Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 51 (28.6.1927)
- Date
- 1927-06-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 JUEÖISCHE RUNDSCHAU Seite 3C7 Di« Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels London, 24.Juni (J.T.A.) An» 22. Juni wurde in London unter dem Präsidium von Claude O. Montefiore die Internationale Konferenz der jüdischen Gesellschaften zum Schutze der Frauen und Mädchen und zur Bekämpfung des Mädchenhandels eröffnet. Es wurde ein Präsidium gewählt, dem die Herren Edouard Oungre (Paris), Prof. Dr. M, Sobernheim (Berlin), Karl Klempner (Wien) und Julius Becker (Danzig) angehören. Arthur R. Moro, der Vizepräsident der Association, hielt ein eingehendes Referat darüber, welcher Fortschritt seit der Konferenz von 1910 in dem Schutz der jüdischen Mädchen und Frauen vor unsittlicher Ausbeutung erzielt worden ist. Es folgten die Berichte aus den einzelnen Ländern. Frau Dr. Paula Ohlendorf (Breslau) teilte mit, daß in Hamburg, Berlin, Köln und Breslau Schutzstationen für junge Mädchen bestehen. Man könne bezweifeln, ob wirklich die Juden unter den Mädchenhändlern eine große Rolle spielen. Die Hauptursache des IJebels ist in den wirtschaftlichen und sozialen Nöten Osteuropas zu suchen, Frau Teplicka (Lodz) berichtete über die Lage in Polen. Der Krieg hat die bösesten Instinkte geweckt, die Neigung zum Luxus gesteigert. In Lodz ist ein Sechstel aller Prostituierten Jüdinnen. Der Mädchenhandel wird durch die Duldung der sogenannten ״Stillen Chup“ (religiöser Eheschlub ohne standesamtliche Trauung) gefördert. Irgendein Jude von der Straße wird von dem Mädchenhändler veranlaßt, die religiöse Trauungszetemonie zwischen ihm und seinem Opfer zu vollziehen, das Mädchen in seiner Ahnungslosigkeit glaubt an die ehrlichen Absichten des ihr religiös anvertrauten Mannes und geht in die Schlinge. Ein zerstörender Faktor im jüdischen Familienleben sind die verschiedentlichen Einwanderungsein* Schränkungen, durch die eine Trennung־ von Familienmitgliedern bewirkt wird. Tausende von Frauen sind verhindert, zu ihren Männern zu kommen. Notwendig sei eine Zwangsregistrierung der religiösen Ehen und eine internationale Regelung zur Behebung der Famillentren* nung. — Die Sejmdeputierte Frau Dr. Melzer (Lemberg) forderte erzieherische und aufklärende Arbeit unter den Frauen und Mädchen des Ostens. — Dr. Lubinsky (Kowno) berichtete, daß infolge der Wirtschaftskrise in Litauen die Pro- *titution fortschreitet. Von etwa 1200 Prostituierten sind 241 (20 0/0) Jüdinnen. — Rabbiner Dr. FelixG o 1 d m an n (Leipzig), der im Namen des Deutschen Rabbinerverbandes sprach, führte aus, er glaube nicht an die Existenz eines speziell jüdischen Mädchenhandels, wenn auch in mehreren Fällen Juden als Mädchenhändler festgestellt wurden. Die Zahl der jüdischen Opfer sei im Verhältnis noch größer. Wenn von Schuld gesprachen werden soll, so liegt hier eine Gesa nitschuld der Welt vor, keineswegs aber irgendeine speziell jüdische Schuld. Es sei notwendig, das jüaisch-rfligiöse Gesetz betreffend die Agunoth zu reformieren. Prof. Dr. M. Sobernheim führte den Vorsitz in der dritten Sitzung, in der Frau Henry Moskowitz (New York) über die erfolgreiche Arbeit des Rates jüdischer Frauen in New York sprach. Rabbiner Dr. Hildesheimer (Berlin) führte aus, die großen rabbinischen Autoritäten des Ostens, wie ״Chofez Chaim“ u. a. verstehen die Lage der Agunoth, man könne aber ein religiöses Gesetz nicht brechen. Julius Becker (Danzig) referierte über Schaffung eines Zentralfonds für internationale jüdische Arbeit zum Schutze der Mädchen und Frauen. Miß Salomon (New York) gab der Ueber* zeugung Ausdruck, daß die amerikanische Judenheit freigebig den Fonds unterstützen werde. Jüdische Frauenkonlerenz tat London London, 21. Juni. (J.T.A.) Unter dem Vorsitz von Frau Model begann am 20. Juni in London eine Konferenz der Union jüdischer Frauen. Frau Model führte in der Eröffnungsansprache aus, die Konferenz habe darüber zu beraten, welche Rolle der jüdischen Frau im Rahmen der allgemeinen Frauenbewegung zufällt, und welche Haltung die Vertreterinnen der jüdischen Frauen auf allgemeinen Frauenkongressen einzu• nehmen haben. Obwohl die Union Nichtzionistinnen wie Zionistinnen in sich vereinigt — schloß die Vorsitzende — soll in dieser Konferenz den Zionistinnen Gelegenheit gegeben werden, über das Palästina von heute zu sprechen. Miß Carrie Wise von der Föderation jüdischer Frauenvereine New Yorks überbrachte die Grüße von 122 in dieser Föderation vereinigten Organisationen und schlug die Bildung einer Weltunion jüdischer Frauen vor. Frau Solomon, Vizepräsidentin des Nationalrates jüdischer Frauen Amerikas, überbrachte die Grüße ihrer Organisation. Die Sejmdeputierte, Frau Melzer, sprach im Namen der jüdischen Frauenvereine Polens, Frl. Pappenheim im Namen der jüdischen Frauenvereine Deutschlands, Frau Basht im Namen der jüdischen Frauen Südafrikas. Frau M. A. Spiel man sprach über die Politik der Union in Fragen außerhalb der jüdischen Gemeinde. Sie empfahl dringend die Teilnahme an sozialer, politischer und gesetzgeberischer Arbeit über den Rahmen der jüdischen Gemeindc hinaus. Miß Lucie Cohen sprach gegen die Ausdehnung der Arbeit der Union auf nichtjiidiscJhe Gebiete. Es entspann sich über diese Fragen eine lebhafte Diskussion. Zu einer Abstimmung kam cs nicht. Frau J. H. Hertz, die Gattin des Reichsrabbiners, führte während der Aussprache über Palästina den Vorsitz. Frau Eder skizzierte die Ergebnisse des jüdischen Aufbauwerks und die Rolle der Frau in der jüdischen Arbeit in Palästina. Frau Ir well referierte über die Tätigkeit des Weltverbandes Zionistischer Frauen (WiZO) und über die von diesem Verband in Palästina begründeten Schulfarmcn für Mädchen. — Lady HerbertSamucI, die Gattin des früheren Oberkommissars für Palästina, führte aus, die Union jüdischer Frauen könnte von einer Zusammenarbeit mit der WIZO viel lernen, die in Palästina ein Zentrum für Mutterschutz und Kinderwohlfahrt schafft. Frau Olicndorf, Berlin, überbrachte die Grüße von 55000 jüdischen Frauen, die im Verband der jüdischen Frauen Deutschlands organisiert sind. Palästinensische Kunst in Holland, Auf dem Wege des Wettbewerbs wurde dem bekannten, in Palästina ansässigen Maler, unserem Gesinnungsgenossen Ludwig Blum von dem holländischen Verlag J. B. Wolters in Haag-Groningen der ehrenvolle Auftrag zur Anfertigung von zwölf Bildern Palästinas für ein Mappenwerk erteilt. Blum hat bereits seine Arbeit beendet. Die Bilder erstrecken sich auf historische Stätten und charakteristische Panoramen und enthalten auch die Kolonie Kinereth in Untergaliläa. Die Re- Produktion erfolgt in Mehrfarbendruck. Das Mappenwerk wird auch als Anschauungsmaterial