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Jüdische Rundschau · 1927-09-06 · Heft 71 (6.9.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 71 (6.9.1927)
Date
1927-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 0,2* Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, Meinekestraß» 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, ■vierteljährlich 5,25 Goldmark. Anlanduboraicmcat• werden in der Wlbftrag der einzelnen Länder berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische RundschauG.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Anzeigenpreis:8geapaJtNonpareilleiieUe 0,50 G.-M Stellengesuche 0,25 G.-M. Anzeigenschluß ג Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165-70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392־ Für Oesterreich: Postsparkassenamt Wien, Konto Nr. 156030, Für Tschechoslowakei 1 Postsparkassenamt Prag, Konto Nr. 59 410. Für Poleoi Postsparkasseaamt Warschau, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 71 | Berlin, 6. IX, 1927 ח׳ אלול חרס״ז | xxxii. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer dffentllch rechtlich gesicherten Heimstätte In Palüstlna. ״Baseler Programm." Die Generaldebatte in Basel Nach der Generaldebatte RW, Basel, 4. September. Die Generaldebatte ist vorüber, die Arbeit der Komoiissionen hat begonnen. Gemäß dem nun schon traditio- «eil gewordenen Verlauf unserer Kongresse wird die Beratung der wirklichen Hauptprobleme, die Vorbereitung der realen Arbeit der nächsten Kongreßperiode, in die Kommissionen verlegt, wo das ganze Material seitens der Exekutive unterbreitet werden kann. Die Exekutive hat diesmal dem Kongreß ein gedrucktes Memorandum vorgelegt, das in dreizehn Kapiteln die Thesen und dje Vorschläge zur gegenwärtigen Lage enthält. Die Kapitel sind: Politik, Jewish Agency, Finanzpolitik, Landwirtschaftliche Kolonisation, Bodenpolitik, Industrie, Arbeitslosigkeit, Arbeit, Chaluzbewegung, Er- Ziehung, Gesundheitspflege, Organisation und Propaganda, Administration. Dieses Memorandum ist ein sehr wichtiges Dokument, weil es das Programm der Exekutive darstellt und dadurch die Arbeit des Kongresses sehr erleichtert. Bisher litten unsere Kongresse am meisten unter der wirklichen oder scheinbaren Programmlosigkeit der Exekutive, die den Kongreß, in einer etwas übertriebenen Auffassung von dessen Souveränität, steuerlos treiben ließ. Diesmal wird klar formuliert, wofür die Exekutive eintritt und wofür sie den Kongreß gewinnen will. Es ist anzunehmen, daß als Resultat der Kommissionsarbeiten Einzelheiten dieses Programtns modifiziert werden, aber wenn die alte Exekutive wieder zur Führung der Geschäfte berufen werden soll — und daß sie es wird, darüber besteht kein Zweifel,;—dann, wird der KonfieÄ;(!»־® QflllAMfciSÄI■ Zu diese* eigentlichen Arbeit des Kongresses, die sich in den Kommissionen vollzieht, bildet die Generaldebatte gewissermaßen das dramatische Vorspiel. Sie dient, der Besprechung der großen Richtlinien der zionistischen Politik, und es liegt in ihrem Wesen, daß dabei gerade die am schärfsten divergierenden Anschauungen, die grundsätzlichen Gegensätze, stark in den Vordergrund treten. Die Wirkung leidet etwas darunter, daß nun schon seit Jahren dieselben Personen und die gleichen Probleme der Generaldebatte das Gepräge geben. Trotzdem kann man sagen, daß sie bei diesem Kongreß ein besseres Niveau und einen besseren Grundton gehabt hat als etwa auf dem vorigen. Mag sein, daß die Schwierigkeiten der Palästina-Probleme, mit denen der Kongreß konfrontiert wird, im Bewußtsein oder Unterbewußtsein der Redner mäßigend mitspielten. Es war unverkennbar, daß auch die Führer der Opposition sich befleißigten, maßvoll und sachlich zu sein, was ihnen freilich nicht durchaus geglückt ist. Immerhin: auch bei dieser Debatte hatte man ein Gefühl von der Größe unserer Sache, die dem jüdischen Volk eine