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Jüdische Rundschau · 1927-09-06 · Heft 71 (6.9.1927) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 71 (6.9.1927)
Date
1927-09-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 71, 6. EX. 1927 ״Habimah" in Berlin (Gastspiel im Komödienhaus.) ״Habimah“ hat für uns als Märchen begonnen, als eines der schönsten und wärmsten Märchen aus dem Lande, das Europa in den letzten Jahren die wirksamsten geschenkt hat. Eine Gruppe begeisterter, stiller Menschen, so hörte man, hat sich mitten im Straßenlärm der Revolution und unter Herrschaft der heftigen Gesten eine ruhige Ecke der Arbeit und Hingabe geschaffen und ist Sieger über die Aufgeregtheit geblieben. Ein modernes Märchen vom ״reinen Tor“, der über die Macht triumphiert. Man erinnert sich noch, wie die besten der Sowjetleute, die doch andere Sorgen hatten, Lunatscharsky, Gorki u. a., in die Kampffront gegen ihre eigenen Genossen traten, uni ״Habimah“ gegen alle Anfeindungen der antihebraistischei» Fanatiker zu schützen. t>as war eine Genugtuung. Jetzt war ״Ha bim ah“, deren Qualitäten unvoreingenommen bestätigt waren, für uns draußen alle Gegenstand des Stolzes geworden, unsere Liebe gehörte ihr und eine unserer stillen hohen Hoffnungen. Als dann ״H a b i m a h“ die Grenzen, die sie von der jüdischen Welt getrennt hatten, durchbrach, die Berührung mit den Juden in aller Welt suchte, da war die erste Begegnung ein Fest des Jubels. Im Nu flogen ihr die Herzen zu, Augen und Ohren öffneten sich weit; man staunte vor dem Wunder. Nach all den starken schauspielerischen Leistungen, welche Rußland in den letzten Jahren Europa geboten hatte, war es nicht ganz leicht für ״Habimah“, ihren Platz zu behaupten; sie war der Situation gewachsen, siegte, triumphierte. Alle noch so hoch gespannten Erwartungen erfüllten sich, wurden übertroffen. ״Habimah“ war mit einem Schlage zum Symbol der jüdisehen, der hebräischen Renaissance geworden und nicht zum schlechtesten. Niemand vermochte sich der Suggestion ihrer reinen und unerhört hohen Leistung zu entziehen, selbst Zeitungen, die sonst Jüdisches nur zur Kenntnis nahmen, um es herabzusetzen, mußten respektvoll vor solcher Leistung kapitulieren, mußten loben, bewundern.... Und so ist der Siegeszug der ״Habimah“ durch Europa und Amerika zugleich ein Erfolg des jüdischen Volkes gewesen und ein geräuschvolles Fest. Diesmal ist es stiller. Man gewöhnt sieh selbst an solche Gipfelleistungen, die nur Heroen der Anstrengung und der Hingäbe gelingen können. Sie gehen in den Alltag ein. Der Alltag aber ist es, der erst das Problem der Bewährung stellt. Wird sich nun zwischen dem jüdischen Publikum und s e i n e r Bühne das Verhältnis der Wärme und des Einverständnisses ergeben, das die Bühne nötig hat, um produktiv sein zu können und das Volk, um sich die Bühne als seine Lehrmeisterin, als den schöpferischen und kritischen Spiegel seines Lebens, seiner Ideale, seiner Zukunftsträume zu erhalten? Daraut kommt jetzt für die Zukunft der ״Habimah“ alles, für die Beurteilung der inneren Kraft und Wahrheit der jüdischen Renaissance fast alles an. ״Habimah“ besteht auch diesmal ihre Probe. Als am letzten Donnerstag bei der Premiere im Komödienhaus der Vorhang hochging, da fühlte man sich sofort unwiderstehlich bezwungen, in den Bann dieses aut die Bretter gestellten Lebens gezogen, das geniale Leistung zwischen Traum und Wirklichkeit aufgerichtet hat. Ganz Traum und ganz Wirklichkeit. Es ist über die Darstellungskunst der ״Habimah“ so viel gesagt, geschrieben und philosophiert worden, daß man sich es ersparen darf, zu sagen, was doch nur Wiederholung sein könnte; Wiederholung eines uneingeschränkten Lobes. Was diese Gruppe herrlich leistungsfähiger