in holländischen Schulen Verwendung finden. Das Werk ist zurzeit in Vorbereitung und wird Ende dieses Jahres erscheinen. Thüringer Zionistische Gesellschaft. Sonntag, den 3 Juli, vormittags 10 Uhr, spricht im Gasthof der Brüdergemeinde Neudietendorf Herr Dr. Ernst Wollstein - Haifa über: ״Die Betätigung des privaten Kapitals in Palästina“ (Rückblick und Aussichten). — Am Nachmittag findet eine Aussprache über die thüringischen Gemeindefragen statt. Das einleitende Referat hält Herr Dr. S c h r a m m - Gotha. Berliner Kalender Büro: Berliner Zionistische Vereinigung, Berlin W 15, Meinekestr. 10. Telephon: Bltntsrek 7165—70. Postscheck* konto Nr. 37 830 Berlin NW 7. Kassenverwaltung der B. Z. V. Mittwoch, den 29. Juni abends 9 Uhr im Lehrervereinshaus, Alexanderstr. 41, Zionistische Kundgebung. Redner: Prof. Chaim Weizmann, Kurt Blumenfeld. Karten zum Preise von M, 2,—, 1,— und 0,50 erhältlich im Büro der B. Z. V., Meinekestr. 10, Bismarck 7165/70, an den Theaterkassen von Wertheim und Bote u. Bock und an der Abendkasse. Donnerstag, den 7. Juli abends 8V2 Uhr Erich-Rosenkranz-Bund, in der Wohnung von Dr. M. Ascher, Schöneberg, Hauptstr. 96. Dr. Ernst Wollstein, Haifa, über: ״Privatwirtscbaftliche Möglichkeiten im heutigen Palästina“. Alte Herren des K. J. V. als Gäste willkommen. Sonnabend, den 2. Juli abends 8>/נ Uhr* Jüd.-soziale Arbeiterorganisation Poale Zion, Ortsgruppe Berlin, in der Aula der Friedrich-Wcrderschen Oberrealschule, Weinmeisterstra ße 15: Oeffentüche Versammlung. Referenten: Alfred Berger, Dr. G. Lubinski: ״Der Kampf zum XV. ZionistenkongreB“. Freie Diskussion. Gäste herzlich willkommen. Jeden Mittwoch abends 9 Uhr im Gartenlokal Lips, Am Friedrichshain 16/23 (Brauerei Friedrichshain). Zusammenkunft der Gruppe Ost. Jeden Donnerstag abends 9 Uhr Zusammenkunft der Charlottenburger Zionisten im Cafö Kersten, Kurfüretendamm 90. Baompflanzangen in Palästina In Nummer 30 der ״Jüdischen Rundschau" gibt Herr Dr. Brünn eine Analyse aer Aussichten für Orangenpflanzungen in Palästina "(Mittelstandskolonisation in Palästina). Er berührt unter anderem an dieser Stelle die Prospekte des Misrad Kablani (erschienen in der ״Rundschau“ Nr. 31). Der Misrad Kablani gab in diesem Zusammenhang unserem palästinensischen Korrespondenten folgende Auskünfte: 1. Die Kosten für Boden und Brunnena n I a g e sind in den Prospekten des Misrad Kablani nicht angegeben, weil es keinen Durchschnittspreis für diese Aus* gaben gibt. Die Bodenpreise sind je nach Lage, Güte und Umständen sehr verschieden. Ebenso bestehen starke Schwan* kungen im Preis einer Installationsanlage, je nach der Tiefe, in aer sich das Wasser findet und je nachdem, ob es sich um einzelne oder gemeinsame Anlagen handelt. .Dort, wo zum Beispiel eine Bewässerung im Zusammenhang mit den Ruthenberg-Werken eingerichtet werden kann, stellt sich die Installation sehr viel billiger, als wenn eine eigene Bohrung unternommen werden muß. ln Anbetracht dieser Umstände ist es unmöglich, für Boden und Wasser allgemeine Kalku* iationen zu gebeg. Sie sind für jeden Fall besonders zu machen. 2. In den Berechnungen des Misrad Kablani sind als Durchschnittsertrag für den Dunam im zehnten Jahr 60 Kisten angegeben, während Brünn gegen 90 rechnet. Die Berechnungen des Misrad Kablani sind auf 42 Bädmen pro Dunam aufgebaut. (l!