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Jüdische Rundschau · 1927-08-05 · Heft 62 (5.8.1927) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 62 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 448 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 62, 5.VÜI. 1927 Die Resultate der Histadruth-Konferenz (Von unserem Korrespondenten.) Tel-Awiw, den 28. Juli 1927. Wohl selten hat eine Konferenz, die am Schlüsse eine Reihe vertrauenerweckender Resultate ergab, so niederdrückende und schwere Verhandlungen enthalten wie die dritte Konferenz der palästinensischen Arbeiter, die mit Gesang und Tanz nach einer durchgearbeiteten Nacnt geschlossen wurde. Solange die Debatten im Gange waren, schien es fast unmöglich, dieses Gebirge von Stoff, Vorschlägen und Anträgen jemals zu überklimmen und dabei auf dieser mühseligen Reise noch irgendwelches ansehnliche Gut zu bergen. Sobald aber das Plenum sich in die Kommissionen auflöste — die Hälfte der Zeit wurde in Kommissionen gearbeitet — lichtete sich das Chaos beträchtlich. Und als man sich nach einer Ab- Stimmung von anderthalb Tagen die Masse der angenommenen Beschlüsse besah, ergab sich eine Reihe vernünftiger Riehtlinien, auf denen sich eine Arbeit wird aufbauen lassen, wenn sich die geeigneten Menschen finden, um sie zu verwirklichen. Eine Klärung der Probleme, die der Konferenz Vorlagen, wurde von den Debatten kaum erwartet. Denn alles, was der Untersuchung vorlag, die Fragen der Führung der Wirtsehaftsinstitutionen, die Frage organisatorischer Reformen, die Fragen der Jugenderziehung usw. sind im Laufe des letzten Jahres wieder und immer wieder in der Presse und in Ver- Sammlungen durchgesprochen worden. Der lange und heftige Wahlkampf des vorigen Winters, in dem die Arbeiterschaft ihre Delegierten nominierte, die erst viele Monate später zu der Beratung zusammentreten sollten, gab einen Eindruck, wie sich die Lage in den Ansichten der verschiedenen Strömungen spiegelt. Die Auseinandersetzungen über die Lage und die Wege der verschiedenen wirtschaftlichen Institutionen, die im Laufe des letzten Jahres iin Zusammenhang mit verscliiedenen aktuellen Ereignissen stattfanden, trugen dazu bei, die Linien des erhaltenen Bildes zu klären und zu vertiefen. So mußte es die Aufgabe der Konferenz sein, die Argumente für und wider nochmals zusammenzufassen und vor allem zu versuchen, eine Aktionsbasis zu schaffen, auf der sich die wesentlichen Strömungen innerhalb der Arbeiterschaft zu gemeinsamem Vorgehen zu koalieren vermöchten. So mutete die Generaldebatte, in der sich die eigentlichen Kampfspiele entwickelten, an wie ein Turnier, wo jede Partei ihre besten Streiter in die Arena stellte, um ihre Rechte nochmals vor allem Volke mit allem Glanz darzustellen. Einen neuen Zug in die altbekannten Farben des Gemäldes brachte der Aufzug der extremen Linken, die zum ersten Male seit langer Zeit Gelegenheit fand, in großer Oeffentlichkeit ihre Ideo- Iogie auseinanderzusetzen. Sn kleines Häuflein auf der Konferenz, brauchten sie sich nicht damit abzugeben, irgendwelche praktischen Vorschläge zu bringen und bewegten sich vollständig auf dem Gebiete der reinen Demonstration. Ihre Ideen — ein logisch richtig aufgebautes Gedankengebäude auf dem Boden einer petitio prineipii — mutete gerade unter den palästinensischen Arbeitern als eine Utopie an, die keine Grundlage in der Wirklichkeit des neuen werdenden Palästina besitzt. Es ist das eine Idee, die mit dem Zionismus überhaupt keine Berührungspunkte hat. und es ist seltsam, die Anhänger dieses Glaubens ihre Auffassung der internationalen