bismarck 7165 - 70, Postscheckkonto! Berlin Nr. 17392 Für Oesterreich! P01t«parka«»enami Wie■, Kenia Nr. 156 OM j Für Tacheehoilowekei! Puatiperkeiaeaemt Frei, Konto Nr. 59 4M Für Polen: Poitaparkaaaanemt Wanchau, Konto Nr. 190 70• RedaktionsschluB Sonntag und Mittwoch nachmittag. < Der Zionismus •rstrebt tOr das JBdlsshe Volk die Sckaffuna einer dKantllcIi ■ recktllcti geelcherten Helmstitte In Palästina. ״Baseler Programm.» Ro$ch Haschanah 5688 Das Wort Rosch Haschatiah löst viele Vorstellungen aus. Metaphysische, erhaben-religiöse Gedankenreihen und schlichte bürgerlich-irdische Angelegenheiten (vgl. Mischna Rosch Haschanah I, 1) werden gleichermaßen von diesem Abschnitt im Jahr umschlossen. Eine Eigent art der jüdischen Gedankenwelt macht sich auch hier geltend: das Zusammenfließen vieler Elemente zu einem Gesamt begriff, der trotz der Heterogenität der konstituierenden Faktoren kein ungeordnetes Gemenge ist, sondern eine Verbindung. Rosch Haschanah ist bald der Geburtstag der Welt, bald der Gerichtstag, einmal schlicht der Beginn des jüdisch-bürgerlichen Jahres, einmal der Beginn der Teschuba-Tage. Eines fällt jedenfalls auf: das starke Ueberwiegen der menschheitlichen Orientierung, das Zurücktreten des Nationalen. Nicht nur die grundlegenden Ueber- Zeugungen, die sich an diesen Tag knüpfen, bestätigen diese Auffassung, sondern auch besonders die Liturgie, die das messianische Bild der Menschheitsverbrüderung an die Spitze stellt und sittliche Läuterung der Welt ersehnt. Aber auch in den ״innerjüdischen“ Partien dominiert das Ideal der Heiligkeit und, was noch mehr überrascht, das Hervortreten individueller, um nicht zu sagen, individualistischer Züge. Thora- und Prophetenabschnitte des Rosch Haschanah enthalten fast ausschließlich Episoden aus der Geschichte Isaaks und Samuels, variieren u. a. das Thema, daß eine Reihe Frauen erst spat mit Nachkommenschaft bedacht wurden usw. Zwischen diese Pole, die Menschheit, ihr Schicksal, ihre Herkunft und ihr einstiges Ziel einerseits und das Individuum, die Zelle aller Gemeinschaft andererseits, ist der große Sehicksalstag gespannt; zwischen ihnen bewegt sieh, soll sich auch bewegen die nationale Gemeinschaft In den Individuen, und zwar in den. ragenden Gestalten, soll sie ihre Bausteine erkennen, soll die Würde des Individuums hochhalten und seiner Entfaltung besondere Beachtung schenken. Ist auch das Einzelwesen ohne die Gemeinschaft fast wertlos, so muß ihm doch eine gewisse Freiheit eingeräumt werden, weil sonst leicht Nivellierung jeder Art eintretep könnte. Sinn und Ziel aller nationalen Einheiten aber ist die eine Menschheit, die zu verwirklichen die Aufgabe aller Träger der Geschichte ist. Zu verwirklichen durch die Tatsache und trotz der Existenz so vieler einander widerstrebender Völker. Hier beginnt das wahre Probient: die Kosmopoliten, die alle nationalen Verbände Tarpach Das Judenjahr 5687, Tarpas, versinkt in wenigen Tagen in den Schoß der Vergangenheit und das Judenjahr 5688, Tarpach, tritt seine Herrschaft über die jüdische Welt an. Das vergangene Jahr war durch die schwierige Situation in Palästina und deren Auswirkungen in der gesamten zionistischen Welt gekennzeichnet. Am Ende des Jahres jedoch brachte der Zionistenkongreß in Basel, der beste und sachlichste Nachkriegskongreß der Zionistischen Organisation, wie von den weitesten Kreisen cler zionistisch organisierten Judenheit