solche Tribüne geschaffen hat. Wo in der jüdischen Welt gibt es eine ähnliche Versammlung? Wo einen Ort, an dem mit ähnlicher Leidenschaft, Hingabe, Begeisterung und staatsmännischer Haltung über jüdische Probleme diskutiert würde? Die stärksten Momente der Debatte waren die Reden von Arlosoroff, J abotinsk y und Weizmann. Man könnte sagen, daß sich in diesen drei Persönlichkeiten von führerischen Qualitäten drei Generationen zionistischer Begabung repräsentieren — bei diesem Jubiläumskongreß von drei Jahrzehnten. Arlosoroff, obwohl Redner einer Flügelpartei, hat es verstanden, mit seiner umfassenden, ernsten und würdigen Darstellung und Beleuchtung des gesamten zionistischen Problemkomplexes die Aufmerksamkeit und den Beifall des ganzen Kongresses zu gewinnen. Er unterstützte den politischen Kurs der Exekutive als den prinzipiell einzig richtigen, ohne die tatsächliche Ausführung dieser Politik in allen Einzelheiten kritiklos hinzunehmen. Er war auch der einzige Redner, der mit Nachdruck die Bedeutung einer Erneuerung der zionistischen Bewegung und die Notwendigkeit der zionistischen Auseinandersetzung mit den heute mächtigen jüdischen Strömungen an der Galuth-Front betont hat. Als parlamentarische Leistung stand seine Rede fraglos auf beträchtlicher Höhe, was man nicht von allen Kongreßreden sagen kann. Sie war charakteristisch durch Temperament ohne Demagogie und ernste Sachlichkeit ohne Langweile. — Jabotinsky hat sich diesmal sehr zusammengenommen. Er hat, ganz anders als in vielen seiner öffentlichen Reden, versucht, die zwei Haupt- Probleme, auf die sich seine Opposition stützt, nämlich äußere Politik und Jewish Agency, mit Sachlichkeit zu erörtern und es darf wohl bei einem so überaus geschickten Redner angenommen werden, daß er nicht ohne Absicht solche Formulierungen gesucht hat, die der allgemeinen Meinung etwas näher kommen. Ob er dies gewollt hat oder nicht, jedenfalls entstand der Eindruck, als ob er Brücken suche, und dies würde sicherlich von jedem Zionisten, der in dem maßlosen Parteikampf der letzten Zeit eine ernste Gefährdung der Gesamtbewegung sieht, begrüßt werden. Freilich, damit soll nicht gesagt sein, daß Jabotinsky diesmal auf seine bekannte Art der einseitigen Beleuchtung von Tatsachen verzichtete. F.r kann auch anscheinend sich von gewissen Schlagworicn nicht lossagen und bringt sie leider oft in einer Form vor, die einem verantwortungsvollen Politiker nicht geziemt. Dazu gehört vor allem die Legionsparole, selbst in der Abschwächung, in der sie heute noch bei ihm figuriert. Es scheint uns höchst unklug, mit der Pogromgefahr in Palästina zu operieren. Jabotinsky verschmäht dabei kein Mittel, er leistete sich auch diesmal die bedauerliche Entgleisung der geheimnisvollen Andeutung eines Vorfalls, die die Hörer in Furcht versetzen sollte, in Wahrheit aber in ein Gebiet gehört, das nicht das geringste mit Politik, Nationalfragen oder der englischen Mandatarmacht zu tun hat. Auf Jabotinskvs neuerliche Forderung einer stärkeren Mobilisierung der öffentlichen Meinung in England zugunsten des Zionismus antwortete sehr überzeugend der Führer der englischen Zionisten, Philipp Gued alla, ein homo novus des Zionistenkongresses, der darauf hinwies, daß wir die von uns unabhängige Tatsache, daß der einfache Engländer das PalästinailztnSn'n'%ftg'Ä/di^sel;.ft«bJßntTeiH; "ef deutete an, daß im Falle einer zionistischen Kampagne gegen die britische Verwaltung in Palästina wir damit rechnen müßten, daß die englische öffentliche Meinung und vor allem das Parlament, diese Verwaltung deckt, und es wäre unklug, es zu solchen Konflikten kommen zu lassen, solange es andere Mittel und Wege der Auseinandersetzung mit der Mandatarmacht gibt, wenn auch diese anderen Wege größere Selbstbeherrschung und Besonnenheit erfordern. Es ist nicht unschw׳er zu prophezeien, daß die Opposition und vielleicht auch manche von