Weltrevolution in gutem Hebräisch auseinandersetzen zu hören. Aber es ist ähnlich beruhigend wie die Ausführungen der ״linken Poale-Zion“, die in Wendungen aus dem Pentateuch für das Jiddische in Palästina plädieren. Die Atmosphäre» vor allem int Plenum, war bedrückend, lieber die sefänrlebsfen Fragen,-:4ie Arbeit slosigkeft, war nichts Neues zu sagen. Der palästinensische Arbeiter weiß zu gut, daß man die Liquidierung der Arbeitslosigkeit weder durch prinzipielle noch durch organisatorische Beschlüsse noch durch Proteste erreicht. Es war also kein Zufell, daß diese Schwierigkeiten die Konferenz zwar überall begleiteten, wie ein unbewegter und düsterer Hintergrund zu einem bunten Bilde, daß aber die Untersuchung von Lösungen kaum begonnen wurde. Die langen Deklarationen über die Gründe der Krise, die der Abstimmung Vorlagen, sind sozusagen der soziologische Niederschlag der verschiedenen. Anschauungen. Sie sind nur wichtig, wenn man sie für die Zukunft als Lehren anspricht, die man aus den Fehlern der Vergangenheit gezogen hat. Und wenn es in einem der Ita-Telegramme heißt, ״daß das Probiem der Arbeitslosigkeit in den Beratungen der Konferenz einen großen Raum einnehme“, so ist das nichts als eine Floskel. Um die wirtschaftlichen und organisatorischen Fragen konzentrierte sich seit langem die Diskussion und ordnete sich auch die Generaldebatte. Auf die wirtschaftlichen Fragen (Expansion, Reform der bestehenden Institute usw.) übte die komplizierte Lage des Solel-Boneh einen besonderen Einfluß, da aer drohende Sturz dieses wichtigen Gebäudes der Arbeiter als ein Warnungszeichen am Wege stand. Es wurde darauf gedrungen, Klarheit in das wirtschaftliche Verwaltungssystem zu bringen. Bisher hatten fast alle Institute der Arbeiter — in treuer Uebereinstimmung mit der zionistischen Budget- Politik — die von den finanziellen Möglichkeiten gegebenen Grenzen in der Fülle des Schöpfungsdranges und unter dem Druck der Forderungen des Moments überschritten. Heute, wo unter den Arbeitern die verschiedenen Fehler der letzten Periode mit großer Leidenschaft und Offenheit diskutiert werden, hatte die Konferenz die Aufgabe, dem Reformwillen Ausdruck zu verleihen und eine entsprechende Resolution ist als eines der wichtigsten Ergebnisse der Tagung anzusprechen. Die inneren Aenderungen in der Organisation der Arbeiterschaft (Einführung von Proportionalwahlen in den ausführenden Körperschaften, Umformung der Arbeitsämter usw.) sind das Ergebnis eines langen und heißen Kampfes, der eine Begleiterscheinung des jungen Gewerkschaftswesens im Lande ist, in dem parteiliche Meinungsverschiedenheiten eine große Rolle spielen. Die neuen Vorschläge wurden schließlich von den großen Parteien der Konferenz gemeinsam angenommen und öffnen den Weg für eine einträchtige Zukunftsarbeit. Dieses ist das wesentliche Ergebnis der Konferenz. Es bestanden zwei Möglichkeiten: entweder daß sich die Achduth Awodah allein der Führung der Geschäfte unterzog und der Hapoel-Hazai'r in die Opposition ging, oder daß eine Basis für eine ״Koalition“ gefunden wird. Der zweite Weg ist beschritten worden. Die Deklaration, eine vorsichtige Wirtschaftspolitik treiben zu wollen und der Wille durch die Einführung der Proportionalwahlen eine Beteiligung aller Strömungen an der Leitung der Geschäfte zu gewährleisten, hat den Beschlüssen eine große Mehrheit gebracht. Unter weiten Kreisen der Arbeiterschaft wird diese Verbindung als ein Vorläufer für die volle Vereinigung der Achduth Awodah und des Hapoel-Hazai'r betrachtet, von der schon oft die Rede war, die aber gerade in letzter Zeit wieder in