Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 55 (12.7.1927)
- Date
- 1927-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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/ Einzelnummer 0£5 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, MeinekeatraBe 10, Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Aufiandtabonaemeota «׳erden to der Wihruag der etaelaed Llader berechnet. Nummer 55 | Berlin, 12. VII. 1927 Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.lL, Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon; Amt Bismarck 7165—70. Km •lg enprejn 8 geepeJtNoopareilleieüe 040 G.-M. SteHeageracheO.25 G-M. AntdgeanchluB! Di es •tag and Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oaitemieti! Poataparkaaianamt Wien, Konto Nr. 154 030. Für Ticheehoslowakei: Poitrparkanenamt Prag. Konto Nr. 59 410. Für Polen: Postiparkaueoamt Warschau, Konto Nr. 190 708. RedaktionsschluB Sonntag und Mittwoch nachmittag. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer üffentllch - rechttlch gesicherten Heimstätte In Pallstlna. ״Baseler Programm.«« Aus den neugewählten Stadträten (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) AG., Tel-Awiw, den 29. Juni 1927. Langsam und mit einigen Schwierigkeiten beginnt sich die Maschine der neugewählten Munizipalitäten in Palästina in Gang zu setzen. Die verschiedenen Nationalitäten, Konfessionen und Parteien müssen zuerst miteinander Fühlung nehmen und die Absichten der Freunde und Gegner genauer kennenlernen, ehe der einzelne weiß, worauf er hinsteuern kann. Lieber den verhandelnden und streitenden Gruppen aber steht die Regierung, die die Macht hat, die Initiative der Stadträte nur soweit sich auswirken zu lassen, wie es ihr richtig erscheint. Unter diesen Umständen sind die ersten Sitzungen der Stadträte als versuchende und tastende Schritte zu werten. Die Konfliktsstoffe deuten sich bereits an und verursachen kleine Plänkeleien. Die gefährlichen Punkte liegen vor allem auf nationalem, in sehr viel kleinerem Maße auf sozialem Gebiet. In den gemischten Munizipalitäten — Jerusalem, Haifa, Jaffa — wurde von den Juden sofort nach dem Zusammentritt des Stadtrats die Forderung aufgestellt, die Sitzungen für die Presse zu öffnen, ein für das in türkischen Traditionen lebende Land revolutionärer Vorschlag. Er wird fast von allen Mitgliedern gestützt, denn auch die verschiedenen Gruppen der Araber sind daran interessiert, diese erste Position eines quasi demokratischen Systems so wichtig wie möglich zu gestalten, ihre Kompetenzen nach und nach zu erweitern und die Oeffentlichkeit mit der dort geleisteten oder projektierten Arbeit bekanntzumachen. Dennoch konnte diese Neuerung nicht durch bloßen Beschluß des Stadtrats eingeführt werden, da die letzte Entscheidung über die Zulassung von Pressevertretern der Regierung zusteht. So haben also die Stadträte ihren Entschluß der Regierung übermittelt, die sich jetzt dazu zu äußern hat. In Jaffa hat sich gleich zu Anfang ein Kampf um die offizielle Sprache der Sitzungen und der Protokolle entsponnen. In dem Reglement, daß einer der beiden jüdischen Vertreter der Müfiippalfit?ו» Abstimmung vorlegte, wird unter andere« -da |Äseh« *»ei da arabisch«?JekfisjfF vattngfc״״ Dagegen hat die extremistische Fraktion unter den Arabern, die Gruppe um Dcdjani, einen stürmischen Protest erhoben, der in dem Antrag gipfelte, in Jaffa nur eine Sprache, und zwar die arabische für den Stadtrat zu proklamieren. Die jüdischen Stadtverordneten haben ausgeführt, daß es sich hier Kein Lehrerstreik Wie der Ziko unter dem 8. d. M. aus Jerusalem telegraphiert wird, ist durch Verhandlungen zwischen der zionistischen Palästina-Exekutive und den Vertretern der Lehrerschaft der drohende Lehrerstreik verhindert worden. (Wie wir gemeldet haben, drohten die Lehrer am 