Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 74 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ן Einzelnammer 0,35 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion and Verlag Berlin W15. Meinekestrafie 10. Erscheint; jeden Dienstag «ad Freitag. Bezugspreis bei der Expedition 1 monatlich 145 Goldmark. vierteljährlich 5,25 Goldmark. Autlaadaabomeaent■ werden in der Wlhrang der «!meinen Linder berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische RundschanG.m.b.H«, Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165-70, Postscheckkonto: Berlin Nr. 17 392. Für Oeiterreich: Poetaparkaaeenaint Wien, Konto Nr. ISO 030. Für Tachacboalovrakei! roataparkaaaenanat Frag, Konto Nr. 59 410. Für Polen: Pottaparkaaaenamt Wertet!««, Konto Nr, 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. " Nummer 74 | Berlin, 16. IX. 1927 Aanlgeaprel•: 8 g e «paK.N onpareaieieil« 0,50 U.-M. StclJeng tieehe O.ZS &-M. Ant «tgenachlnfiו Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. י״ט אלול תרס״ז | xxxn. Jahr*. Dar Zionismus •rstrobt 101־ das Jüdisch• Volk dl• Schaffung •ln«r Offntllch ■ rechtlich gesichert•• Heimstätte In Pallstlna. ״Basalar Programm.«« Der Schluß des Kongresses Nach dem Kongreß I. Das Resultat. RW, Genf, 14. September. Der Kongreß ist geschlossen, die Delegierten haben sich zerstreut, die große jüdische Versammlung, die zur Verantwortung für das jüdische Nationalheim berufen ist, hat sich wieder auf zwei Jahre vertagt. Zwei Wochen aufreibender Arbeit liegen hinter uns, die überangestrengten Nerven bedürfen der Entspannung, viele Kongreßbesucher flüchten zu den Bergen und Seen der Schweiz; und in der Ruhe der beginnenden Einkehr vermag man abzuwägen, was geschehen ist. Eines ist sicher: der Kongreß war nicht resultatlos, wie mancher seiner Vorgänger. Das äußere Schauspiel war zwar in vielen Momenten das gleiche wie sonst: Uebermacht der Maschine, Unmöglichkeit, vernünftige Ueberlegung an Stelle von Parteileidenschaft walten zu lassen, quälende Wirklichkeitsferne und selbstgerechte Dialektik, beherrscht vom Gesetz des parlamentarischen Geltungstriebs; alle Leiden dieser Art mußten wir diesmal wieder durchkosten, aber hinter der bewegten Oberfläche schaltete ein Wille, und man wußte, daß selbst die leidenschaftlichen Ausbrüche der Debatten, die beängstigend sinnlosen Kampf-Abstimmungen, die widerspruchsvollen Deklarationen nur ein Vorwerk waren, in welches sich das Be-vußtsein der wirklichen Lage verschanzte. Denn in allen Kreisen war das Bewußtsein — wach oder schlafend — vorhanden, daß dieser Kongreß ein Wendepunkt sein muß, wetjn nicht der ►־uttgiefn angetanen Unrechtes zu erhöhen, beide Arten Kritik in einen Topf zu werfen. Wie dem auch sei, die Neuordnung mußte nach der ganzen Konstellation eigentlich mit dem Widerstand der Arbeiter rechnen. Dennoch haben sie eine Lösung ermöglicht, sogar in der Leitungsfrage, die ihnen erhebliche Opfer zumutete. Zwei ihrer besten Männer, die durch sieben Jahre Tüchtiges geleistet haben und gerade auf diesem Kongreß oft gerühmt wurden, mußten ihr Amt in der Exekutive verlassen. Es gab keine andere Alternative. Man wollte nicht eine Wiederholung des Wiener Ausgangs, denn das hätte bedeutet, daß die Bewegung überhaupt nicht mehr imstande ist, irgendwelche Aenderungen durchzuführen, daß sie eine Gefangene der Maschine geworden ist. Dies verhütet zu haben, ist ein Verdienst, das den Arbeiterparteien von jedem objektiv Denkenden gar nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Viel weniger befriedigend war in dieser Hinsicht das Verhalten