und hingegebener Mehsehen aus einem dramatisch doch keineswegs hervorragenden Stück, wie ri«n *,Dfbuk“ macht, das kann man nicht zulänglial sagen, das muB man sehen und hören. Hier wird ein Vorwand gestaltet zu einem tiefen und eindringlichen Bild des besten, was im neueren Judentum ist. Namen zu nennen, wäre eine Ungerechtigkeit; und es fiele auch schwer. Wer will entscheiden, wessen Leistung höher einzuschätzen ist, die der schon populären Rowina oder die irgendeines von denen, welche 1m Chor der Tänzer und Sänger ״verschwinden“? Ueberhaupt ist es ebenso leicht, über Unvollkommenheiten zu sprechen, wie es schwer ist, Vollkommenes in Worte zu fassen. Was diese Vorstellung erzeugt, ist ein volles Herz, das danken möchte; das geht manchmal über und reißt dann die Hände zu stürmischem Applaus vor offener Bühne hin. Aber ein bißchen Angst mengt sich ein. Böse Erfahrungen machen argwöhnisch. Wird in diesem Verhältnis des Alltags, das zwischen Juden und ihrer Bühne nun anbricht, sich auch das Publikum bewähren? Eine schwere Frage, die drückt. Vieles wäre dam zu sagen, und manches zu tun. Es müssen sich die Führer des Judentums, die Leute von der ״Habimah“ selbst und nicht zuletzt die Dichter über diesen Punkt Gedanken machen und Wege der Zukunft suchen. Heute soll darüber nicht gesprochen werden; vielleicht ein anderes Mal. Nur gedankt sei noch der ״Habimah“ für ihr reines Wollen und das in treuer Arbeit erlangte prächtige Können, für ihr Dasein, das eine der wenigen trostreichen und hoffnungsfrohen Dinge in unserer traurigen und düsteren Gegenwart ist. Gedankt auch dafür, daß sie ausharrt, daß sie dem jüdischen Alltag Trotz bietet, wie sie es früher der weniger gefährlichen politischen Anfeindung gegenüber getan hat. LJnsere Liebe, unser Glaube und unsere Wünsche begleiten den Heroismus ihrer Tat. Und an das jüdische Publikum die dringende Mahnung, Treue um Treue zu geben. Es wird uns allen gut tun, bei der ״Habimah“ neuen Mut und jungen Glauben zu schöpfen. ״Habitnah“ ist nicht nur die künstlerische Tat, welche die vielen der Sprache und des Milieus unkundigen Nichtjuden anzieht, sie ist für uns darüber hinaus mehr; in unser jüdisches Leben! und Tun eingebettet das, was die Keduschah des Sabbat für den Alltag, den sie immer wieder aufhebt und dadurch erst tragbar macht. M. Spitzer. Nachstehend die ersten Presseurteile über das Gastspiel: Die ״Vossische Zeitung“ schreibt: ״Noch einmal, zwei Wochen lang, spielt die Habima, für Berlin längst ein unvergeßlicher fester Begriff geworden, den Dybuk von S. An-sky. Wieder ist die Bühne von stärkster magischer Phantastik erfüllt, wieder ist der Tanz der armen Leute im zweiten Akt der unerreichte Höhepunkt mit seinen zackigen harten Sprüngen und Schleifen der grotesken Figuren, dem stampfenden Rhythmus der dumpfen Musik, der Holzschnittplastik der starren Masken und Kostüme, dieser unglaublich abgestimmten Einheit zwischen primitivstem Rahmen und elementarster, alles ergreifender Raserei... Und die Rowina, Wahnsinn im schönen, starren Gesicht, flattert aufgescheucht wie ein weißer Vogel durch den engen Raum, es flattern hilflos die schmalen weißen Hände, das Stimmchen zwitschert, überschlägt sich, bricht — Uebersinnliches überwältigt, ein Tempel stürzt ein... Und dieses ganze Theatererlebnis wirkt trotz — oder gerade wegen — des fremdartigen Stoffes, der unverständlichen Sprache völlig problemlos, einmalig und allgemeingültig.