Zweiter Ferne zu sein schien. Eines der wenigen prinzipiell neuen Dinge, die der Konferenz Vorlagen, war die Einheitsorganisation mit den arabischen Arbeitern. Hier ist es zu keinem Kompromiß der Parteien gekommen, obwohl die verschiedenen Vorschläge äußerlich keine großen Differenzen zeigten. Das Schema aer Achduth Awodah, das von der Mehrheit akzeptiert wurde, sieht einen Bund zweier nationaler Organisationen vor, während der Hapoel-Hazai'r sich nur mit einem gemeinsamen Komite abfinden wollte. Die komplizierte Frage ist nur zu einem sehr kleinen Teile erschöpft worden und sie wird immer wieder auf der Tagesordnung stehen, sobald neue praktische Erfahrungen sich ansammeln. Heute besitzen wir nur sehr wenige in dieser Hinsicht Es traten zwar auf dieser Konferenz zwei Araber auf, von denen jeder mit einer Partei der Konferenz (Achduth Awodah und Poale-Zion) Verbindung hatte. Aber gerade in ihren Reden zeigte sich, daß bei ihnen die komplizierten Aufgaben eines internationalen Gewerkschaftsbundes in einem Lande wie Palästina noch gar nicht geahnt werden. Die Einheitsorganisation jüdischer und arabischer Arbeiter ist eine der wenigen Stellen, w0׳ heut mit der Verbindung der Nachbarnationen begonnen wird. Sie hat daher ein Interesse nicht nur für die Arbeiter, sondern für den ganzen Zionismus, der diese Fragen wird gründlich studieren müssen, sollen nicht lebenswichtige Entscheidungen dem Zufall oder der Konstellation einer Stunde überlassen bleiben. Und gerade heute, wo von großen Aktionen auf diesem Gebiete nicht die Rede sein kann, ist der Zeitpunkt für vorbereitende Erwägungen gegeben. So paradox es klingt — das größte Verdienst der Konferenz ist darin zu suchen, daß sie keine neue ״große Konzeption“ proklamiert hat. Sie hat sich damit begnügt, das Vergangene zu sichten, Verbesserungen einzuführen, sie hat gemeinsame Arbeitsmöglichkeiten für die überwältigende Mehrheit der Organisation geschaffen und damit den Weg freigemacht für das Kommende. Und es wäre — in Palästina — ein Leichtes gewesen, irgendeinen neuen großen Plan für die Konferenz zurechtzuzimmern, der die Gemüter für eine Zeit beschäftigt hätte. Man hat sich dieses Vergnügen versagt und statt dessen versucht, das bisher Gewordene zu stützen. Das ist ein großes Pius an Realpolitik. Freilich ist es mit einem ungeheuren Kraftaufwand erreicht worden. Die Konferenz hat wieder einmal gezeigt, daß man in Palästina — vielleicht im Zionismus? — Organisationsproblemen ziemlich machtlos gegeniibersteht. Im heißesten Sommermonat haben über zweihundert Delegierte mehr als zwei Wochen täglich fast fünfzehn Stunden (zusammen mit den Fraktionssitzungen) mit Verhandlungen verbracht. Und doch wäre ein Drittel der Zeit einfach durch Beseitigung der praktisch wertlosen und politisch ablenkenden Generaldebatte zu sparen gewesen. Aber ein vernünftiger Parlamentarismus ist nicht die Frucht weniger Jahre, vielleicht nicht die Frucht einer Generation. Und man muß sich wohl auch hier wie in allem in Palästina in Geduld fassen. Gerda Arlosoroff-Goldberg. Barlassina and antizionislische Propaganda Jerusalem, 1. August (J. T. A.) Wie die J. T. A. mitgeteilt hat, erschien in der katholischen Presse Englands und anderer Länder ein vom Lateinischen Patriarchen in Palästina, Msgr. Barlassina', gezeichneter Artikel, in welchem Besorgnisse im Hinblick auf das Anwachsen der zionistischen Bewegung und die Konsolidierung des jüdischen Aufbaus in Palästina geäußert worden sind. In dem Aufsatz wurde gesagt, daß die in der europäischen Zivilisation ausgebildeten jüdisehen Einwanderer neue Methoden einführen und