/2 Kisten pro Baum.) Es gibt jedoch auch Pflanzungen, die enger angelegt sind, so daß 60 Bäume auf einen Dunam kommen, dann erhöht sich die Durchschnittszahl der Kisten pro Dunam. 3. Zur Frage der Bananenpflanzungen. Die Prospekte des Misrad Kablani sind einfache Kostenaufstellungen, keine Propagandaschriften für die eine oder andere Pflanzungsart. was die Frage der Möglichkeiten für Ba* nanenpflanzungen betrifft, weist der Misrad auf d e Böden hin, die für Orangenbati nicht geeignet sind und daher für Wein und Bananen ausgenutzt werden müssen. Der innere Markt für Bananen sei nicht vollständig gesättigt und in der Eroberung des Außenmarktes können Versuche nur durch Anbau gemacht werden. In diesem Jahre wird von der Regierung der Versuch gemacht, palästinensische Bananen auf dem englischen Markte unterzubringen. Sic kauft im Lande ein bestimmtes Quantum von Bananen auf und gibt sie auf ihre Rechnung nach England weiter. Die Schädlinge, die heute die Bananenpflanzungen bedrohen, werden zurzeit in der Versuchs- Station der Zionistischen Organisation untersucht. In zwei Monaten werden die Resultate vorliegen. 4. Zur Frage der Versicherung von 10 0/0, die der Misrad Kablani in seine Kalkulationen eingestellt hat. Bei einer Kalkulation, die die Anlage einer Pflanzung betrifft, muß ein bestimmter Spielraum gegeben sein. Bei jeder Anlage gehen eine Anzahl von Pflänzlingen ein. Der Misrad Kablani setzt 10 ״« mehr an und verpflichtet sich dafür dem Auftraggeber gegenüber für volle durchweg angegangene Pflanzungen. Damit ist auch die Garantie des Misrad Kablani für die gute Behandlung der angelegten Pflanzungen berührt. Bei diesen Arbeiten wird ' ein Wechsel von Arbeitern von vornherein ausgeschlossen. Oft werden Aufträge direkt an bestimmte Gruppen übergeben, die sie von Anfang bis zu Ende aiisführen. Von Fachkräften steht dem Misrad Kablani vor allem die landwirtschaftliche Versuchs- Station zur Seite, ebenso der Jüdische Nationalfond» und die landwirtschaftliche Abteilung der Exekutive. Der Misrad weist darauf hin, daß seine Kalkulationen in keiner Beziehung Propaganda für einen bestimmten Pflanzungszweig darstellen. Er stellt in dieser Beziehung durchaus neutral. . Zum Schlüsse wird darauf hingewiesen, daß der Misrad besonders interessiert ist an der Zusammenarbeit mit Gesellschäften mit konzentriertem Kapital, wie es zum Beispiel durch die Gesellschaft von Brünn dargestellt wird. Denn er sieht in dieser Art von konzentrierter Arbeit auf einer breiten Basis eine wichtige Garantie für eine geordnete und gründliche Tätigkeit, die für die Entwicklung von großer Wichtigkeit ist. Jostizrat Makflwcr Mrückflelreten Wie wir erfahren, hat Justizrat Felix Mako wer seine Aemter als Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde und als Mitglied des Engeren Rates des Preußischen Landesverbandes niedergelegt. Makower, der der liberalen Fraktion angehört, war Schuldezernent der Gemeinde und spielte im Rat des Landesverbandes eine führende Rolle. Er gab für seinen Schritt Gründe familiärer Natur an. Nene Formen der Palästina-Touristik P?