“ Das ״Berliner Tageblatt“: ״Die Habima zeigt im Komödienhaus wieder ihren wundervollen ״Dybuk“, der mittlerweile das klassische Stück des jüdischen Theaters geworden ist. Man mag es hören und sehen, so oft man will, man unterliegt immer wieder dem düster tragischen Zauber der legendären Handlung An-skis, der monotonen, dann wieder leise aufreizenden Totentanzmusik Engels und der großartigen Darstellungsgewalt die der Regisseur Wachtangow dirigiert, verteilt, kontrastierb*‘ JUEDISCHE RUNDSCHAU Von palästinensischer Kunst Von Helene H anna Thon. ״Palästinensische“ Kunst ist vorläufig nicht viel mehr als eine geographische! Kunstbezeichnung. Sie legt die Frage nahe, welche sonstige Art von Einheit mit diesem Namen wohl ausgedrückt werden könnte. Die Antwort liegt auf der Hand: die oumme des Werkes meistens junger Künstler in gleicher Land- Schaft, von gleicher nationaler und religiöser Tradition, hierhergeführt von der* gleichen nationalen Idealvorstellung, entstaminend ähnlichem Weltgefühl und ähnlichem Lebenstempo, könnte wohl zum Entstehen eines neuen Stiles führen, einer neuen Künstlergruppe, wie die von Worpstvede oder von Fontainebleau. Nichts derartiges aber ist bisher zu spüren. Wohl hat Palästina eine erstaunlich große Anzahl von mehr oder minder talentierten jüdischen Malern angezogen oder hervorgebracht — der Katalog der diesjährigen Ausstellung der Vereinigung palästinensischer Künstler wies über 40 Namen auf, abgesehen von den Malern, die Spezialausstellungen veranstaltet hatten —, aber irgendeine Verwandtschaft zwischen ihnen besteht so gut wie ar nicht, außer höchstens in einer bei den meisten Jungen estehenden Neigung zum Dekorativen, zur summarischen Wiedergabe des empfangenen Eindrucks. Aeußerüch betrachtet zerfallen die palästinensischen Maler in zwei Gruppen: die, welche im Auslyd studiert haben und die Gruppe um den Bezalel, zu der man noch ein paar Seifmademen hinzurechnen möchte. Voij den ersteren sind die meisten in stärkster Abhängigkeit von dem Atelier geblieben, in dem sic selber gemodelt wurden, und ohne den Entwicklungsgang der jungen Leute zu kennen, kann man ihn sofort bestimmen: Paris! oder: Düsseldorf. Die palästinensische Landschaff hat ihnen ein paar neue Farben, ein paar neue Kontraste von Licht und Schatten gegeben, das Motiv hat sich etwas gewandelt — aber im ganzen ist es doch genau das gleiche geblieben wie früher in der europäischen Studienzeit. Der zweiten, im Lande selbst ausgebildeten Gruppe fehlt cs erstens und vor allem einmal an gründlicher Schulung; es ist da ein vielfach bedauerlicher Mangel an technischer Reife und offenbar eine vollständige Unterschätzung des Wertes anständiger Technik zu bemerken. Es macht fast den Eindruck, als ob man in der hiesigen Künstlerschule jedes kleinste Fünkchen von Individualität mit Genialität verwechselt hat und es — unbehindert durch allgemeingültige Gesetze — wild ins Kraut schießen ließ. Gemeinsam ist diesen wie jenen der Mangel an originellem Temperament und origineller Anschauung. Wenn man die Bilder, Zeichnungen, Radierungen der vierzig angesehen hat, so hat man sie zum größten Teil auch schon wieder vergessen. Nun, das muß wohl so sein bei einer so großen Ansammlung mittelmäßiger Talente, denen noch dazu die Möglichkeit zur stetigen Fortbildung fehlt. Wie wenig Typisches dieser palästinensische Malerkreis hat, zeigt sich darin, daß sich seine Arbeiten in keinem bestimmbaren Wert von denen solcher Maler unterscheiden, die auf ein paar Wochen ins Land kommen, ihre spezielle europäische Technik zur Ausführung palästinensischer Motive verwenden und dann mit einer Mappe voller ״Orientbilder“ in Europa auftreten. Daegen gibt es einen gewissen Unterschied zwischen den Areiten der jüdischen Maler in Palästina und dem, was man in Europa als ״jüdische Malerei“ he־ei־hn-t. Während die letztere sich ausschließlich durch das jüdische Motiv kennzeichnet: das Porträt eines Juden, in dem sich womöglich gleich das ganze Volksschicksal verkörpern soll, einer Judengasse, eines