Weizmanns Freunden diese Aeußerung Weizmanns kritisieren werden, weil nach ihrer Meinung darin eine Unterschätzung der zionistischen Stärke liegt. Aber gerade die verständnislosen Attacken der Ooposition zw'ingen den verantwortlichen Führer der Politik, dem Kongreß auch die andere Seite der empfohlenen Methode aufzuzeigen und den Kongreß zu warnen, sich auf ein äußerst gefährliches Spiel einzulassen. Weizmann hat in seiner Schlußrede sehr gut die schwierige und delikate Rolle charakterisiert, die der zionistische Führer zwischen Mandatarmacht und Zionistischer Organisation zu spielen hat. Der Mandatarmacht gegenüber vertritt er — und er vertritt sie mit großer Zähigkeit und großer Energie — die zionistischen Forderungen; nach innen aber hat der Führer die Aufgabe, dem Zionistenkongreß die Auffassung der Mandatarmacht zu erklären und die objektiven Schwierigkeiten zu schildern, mit welchen diese konfrontiert ist. Es ist sehr einfach, ihm bei jeder Gelegenheit dies als Schwäche anzukreiden. Es wäre ein schlechtes Zeugnis für die politische Reife des Zionistenkongresses, wenn dieser wünschte, daß der politische Führer vor Zionisten zionistische Demonstrationsreden hält. Weizmanns Bestreben, die zionistische öffentliche Meinung etwas von der Komnliziertheit und Schwierigkeit der zionistischen rolitischen Aktion fühlen zu lassen, ist zweifellos die einzige Methode zionistischer Diskussion, die eines Kongresses würdig ist. :־; Die Debatte, die Sonntag, 2 Uhr früh, mit Weizmanns Schlußwort endete, brachte auch manche Enttäuschungen. Die Rede Grünbaums, der vor allem die Agencv-Politik bekämpfte, vermochte kaum neue Gesichtsmmkte zu bieten und war charakterisiert durch ihre Ferne von den wirklich akuten Problemen. Die Poale Zion schickten Berl Katznelson vor, zweifeilos nicht der beste Parlamentsredner der Fraktion, aus dessen Rede bei allem guten Willen kaum ein wirklicher Hinweis auf einen Ausweg aus der Palästinakrise zu entnehmen war, den man gerade von dieser Seite zu erwarten berechtigt war; seine Polemik, zum Teil auch gegen Berlin gerichtet, sollte offenkundig mehr die Hilflosigkeit gegenüber den Tatsachen verdecken. Eine Reihe von anderen Rednern. begnügte sich mit Wiederholun gen; wir kennen auch den unvermeidlichen Typus des Schönredners, der besonders für die Galerie seiner eigenen Heimat spricht. Herr Dr. Osias Thon hat in einer kleinen Kontroverse gelegentlich eines Zwuschenrufes von Blumenfeld auch der ״Jüdischen Rundschau" ein Spczialkomplimcnt gemacht, das wir weiter nicht tragisch nehmen, da wir zumindest aus dem Munde dieses Redners keine sachlichen Gesichtspunkte gehört haben, die als eine Alternative der in der ״Jüdischen Rundschau" empfohlenen Politik gelten könnten. Der ursprüngliche Plan, die Exekutive bereits in der Sitzung von Sonnabend nachts wählen zu lassen, mußte aufgegeben werden. Der Permanenzausschuß ist mit Verhandlungen wegen der Personalfragen beschäftigt, doch ist bisher noch keine Prognose zu stellen. Der Verhandlungsberidii Zweite Sitzung Mittwoch, 31. August, vormittags. Zu dem kurzen Bericht der vorigen Nummer tragen wit noch einen ausführlicheren Auszug der wichtigsten Reden nach. Dr. Weizmann spricht in seinem einleitenden Referat zunächst von dem langsamen, stetigen Vorwärtsschreiten der politischen Entwicklung. Unsere Beziehungen zur Mandatarmacht^ entfalten sich immer besser und tiefer. Wir lassen uns stets® vom grundlegenden Prinzip des Vertrauens zum guten Willen der Mandatarmacht leiten. Immer wieder stellt sich heraus, daß das Gewicht unserer Verhandlungen, der Wert unserer Forderungen eine Funktion unserer Leistungen im Lande ist. In den letzten zwei Jahren hat die Exekutive der Entwicklung unserer Beziehungen zu den verschiedenen Organen, die um und mit VftfebPS4!