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Jüdische Rundschau · 1927-07-15 · Heft 56 (15.7.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 56 (15.7.1927)
Date
1927-07-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 0,30 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, Meinekeatraße 10. Erscheint 1 A 1.» 1r u jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition 1 Anzeigen - V erwaltung monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. 1 JüdineheRundschau G.m.b.IL,BerlinW15,Meinekestr.10 Ausland.abonnement« werden m der Wihranä der eimeinen Linder berechne«. 1 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon s Bismarck 7165- 70, Postscheckkonto! Berlin Nr. 17 392 , Für Oesterreich! Poatsparkassen&mt Wien, Konto Nr. 156 030t .י Für Tschechoslowakei 1 ro stsparksssenamt Frag, Konto Nr. 59 4!0l Für Polen: Postsparkassenamt Warschau, Konto Nr. 190 708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 56 I Berlin* 15* VII■ 1927 1 Anreigetischlufl: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. ט״ו תמוז׳ תרס״ז | xxxn. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer dWewtllch«rechtlich peslchertew Heimstätte Iw Dallstlne. ,,Baseler Programm.»« in Zahlreiche Tote und Verwundete — Kein Jude getötet — Die jüdischen Siedlungen verschont — Großer Sachschaden Wie schon die Tagesblätter berichteten, wurde am 11. d. M״ nachmittags 3 Uhr, Palästina von einem schweren Erdbeben heimgesucht, dem zahlreiche Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Der zionistischen Welt hat sich schon nach den ersten Nachrichten begreiflicherweise eine große Erregung bemächtigt und unsere Redaktion sowie das Zionistische Büro in Berlin wurden am Dienstag den ganzen Tag von hunderten telephonischen Anfragen aus Berlin, der deutschen Provinz, ja auch aus Warschau, Riga usw. bestürmt. Unsere Dienstag-Ausgabe war bereits erschienen, ehe die Nachrichten aus Jerusalem eintrafen. Insbesondere haben selbstverständlich diejenigen unserer Freunde, die selbst Angehörige in Palästina haben, nach weiteren Einzelheiten und den Namen der Verunglückten geforscht. Wir konnten den meisten Fragern insofern beruhigende Auskunft geben, als uns die Meldung vorlag, daß kein Jude unter den Opfern der Katastrophe ist. Wir geben nachstehend nochmals zusammenlassend die Nachrichten wieder, die sich zum Teil mit den Berichten der Tagesblätter decken. Jerusalem, 12. Juli. Das Erdbeben begann am Nachmittag 3,05 Uhr und bewegte sich von Norden nach Süden. In den jüdischen Siedlungen in Judäa, im Emek-Jesreel und In Galiläa ist keinerlei Schaden angerichtet worden. In Tel-Awiw und Safed erfolgten nur kleine Beschädigungen an Häusern. In Tiberias wurden 12 Häuser völlig zerstört und einige Personen verletzt. In Jerusalem gab es 10—20 Tote und eine größere Anzahl Verletzter. Ferner wurden ■ hier einige Häuser, hauptsächlich in der Altstadt, be* schweren Schaden erlitt das Chemische inst(־ tut und das Gebäude der judaistischen Fakuitf t der Hebräischen Universität. Der Sachschaden an diesem Gebäude wird auf £ 3000 geschätzt Den hauptsächlichsten Schaden richtete das Erdbeben in Lydda, Ramleh, Jericho und Nablus (Sichern) an. In Lydda wurden 7 Personen getötet,!0 verletzt. In Ramleh gab es 12 Tote und 40 Verletzte. In Jericho wurden durch den Einsturz eines Hotels 9 Personen getötet. In Nablus gab es 20 Tote und 250 Verletzte. Außerdem wurden viele arabische Orte vom Erdbeben heimgesucht. Die Zahl der Toten und Verletzten konnte bisher noch nicht endgültig festgestellt werden. Unter den Getöteten befindet sich kein Jude. Dem ersten Erdstoß ist kein weiterer gefolgt. London, 14. Juli. (Tel. d. ״J. R.