* Problem, eine Reise nach Palästina zu organisieren, he* genügender Bequemlichkeit und ausreichender Zeit das Wichtigste im Lande zu sehen, dennoch einen Preis hat, der sich in der Grenze unter 1000 Rm. hält, wurde schon seit langem von allen Freunden der Palästina-Touristik erörtert Seine Durchführung scheiterte jedoch immer vor allem an den hohen Preisen der Schiffsreisen, selbst dann, wenn man z. B. die Unbequemlichkeiten niedriger Klassen auf dem Schiff tu den Kauf nehmen wollte. Um so interessanter ist ein Versuch, der im Frühjahr nächsten Jahres zum ersten Male von einer großen deutschen Reederei, einem großen deutschen Reisebüro und dem Palestine Lloyd Jerusalem*) durchgeführt wird. Ein großer Einklassen• Amerikadampfer wird einmal im April und einmal im Mai mit je 1500 Passagieren von Genua nach Palästina und Aegypten fahren. Alle Reisenden auf dem Schiff genießen gemäß seinem Typ die gleichen Bequemlichkeiten in bezug auf Verpflegung, Aufenthaltsräume usw. Preisunterschiede werden nur hinsiehtlieh der Größe und Lage der Kabine gemacht und schwanken zwischen »0 und 450 Rm. für die Hin- und Rückreise. Gleich* zeitig wird in Palästina und Aegypten eine Landreise organisiert, an der teilzunehmen den einzelnen Reisenden frei gestellt ist. Auch die Kosten dieser Landreise sind mit ungefähr 230 Rm. für einen fünftägigen Aufenthalt in Palästina und einem zwei- bis dreitägigen Aufenthalt in Aegypten sehr niedrig berechnet. Die Organisation der Reise sieht vor, daß die große Beteiligungszanl nicht dem Einzelnen die Möglichkeit nimmt, sich Palästina einigermaßen gründlich anzusehen. Zunächst werden überhaupt nur die Hälfte der Reisendet» in Haifa ausgebootet, die andere Hälfte fährt nach Aegypten weiter und bleibt dort zunächst ca. zwei Tage, führt dann nach Palästina mit dem Dampfer zurück, der dann die Passagiere umtauscht. Weiterhin werden im Lande selbst kleine Gruppen unter geeigneter Führung gebildet werden, und es bestehen bereits jetzt Pläne, besondere Interessentengruppen (Vereine, Ortsgruppen, Freunde usw.) zusammenzuschließen. Denjenigen, denen ein fünftägiger Aufenthalt in Palästina nicht ausreicht, steht es frei, auf Aegypten zu verzichten und sich die ganze Zeit in Palästina aufzuhalten. Selbstverständlich reicht auch eine Zeit von ca. acht Tagen nicht aus, um Palästina und unsere Kolonisation dort wirklich zu studieren. Aber nur einem geringen Teil unserer Gesinnungsgenossen liegt ja an einem so ganz exaktem Studium. Die Möglichkeit jedoch, im Verlaufe dieser Zeit einen tiefen Eindruck vom Lande zu erhalten, besteht durchaus, und wird durch Benutzung sachkundiger Führung natürlich wesentlieh erhöht. Insgesamt stellt diese Palästinareise eine Form des Reisens dar, die sich eigentlich auf der ganzen Welt immer mehr einznbürgem beginnt: Reisen in ferne Länder nicht nur als Luxus einer dünnen Oberschicht, sondern als Erholung und Freude für breite Schichten des Mittelstandes. Für uns Zionisten haben diese Reisen eine doppelte Bedeutung. Sie geben einer großen Zahl unserer Gesinnungsgenossen die Möglichkeit, selbst nach Palästina zu kommen und schaffen einen großen Kreis derer, die Palästina einmal gesehen haben und denen unsere Worte und Schriften keine leeren Begriffe, sondern lebendige Anschauungen sind. Jüdische Jagend Eine Erwiderung. Es ist immer ״billig“, einer Kritik vom werfen, sie enthalte ״halbe Wahrheiten“, wenn man nicht mit den ״ganzen“ herausrückt. Von denen habe ich jedoch leider trotz heißen Bemühens in Hubert Pollacks Bemerkungen in Nr. 45/46 der ״J. R." zu meiner ״Büßpredigt“ nichts entdecken können. Ich lasse allerdings dahingestellt sein, ob das anderen möglich war, die mehr ״Geist“ und weniger ״Intellekt“ besitzen. Herr Pollack knüpft an die etwas arrogante Frage: ״Was soll das?