überall das einheimische arabische, und so auch das katholische, Element zurückdrängen. Die katholischen Landarbeiter müssen den Boden verlassen, da sie der jüdischen Konkurrenz nicht gewachsen sind. Msgr. Barlassina teilt nun der P. T. A. mit, er habe den Aufsatz, der in seinem Namen veröffentlicht worden ist, nicht geschrieben und daß er seinem Inhalt und der Tatsache seiner Veröffentlichung fernstehe. Von der palästinensischen Arbeiterjugend Am 17. und 18. Juni fand in Rechoboth, in der Baracke der Arbeiterjugendkwuzah, eine Vollsitzung des Zentralkomitees der Arbeiterjugend -Organisation in Palästina statt. Zu der Sitzung kamen, neben der örtlichen Arbeiterschaft, große Scharen jugendlicher Arbeiter von Tel-Awiw, Petach-Tikwah, Nachlath-Jehuda, Ben Schemen zu Fuß. Im wesentlichen befaßten sich die Sitzungen mit den Forderungen der Arbeiterjugend an die dritte Konferenz der Allgemeinen Jüdischen Arbeiterorganisation, die am 5. Juli in Tel-Awiw eröffnet wurde. Die Konferenz stellte ferner Forderungen für das demnächst von der Regierung zu veröffentlichende Arbeiterjugendge setz auf. Die organisierte Arbeiterschaft müsse fordern, für Kinder unter 14 Jahren die Arbeit zu verbieten. Außerdem muß die Arbeiterjugend ein Gesetz fordern, das die obligatorische Schulpflicht für alle Kinder festsetzt. Großen Raum nahm in den Beratungen das Problem fachlicher Ausbildung ein. Unter anderem schlug die Konferenz vor, daß man mit Hilfe der Unterstützungsgelder, die arbeitslose Jugendliche erhalten, im Arbeiterjugenddorf in Ben Schemen Fachwerkstätten eröffne. Die jüdische Kolonisation in Rußland Dr. S c h a p i r o aus Moskau, der seit Jahrzehnten im Dienste des sozialen Hilfswerks und der Kultur- und Er- Ziehungstätigkeit unter den Juden Rußlands steht und dem Zentralkomitee der Gesellschaft ORT in Rußland als unparteiisches Mitglied angehört, hat dieser Tage in Berlin auf Einladung des Joint vor einem größeren Kreise gesprochen und u. a. ausgeführt: Die Bewegung zur Landansiedlung sei unter den Juden elementar entstanden, der zur Verfügung stehende Boden und das Kapital reichen bei weitem nicht hin, um alle Siedlungswilligen zu befriedigen. Es hat sich die Lage so normiert, daß jährlich etwa 5000 Familien angesiedelt werden können. Man ist ständig auf der Suche nach neuem Boden. So hofft man z. B., im Gebiet des Asovschen Meeres Boden für 10000 jüdische Familien urbar machen zu können. Die früher Angesiedelten sind bereits in der Lage, die ihnen gewährten Vorschüsse zurückzuzahlen, und sie nehmen es sehr ernst mit dieser Rückzahlung,' deren Ertrag die Ansiedlung weiterer Juden ermöglichen soll. Statt ein solches Werk zu hemmen, sollten die Juden in allen Ländern es mit allen Kräften fördern, da vielleicht in Zukunft eine solche Gelegenheit nicht wiederkehren wird. An die Ausführungen Dr. Schapiros schloß sich eine lebhafte Diskussion, an der die Herren Klinoff, Dr. J. Brutzkus, Prof. B. Brutzkus, Feinleib, Prof. Frankfurt, der Schriftsteller Tscharni und Dr. E. Tscherikover teilnahmen. ״Jadenblut ist billig“ Unter der Ueberschrift ״Judenblut ist billig“ veröffentlicht die ״Welt am Montag“ die folgende Zuschrift aus Baden: ״Ein Stabsoffizier der badischen Nationalsozialisten des Namens R. Wagner, Kaufmann aus Durlach, rassenechtes Hitlerblut, hielt im vorigen Jahr in Freiburg eine Versammlung ab. Sein Vortrag endete mit der Aufforderung zu einem operativen Eingriff in den kranken Volkskönper: ״Das Judengesindel gehört an die Wand gestellt!