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Jüdische Rundschau · 1927-08-26 · Heft 68-69 (26.8.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 68-69 (26.8.1927)
Date
1927-08-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, Melnekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, ▼iertel|8hrlich 5,25 Goldmark. Aattsndaftbonaenicatf werden io der WüfcnroiJ der einzelnes Länder berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon; Bismarck 7165-70. Postscheckkonto; Berlin Nr. 17392- Fflr Oesterreich*. Postsparkassenamt Wien. Konto Nr. 156 030, Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr410 59 ׳. Für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190 708. Redaktionsschltiß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 68)69 | Berlin, 26. VIII. 1927 Anzeigenpreis: 8 gesptliNoopareillezeüe 0,50 ü.-M. MeUengesuebe 0,25 G.-M. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. כ״ח מנ׳ אב תרפ״ז I XXXII. Jaitrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk dl< 1 Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.11 Nach dreißig Jahren Der XV. Kongreß — ein Markstein der Verwirklichung des Zionismus Im Anfang war die Idee Dreißig Jahre zionistischer Geschichte werden in Basel auf die Scharen herabsehen, die sich zum XV. Zionistenkongreß versammeln. Durch alle Sorgen des Tages hindurch, durch die Nebel und die Wirrnis der vielfältigen Probleme des XV. Kongresses leuchtet ein Strahl von Feierlichkeit, dringt ein Gefühl des Stolzes und der Genugtuung. Zum fünfzehnten Mal tritt der Kongreß zusammen, der vor dreißig Jahren in Basel geschaffen wurde und dem seine Gegner damals ein baldiges Ende prophezeit haben. Die kleine, verspottete Bewegung ist zu einem mächtigen und weit verzweigten Organismus geworden. Sie steht mitten im harten Lebenskampfe und blickt auf die ersten Tage von Basel mit ähnlichen Gefühlen wie ein Mann an seine Jugend denkt, an die Tage, wo das Herz voll ist und die Sehnsucht groß und die Welt offen daliegt. In Basel wurde vor dreißig Jahren der Gedanke verkündet, daß die Juden ein Volk sind, daß sie entschlossen sind, weiterzuleben, sich ein würdiges Leben zu schaffen, die Gestaltung ihres Schicksals selbst in die Hand zu nehmen. Die Welt horchte auf, der Spott verschwend schnell und verwandelte sich in Staunen und Respekt. Das Judentum wurde zutiefst aufgewühlt und revolutioniert, die besten Elemente, die Jugend, folgten dem Banner der Idee, und selbst die Widerstrebenden wurden von ihr überwältigt. Weithin ins nichtzionistische Lager hat sie hinausgewirkt und alle bisherigen Begriffe von Judentum verwandelt. Ein Menschenalter ist verflossen, das neue Judentum Ist im Werden, uM dem XV. Kongreß obliegt nicht mehr, den Kampf um diese Wahrheit unseres Daseins zu führen, sondern das Werk selbst zu fördern, das die materielle Grundlage unserer Wiedergeburt ist. Der Zionismus wurde geschaffen von Ideenmenschen, von Utopisten. Gerade vor diesem Kongreß, dem, wie wir glauben, im Rahmen der zionistischen Entwicklung eine ganz bestimmte ordnende Funktion zukommt, haben wir auszusprechen, daß wir uns dessen bewußt sind, daß alles Große im Zionismus, alle unsere großen Kollektiv-Erlebnisse, aber auch alle wirklichen konkreten Schöpfungen in Palästina, von Menschen ausgegangen sind, die keine ״Rechner“, keine ״Fachleute“ waren. Menschen von stürmischer Leidenschaft