bereits jetzt zwei Wochen nach der Baseler Tagung erkannt wird, neue Hoffnung und neuen Mut. Die zionistisch organisierte Judenheil bewies in Basel Ernst, Tatkraft und unbeugsamen Willen, das Aufbauwerk in Palästina fortzuführen und zu einem glücklichen Ende zu bringen. Mit erneutem Vertrauen und unbeugsamem Willen, das in Basel begonnene Reform- und Konsolidierungsprogramm fortzuführen, damit in Palästina neuer Aufschwung und Ausbau unseres Werkes ermöglicht werden, treten die Zionisten der ganzen Welt in das neue Judenjahr. Die deutsche Delegation auf dem Zionistenkongreß, gering an Zahl, konnte Basel mit dem Bewußtsein verlassen, daß sie in hohem Maße zu dem guten Gelingen des Kongresses beigetragen hat. Viele Vorschläge der deutschen Zionisten fanden Billigung und Annahme. Diese Tatsache legt den deutschen Zionisten die Verpflichtung auf, zu ihren Vorschlägen und zu ihren Erklärungen zu stehen und im nächsten Jahre mit verdoppeltem Eifer alles zu tun, um die Krise in Palästina zu liquidieren und das in Erez-lsrael begonnene Werk so zu fördern, damit es noch in unseren Tagen seinen segenspendenden Einfluß auf das ganze jüdische Volk in der Zerstreuung üben könne. Mil dem festen Versprechen, auf allen Gebieten zionistischer Tätigkeit voll und ganz die übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen, blickt der deutsche Zionismus mit Vertrauen in das neue Arbeitsjahr. Wir sind überzeugt, daß unsere deutschen Genossen im Jahre 5688 alles dransetzen werden, um dem deutschen Zionismus seine achtunggebietende Stellung in der Zionistischen Weltorganisation und im jüdischen Volke zu bewahren und ihr Teil zur Errichtung des Jüdischen Nationalheims beizutragen. 1 für unwesentlich halten und als Störung betrachten, I kennen die bezeichnete Problemstellung nicht, gehen aber auch an den geschichtlichen Realitäten vorbei. Die Chauvinisten leugnen das Ziel. Wir jüdischen Nationalisten aber müssen die Aufgabe erkennen, die uns allen gestellt ist. Unsere nationale Sendung muß gerade in ihrer Besonderheit als Wegbereitung der messianischen Verwirklichung der einen Menschheit begriffen werden. Es fehlt ja nicht das nationale Moment in der Liturgie des Rosch Haschanah: in Jirmijahus Worten, die die Haftarah des zweiten Tages bilden, ist die nationale Hoffnung (ויש תקוד. לאחריתך..* ושבו בביס לגבולם) ausgesprochen, die Sammlung, die Befreiung verkündet. Dieser Klang ist die wahrhafte Resultante des umfassenden Menschheitsakkords und der individuellen Note. Die Hervorhebung des Einzelwesens verharrt nicht im Episodischen. Große Gestalten treten hier nicht um ihrer selbst willen auf, sondern wachsen gigantisch ins Symbolische. Die Opferbereitschaft, die Akedah, die Vater und Sohn in einem einander fast überbietenden Willen zur Preisgabe des Lebens und der Liebe zum eigenen Blut zeigen, ist für alle Zeiten der Weckruf und das Vorbild jüdischer Selbstentäußerung geworden, unerreicht und unerreichbar, doch durch Annäherung zu erreichen. Tausendfältig rankt die Agadah ihre Poesie um diese Erzählung, verknüpft Anfang und Ende der Zeiten mit ihr. Diese Tat und dieser Wille eines Einz e 1 n e n ist in einem Volk, dem Volk, das von jenem stammt, lebendiger als in jedem anderen geworden. Tat und Wille erheischt das Schicksal dieses Volkes, das schon so alt durch die Geschichte zieht und doch eine neue Jugend aufkeimen fühlt, heute mehr denn, je• Unsere Renaissancebewegung