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Jüdische Rundschau · 1927-08-12 · Heft 64 (12.8.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 64 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 0,30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, MeinekestraSe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, vierteljährlich 5.25 Goldmark. Atisiandsabomiemeitts werden in der Wlhruiig der einzelnen Linder berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G. m.h. H.« BerlinW15, Meinekestr.10 Telephon; Amt Bismarck 7165—70. Anzeigenpreis: 8 gesptlt.Nonpartiliezeiie 0,50 G.-M. Stellengesuche 0,25 G.-M. Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392• Für Oesterreich: Postaparkassenamt Wien, Konto Nr. 156050. Für T*checbos!awak*i: Postsparkassenanxi Prag, Konto Nr. 59 410. Für Polen: Postsp&rkassenamt Warichaa, Konto Nr* 190708. RedaktionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 64 | Berlin, 12. VIII. 1927 י״ד םנ׳ אב תרס״ז | xxxu. Jaiu-g. Der Zionismus erstrebt für das Jüdisch• Volk dl« » Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.'• Warum Konsolidierung? Das zionisflsdie Hauptproblem Der Wahlkampf zum Kongreß ist vorüber und es ist nun wieder an der Zeit, die zionistischen Probleme nicht um der Wahl Wirkung willen, sondern um ihrer selbst willen zu betrachten. Der Kongreß rückt näher heran, und, nachdem die Wahlschlacht geschlagen ist, muß das Interesse aller Zionisten, aller Parteien darauf gerichtet sein, den Weg zu finden, um den Kongreß zum Ausgangspunkt einer Epoche neuen zionistischen Aufschwungs zu machen. Die Verhältnisse in Palästina haben sich in den letzten Wochen weiter zugespitzt, die Situation ist so klar, daß nach unserer Meinung kein denkender Zionist, welcher Richtung immer er angehöre, darafi zweifeln kann, daß eine fundamentale Reorganisation der zionistischen Arbeit unerläßlich ist. Es handelt sich heute kaum mehr um Meinungsverschiedenheiten und es ist charakteristisch, daß die noch vor einem halben Jahre heiß umkämpfte Parole der ״Konsolidierung“ in den Wahlreden der meisten Parteien bereits als Selbstverständlichkeit bezeichnet wurde, die allen Gruppen gemeinsam sei. Gerade darum aber ist es w ichtig, nochmals mit aller Klarheit zu sagen, worin diese i Parole besteht und worauf sie abzielt, und damit auch den Mißdeutungen und dem Mißbrauch entgegenzutreten, der von einzelnen zionistischen Gruppen mit dem Wort ״Konsolidierung“ getrieben wird. Der leitende Gesichtspunkt, von dem wir ausgehen und der jede zionistische Fragestellung beherrschen muß, ist: Was ist Vu tun, um schneller vorwärtszukommen? Wie überwinden wir die gegenwärtige Stagnation? Wie verhüten wir, daß die Gelder des , Keren Hajessod für unproduktive Zwecke verloren gehen, ohne daß etwas Bleibendes geschaffen wird, ohne daß der Jischüw sich vergrößert, ja daß aus der momentanen Notlage heraus, die Exekutive, um den wachsenden Anforderungen eines Hilfswerks gerecht zu werden, sich immer mehr verschuldet, so daß auch die Keren Haf jessod-Einnahmen der künftigen Jahre in erster Linie! zur Abdeckung dieser Schulden und nicht für konstruki tive Zwecke verwendet werden könnten? Jeder verant- I wörtliche Zionist muß alles daran setzen, der begonnenen 1 verhängnisvollen Entwicklung Einhalt zu tun, und es | gibt nur eine Sünde gegen den Zionismus, die nämlich, ׳ alles so weiter gehen zu lassen, wie