des Misrachi. Der Misrachi ist eine vorwiegend bürgerliche Partei und hätte also die Neu- Ordnung eher unterstützen sollen; aber er vermochte es nicht über sich zu gewinnen, eine Exekutive, aus der sein Vertreter ausgeschaltet war, zu unterstützen oder wenigstens zu dulden. Was ihn zu seiner Haltung bewogen hat, wird an anderer Stelle unseres Blattes von einem Misrachiführer dargelegt. Für viele Wähler des Misrachi in Deutschland wird wohl diese Haitung, die schließlich in einem seltsamen Bündnis mit Radikalen und Revisionisten zur Niederstimmung aller aÄ%«ilPsfe sich so ist doch das zionistische Verantwortungsgefühl in allen Kreisen viel zu stark, als daß man nicht in entscheidenden Momenten — wenigstens durch passives Verhalten die Notwendigkeiten der Bewegung erfüllen sollte. Der große moralische Sieg gebührt auf diesem Kongreß den zionistischen Arbeiterparteien. Sie haben — wie Ariosoroff mit Recht sagte —־ eine Tat des großten zionistischen Patriotismus begangen. Man hat es ihnen nicht leicht gemacht. Denn die vorangegangene Periode war voll gewesen von Angriffen gerade gegen die Arbeiter und man hatte die Notwendigkeit des ״neuen Kurses“ vielfach damit begründet, daß der Hegemonie der Arbeiter ein Ende gemacht werden müsse. Man muß deutlich zweierlei Kritik unterscheiden: Die eine Art Kritik, zu der auch wir uns bekennen, versuchte die Gründe für die Stagnation in der Diskrepanz zwischen Wollen und Können, die durch Ueberlastung der eigenen Kräfte den Weg zu weiterem Fortkommen verrammelt und durch einen fiktiven Maximalismus in Wahrheit eine Verminderung unserer Aufbauarbeit erzeugt, aufzudecken. Sie drängte auf mehr Wirtschaftlichkeit und Rationalisierung in allen unseren Tätigkeitszweigen, nicht nur bei den Arbeitern, aber auch bei den Arbeitern. Diese Art Kritik sagte im Grunde nur dasselbe, was maßgebende Arbeiterführer seit langer Zeit wissen, und sie wünschte, daß dieses Wissen sich zu einer entschlossenen, mutigen Tat der freiwilligen Reorganisation gerade bei den Arbeitern, den Pionieren des Jischuw, verdichte. Leider haben ein falsch verstandener Prestigestandpunkt, manche Trägheitsmomente und freilich auch die ungeheuren sachlichen und persönlichen Schwierigkeiten dies verhindert. Es war wohl nur ein Verlegenheitsausweg, wenn nun gerade die Arbeiterorgane eine scharfe Abwehr-Kampagne gegen diese Art Kritik, die doch auf Rettung der Arbeiterwirtschaft durch Verbesserung ihrer Methoden abzielte, eröffneten. Die Arbeiterschaft hat sich damit unnötigerweise ihre eigene Position auch politisch erschwert. Sie verstieß den Bundesgenossen, der ihr in der Abwehr der zwei• ten Art Kritik hätte beistehen können (und trotz der künstlich erzeugten ״Gegnerschaft“ auch wirklich beistand). Diese zweite Art wandte sich nämlich gegen Geist und Wesen des Werkes der Arbeiterschaft. Sie sprach von Klassenherrschaft, von unrechtmäßigen Experimenten, sie ironisierte und bagatellisierte das heroisehe und unvergängliche Werk der Chaluzim aus kleinbürgerlicher Voreingenommenheit. Sie hatte kein Verständnis für das Streben nach neuen Lebensformen, für die durchgreifende revolutionierende Wirkung des Zionismus im Leben des Einzelnen. Sd entstand die Kampagne, von der auch auf diesem Kongreß öfter die Rede war, und es ist nur bedauerlich, daß die Arbeiter es ffix richtig halten, um den JEindruck des ihnen Wenn der Misrachi und auch die palästinensischen Bürgerlichen gegen die Exekutive stimmten, so kann sie keine einseitig ״bürgerliche“ sein. Was also ist sie? Sie ist die Verkörperung eines sachlichen Prinzips, das in weiten