>#xilliereA^4|ןו .de!.!;'«§ daß die Pallstinä-Regierung, die mir öne Emanätloh des ג>1נסnial Office ist, in der letzten Zeit einen aktiveren Anteil afft Aufbau des Jüdischen Nationalheims genommen hat. In diesem Zusammenhang bespricht der Redner die Frage der Staatsländereien, des Steuerwesens, der Arbeitsgesetzgebung usw. Hierauf folgt eine Darlegung der Politik der Erweiterung der Jewish Agency. Dann geht der Redner zu den Finanzfragen über. Während der fetzten fünf Jahre überstiegen stets die Ausgaben die Einnahmen, da entweder die Abschätzung der Einnahmen zu optimistisch gewesen war oder die Ausgaben unter dem Druck der Verhältnisse höher waren als angenommen wurde. Im Jahre 1922 hat der Kongreß ein Budget von £ 656000 votiert, während die tatsächlichen Einnahmen der palästinensischen zionistischen Exekutive nur £ 330 000 ,betrugen. Das Defizit betrug in diesem Jahre £ 90 000t, Im Jahre 1923 betrug es £ 52000, im Jahre 1924 £ 37OOO und reduzierte sich 1925 auf .£ 15 000, stieg aber 1926 wieder auf £ 71 (XX). Für das Jahr 1927 muß ich ein Dezifit auf £ 151000 ankündigen, zusammen mit dem vorjährigen Defizit. Das kann die Palästina- Exekutive unter keinen Umständen mehr tragen. Für das nächstjährige Budget wird eine Abschreibung zur Deckung des Deftzifs in Höfte von £ 70 000 vorgeschlagen werden. Die Einnahmen des Keren Hajessod, die er der Exekutive zur Verfügung stellen kann, dürften nach Schätzungen zwischen £ 430000 und 450 000 betragen. Davon müssen bereits eingegangene Verpflichttingen in Höhe von £ 127 000 und die £ 70000 zur Deckung des Defizits abgezogen werden, so daß wir zur freien Disposition nur gegen £ 225 000 haben. Der Grundstein unserer ganzen Tätigkeit ist die landwirtschaftliche Kolonisation, und diese ist von der Krise am allerwenigsten berührt worden. Alles, was mit der Landwirtschaft zu tun hat, ist in befriedigendem Zustand. Trotz gewisser vorhandener Mängel ist sie au? dem Wege einer normalen und gesunden Entwicklung, die wir auch weiter sichern müssen. Wir dürfen uns nicht auf die Schaffung von Neuem stürzen, da unsere heutigen Mitfel dazu nicht atisreichen. Die Hauptaufmerksamkeit ist aut die Fundierung des Bestehenden zu richten. Das Arbeitsdepartement hat durch die teilweise Absorption der städtischen Bevölkerung in den landwirtschaftliehen Kolonien ein großes Stück Arbeit geleistet und dadurch die Möglichkeit zu einer weiteren kolonisatorischen Tätigkeit auf einem Gebiete geschaffen, das für uns das bedeutsamste ist, der Hinleitung des städtischen Proletariats auf das Gebiet der Landwirtschaft. Von Wichtigkeit ist die Frage des Abschlusses von Verträgen zwischen Keren Hajessod und Keren Kajemeth einerseits und den Siedlern andererseits. Es geht nicht an, daß Investierungen großer Summen brachliegen und nicht zur Basis für weiteres Kreditwesen gemacht werden können, well juristisch unci 'finanziell nichts festgefegt ist. Diese Kontrakte dürfen kein bloßer Papierfetzen sein, sondern müssen eine ernste Grundläge bilden. Es müssen ernstliche kontraktliche Verpflichtungen zwischen den Fonds und den Siedlern bestehen, ohne Intervention einer dritten Partei. Weitere Investierungen in neue Siedlungen sollen in der Zukunft ohne kontraktliche Verpflichtung von beiden Seiten nicht gemacht werden. Es muß auch eine engere Zusammenarbeit zwischen der Exekutive und den verschiedenen Fonds, hauptsächlich dem K. K. L., hcrgestelit werden. Ich unterstreiche jede Arbeit des K. K. L. in ihrer ganzen Größe, und ich freue mich über den glänzenden Erfolg seines Direktors in Kanada. Wenn Amerika diesem Beispiel folgen sollte, dann braucht uns um die Erlösung des Landes nicht bange zu sein. Wesentlich aber ist, daß sich bei uns innen nicht ein Imperium ausbildet. Es könnte vielleicht an Geld viel gespart werden, wenn eine Regelung der gegenseitigen Beziehungen des K. K. L., des K. H. und der Exekutive und eine Konsolidierung ihrer Arbeiten festgelegt würde.

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