“ eine Polemik gegen gewisse Auswüchse des Literaten- und Politikertums unserer Tage an, der ich durchaus zustimme, die ich aber im Zusammenhang mit meinen Darlegungen nicht begreife. Es wird mir gewiß niemand die Geschmacklosigkeit Zutrauen, für derartige Dinge irgendwie Propaganda treiben zu wollen. Eine Arbeit an der zionistischen Ideologie, die ich für eine Lebensnotwendigkeit der Bewegung halte, würde — für mich wenigstens — mehr als ״Geschwätz“ b»deuten. Wenn Herr Pollack jedoch fragt, ob ich die Jugend etwa ״durch Wor te“ zur Selbstbesinnung rufen mochte, so erwidere ich mit einem schüchternen ״J a“; denn andere Ausdrucksmittel stehen mir nicht zur Verfügung. Für den Satz Pollacks: ״Uns fehlt nicht der Intellekt, sondern das Pathos“, der in augenfälligem Widerspruch zu seiner Polemik steht, geht mir jedes Verständnis ab. Und in einem ״Sich Einsetzen jedes Einzelnen“ und anderen schönen Dingen vermag ich das Heil nicht zu erblicken. Ich hatte es vielmehr für ein Zeichen von Armut, wenn Herr Pollack meint, in unserer bewegten Zeit, zu der selbst die ״besten Köpfe Europas“ kein rechtes Verhältnis gewinnen könnten, dürfte niemand der zionistischen Jugend eine allzuweit gehende ״Skepsis“ jeder Ideologie gegenüber vorwerfen. Wann hätte je eine lebensvolle Jugend sich durch Autoritäten davon abhalten lassen, für ihre Ideen zu kämpfen oder ihren ״Glauben“ zu vertiefen? Es wäre traurig, wenn man auch an uns die Frage jenes geistvollen Spötters richten könnte: ״Worauf seid ihr eigentlich so bescheiden?“ Bruno Minz. Die Kinderand Jogendstedlmig Ben-Schemen Der soeben erschienene illustrierte erste Jahresbericht der jüdischen Waisenhilfe E, V,, ״Gesellschaft zur Förderung der Erziehung jüdischer Waisenkinder zu produktiver Arbeit“ schildert in Wort und BiW die im Entstehen begriffene Waisenkolonie Ben Schemen, die. nach den Plänen und unter der Leitung von Dr. Siegfried Lehmann auf dem vom Jüdischen Nationalfonds überlassenen Gelände der landwirtschaftlichen Versuchsstation vor kurzem gegründet worden ist. Die aus dem Kownocr Kinderhaus hervorgegangene Jugend- Siedlung ist auf Gärtnerei, Landwirtschaft und Handwerk aufebaut und sucht den neuen pädagogischen Gedanken der prouktiven Erziehungsgemeinschaft für die jüdische Waisenerziehung fruchtbar zu machen. Zur ersten Gruppe von 25 (nicht 250, wie durch einen Druckfehler im letzten Bericht über die Siedlung zu lesen war) Jugendlichen, mit denen die Kolonie gegründet wurde, kämen in diesen Tagen 20 weitere Jungens und Mädchen aus dem Kownocr Kinderhaus; für den Herbst ist ein Transport von 25 Kindern in Vorbereitung und zu Ende des Jahres hofft man die Zahl hundert erreicht zu haben. Die die Jugendsiedlung trigende Organisation, Jüdische Waisenhilfe E. V., an deren Spitze eine Reihe namhafter jüdischer Persönlichkeiten stehen (u. a. Frau Prof. Einstein, Max Brod, Martin Buber, Bankier Willy Drcyfus, Geh. Justizrat Timendorfer) verfügt bereits über einen sehr großen Kreis von Freunden und Förderern aus allen jüdisehen Parteilagern. Der Jahresbericht wird auf Ersuchen gern und kostenlos durch das *Sekretariat der Jüdischen Waisenhilfe E. V., Passauer Straße 24 (Tel.: Steinplatz 9456), versandt. *) Adresse in Berlin W. 15, Meinekestr. 4.