es heute geht, aus ) Scheu vor einschneidenden Maßnahmen, aus Scheu davor, aus einer offenkundigen Situation Konsequenzen zu ziehen. Durch jede Beschwichtigung und Beruhigung wird die Lage verschlimmert. Man hat im Wahlkampf auch der ״Jüdischen Rundschau“ vorgeworfen, sie habe die Lage in Palästina zu schwarz dargestellt und alles dort Geleistete herabgewürdigt. Das gerade Gegenteil ist richtig. In jedem unserer Aufsätze, der die Reformbedürftigkeit unserer Wirtschaft behandelte, wurde darauf hingewiesen, daß die positive kolonisatorische Leistung in Palästina außerordentlich ist, daß die wirtschaftliche Entwicklung sich erstaunlich günstig vollzieht, daß bedeutende Chancen eines künftigen Fortschritts sich heute schon zeigen. Es gibt I in Palästina keine Wirtschaftskrise iin europäischen! Sinne, sondern es gibt nur eine Einwanderungskrise, die I durch die falsche Einwanderungspolitik verursacht wurde. Diese falsche Einwanderungspolitik war aber eine direkte Folge der falschen zionistischen Ideologie, die die Erfolge des Zionismus an den Ziffern der Einwanderungsstatistik statt an dem organischen Wachstum der produktiven jüdischen Wirtschaft messen wollte. Wer im Herbst 1925, als der Zusammenbruch der vierten Alijah bereits offenkundig war, zu vorsichtiger Einwanderungspolitik mahnte, wurde als Defaitist verschrien. Und doch müssen wir heute sagen, daß der Zionismus und unser Aufbauwerk in einer geradezu glänzenden politischen und Wirtschaftliehen Situation wäre, wenn nicht im Herbst 1925 noch etwa 10 000 Einwanderungszertifikate ausgegeben worden wären. Die Exekutive hat damals auf Grund von Elaboraten dilettantischer Statistiker 16500 Zertifikate I von der Regierung angefordert. Es soll hier niemandem ein Vorwurf gemacht werden, denn es würde große t Kraft und Weitblick dazu gehören, sich dem Drängen der in den Gedankengängen der unbedingten Alijah erzogenen : Bewegung zu entziehen. Aber wenn man auch heute noch I diesen Sachverhalt nicht zur Kenntnis nimmt, dann ist es überaus schwer, die Politik für die Zukunft festzu- , setzen. Die Fehler der Vergangenheit können ihr Gutes für uns haben, wenn wir aus den Erfahrungen die Lehre | ziehen. Dazu gehört aber schonungslose Erkenntnis der Fehler. Gerade darum müssen diese Fragen öffent- I Sich behandelt werden, denn letzten Endes beruhen die Fehler auf dem falschen zionistischen Denken der zionistlsehen Masse, dem sieh keine Leitung entgegensetzen kann. Der Zusammenbruch der vierten Alijah bestand darin, daß die Leute mit etwas Kapital zum großen Teile wieder auswanderten; Palästina verlor also zahlreiche Arbeitgeber, während die Arbeitnehmer zurückblieben. Es hat aber noch lange gedauert, bevor man diese Tendenz erkannte und sich sagte, daß die Zahl der Arbeitslosen nicht nur durch weitere Einwanderung, Die Kongre$wahlen in Deutschland Die Hauptwahlkommission für Deutschland tagte erst nach Fertigstellung der vorliegenden Nummer zwecks Feststellung des Wahlergebnisses. Die Sitzung begann Donners• tag abend nnd dauerte bis In die Morgenstunden des Freitag. Das vorläufige Ergebnis stellt sich folgendermaßen dar: Liste 1 (Poale Zion a. J. J.W.B.) 1540 Stimmen Liste 2 (LinkesZentrum) . . . 2313 91 Liste 3 (Misrachi). 2076 99 Liste 4 (Revisionisten) .... 302 99 Liste 5 (Radikale). 465 99 Es entfallen sonach anf Liste 1 ... 3 Mandate Liste 2 ... 4 ״ Liste 3 ... 4 ״ Liste 4 ... O ״ Liste 5 . , . 