“) Nach den heutigen Meldungen der ״Times“ beträgt die Zahl der Todesopfer in ganz Palästina westlich des Jordan 100, die Zahl der Verletzten etwa 1000. Unter den Opfern ist kein Jude. In Transjordanien wurde beträchtlicher Schaden angerichtet. Ueber den jüdischen Sachschaden wird uns noch gemeldet: In dem jüdischen Wohnviertel Rechawia in Jerusalem wurden mehrere Gebäude beschädigt Menschen wurden da bei nicht verletzt. Audi in der Jerusalemer Altstadt haben mehrere jüdische Häuser Zerstörungen aufzuweisen. Außer der Synagoge Beth El in Jerusalem ist auch in Tiberias eine Synagoge zerstört worden. Die ita meldet ferner: In Jerusalem selbst zählt man 26 Tote und 30 Schwerverletzte. Die Gebäude der Hebräischen Universität wurden schwer beschädigt; die Häuser des Judaistischen und des Chemischen Instituts sind zum Teil eingestürzt, das Studienmaterial ist vernichtet; der Gesamtschaden wird auf mehrere tausend Pfund geschätzt. Die Vorlesungen werden in ein Gebäude der inneren Stadt verlegt. * Der Korrespondent des ״Berliner T a g e b I a 11“ telegraphiert am 13. d. M.: Heute lagen bei der Regierung die ersten authentisehen Berichte von zehn Plätzen über das Erdbebenunglück vor. Danach erhöhen sich die Ziffern der Todesopfer bereits auf 147, die der Verletzten auf 454. Die Berichte gehen nur sehr langsam ein. Erst morgen dürften genauere Nachrichten zu erwarten sein. Die ärgsten Verheerungen sind in Sichern angerichtet worden, wo nach Angaben der von dort eintreffenden Autoreisenden die halbe Stadt zerstört ist. In Sichern sind bisher 50 Tote und 250 Verletzte festgestellt worden. Schwere Verwüstungen hat auch Lud zu verzeichnen, der Knotenpunkt der Bahnlinien Aegypten—Haifa und Jerusalem—Jaffa. Nach den bisherigen Feststellungen sind dort 30 Häuser eingestürzt; 30 Tote und 70 Verletzte sind zu beklagen. In Jerusalem Ist die Zahl der Verwundeten auf 38 gestiegen. Wie durch ein Wunder hatten die Insassen der meisten betroffenen Häuser, vor allem der Schulen und der Universität, die Räume kurz vor Beginn des Erdbebens verlassen. Nur so ist die verhältnismäßig geringe Zahl der Opfer erklärbar. Die als Residenz des Oberkoramissars dienende Augusta-Viktoria-Stiftung, eines der größten deutsehen Gebäude im Nahen Osten, wurde derart schwer beschädigt, daß Einsturzgefahr besteht. Die in der Nähe gelegene Hebräische Universität, ein alter Bau, in dem das Mikrobiologische und das Chemische Institut untergebracht sind, ist ebenfalls vom Einsturz bedroht. Die Universitätswerkstätten sind völlig zerstört, der Neubau ist nur leicht beschädigt. Der Hauptstoß erfolgte auf dem zum Glück nur wenig bebauten Rtssenplatz, wo die russische Kathedrale schwer betroffen ist. Durchweg haben besonders die alten Häuser arabischer Bauart gelitten, während die neuen nur leichtere Schäden davongetragen haben. Die Bevölkerung benahm sich nach der ersten Aufregung ganz ruhig, der Verkehr ging sofort normal weiter. Die Nacht verbrachten viele im Freien, da allgemein eine Wiederholung der Erdstöße erwartet wurde. Europäer sind, soweit festgestellt wurde, nicht unter den Todesopfern. In den jüdischen Kolonien sind keinerlei ernste Schäden und kein Opfer an Menschenleben zu beklagen. Aus Transjordanien liegen keine Nachrichten vor, doch ist an die protestantische Gemeinde ein Hilferuf aus Aman gelangt. Die Gemeinde entsandte ein Auto mit Krankenschwestern. * ' In Abwehr einer .M! daß %ttÄÜ'*8ieIi im Leitartkel desselben tlätfes am 14 d. M. u. ״Trotz der großen Schäden, die hier und in den anderen Städten Palästinas angerichtet wurden, kann man sagen, daß das Erdbeben, entgegen den ersten Meldungen, die den Umfang der Katastrophe nicht übersehen konnten, für das Wirtschaftsleben Palästinas ziemlich