kann nur im Zeichen aktiver Opferwilligkeit gedeihen, besonders in dieser Stunde der Prüfung. Wenn da» Symbol des großen Individuums der Vorzeit begriffen und befolgt, wenn die Rolle des Einzelnen, besonders des Hervorragenden im Volk, stets gewürdigt und wenn in allem nationalen Wirken die Bahnung des Menschheitsideals im Geiste wahrer Humanitas, jüdisch verwirklicht, gewollt und gesehen wird, dann wird unserem Werk soviel ethischreligiöse Kraft Zuströmen, daß sie das Gelingen herbeiführt. Die Gedanken, die Rosch Haschanah auszulösen imstande ist, wenn die Lehren der jüdischen Tradition Gehör in jedem Sinne finden, werden, so hoffen wir, manchen in seinem Tun zum Wohl unseres Volkes be- Hügeln und bereichern. Möge das neue Jahr unsere Arbeit fördern. Ein guter Stern sei über Erez-lsrael und unserer Bewegung! Oskar Wolfsberg. Colonel Wedgwood Aber die ZnknnN Palästinas Colonel Wedgwood veröffentlicht im ״J e w i s h C h r 0 ־ nic 1 e“ einen Aufsatz, in welchem er ausfuhrt: Mag Gued a 11 a Recht haben — was ich nicht glaube —, daß die britische Regierung in der Erfüllung des Mandates und der Balfour- Deklaration nacnlasse — eine wirkliche Gefahr würde eine übereilte Einrichtung einer verantwortlichen Regierung In Palästina sein, bevor das westliche und erfahrene Votum stark genug ist, um eine friedliche jüdische Entwicklung zu sichern. Die Zionisten müssen sich vor allem darüber klar werden, daß in der fegenwärtigen Epoche das Regime einer Kronkolonie den Verältnissen am besten angepaßt ist. Es würde, glaube ich, für die zionistische Bewegung nicht verletzend sein, wenn man ihr klar machte, daß das letzte Ziel des Zionismus dies wäre: Pa lästina ein sich selbst regierendes Dominion innerhalb des British Empire. Würden sich die Zionisten dazu bekennen, so würden sie in einem weit höheren Maße als jetzt die britischen Sympathien besitzen und auch eine bessere Atmosphäre in Jerusalem schaffen. Eine Kooperation ist um so leichter, als beide Teile sich darüber klar sind, daß sie auf das gleiche Ziel losstreben. Ist über diese Angelegenheit einmal Klarheit geschaffen, dann können alle Zionisten — Anglosachsen wie Juden — mit sicherer Wirkung alles kritisieren, was von der palästinensischen Regierung schlecht gemacht wird. Vieles ist dort schlecht: Steuern, Bodenpolitik, Landwirtschaftspolitik, Einwanderungs- und Gemeindepolitik usw. — ich setze dies alles in meinem eben erscheinenden Buch auseinander —, aber wir sind heute so wenig miteinander vertraut, daß die britische Reierung einerseits und die Juden andererseits stets davor Angst aben, die Gefühle des anderen zu verletzen. In der heutigen Zeit können nur englische Zionisten mit ruhiger Sicherheit eine englische Regierung ״anbellen“, weil die Regierung sehr wohl weiß, daß sie dies nur deshalb tun, damit die Regierung es besser mache und dadurch das englische Ansehen steigere. * Im ״Daily Herald“ erteilt Colonel Wedgwood der englischen Regierung den Rat, nach dem Beispiel anderer Länder die Arbeitslosigkeit in Palästina durch Ansiedlung der Arbeitslosen auf dem Lande zu bekämpfen. Er weist auf die Aktion des Präsidenten Krüger in Transvaal, auf die Seßhaftmachung griechischer Flüchßiage durch die griechische Regierung hin und berichtet zum Schlüsse, wie die Regierung der Sowjetunion mit Erfolg danach strebt, mindestens eine Million Juden, frühere Ladenbesitzer und kleinere Händler, der Produktion