und stürmischem Temperament, Menschen einer großen Sehnsucht nach Freiheit und einer großen Zionsliebe waren es, die allein zu dieser Pionierarbeit geeignet und berufen waren. Ohne phantastische Vorstellungen, ohne den Glauben an das Unmögliche wäre wahrscheinlich nichts oder sehr wenig entstanden. Dieser idealistische Antrieb ist und bleibt die bewegende Kraft des Zionismus, der entscheidende Faktor auch im Aufbau der jüdischen nationalen Heimstätte, der uns immer wieder vor Auf* gaben stellen wird, die dem Rationalisten paradox erscheinen müssen. Und dennoch muß mit der gleichen Bestimmtheit gesagt werden, daß das Werk dieser Pioniere keinen Bestand haben kann, wenn ihnen nicht zur rechten Zeit der rechte Helfer ersteht. Der Rechner, Techniker und Fachmann, der, bei allem Verständnis für die Größe einer Konzeption und für die Bedeutung heroischen Tuns, das entstandene Produkt bändigt, in die Wirklichkeit einordnet, ihm dadurch erst wirkliches Leben und Bestand verleiht. Wozu seine Leistung abschätzen an der Leistung jener Pioniere? Jeder hat seine Funktion in der Dialektik des zionistischen Werdens. Es liegt im Wesen des Zionismus, daß er nicht bloße Idee bleiben konnte, sondern Wirklichkeit werden wollte. Herzl war es nicht vergönnt, den Uebergang zu erleben. Aber auch seine Nachfolger, die bis zum Krieg sein Erbe verwalteten, hatten im wesentlichen nur die Idee durchzusetzen. Nach dem Krieg, nach der Baifour-Deklaration, kam der erste Zusammenstoß mit der Wirklichkeit. Sieben Jahre Krise haben wir jetzt hinter uns. Sie markieren das schwere Ringen des Zionismus um seine Einordnung in die Welt der Materie. Aber erst der XV. Kongreß bedeutet den wirklichen Kreuzungspunkt, den wirklichen Wendepunkt. Er hat die Krise zu entwirren. Der Irrationalismus, ohne den nichts geschaffen worden wäre, hat uns zu einer Mißachtung■ der Realität geführt, die unser Werk in der konkreten Welt gefährdet. Der XV. Kongreß ist ein Kongreß der Besinnung auf die Realität. Er muß anerkennen, daß der Zionismus von 1927, der sich im Aufbau des jüdischen nationalen Heimes in Palästina realisiert, eine andere Kategorie, vielleicht ein anderes Stadium darstellt, als der Zionismus von 1897. Unzeitgemäße Denkungsart. Es wurde in der letzten Zeit oft gesagt, daß die Psychologie des Vorkriegszionismus für unsere gegenwärtigen Aufgaben nicht paßt. Auch heute ist natürlich der Zionismus nicht identisch mit Palästina-Aufbau. Auch heute bedarf er noch der geistigen Durchsetzung, der Verkündigung der Idee, der Gewinnung des Volkes. Der Vorkriegszionismus wollte das jüdische Volk vor allem für die politische Aktion organisieren, deren Ziel die Anerkennung des jüdischen Rechtes auf Erez Israel war. Nachdem dieses Ziel erreicht wurde, bedeutet die Gewinnung des Volkes vor allem dessen Ermutigung zur Teilnahme am Aufbau der nationalen Heimstätte. Aber auch dies ist keine mechanische Aufgabe, auch sie kann nur gelingen, wenn sie ein Bestandteil einer großen Bewegung des Erwachens und der Erneuerung ist. Daher ist und bleibt die Aufdeckung der Judenfrage und die nationale Erziehung ein unlöslicher Bestandteil des Zionismus. Die Erstarkung des jüdischen Gefühls, der Zusammenhang mit jüdischer Vergangenheit und jüdischer Kultur und der Wille zu jüdischer Zukunft, ein neues Gefühl der Sicherheit seelischer Orientierung und das Bewußtsein der Kontinuität eines auf- und