8. d. M. wegen Nichtbezahlung der Gehälter seit Februar d. J. die Arbeit an den Schulen einzustellen. — A. d. R.) Die Konferenz der Hisfadrnth Jerusalem, 8. Juli (J. T. A.) Die gegenwärtig in Tel-Awiw tagende 3. Konferenz der Organisation jüdischer Arbeiter in Palästina (Histadruth Haowdim) zählt 201 Delegierte, die eine Mitgliedschaft von 22 837 vertreten, von denen mehr als 75 «/* an der Wahl der Delegierten teilnahmen. Die Mehrheit der Delegierten, 108, gehört der Arbeiterpartei ״Achduth Haawodah“ (Poale Zion), 54 gehören dem Hapoel Hazai'r, 14 dem linken Poale Zion, 8 dem Linken Block, 8 der Kwuzah-Liste, 4 der linken Opposition, 3 sind unparteisch und 2 Revisionisten. Auf dem Programm der Konferenz stehen Fragen der Arbeit im Lande und der zionistischen Bewegung, der Organisation und beruflichen Arbeit, der Arbeitergemeinscbaften und ihre Institutionen, der Kulturtätigkeit der Arbeiterschaft, Fragen landwirtschaftlicher Kolonisation, Verbindungen mit dem Auslande, der Beziehungen zu der arabischen Arbeiterschaft usw. Zwei arabische Arbeiterführer ergriffen auf der Konferenz im Namen der arabischen Arbeiter das Wort. Begrüßungsschreiben langten vom Hechaluz in Rußland und anderen auswärtigen Organisationen ein. B i a 1 i k hielt in der Eröffnungssitzung eine Ansprache. Einen breiten Raum in der Aussprache nimmt das Problem der Behebung der Arbeitslosigkeit ein. Ein Antrag der linken Poale Zion, jiddisch als Verhandlungssprache zuzulassen, wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Kein jüdischer Vize-Bürgermeister in Warsehan Warschau, 8. Juli. (J. T. A.) Die jüdische Fraktion im Warschauer Stadtrat hätte als die zweitgrößte das Recht, aus ihrer Mitte den Vizebürgermeister zu nominieren. Diese Nominierung war bereits erfolgt Jedoch die polnischen Fraktionen einigten sich darauf, einen Juden als Vizebürgermeister nicht zuzulassen und wählten einen Sozialdemokraten zum ersten Vizebürgermeister. Die jüdische Fraktion hat gegen diese Handlungsweise der Frakhonen formellen Protest erhoben. nicht um eine durch Majorität zu entscheidende Frage handeln könne, da es in Jaffa mehr als 1000 jüdische Steuerzahler gäbe und das Hebräische als offizielle Landessprache anerkannt sei. Ihre Gegner stellten darauf die Frage, ob man in der Munizipalität Tel-Awiw einen arabischen Sekretär unterhielte. Er erhielt die Antwort, daß man ihn einstellen würde, sobald die Stadt eine entsprechende Anzahl arabischer Steuerzahler aufwiese. Der Kampf der arabischen Nationalisten geht hier um einen verlorenen Posten. Es zeugt von einer schlechten Strategie, daß sie ihre Intransigenz — für die sie gewählt worden sind — auf eine Weise zeigen, die zwar von der Menge als Zeichen scharfer und unversöhnlicher Haltung genommen werden kann, aber dann sich als hohl erweisen muß. in Haifa, wo die Zulassung der Presse ähnlich erledigt wurde wie überall, gab die Frage der Organisierung städtischer Arbeiten Anlaß zu Komplikationen. Es sollen dort jetzt einige Straßenbauten unternommen werden, die die Arbeitslosen mit Ungeduld erwarten. Das Geld, das zu einem größeren Teil von den Besitzern der die Straßen einfassenden Parzellen, zu einem kleinern von der Regierung bereitgestellt wird, wurde von den (jüdischen) Besitzern unter der Voraussetzung versprochen, daß Juden beschäftigt werden. Innerhalb des Stadtrats wurde von arabischer Seite der Vorschlag gemacht, die Arbeiten als reguläre zu betrachten, d. h. dabei in der Hauptsache Araber zu beschäftigen, wie es sonst bei den städtischen Arbeiten üblich ist. Von jüdischer Seite wurde darauf hingewiesen, daß die Bodenbesitzer das Geld nicht geben werden, wenn nicht die Voraussetzung eines höheren Prozentsatzes jüdischer Arbeit erfüllt werde. Der Rat beschloß, der Regierung den Vorschlag zu machen, die Arbeiten einzuleiten und ein