Judenhauses, das alles mit einer guten Portion Sentiment gewürzt, malen die jungen Palästinenser alles, was ihr Auge reizt, und nehmen an, daß es von selber jüdisch wird, weil es eben palästinensisch ist. Verhältnismäßig wenige al'erdings wagen sich an Bilder von Chaluzim und aus dem Chaluzleben, deren Romantik und Poesie zu herbe sind, um der augenfälligeren Romantik des ״orientalischen“ Lebens standzuhalten. Im ganzen kann man gerade an der palästinensischen Malerei feststellen, daß die berückende Landschaft und die überwältigende Fülle menschlicher Typen doch nur den zu Großem anregen können, der eben das große Können in sich hat, während der Talentlose auch mit dem herrlichsten Motiv nichts anzufangen weiß. Eigenartig ist, daß das palästinensische Publikum, das doch wahrhaftig mit Kunstgenüssen nicht übersättigt ist, sich kühl und kritisch gegen Künstler verhält, die bei einem viel verwöhnteren Publikum in Europa und Amerika bedeutende Erfolge haben: Ludwig Blum, der besonders das Liebliche, die Pastc'ltöne aus der palästinensischen Landschaft herauszuho’en sucht; Abel P a 1111 mit seinen 1001-Nacht-Ribel-lllustrationen; Jo• sef Tepper, der in naturgetreuen Porträts seine Geschicklichkeit beweist, finden beim europäischen und amerikanischen Publikum die Anerkennung, um die sie in Palästina vergebens rangen. Das liegt wohl am betont Exotischen ihrer Stoffe, das für Europa auffällig, für Palästina a’ltäg'ich ist. Näher dem jüdisch-palästinensischen Empfinden stehen die beiden Krakauer, von denen der Mann in seinen Radierungen der zartere und poetischere ist, während GretcWolf- Krakauer ihre Menschen- und Städtetypen mit architektonischem Gefühl und scharfem — manchmal allzu scharf hervortretendem — Verstand aufbaut. Aus der Menge der mehr oder minder Begabten ragen zwei Kiinstlgr hervor, deren Bedeutung sich weit über die Grenzen ihres besonderen Landes hinaus erstreckt. Es sind Antipoden Der eine, Abraham Neu mann, früher zu den besten Malern Polens zählend, bringt mit sich neben einem starken Talent und gutem Geschmack die gründliche, in Jahrzehnte langem Studium erworbene Technik und die Achtung vor dem technischen Detail, die den Fachmann vom Dilettanten unter• scheidet. Seine mit Vorliebe in sattes Sonnenlicht getauchten Landschaften, würden sicherlich in jeder europäischen Ausstellung akademischer Werke mit Respekt aufgenommen werden. Freilich, vom Sturm und Drang des jungen Palästina haben diese Bilder, für deren gute Malerei man wirklich dankbar ist, gar nichts, und deshalb gelingt es Neumann zu seinem bitteren Schmerz nicht, sich das Herz des palästinensischen Publikums zu gewinnen. Er glaubt sein Können verkannt, während ihm doch nur die genügend große Liebe zu gerade diesem Lande und gerade diesen Menschentypen fehlt, um sie originell zu gestalten und sich dadurch die Gegenliebe der Palästinenser zu gewinnen. Sein Antipode, der junge Rubin, Ist noch weit von Neumanns technischer Reife entfernt, besitzt aber dafür ein Tcmpcrament und eine Originalität des Erfassens und Wiedergebens, die ihn über alle die anderen Malenden hinaushebt. Seine Sonnentage und Mondnächte sind wie von innen heraus durchleuchtet von einem alle Schatten aufsaugenden Licht, das alles Alltägliche in mystischer Weise überflutet. Eine Herde von Schafen wie eine Schar von Rosawölkchen, eine in die Mondnacht hinausgestreckte Hand mit einem Blumenstrauß, deren glanzlose Buntheit im Mondlicht ein wenig gespenstisch wirkt, ein Araber, der auf dem Strandweg mit seinen Eseln sich der Kurve der Meereswogen zuneigt — das alles ist voll von Poesie. Rubin ist mit seinem Gefühl in das Leben der Dinge eingedrangen: er malt nicht einen knospenden Obstgarten, nicht den sieben Mühlen entströmendes Wasser, nicht ein blühendes junges Paar auf einem Leiterwagen, sondern das erste scheue Sprießen selbst, das Strömen des Wassers — gleichviel, ob und wie es sich ergießt —, das Blühen der jungen Leiber. Mit dieser Kraft des Erfassens ist Rubin auch tief in die jüdische Seele und die Formen ihrer Emanation eingedrungen. Seine jüdischen Häuser und Familien sind der geheimnisvolle Orient der einer geheimmsvollen Macht dienenden Palästina!