zionistischen Kreisen, rechts und links, unpopulär ist. Sie ist berufen, die palästinensische Wirtschaft und Verwaltung mit der wirklichen Lage in Einklang zu bringen, eine gesunde Wirtschaftliehe Entwicklung aller Institute und Betriebe vorzubereiten, zu diesem Zwecke alles Bestehende zu überprüfen, und die vorhandenen Gelder in der bestmöglichen und fruchtbarsten Form im Sinne dieses Zieles zu verwenden. Zur Durchführung dieser Sanierung bot sich eine Persönlichkeit dar, die durch ihre juristische und wirtschaftliche Schulung, durch ihre palästinensische Erfahrung und zugleich eine lange zionistische Vergangenheit dafür geeignet erschien: Harry Sacher. Es zeigte sich aber bald, daß seine Heranziehung nicht in der Form einer einfachen Zuwahl erfolgen konnte. Er stellte Bedingungen. Sacher vertritt die Ansicht, daß die Durchführung der ihm zugedachten Aufgabe unmöglich wäre innerhalb einer Koalitions-Exekutive, die von Parteien abhängig ist und innerhalb welcher gerade die für eine Sanierung entscheidende Sache, nämlich der Kampf um das Detail, sehr erschwert werden würde. Ob richtig oder nicht, dies war seine Ansicht, und er war Mannes genug, seinen sachlichen Standpunkt nicht aufzugeben. Wollte man den Mann, mußte man seinen Forderungen Rechnung tragen. Obwohl gerade Weizmann in den ersten Tagen des Kongresses eine Koalitions-Exekutive gewünscht hatte, blieb schließlieh nichts anderes übrig, als den Versuch mit Sacher zu wagen. Neben Sacher wurde Miss Szold neu gewühlt. Die erste Frau in einer zionistischen Exekutive! Man erwartet, daß Miss Szold, deren große organisatorische Begabung allenthalben anerkannt wird, auch die Verbindung mit Amerika stärken wird. Die Exekutive (London und Jerusalem) besteht jetzt, wenn man von den Präsidenten absieht, aus lauter Westlern: zwei Amerikaner, drei Engländer, ein Deutscher; dazu kommt noch als hoher Beamter mit Sitz in der Palästina-Exekutive ein Holländer. Dieser Zustand birgt auch Gefahren, die nicht weiter beschrieben werden müssen. Besonders in Palästina wird es eine wichtige Aufgabe der Exekutive sein, trotz dieser persönlichen Umstände den Kontakt mit dem Volk nicht zu verlieren. Sie ist heute berufen, eine Situation technisch zu meistern, deren Lebenskeim jedoch aus dem Werk der chaotisch drängenden, ungestüm und leidenschaftlich bauenden jüdisehen Volkselemente stammt, die wir als russisches Judentum zu bezeichnen pflegen. Möge die Exekutive sich dieser Sachlage von Anfang an bewußt sein- Die Exekutive von ״Fachmännern“ soll, wie an dieser Stelle am Tage vor der Kongreßeröffnung dargelegt wurde, eine notwendige helfende Funktion erfüllen. Sie rationalisiert und bändigt das irrational und heroisch Geschaffene. Sie verbindet unser Werk stärker mit der realen Wirklichkeit. Sie muß dies mit aller Konsequenz tun, und wir alle müssen sie loyal unter, stützen und ihr mit Verständnis entgegenkommen. Wir müssen ihr vor allem die notwendigen Mittel liefern. Aber wir müssen auch dafür sorgen, daß nicht vergessen wird, daß die eigentliche schöpferische Kraft in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die' Bewegung ist, die aus der Sehnsucht und dem Traum der Volksseele geboren wird. Lassen wir die neuer» Männer in Jerusalem arbeiten, sorgen wir aber zugleich dafür, daß die Bewegung die Eigentümlichkeit dieser Uebergangszeit versteht und daß die ideellen Antriebe, die Schwungkraft des lebendigen Zionismus, nicht ver• siegen.; Die letzten Sitzungen Siebzehnte Sitzung Sonnabend, 10. September, nachts. Wir tragen nachstehend den SchlußderSonnabend- Nachtsitzung, soweit er nicht schon in der vorigen Nummer der ״J. R.