“ Darauf wurde der Antisemitenbandenchef vors Gericht gestellt und hat nun auch nach dem Urteil zweiter Instanz wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten 100 M. auf den Altar der ״Judenrepublik“ zu opfern.“ Von der Magdeburger Theateraussteilung Die Magdeburger Theaterausstellung enthält auch manche Einzelheiten von jüdischem Interesse. In der historischen Abteilung sehen wir eine Ankündigung des ״En gellä ndischen Bickeihärings“, welcher jetzt und als vornehmer Kaufherr und JubiTierer mit Judenspießen auf die Frankfurter Mess zeucht“. Bickeihäring ist niemand anders als der bekannte Hanswurst und ״engelländischer Bickelhäring“, weil die gleichnamige Komödie das Zugstück dpr englischen Komödianten war; denn zu dieser Zeit, es war das Jahr 1621, versorgten englische Theater-Truppen die deutschen Städte mit Tneaterfreuden. Und diese Truppen haben nicht allein sehr bald deutsch gelernt, sondern flochten in bemerkenswerter Weise freimütige Kritik der politischen und gesellschaftlichen Lage ein, wie es z. B. gerade diese vorliegende Ankündigung beweist. Die Judenspieße sind nämlich nicht nur gewöhnliches Kriegswerkzeug, sondern Spitzen, die nicht nur die Juden treffen, vielmehr kreuz und quer stechen in alles was faul ist. Zum Beispiel heißt es in der folgenden Gebrauchsanweisung: ״Dieselb zum Stich man brauchen kann, egen den armen Handwerksmann, damit man ja nichts laß ahinden, das Mark ihm aus dem Bayn zu schinden.“ Die Juden kommen aber trotz der zeitgemäßen Derbheit sehr gut weg. Nicht allein, daß Bickeihäring ihnen zutraut, daß sie sich ihrer Haut wehren, — ״denn mancher Jud der ist sehr grob!“ — Bickeihäring sagt auch, daß man die Eigenschaften, die man bei den Juden als schlecht schilt, in ganz dem selben Maß bei den ״andern Juden“ findet, die nur den Vorzug haben, daß sie zu der Zeit, wo alle Juden sich zum Sabbath ins Ghetto einschließen, die Schinken und Bratwürste der Messe essen dürfen. — Das kulturell Aufschlußreiche liegt aber gerade in diesem offenkundigen Wohlwollen des Bickelhärings. Es scheint ganz unzweideutig zu besagen, daß die Juden auch in der so drückenden Zeit des Mittelalters für außerhalb des Ghettos geschehende kulturellen Begebenheiten Interesse hatten und insbesondere für das Theater, über dessen ziemlich ausgedehnte Pflege im Ghetto Schippers 1926 erschienenes Buch Aufschluß gibt. Die Ausstellung, die sonst über mittelalterliche Theaterpflege sehr instruktives Material zusammengebracht hat — Modellnachbildungen ׳ alter Passionsbühnen oder Zeugnisse in Holzschnitten, alten Stichen und Oelbildern — ignoriert gerade diese Bühnen, obwohl bei den zahlreichen Narrenbildern der Komödia del Arte — z. B. bei dem Modell der Landshuter Narrentreppe auf Schloß Trausnitz Gelegenheit gewesen wäre, auch aer ״jüdischen Narren“ zu gedenken. ln der Folgezeit finden wir Juden erst bei den großen Schauspielern des Burgtheaters (Wonnenthal!) vertreten, weiter treten jüdische Theaterleute wie Brahm und Reinhardt, ganz abgesehen von vielen Schauspielern, hervor. Spezifisch j ü - d i s c h e Theaterleistung wie aie ״Habima“ fehlt. Die jüdische Kunst selbst ist überhauptt sehr spärlich da, aber immerhin doch vorhanden. Brodskys Aquarell des Szenenbildes der ״alten Kasche“, hier genannt ״die ewige Frage“, ruft Erinnerungen an den ״Blauen Vogel“ wach. Außer Brodskys Szenenbild sah man nur noch in der sehr wertvollen Marionettenabteilung die flächigen Puppen der ״biblischen Puppenspiele“ von Käthe Baer-Fr eier. Auf die Puppen wurde an dieser Stelle schon hingewiesen. Jüdischer Kunst und jüdischen Künstlern begegnet man in der ״Kunstausstellung“. Hier zeigt sich Ernst Op p ler als feinfühliger Nachschöpfer gegenwärtiger