niederflutenden schöpferischen Prozesses, sind die heimlichen Grundfesten des neuen jüdischen Lebens, das in unserer Generation *— in notwendiger Unvollkommenheit — entsteht. Zugleich aber geht heute nebenher, innig mit der Bewegung verschlungen und ׳doch von seinen eigenen unumstößlichen Gesetzen beherrscht, das Werden des jüdischen Palästina. Da wir jedoch im wesentlichen denselben Menschenkreis finden wie seit dem ersten Kongreß, begegnet die Anpassung an die Anforderungen des Palästinawerkes erheblichen Schwierigkeiten. Palästina ist der aktuellste und zentralste Inhalt der jüdisehen Erneuerung. Und wenn auch der Zionismus in seinem Wesen keineswegs von einer bestimmten Situation des Palästina-Aufbaus abhängig sein kann, so ist es dennoch der Prüfstein für die Echtheit und den Ernst der zionistischen Bewegung, daß dieser Aufbau möglichst gut geschehe. Wir sollen Einzel-Mißerfolge nicht sub specie aeterni überschätzen, aber wir sind auch nicht berechtigt, sie zu bagatellisieren. Die Tatsache, daß der Palästina-Aufbau nicht nur eine Frage des guten Willens, sondern ein sehr kompliziertes technisches und organisatorisches Problem ist, wird heute bereits fast allgemein anerkannt; doch fällt es vielen sehr schwer, aus dieser Erkenntnis die Kon- Sequenzen zu ziehen. So entstehen nicht nur falsche Losungen, sondern auch falsche Parteiungen im zionistischen Lager. Man konstruiert Gegensätze der Theorie, wo in Wahrheit nur der Unterschied zwischen Realitätssinn und Selbsttäuschung besteht. So sehr der schöpferische Idealismus, unsere stärkste Kraft, ein irrationelles Moment ist, so ist die Selbsttäuschung über das Gegebene in der praktischen Arbeit unser schlimmster Feind. Falsche Problemstellung. Unsere Palästinaarbeit ist in überstürztem Tempo vor sich gegangen, teils infolge der unklaren aus der Kriegszeit herübergenommenen Vorstellungen militärähnlicher Aktionen, teils weil wir die zur Verfügung stehenden Die Haupt-Redaktion der ״ Jüd. Rundschau“ wird ihr die Dauer des Kongresses nach Basel verlegt. Die heutige Nummer erscheint anläBlich der Kongreß - Eröffnung in verstärktem Umfange. Die Dienstag-Ausgabe vom 30. d. Monats entfällt. Die Freitag-Nummer vom 2. September wird bereits die ersten Berichte vom Kongreß ans Basel enthalten. Dringende Zuschriften ihr die Redaktion sind bis zum 10. September zu richten an Dr. Robert Weltsch, Basel, Messegebäude. Mittel beträchtlich überschätzten. Die Pläne von 1920 basierten auf einem Jahresbudget von vier Millionen Pfund. In der konkreten Arbeit zeigte sich aber bald, daß man mit Gelder», die nur in Kongreßresolutionen stehen, keine Wechsel bezahlen kann. Aber das Unheil war schon geschehen: die Zionistische Organisation hatte bereits auf allen Seiten so viel Verpflichtungen auf sich genommen, daß sie die ganzen künftigen Jahre noch in Schwierigkeiten verstrickt sein mußte. Seit jener Zeit leben wir in Provisorien, Erwartungen, Plänen, — aber ohne jedes System. Die Keren Hajessod-Einnahmcn hielten sich ungefähr auf dem Niveau von durchschnittlieh einer halben Million Pfund jährlich. Doch war es unmöglich, mit diesem Gelde planmäßig zu wirtschaften, weil wir immer von der Hand in den Mund leben, die Einnahmen oft verspätet kommen, vor allem aber weil das Geld nur für bereits festgclcgte Zwecke ausreicht. Die Episode der vierten Alijah mit ihren trügerischen Hoffnungen verschlimmerte nur