belanglos geblieben ist. Die Katastrophe spielte sich anwirtschaftlichenRandgebieten ab, die weder für die Industrie, noch für die Kolonisation, noch für den Geldverkehr wesentlichere Bedeutung gehabt haben; die europäischen Siedlungszentren sind völlig verschont geblieben, und der Sachschaden übersteigt nicht die Leistungsfähigkeit der Palästina-Regierung, die im letzten Wirtschaftsjahre neuerlich einen Budget-Ueberschuß von 10 Millionen Mark gehabt hat. Es dürfte sicher keine Rede davon sein, daß zur Deckung der Schäden des Erdbebens eine Hilfeleistung Englands oder englischer Bankkreise in Frage gezogen wird. Eine Neuaufnahme von Kapital kommt um so weniger in Betracht, als die Anleihe von 4500 000 Pfund, die England der Palästina-Regierung in Anbetracht deren ständiger Ueberschüsse bewilligt hat, noch in den Kassen des Kolonialamtes ruht, ohne daß ein Penny davon ausgegeben wurde. Das Erdbeben war eine lokale Katastrophe von drei oder vier arabischen Städten; es war die größte derartige Katastrophe Palästinas seit Jahrhunderten, aber sie hat mehr Bedeutung angesichts der schweren Menschenopfer, die sie in Nablus, Aman und Ramleh gefordert hat, als durch die wirtschaftlichen Schäden, die sie dem Lande bereitet hat.‘׳ Die Lage in Nablus WTB. verbreitet folgende Schilderung: Die vom Erdbeben heimgesuchte Stadt Nablus bietet ein furchtbares Bild der Zerstörung. Die Stadt gleicht einer Trümmerstätte; viele Häuser sind gänzlich zusammengestürzt, andere scheinen wie durch ein Wunder zusammengehalten, kein einziges Haus ist ganz verschont geblieben. Die Geschäftsstraßen sind verödet, nur hin und wieder tauchen verschüchterte Gestalten auf, die ihr« Kamele oder Esel mit dem etwa noch geretteten Hausrat beladen. Die Bevölkerung hat außerhalb der Stadt in Zelten eine notdürftige Unterkunft gefunden, wo die Leute in mitleiderregenden Gruppen zusammenhocken. Unter Leitung der englischen Polizei ist man inmitten der Einsturzgefahr an der Arbeit, um aus den Trümmern noch Verschüttete zu retten. Die Haltung der Toten zeigt, dab s"1e bei ihrer gewohnten Beschäftigung vom Tode überrascht worden sind. Nablus, das Sichern der Bibel, liegt etwa 60 km nördlieh von Jerusalem, auf der Wasserscheide zwischen dem Mittelmecr und dem Jordan. Es hat etwa 30 000 Einwohner und liegt in fruchtbarer Gegend. Die ״Vossische Zeitung“ meldet ferner aus London: In Na blus, wo man mit etwa 300 Toten rechnet, sind die Häuser der hoch gebauten Stadt wie Kartenhäuser zusammengestürzt. Sie haben beim Zusammenbruch nicht nur ihre Inwohner unter sich begraben, sondern die an den Abhängen der Berge gelegenen Hauser sind bei dem Beben als Ganzes einschließlich ihrer Insassen aut den Marktplatz hinuntergestürzt und haben dort im Absturz weitere Opfer gefordert. Nablus ist heute eine tote Stadt. Man weiß nicht, wieviele hundert Personen unter den Trümmern begraben liegen. Ausgrabungsarbeiten können nicht vorgenommen werden, da man den Einsturz weiterer Häuser befürchtet und annimmt, daß bei größeren Erdarbeiten auch Bergrutsche in Gang kommen könnten. In Maan, der früher zu Arabien gehörenden Grenzstadt Transjordaniens, sind sämtliche Häuser zerstört. An Stelle des blühenden Ortes ist nur noch ein großes, überfülltes Zeltlazarett mit Schwerverletzten und Sterbenden zu finden. Ein Augenzeuge des Erdbebens in Amman erzählt, daß dort Häuser vom Dach bis zum Erdgeschoß aufgerissen worden sind, und zwar vierstöckige Gebäude, die zusammenbrachen und ihre Bewohner unter sich begruben. Die Rettungsarbeiten zur Bergung der Toten werden fortgesetzt, und die Regierung hat einen besonderen Hilfsdienst eingerichtet und Lebensmittelzüge entsendet. Jerusalem kein Erdbebengebiet Die