• Seite 511 sischen Chassidim. Dieses poetische Erfassen des Wirklichen und Unwirklichen macht sogar aus seinen Tel-Awiw-Bildern mit ihrem Durcheinander häßlicher Häuser, abgezirkelter Straßen, Wasserturm, Kamel und fußballspielender Kinder eine Art von Harmonie mit einer Ahnung von Uebersinnlichkeit. Hohe künstlerische Werte, und zwar die eigentümlichen Werte eines jüdischen Künstlers liegen in dem Bilde ״Die Tänzer von Merom . Nur wer selbst etwas Von dieser jüdischen Form der Annäherung an das Uebersinnliche in sich hat, konnte diesen Tanz einer Mannergruppe so wiedergeben, daß man den gesummten, fast atonalen Rhythmus zu hören glaubt — ein Rhythmus, der sich in schwächeren Schwingungen wie im Echo in der Frauengruppe wiederholt Seinem originellen jüdisch-orientalischen Empfinden entspricht es, daß Rubin sich immer mehr von der Bahn seiner Pariser Studien entfernt und sich immer mehr einer orientalisehen Sehweise nähert. Statt dem europäischen Vor- und Hintereinander in der Perspektive gelangt er immer mehr zu dem Neben-, Ueber- und Untereinander persischer und frühbyzantinischer Meister. Rubin ist die erste Hoffnung auf eine spezifische jüdische Kunst in Palästina. Und nun darf man eigentlich einen solchen Kunstbericht nicht abschließen, ohne von Hermann Struck zu sprechen. Er aber hält sich in aristokratischer Zurückhaltung so fern dem palästinensischen Kunstleben, daß selbst Menschen, die stets zu seinen Bewunderern gehörten, nichts von seinem Schaffen wissen. Es sei noch ein Wort über die soziale Seite der palästinensischen Kunst hinzugefügt. Alle diese etwa 50 Künstler, die in Palästina wohnen, wollen selbstverständlich dort auch existieren, und zwar — wenigstens die Mehrzahl — von ihrer Kunst. Das ist eine Erscheinung, die wieder einmal das ganz Eigentümliche unserer geistigen und sozialen Struktur erweist. Wie ist es möglieh, daß eine so kleine und so wenig kapitalkräftige Gesellschaft 50 Künstlern eine Existenz bieten kann? Die Folge dieser Hypertrophie ist natürlich eine wirtschaftlich verzweifelte Lage bei den meisten. Wenn schon die Besten und Populärsten sich in Palästina nicht halten können, so kann man sich vorsiellen, welche Kämpfe und wirkliche Tragödien sich bet den Schwächeren ahspielen. Dieser Kampf um das tägliche Brot wird den Großen wie den Kleinen noch mehr verbittert durch die Ansicht, daß das jüdische Publikum eigentlich die Pflicht hat, ״jüdische“ Bilder zu kaufen, aber hierin versagt — eine Ansicht, über die sich durchaus streiten läßt. Erst wenn die jungen Maier in Palästina sich denjenigen Ruf erarbeitet haben werden, der sie mit europäischen Künstlern konkurrenzfähig macht, werden sie Anspruch auf den Beifall der palästinensischen Gesellschaft haben. ׳ Inzwischen werden sie vergeblich an die Pforten klopfen, welche die wenigen wirklich Berufenen im Sturm eroberten. Zur Biologie des Jadentams In der internationalen statistischen Zeitschrift ״Mefron“ (Padua) veröffetlicht Jakob Lesczynskjr, der bekannte jüdische Wirtschaftshistoriker und Statistiker, eine umfangreiche und hochbedeutsame statistische Arbeit über die Bevölkerungsbewegung bei den Juden. Die 150 Seiten umfassende Abhandlung enthält ein außerordentlich interessantes Material aus allen Ländern. Der Verfasser kommt am Schluß zu folgendem Ergebnis: ״Mit einem ruhigen Gewissen können wir behaupten, daß die Stimmen über eine Degeneration des Judentums in der Diaspora. welche die jüdische Öffentlichkeit schon ein halbes Jahrhundert lang beunruhigen, biologisch nicht begründet sind. Gewiß sind am jüdischen nationalen Lebensbaum verdorrte und allmählich verdorrende Zweige vorhanden, das sind aber jene dürren Zweig?, welche sich von der Wurzel des nationalen Lebensbaumes zu weit entfernt haben und aufgehört haben, frische nationale Lebenssäfte in sich aufzunehmen. Der St a m m des Baumes aber, die östliche Judenheit, erweist sich gesund und fruchttragend“. Lesczynsky weist nach, daß vor dem Weltkriege das osteuropäische Judentum einen natürlichen Zuwachs zu verzeichnen hatte, der nicht geringer war als die Vermehrung®* quote des deutschen Volkes. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte das europäische Judentum einen jahrliehen Zuwachs von 130 000 bis 110000, 1m Jahre 1900 sogar von 155 000 Seelen, zu verzeichnen. 1914 aber betrug der Zuwachs nur 115 000 Seelen. Die Verminderung der Zuwachsquote in der letzten Periode ist durch die Auswanderung nach Uebersee, die ungeheuere Massen des europäischen Judentums betraf, zu erklären. Das westeuropäische Judentum steht im Wachstum hinter dem osteuropäischen Judentum zurück. Auf je 1000 Seelen ist folgende Vertnehrungsziffer zu verzeichnen: In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts beim Ostjudentum 17 bis 18, beim Westjudentum 12 bis 14; Anfang des 20. Jahrhunderts betrug die Vermehrungsziffer auf 1000 Seelen beim Ostjudentum 17 bis 18, beim Westjudentum 6 bis 7; unmittelbar vor dem Weltkrieg beim Ostjudentum 12 bis 13, beim Westjudentum 2 bis 3. ״In bloß 35 Jahren — von 1880 bis 1914 — hat sich die östliche Judenheit fast verdoppelt, wenn man die Ostiuden in Amerika hinzurechnet. Die günstige Bevölkerungsbilanz der Ostjuden ist auf dem vorteilhaftesten Wege zustande gekommen — durch eine sehr niedrige Sterblichkeit lind eine verhältnismäßig hohe Geburtenziffer.“ Besonders günstig war die Entwicklung bei jenem Teil des Ostjudentums, der nach Amerika ausgewanaert war. Es scheint mir — sagt Lesczynsky — als ob aas amerikanische östliche Judentum eine einzigartige Erscheinung in der Bevölkerung®- Bewegung ist; bei einer sehr hohen Geburtenziffer weist es eine auffallend geringe Sterblichkeit auf. Lesczynsky schließt: ״Biologisch hält das Ostjudentum einen Vergleich mit den gesündesten und fruchtbarsten Völkern in Europa aus und erscheint auch in der Hinsicht im Vorteil, daß es bei einem viel geringeren Aufwand von Kräften im Verhältnis zu anderen Völkern dasselbe Ergebnis erzielt, denn die Judenheit hat sich schon lange die weise Regel von der Oekonomie dör Kräfte zu eigen gemacht: nicht viel Sprößlingc erzeugen, sondern möglichst viele am Leben erhalten.“ Die Zeitschrift ״Die Kreatur“ ist in den zweiten Jahrgang eingetreten. Das erste Heft enthält eine religiöse Dichtung von Ludwig Strauß ״Ruf aus der Zeit“, ferner eine bedeutende Abhandlung ״Glaube, Liebe und Arbeitsamkeit“ von Fiorens Christian Rang, in Form eines Briefes an Walther Rathenau aus dem Mai 1914. Rang ist der geistige Urheber der Zeitschrift, die erst nach seinem Tode von Martin Buber, Joseph Wi11ig und Victor von Weizsäcker verwMdicht wurde — den drei Herausgebern, die die drei ״Konfessionen“ Judentum, Katholizismus ■und Protestantismus, repräsentieren. Die Zeitschrift, die vierteljährlich im Verlag Lambert Schneider, Berlin-Dahlem, erscheint, ist eine würdige Tribüne geistiger Auseinandersetzung, nicht Polemik, sondern echten Bekennens, das über alle Determination hinweg das Ringen der ״Kreatur“ fühlen läßt. 1—"■■■ .״

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