die Situation. Die Exekutive versucht, allen gerecht zu werden und kann es daher keinem. Die Folge ist, daß alle gegen sie sind. Jede Institution beschwert sich, daß sie nicht arbeiten kann, weil sie ihr Budget nicht bekommt, jede Institution klagt über die Vernachlässigung durch die Exekutive und ruft die Oeffcntlichkeit an. Das Prestige der Exekutive hat eine große Belastungsprobe auszuhalten. Die letzten Kongresse bemühten sich, der Wirklich- Reit Rechnung zu tragen und setzten das Budget herab. Aber noch auf dem XIV. Kongreß galt es für eine zionistische Tugend, für möglichst hohe Budgetposten in flammenden Reden einzutreten und dafür zu stirnmen. Wer für ein großes Budget stimmte, erschien als der Freund großer umfassender zionistischer Tätigkeit, wer dagegen war, erschien als ״Kleinzionist“ und Defaitist. Als ob es diese zwei Parteien gäbe! Und auch in den Präludien zum XV. Kongreß finden wir wieder diese verhängnisvolle Unterscheidung, die uns befürchten läßt, daß auch der XV. Kongreß wieder zum guten Teil in nebelhaften Gefilden schweben wird. Es vergiftet die Atmosphäre, wenn man glauben machen will, es gäbe eine Partei, die sich bescheidet, während die andere für große Kolonisation und daher hohes Budget ist. In Wahrheit gibt es nur Zionisten, die alle wollen, daß möglichst schnell und möglichst viel Juden in Palästina angesiedelt werden und dort von ihrer Arbeit leben. Aber wie erreicht man das? Wir haben ein Beispiel in der jüngsten Vergangenheit. Vor einem Jahre entstand eine leidenschaftliche Diskussion über die Frage, ob auf den Böden des Keren Kajemeth neue Kolonisation beginnen soll. Melirere Gruppen verlangten stürmisch, angesiedelt zu werden, die öffentliche Meinung unterstützte sie. Das A-C. gab sein Placet mit allen gegen die einzige Stimme von Arlosoroff. Niemand machte sich Gedanken, wo das Budget herkommen soll. Niemand verstand, daß man dadurch Mittel wichtigsten zionistischen Aufgaben entzieht, ohne in Wirklichkeit etwas zu schaffen, weil man für eine richtige Durchführung neuer Kolonisation doch nicht genug Geld hatte. Niemand war sich bewußt, daß man unsere besten Menschen einem bedenklichen Schicksal aussetzt. Stimmungsmomente gaben den Ausschlag. Statt zu erkennen, daß es Pflicht der Führer ist, Irrtümer der nicht genügend eingeweihten, nicht die Zusammenhänge übersehenden Anhänger zu berichtigen, wollte man sich dadurch helfen, daß man sich selbst nicht den wahren Sachverhalt eingestand. Eine solche Einstellung zu den Fragen muß sich rächen. Man hört heute wenig von dieser neuen Kolonisation, aber wir nehmen an, daß die Gruppen, die sich auf den Böden niedergelassen haben, nicht zu beneiden sind. Was durch dieses scheinbare Mehr erzielt wurde, ist eine Verschlechterung der zionistischen Arbeit, eine Verlangsamung des zionistischen Tempos. Soll es so weitergehen? Der XV. Kongreß darf, wenn er mit Ehren bestehen will, eine derartige Verwischung und Verschleierung der wirklichen Probleme nicht weiter dulden. Manche Parteiprogramme und manche Artikel, die vor dem Kongreß erschienen, zeigen freilich, daß sich wenig geändert hat. So heißt es in dem Programm einer großer! Partei; ״Jeder Gedanke an eine Unterbrechung der Einwanderung oder gar an eine Auswanderung bedeutet Zerstörung für den Aufbau des Landes, und ' ' f V it 1% ä;%■ '>f:i i'־ |:,j «

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