zuzuführen. Die Regierung gab den jüdischen Siedlern den Boden unentgeltlich, versorgte sie auch mit Baumaterialien und gewährte ihnen billigen Transport. So erreichte sie es, daß amerikanische Juden mehr als eine Million Pfund für die Sache hergaben, erfahrene Männer mit der Leitung des Werkes betrauten und daß innerhalb zweier Jahre 100 000 Juden aus Arbeitslosen zu nützlichen Produzenten geworden sind. Dr. Weizmann in Straßbnrg Er. Weizmann traf am 14. September in Straßburg ein, wo ihm zu Ehren im Festsaal des Hotels de la Ville de Paris ein großes Bankett stattfand, das von Rechtsanwalt Schmoll, dem Präsidenten des Israelitischen Konsistoriums des Unterelsaß präsidiert wurde und an dem 120 Personen teilnahmen. Nach den Begrüßungsansprachen schilderte Dr. Weizmann in einem langen Expose die jetzige Lage in Palästina. Er besprach das zionistische Programm der nächsten Jahre und wies auf die Ziele hin, die die jüdische Arbeit in Palästina in naher Zukunft zu erreichen hofft. Dr. Weizmann ging sodann auf die umwälzende Bedeutung des Palästinawerkes für die Judenheit ein. Prof. Weizmann schilderte alle Seiten der jüdischen Palästinaarbeit und zeigte den Einfluß, den sie notwendigerweise auf die Judenheit ausüben wird. Nach den Ausführungen Dr. Weizmanns, die auf alle Anwesenden starken Eindruck machten, sprach Herr Halpern, Rechtsanwalt aus Paris. Auf dem Bankett wurde eine Reihe von größeren Zeichnungen für den Keren Hajessod getätigt. Im Laufe des 15. September wurde Dr. Weizmann vom Präfekten des Unterelsaß, Dorrome und vom Straßburger Bürgermeister und Abg. P e i ז o 11s , empfangen, die großes Interesse für das jüdische Aufbauwerk in Palästina und die zionistische Bewegung Mundet«!, Abends fand eine öffentliehe Kundgebung statt, zu der ein so großer Andrang herrschte, daß eine Parallelversammlung veranstaltet werden mußte. Nach den Begrüßungsreden sprachen der Pariser Advokat Halpern und Eh־. Weizmann in französischer Sprache. Die Anwesenden bereiteten Dr. Weizmann frenetische Ovationen. In der Parallelversammlung sprachen zunächst Dr. Olsvanger und Herr Metzger, und im Anschluß daran Dr. Weizmann. Dr. Weizmann hat StraBburg Freitag früh wieder verlassen. Die Straßburger Zeitungen bringen über den ein* drucksvollen Besuch Dr. Weizmanns, der der Palästinaarbeit im Elsaß neue Möglichkeiten eröffnet hat, ausführliche, überaus wohlwollende Berichte. Der diesiShiige United Palestine Appeal New York, 19. September. (J. T. A.) Am 30. Oktober wird in Cleveland (Ohio) die diesjährige nationale Konferenz des United Palestine Appeal, an der führende Jüdin aus den Vereinigten Staaten und aus Europa und Palästina teilnehmen werden, statt finden. Die Konferenz wird eine neue jährliche Aktion zugunsten der zionistischen Fonds einleiten. Mit der Konferenz wird eine Feier des zehnten Jahrestages der Balfour-Deklaration, der auf der! 2. November fällt, verbunden sein. Me Bilanz der Palästina-AdminislraBon Jerusalem, 20. September. (J.T.A.) ln dem Vierteljahr April-Mai-Juni 1927 beliefen sich die Einnahmen der Palästina-Regierung — wie heute mitgeteilt wird — auf £ 471 746. die Ausgaben auf £ 457 804. Im Finanzjahr 1926/27 beliefen sich die Einnahmen der Palästina-Regierung auf £ 2396081, die Ausgaben auf £ 2103275. Ehe Einnahmen blieben hinter der mit £ 2535034 im Budget veranschlagten Summe zurück.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.