1 9$ Die offizielle Bekanntmachung der Hauptwahlkommission sowie nähere Einzelheiten nnd Teilergebnisse werden in der nächsten Nummer der ״JndischenRundschan“ veröfientlicht werden. sondern auch durch fortschreitende Abnahme der Arbeitsgelegenheiien iin Lande vergrößert wird. Die Arbeitslosen bildeten bald eine geradezu unerträgliche Belastung des zionistischen Budgets und dies unterband jede zionistische Tätigkeit. Wir sind heute auf dem Punkte angelangt, wo alle verfügbaren Gelder des Budgets für Notstandsmaßnahmen und Unterstützungen ausgegeben werden müssen. Als Zionisten haben wir uns darauf zu besinnen, daß die Aufgabe der Zionistischen Organisation darin besteht, Juden die Ansiedlung im Lande zu ermöglichen, nicht aber eine kümmerliche Hilfstätigkeit auszuüben. Dies war der Ausgangspunkt unserer Ueberlegung. Wer nicht als Zionist Ansprüche an das Wachstum der nationalen Heimstätte stellt, der kann mit der heutigen Praxis vielleicht zufrieden sein. Seltsam aber ist es, wenn gerade die patentierten Verteidiger des Prinzips der ״jüdischen Majorität“ uns vorwerfen, daß wir nicht zufrieden sind. Daß wir es nicht sind, bedeutet nicht eine Verurteilung oder Geringschätzung des in Palästina Geleisteten. Unsere Kritik fließt vielmehr aus der Ueberzeugung, daß der Kern unserer Wirtschaft in Palästina gesund ist, sich ausgezeichnet entwickelt und bei einem System, das rationelle Methoden und gute Verwaltung ermöglicht, uns bald ein bedeutendes Stück vorwärts bringen würde. Die Forderung größerer Wirtschaftlichkeit ist eine rein wirtschaftstechnische, kaufmännische, und hat nichts mit sozialen Fragen zu tun. Die Kwuzoth haben dasselbe Interesse an guter Wirtschaft wie der Einzelsiedler, sonst können sie nicht existieren. Gerade die Arbeiterschaft ist am meisten an Konsolidierung und Reorganisation interessiert, und wenn ein Teil von ihr dagegen polemisiert, so ist dies lediglich parteitaktisch, aber nicht sachlieh zu begreifen. Worin lag der Hauptfehler? ln der mangelnden Anpassung unseres Arbeitsprogramms an die vorhandenen Mittel. Das muß die zionistische Öffentlichkeit wissen, um zu verstehen, warum der nächste Kongreß ein kleines Ausgabenbudget festsetzen muß. Statt zuerst das Begonnene zu beenden, ist man bisher immer neue Verpflichtungen cingegangen. Die Folge davon war, daß die einlaufenden Gelder für nichts ganz ausreichten und daher auf alle Budgctbcrcchtigten in unzureichender Menge verteilt wurden. Die Gelder mußten für p r o v i s o r i s c h c Zwecke statt für planmäßige lnvestitionen verwendet werden. Wir hatten das in der Landwirtschaft zu spüren, wo z. B. Gelder für die Aussaat zu einer Jahreszeit ansgezahlt wurden, wo ihre Verwendung bereits unmöglich war, wir haben jetzt dasselbe Phänomen in großem Stil und großem Umfang, indem wir Arbeitslosenunterstützung geben, weil nicht genügend Geld da ist, um die Leute anzusiedeln. Nicht nur, daß so verwandtes Geld keine dauernden Werte hervorbringt und nicht hilft, Menschen in Palästina festzusetzen, nicht nur daß nach seiner Verausgabung genau dieselbe Situation zurückbleibt und immer neue Summen beansprucht, — bringt dieses System auch Un- Ordnung in die Verwaltung und verhindert die Gewöhnung an strikte ökonomische Ausnützung der Gelder. Ein kolossaler Apparat ist nötig, um diese provisorischen Maßnahmen durchzuführen und alle Schuldkonten in Evidenz zu halten; die Forderung