J.T. A. schreibt: Das Erdbeben könnte beim Laien den Glauben hervorrufen, daß Jerusalem in einem konstanten Erdbebengebiet liegt. Demgegenüber ist festzustellen, daß das jetzige Erdbeben in Palästina ein ganz neues Ereignis darstellt. Zum erstenmal wird ein Erdbeben in Palästina vom Propheten Arnos erwähnt. Dies betraf aber nicht Jerusalem, sondern das mittlere Galiläa. Abgesehen von dieser Anspielung ist in der älteren Geschichte kein Fall von Erdbeben in Palästina bekannt geworden. Erst im Jahre 1837 kam im Norden Galiläas ein starkes Beben vor, durch welches die Städte Safed und Tiberias vollkommen zerstört wurden. Jerusalem war damals von Erdbeben ganz verschont geblieben. * Berlin, 14. Juli. Noch sind die Schilderungen, die über die Kata- Strophe in Palästina hier eingetroffen sind, nicht ausführlich genug, daß man sich ein genaues Bild von dem Umfang des Unglücks machen könnte. Die letzten Tage Schreckens und 4er Erregung. NifuEgimiß St'üßffen Blfürchtungen entstehen, daß durch das Erdbeben das jüdische Aufbauwerk, die Hoffnung der jüdischen Naticfn, die mit so ungeheurem Aufwatjji menschlicher Arbeit und menschlichen Idealismus geschaffenen Siedlungen Schaden gelitten haben. Diese Befürchtungen wurden noch gesteigert durch die gewissenlosen Tatarennachrichten, die eine sensationslüsterne Presse ausgestreut hat. Manche Berliner Zeitungen hielten es für richtig, in fetten Ueberschriften ״Tausend Tote“ zu melden. Manche Zeitungen sprachen davon, daß die zionistischen Siedlungen so zerstört sind, daß die Siedler sich zur Abreise rüsten, wieder andere schreiben, daß keine Aussicht auf Wiederaufbau bestehe, da ״die Londoner City angesichts der verfehlten zionistischen Wirtschaftspolitik“ nicht bereit sei, weitere Kapitalien im Lande anzulegen. Solche Nachrichten beruhen natürlich auf einer völligen Verkennung und Mißdeutung der Situation. Wie wir oben melden, sind die jüdischen Siedlungsgebiete völlig verschont geblieben, ja es ist nach den uns zugekommenen Nachrichten bisher kein einziges jüdisches Todesopfer zu verzeichnen. Erweisen sich also die üblichen Uebertreibungen als unbegründet, so bleibt dennoch der Umfang der Kata- Strophe noch genügend groß. Es ist selbstverständlich, daß in solchen Fällen eine Solidarität der Landesbewohner besteht. Ueber die Rettungs- und Hilfsarbeiten liegen bisher noch keine genauen Nachrichten vor, aber wir glauben, daß hier eine Gelegenheit gegeben ist, wo die Zusammenarbeit aller Landesbewohner ohne Unterschied der Nationalität sich bewähren kann. Im Angesicht der überirdischen Gewalten, der Schrecken des Todes, die jeden in gleicher Weise bedrohen und die Preisgegebenheit der Kreatur empfinden lassen, bildet sich das Gefühl menschlicher Zusammengehörigkeit stärker als in den Reibungen des Alltags. In solchen Momenten, wo an die Menschlichkeit appelliert wird, haben Juden noch niemals versagt. Wir empfinden das tiefste Mitgefühl mit den Opfern der palästinensischen Katastrophe. Ob die durch das Erdbeben entstandenen Schäden unmittelbare Wirkungen auf die Wirtschaftsverhältnisse des Landes haben werden, ist noch nicht abzusehen. Zweifellos werden aus den zerstörten Gebieten im Ostjordanland und aus der Gegend von Nablus zahlreiche Obdachlose und Flüchtlinge der öffentlichen Fürsorge anheimfallen. Die Regierung wird Aufwendungen machen müssen, über deren Umfang natürlich noch keine Verinutung angestellt werden kann. Doch ist kaum anzunehmen, daß die akute Krise vergrößert wird, denn die Regierung verfügt bekanntlich über einen betrachtliehen Budgetuberschuß des letzten Jahres, und eine größere Arbeitslosigkeit dürfte unter den Arabern nicht

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