Schauspielkunst. Hier begegnet man Julius Bab in einer Zeichnung von Erna Plachte und Alexander Opp ler zeichnet eine energische, schneidend klare Kortnercharakter i s t i k. Hier findet man auch Emst Deutsch in einem Litho von Krauskopf und Jessner und Reinhardt auf einem Blatt von Orllk. Bühnenmodelle von Jessner-Inszenierungen zeigt die Koje der Staatstheater. Den verstorbenen Josef Schwarz Bewahrt ein Gemälde Max Oppenheimers. Alle jüdischen Künstler zu nennen, die bei dem gegenwärtigen Theater als schöpferische Kräfte dienen, Ist auch bei der Magdeburger Ausstellung nicht möglich. Auch K a h a n es Kopf tauchte als Zeichnung irgendwo herumgeisternd so plötzlich auf und unter wie beim Deutschen Theater. Im Bühnenbild, als Regisseure, Schauspieler, Bühnen- Ieiter gibt es in Berlin und in der Provinz und vielleicht auch an deutschen und mehr noch an nicht-deutschen Bühnen des Auslandes ungezählte jüdische Künstler von Namen und Qualität. Die jüdische Theaterlust ist seit der Zeit des Ghettos nicht geringer geworden. Ruth Morold. Soeben erschien der bereits traditionelle Taschenka len der des Keren Kajemeth Leisrael für das Jahr 5688. Der Kalender erscheint in diesem Jahre in einer Auflage von über 500000 Exemplaren in folgenden Sprachen: Hebräisch, jiddisch, englisch, deutsch, französisch, polnisch, ungarisch, arabisch, spaniolisch, holländisch, rumänisch. Berichtigung. Der Vorname des vor kurzem verstorbenen Dr. weTlisch lautet nicht, wie irtümlich in Nr. 57 der ״J. R." angegeben war, Dr. Robert Wellisch, sondern Dr. Soma Wellisch. Druckfehlerberichtigung. In dem Interview mit Sokolow, in Nr. 61 der ״J. R.“ 1. Seite 2. Spalte, Zeile 30 von oben muß es anstatt ״Es gibt heute wirklich schon etwas wie eine Rückwanderung Palästinas auf das Galuth“ richtig heißen: ״.Rückwirkung Palästinas auf das Galuth.“ Hebräische Lehranstalt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Ab Dienstag, den 9. August wird der Unterricht in sämtlichen Klassen wieder aufgenommen. Besonders Vorgeschrittene können sich an folgenden Kursen beteiligen: a) Bibel (Die kleinen Propheten): Donnerstag, 7—8,30 Uhr abends, b) Mischna: Donnerstag, 8,30—10 Uhr abends, c) Raschikommentar zum Pentateuch: Donnerstag, 9—10 Uhr abends, d) Uebersetzungsübungen: Dienstag, 7—8 Uhr abends, e) Neue Literatur: Dienstag, 8—10 Uhr abends. Sprechstunde: Montag, 6,30—7,30 Uhr abends und Donnerstag, 6—7 Uhr abends in der Hebr. Lehranstalt, Große Hamburger Str. 27. Telephomscher Anruf: Uhland 8111. N. Berggrün, Grunewald, Alte Allee 7. Sport Bar Kochba, Berlin. Am Sonntag, den 31. Juli, nahm der Bar Kochba an dem Sportfest in Bernau teil, an dem sich die beste Berliner Klasse beteiligte, und konnte verschiedene schöne Erfolge erzielen. Besonders hervorgehoben ist das 3000-m-Laufen, das alle drei Bar Kochbaner auf den ersten drei Plätzen sah. Katz siegte vor Bergmann und Cohen mit 20 bzw. 40 m Vorsprung, so daß das Mannschaftslaufen mit dem bestmöglichen Ergebnis von 6 Punkten gewonnen wurde. Sehr bemerkenswert ist auch der Sieg der 4 X 100 m Damenstaffel in der für die schlechte Bahn guten Zeit von 56 Sek. Die 10-Rundenstaffel (5 Jugendliche, 5 Männer) sah zuerst bei den Jugendlichen den Bar Kochba an 3. Stelle, der erste Mann aber, Treumann, brachte den Bar Kochba an die Spitze, dje er dann auch überlegen halten konnte. Kraus wurde im 800-m-Laufen für B-Vereme erster, Kurz 11 im Weit- Sprung zweiter mit 6,47 m. In der 4 X 100 m Staffel und der Olympischen Staffel wurde der Bar Kochba jedesmal hinter D.S.C. und Zehlendorf dritter.

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