Arrangement zu treffen, wie die Einzelheiten zu regeln seien. Die Symptome der ersten Sitzungen weisen darauf hin, daß hier eine vorsichtige Politik geboten ist, soll ein vernünftiges Zusammenarbeiten zwischen den verschiedenen Konfessionen und Richtungen gesichert werden, wovon sowohl für ׳ ־ dir stillff•־*fitT*fiF'Üs ÄtlltiBs!'iriÄÄ־' den Nachbamationen viel abhängt. Die Politik in den Munizipalitäten ist gewissermaßen eine Uebungsschule für die größere politische Arena, in die wir früher oder später, wenn sich das demokratische System im Lande entwickelt, werden eintreten ן müssen. Paläsflnalrapa Im Unterhaus London, 6. Juli. (J.T.A.) Miss Lawrence (Arb.- Partei) richtete im Unterhaus an den Kolonienminister die Frage, ob er wisse, daß am 24. Juni anläßlich des Streiks in der Zündholzfabrik in Akko die Streikposten, unter ihnen 13 Mädchen, von der britischen Polizei verhaftet und mißhandelt wurden; ob er wisse, daß die Fabrikanten versucht hatten, mit den jüdischen Arbeitern auf der Basis der Preisgabe der Interessen der arabischen Arbeiter zu verhandeln und daß die Juden ein solches Ansinnen abgelehnt haben, woraufhin allen jüdischen Angestellten mit Entlassung gedroht wurde. — Minister Amery erwiderte, er habe keine Kenntnis von diesen Dingen und werde Informationen einholen. Colonel Wedgwood richtete an den Kolonienminister die Frage, ob der Minister die Versicherung abgeben könne, daß der Uebergang der palästinensischen Eisenbahn vom Suezkanal bis zur Grenze an eine andere Administration nur nach vorausgegangener Befragung des Unterhauses erfolgen könne, und ob die Palästinaregierung einen solchen Uebergang begünstigt Minister Amery erwiderte: Ich ergreife die Gelegenheit, um auf die Sinai-Militäreisenbahn zu verweisen, die außerhalb des palästinensischen Territoriums liegt und dennoch von der palästinensischen Eisenbahnadministration im Namen der britischen Regierung verwaltet wird. Ich bin nicht in der Lage, mich zu dem angeschnittenen Thema zu äußern; soweit ich unterrichtet bin, begünstigt die Palästina- Regierung einen Uebergang des bezüglichen Teils der Eisenbahn an eine andere Verwaltung nicht. Mir Ist nicht bekannt, ob solche Pläne bestehen. Ein Uebergang von Teilen der Palästina-Eisenbahn in ägyptische Verwaltung kann nur im Einverständnis beider Regierungen erfolgen; das Kolonienrninisterium gibt solche Anregungen nicht. Die Sdieheisammluns geht uieiler! Wir machen hierdurch wiederholt darauf aufmerksam, da& das Wahlrecht zum XV. Kongreh nur alle diejenigen haben, die sich mit einer auf ihren Namen lautenden Schekelquittung für 5687 legitimieren können und deren Schekel bis zu der Wahl in bar bei uns eingegangen ist. - Alle Schekelvertrauensmfinner werden dringend ersucht, auf diese Bestimmung genau zu achten und die ihnen für die Sammlung übersandten Schekelblocks rechtzeitig vor den Wahlen vollkommen mit uns abzurechnen. Zionlsllsäie VereinSgnng tflr Dentsailana Berlin W15, Mdnckesir. 10 Die Bedeutung der Obstkulturen für die Kolonisation Palästinas Von Prof. O. Warburg. In der letzten Zeit bricht sich in der Palästina behandelnden Literatur immer mehr die Ueberzcugung Bahn, daß der Schwerpunkt der Landwirtschaft daselbst nicht im Getreide- und Futterbau liege, sondern in den Pflanzungskulturen. Für die Fachleute war das freilich nichts Neues, aber wenn eine Idee in die große Masse dringt, wird sie naturgemäß einseitig übertrieben. Das ist hier auch der Fall, gehen doch sogar manche soweit, es als großen Fehler anzusehen, daß der Nationalfonds die Böden im Ernek Jesroel gekauft hat und die Mittel des Keren Hajessod hauptsächlich dazu verwendet werden, diese Landesstrecken zu besiedeln. Man vergißt hierbei ganz, daß man mit denselben Mitteln die zehnfache Fläche intensiv und die dreißigfache extensiv mit Feldfrüchten bewirtschaften