nach rationeller Wirtschaft des Siedlers muß unter solchen Umständen ohnmächtig verhallen. Noch vor einem halben Jahre verstand man diese Zusammenhänge nicht und plädierte für neue Immigration und neue Kolonisation. Demgegenüber stellten wir die Forderung auf, daß jede neue Aktion unterbleiben müsse, solange nicht das Bestehende selbständig lebensfähig gemacht wurde. Die Konsolidierung der bestehenden landwirtschaftlichen Siedlungen allein erfordert noch sehr große Mittel und würde unter normalen Verhältnissen, wenn wir keine Arbeitslosenunterstützungen zu zahlen hätten, die verfügbaren Mittel unseres Budgets voll in Anspruch nehmen. Aber sie ist im Moment die einzige rationelle und produktive, daher auch die einzige zionistisch wertvolle Qeldverwendung. Denn die selbsterb altenden Siedlungen wären ökonomische Werte, die den Beweis der prinzipiellen Durchführbarkeit unserer Sache erbringen und unser Werk kreditfähig machen. Die Rothschildschen Kolonien haben 40 Jahre gebraucht, bevor sie Goldgruben geworden sind. Unsere zionistisehen Siedlungen werden den Weg viel schneller zurücklegen, sie befinden sich heute schon — nach 7 Jahren — in verheißungsvoller Blüte. Aber man darf diesen Menschen nicht Unmögliches zumuten und darf den von uns selbst aufgestellten Wirtschaftsplan nicht immer wieder aus Geldmangel durchkreuzen. Es ist klar, daß wir heute, solange wir durch die Arbeitslosigkeit belastet sind, gar nicht zur Konsolidierung der Siedlungen gelangen können. Die Frage, wie wir diese Konsolidierung dennoch zu bewerkstelligen haben, ist die zentrale Frage des Kongresses. Es wäre verhängnisvoll, diese Frage zu bagatellisieren, wie es in Wahlreden geschehen ist und in Zeitungsartikeln immer wieder geschiebt. Es ist noch verhängnisvoller, die Wirtschafts• politik auf Phantasiegebilde und Wünsche zu basieren, wie es z. B. in der Frage der ״Anleihe“ immer wieder geschehen ist. Eine Anleihe ist eine Sache, die nicht durch bloße Beschlüsse und Resolutionen herbeigeführi werden kann. Der große Irrtum der Histadruth, gegen den wir seinerzeit hier polemisiert haben, bestand darin, daß sie meinte, es komme darauf an, daß die Exekutive dem von ihr vorgeschlagenen Anleiheprogramm zustimmt. Die Histadruth hatte später die Genugtuung, daß die Exekutive ihre Zustimmung gab, aber was war damit erreicht? Zu einer Anleihe gehört nämlich nicht nur der Wunsch, sie zu bekommen, sondern auch jemand, der sie gibt. Die Diskussionen der letzten Aktions• Comite-Sitzung bewegten sich in merkwürdig fiktiven Bahnen und man gab sich zufrieden mit dem Beschluß, £ 140 000 als Anleihe aufzunehmen. Bisher isf unseres Wissens mir ein kleiner Bruchteil dieses Betrages zu■ standegekommen, und auch diese Anleihebeträge wurden keineswegs für den in der Aktions-Comite-Sitzung vor• gesehenen Zweck verwandt, sondern zur Deckung drin gender Schulden des laufenden Budgets. Die erwartete und erstrebte ״Atempause“ ist nicht eingetreten und wir müssen ohne sie unsere weiteren Entschlüsse fassen. Auch um diese Erfahrung sind wir jetzt reicher ge• worden und wir hoffen, daß der Kongreß ernst genug sein wird, nicht wieder einen solchen Ausweg zu akzeptieren, der keiner ist. Wir haben heute mit der Tatsache zu rechnen, daß das jüdische Volk für den Aufbau Palästinas nur etwa, die Hälfte von dem Betrag aufgebracht hat, den wit I f

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