“ veröffentlicht war, nachs Im Anschluß an die Erklärung von Dr. Weizmann (siehe vorige Nummer) verlangt Ussischkin das Wort zur Debatte über diese Erklärung, was ihm vorerst vom Vorsitzenden mit der Bigrftiidung, daß mitten in der Abstimmung niemanden dat Motzkin, das Haus über die Worterteiiung befragen zii Wollen. Es wird namentliche Abstimmung verlangt, wofür Vors. Motzkin die Aufbringung von 75 Stimmen fordert. Da 77 Stimmen für namentliche Abstimmung abgegeben werden und die Oppositionsparteien Eröffnung der Debatte über die programmatischen Erklärungen Dr. Weizmanns verlangen, schlägt der Vorsitzende vor, dem Antrag Lodcer beizupflichten und außer der Erklärung von Ussischkin allen Fraktionen eine Redezeit von je 10 Minuten zu gewähren, um so die geforderte namentliche Abstimmung zu vermeiden. Der Kongreß ist mit der Regelung einverstanden. Ussischkin wendet sich mit äußerst erregten Worten gegen die Erklärung des Präsidenten der Organisation, daß die Exekutive freie Hand haben soll, alle wünschenswerten Schritte zu tun, um eine dauernde Kontrolle über den Keren Kajemeth auszuüben. Dieses involviere eine ungeheure Gefahr für den K. K. L. Der Fonds, der zweifellos der populärste bei der gesamten Judenheit sei, habe gerade in den letzten Jahren eine aufsteigende Entwicklung genommen, und durch die Untergrabung seiner Selbständigkeit drohe diese aufsteigende Ent- Wicklung jäh unterbrochen zu werden. Wem der K. K. L. teuer ist, der müsse sich gegen diesen Punkt in der Erklärung Dr. Weizmanns aussprechen. Rabbi Berlin wendet sich ebenfalls in scharfen Worten gegen die Absicht, neue Statuten auszuarbeiten, um eine größere Kontrolle über den Keren Kajemeth auszuüben. Es scheint, daß man die Absicht habe, den K. K. L. zu einem Glied in der ganzen Kette zu machen, die von der Exekutive repräsentiert wird. Wir schlagen daher vor, aus dem betreffenden Passus den Keren Kajemeth auszuschalten. Locker (Poale Zion): Wir sind natürlich von der Deklaration nicht befriedigt. Der neue Kurs, der sich auf dem Kongreß gezeigt hat, läßt deutlich die Tendenz erkennen, die Kraft der Arbeiterschaft zu brechen. Die Arbeiterschaft hat sich aber während der Krise in Palästina und im Zionismus als eine zu starke Kraft erwiesen, als daß man sie brechen könnte. Es heißt in der Deklaration ״im Rahmen der statutarischen Be- Stimmungen“, und da muß gesagt werden: Noch gibt es in der Zionistischen Organisation gesetzgebende Körperschaften, ohne die man keine Statuten ändern könnte. Wenn etwas geschchen sollte, was sich gegen die Fonds richtet, so werden wir wie ein Mann hinter den Fonds stehen. Der neue Kurs findet uns in einer Defensivstellung. Die neue Exekutive ist der Ausdruck der jetzigen Situation in der zionistischen Bewegung. Wir übernehmen für diese Exekutive keine Verantwortung, wir geben ihr nur eine Chance, ein fair play. Wir wollen aber die Gefahr des Auseinandergehens des Kongresses ohne Exekutive verhüten und werden uns daher an der Ab- Stimmung nicht beteiligen. Grünbaum (Radikale): Wir haben schon in der Generaldebafte erwähnt, daß die Exekutive sich in einer Sackgasse befindet. Sie steht zwischen zwei Feuern und stützt sich manchmal auf den rechten Flügel gegen den linken und manchmal auf den linken gegen den rechten. Sie zeigt damit, daß es ihr ganz gleichgültig ist, mit wem sie geht und arbeitet. Sie ist zu allem bereit, nur um am Ruder zu bleiben. Demgemäß! sind auch ihre Beteuerungen zu schätzen und zu werten. Ich r warne die Arbeitergruppen; damit daß sie der Erklärung Dr«