kann wie mit Obstkulturen und die ersteren schon im 1. Jahre, die letzteren erst nach einer Reihe von Jahren Erträge geben. Dazu kommt, daß man bei Getreide- und Futterbau niemals Absatzschwierigkeiten hat, bei Obstbau aber der Markt erst langsam geschaffen und dauernd verteidigt werden muß. Die Inbesitznahme Palästinas ist an erster Stelle eine Bodenfrage, und daher ist das wuchtigste, möglichst große geschlossene Ländereien zu erwerben, wobei es belanglos ist, ob wir imstande sind, das Land alsbald in intensive Kultur überzuführen, oder ob wir es vorläufig nur ganz extensiv bearbeiten lassen. Diese Intensivierung läuft uns nicht weg, wohl aber das Land. Ich glaube daher, wir sollten dem Nationalfonds dankbar sein, daß er uns eine so große Fläche zusammenhängenden und dabei sehr fruchtbaren Bodens, wie es der Ernek Jesroel ist, erworben hat. fine andere Frage ist, ob in Zukunft der National- J&nds ' gteitlfallf׳ beb Kaufen ׳ se!Ä ״,'׳SäWtfgfewicht aut unbewässerbares Land legen soll, wie er es bisher tat. Es ist zwar klar, daß es von großer Wichtigkeit ist, den Besitz im Ernek zu arrondieren und soweit möglich, alles überhaupt mögliche Land dort zu erwerben, aber daneben sollte er auch größere bewässerbare Gebiete kaufen, die für intensive Pflanzungskultur in Betracht kommen. Die Mittel des Keren Hajessod sollten dagegen für die nächsten Jahre, nachdem die bisherigen Kolonien im Ernek vollständig ausgerüstet sein werden, nicht mehr dazu dienen, dort neue Kolonien zu gründen, sondern das evtl, neu erworbene Land sollte vorläufig nur äußerst extensiv ohne teste Bauten und Ställe, demnach auch ohne Milchwirtschaft, durch kleine Okkupationsgenossenschaften bewirtschaftet werden. Man würde dadurch Gelder frei bekommen, um größere Pflanzungskolonien zu gründen. Da sich hierzu zweifellos auch viele Siedler finden werden, die selbst über eigene Mittel verfügen, oder die sich solche leihweise von privaten Stellen zu verschaffen in der Lage sind, so würde diese Kolonisation bedeutend billiger werden als die der Ackerbaukolonien. Da viele dieser Siedler vorziehen werden, noch einige Jahre ihren bisherigen Berufen nachzugehen, bis die Pflanzungen zum Ertrag kommen, würde sich hierdurch auch die Möglichkeit bieten, zahlreiche vermögenslose Arbeiter zu beschäftigen, die dann gleichzeitig für sich kleine Parzellen bepflanzen könnten, um so gleichfalls allmählich dort seßhaft zu werden; der Nationalfonds müßte natürlich für solche Arbeitersiedlungen von vornherein genügendes Terrain in diesen neuen Kolonien reservieren. Wir kommen jetzt zu der wichtigen Frage, was von den Pflanzungen angebaut werden soll. Leider kennen wir bisher einzig nur die Orange als wirklich gesicherte Kultur. Die Furcht einer Ueberproduktion bei stark vermehrtem Anbau teile ich nicht, da der schnell zunehmende Weltkonsum nur dann befriedigt werden kann, wenn auch die Produktion stark vermehrt wird. Dazu kommt noch hinzu, daß unter Ueberproduktion fast stets nur die inferioren Sorten leiden, nicht eine Qualitäts* wäre, wie es die Jaffa-Orange glücklicherweise ist, und ferner, daß die Produktion Italiens kaum, die von Spanien nur noch wenig zunehmen kann, weil die brauchbaren Ländereien schon größtenteils von der Orangenkultur in Anspruch genommen sind. Ueberhaupt aber spielt die Produktion Palästinas trotz der zwei Millionen Kisten Jahresexport noch keine sehr wesentliche Rolle auf dem Weltmarkt, liefert doch allein Spanien die vierzehn- bis sechzehnfache Menge, so daß selbst eine Verdoppelung der Produktion Palästinas innerhalb zehn Jahren auf dem Weltmarkt sich kaum fühlbar machen wird. Schließlich sind gerade die Palästina nahe gelegenen Gebiete für den Orangenkonsum noch wenig erschlossen, und das riesige russische Reich ist äugenblicklich ja so gut wie gesperrt ln Osteuropa und dem