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Jüdische Rundschau · 1927-06-10 · Heft 45-46 (10.6.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 45-46 (10.6.1927)
Date
1927-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Doppcbmmmcr 0,53 Ooldnmrk JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15. Meinekestraßa 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Aulandaabomaaest* v»rde» in der WihrooJ d«r «tareloea Liader hsr.cknet Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G. mbH-« BerlinW15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. AnxtHgBaprfcisi 8 ge1ptlt.N0Qp1r«{ll«2B3gO,5ö G.-M Ste.lleogBttickc 0,25 G..M* AuroigetuichJtiß: D i e 9 s t * g g ס ProitagoackmittBg 4 Ubr« Telephon; Bismarck 716570־. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17 392 Ffif־ OestemleJv, Postsparkasaetuunt Wien, Konto Nr- 156 030. Hr Tschechoslowakei; Postsparkassen«!!!{ Prag. Konto Nr. 59 410. Für Polen; Postsparkassen®!!*! Warschau, Konto Kr. 190 708.!Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 45/46 | Berlin, 10. VI. 1927 י סידן- וזרפ״ז | xxxil Jnhrg. Der Zionismus erstrebt fOr das indische Volk die Schaffung alnar öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm.« Sorgen des Palästina-Auf baus Der Weg zu konstruktiver Arbeit — Reorganisation der Institutionen — Für eine starke Leitung Sachlichkeit statt Politik Das zionistische Denken, sofern es der praktischen Palästina-Arbeit gilt, hat in dieser Zeit nur einen einzigen Gegenstand: Wie kommen wir aus der heutigen Situation heraus, wo sich trotz verschiedener Bemühungen unsere nationale Position vermindert und wie kommen wir wieder zu einem Fortschritt, zu stetigem Wachstum der Aufbauarbeit an unserer nationalen Heimstätte? Das Hinwegräumen aller Hindernisse, die unserer konstruktiven Aufgabe im Wege stehen, ist die Voraussetzung jeder Verwirklichung des Zionismus. Diese Hindernisse sind teils materielle, teils psychologische. Wir haben unsere Kräfte^ gewaltig überschritten, haben mehr begönnen als wir zu fundieren imstande waren, wir ließen uns von den starken nationalen Expansionstendenzen der Bewegung tragen, ohne klar den Unterschied zwischen ideologischem Schwung undt den Erfordernissen der realen ökonomischen Wirklichkeit zu beachten. Nun muß, nachdem eine Zeitlang dieser Schwung die Oberband behalten hat, die strenge ökonomische Logik das Wort erhalten. Soll das Werk, das die Chaluzim in begeisterter Hingabe geschaffen haben, Bestand haben, dann muß es heute so umgebaut werden, daß es selbständiges Leben erhält. Soll nicht unsere ganze Anstrengung vergeblich gewesen sein, dantiemüssen die nächsten Jahre der Aufgabe gewidmet werden, die im Lapde befindlichen Menschen der Wirtschaft einzugliedern und den Prozeß der Auslese mit bewußtem Eingrpifefi.zu leiten.; Wir.-tÄ|eiid1e zjontetische öffentliche .... ,.....־.. 1$t'M nicht erfreulich, daß' feie’ Rfi®säi1ägererleijen, aber man muß bepeijp, 4iß 5plfhe Rückschläge unvermeidlich sind, idiüttge ttian mit1 irdischen :Mittel«־ und mit irdischen Menschen operiert. Verhängnisvoll aber ist es, wenn man in einem ernsten Moment sich selbst die Sachlage verbirgt, sich dadurch die Möglichkeit zu rettendem Eingreifen nimmt und sich lieber an Phrasen berauscht, die vielleicht eine momentane psychologische Erleichterung, sicher aber keine Abhilfe bringen. Die unserem Aufbauwerk zur Verfügung stehenden Mittel sind, gemessen an der Aufgabe, gering und nur wenn sie mit äußerster Sparsamkeit und Planmäßigkeit verwendet werden, können wir eilt befriedigendes Resultat erreichen. Der Zionistenkongreß stellt ein Budget auf, von dem er sich bewußt ist, daß es kaum die Minimalerfordernisse deckt; ist doch für Kolonisation ein Betrag von kaum £ 200000 eingesetzt, so daß, wenn wir die heutigen Kostenziffern zugrunde legen, etwa 200 Familien jährlich angesiedelt werden könnten. Dies steht in krassem Mißverhältnis zu den Tendenzen einer großen Volksbewegung und in schmer?lich-ironischein Widerspruch zu den bekannten Reden über eine Einwanderung von 40000 Juden jährlich. Aber selbst dieses Budget des Kongresses konnte nicht aufrechterhalten werden, weil infolge der übermäßigen Ein- Wanderung die Exekutive gezwungen war, nicht vorgesehene Arbeitslosenunterstützung zu zahlen und Notstandsarbeiten auszuführen. Die Arbeitslosensituation drückt weiter auf unsere Arbeit, und da kein Geld mehr vorhanden ist, beschloß man, £ 140000 als Vorschuß auf die künftigen Keren Hajessod-Einnahmen zu beschaffen. Dabei ist vorausgesetzt, daß durch die laufenden Keren Hajessod-Einnahmen das ordentliche Budget gedeckt wird. Die Vorschüsse werden die künftigen Jahresbudgets beeinträchtigen, so daß die Gefahr besteht, daß wir noch weniger Geld zur Kolonisation übrig behalten. Das würde bedeuten, daß nicht nur die zur Erreichung des zionistischen Zieles unbedingt erforderliche zahlenmäßige Vergrößerung des Jischuw, sondern auch die Konsolidierung des bisher begonnenen Werkes in Frage .gestellt wird. Das ist eine Situation, die alarmierend wirken muß und die jeden Zionisten zwingt, die bisherigen Methoden zu revidieren, auf die Gefahr hin, Teile der bisherigen Dogmatik preisgeben zu müssen. Wir sind eine lebendige Bewegung, die ein Ziel erreichen will, und sich nicht selbst fesseln darf durch erstarrte Anschauungen, die unter ganz anderen Verhältnissen entstanden sind. * Der Hauptteil des Aufbauwerkes, soweit es der direkten zionistischen Kontrolle untersteht, wurde bisher von der Arbeiterschaft geleistet. Die Arbeiter haben sich als nationale Pioniere erwiesen, aber im Laufe der Zeit sind in diesem Werk Methoden entstanden, die der Revision bedürftig sind, nicht aus irgendwelchen politischen Gründen, sondern weil sie die Wetterführung des Werkes gefährden. Die gewaltige Konfusion, die durch Vermischung von Politik und Verwaltung entstanden ist, muß beseitigt werden. Das zionistische Aufbauwerk ist in seiner praktischen Durchführung eine techni« sehe und keine politische Aufgabe. Daher ist der Grundsatz der ״Demokratie", der lediglich politisch einen Sinn bat, darauf nicht anwendbar. Seine Leitung erfordert Sachkunde, technische Fähigkeiten, Weite des Horizonts. Selbstverständlich sind diese Eigenschaften unabhängig vom politischen Bekenntnis, und es ist eine falsche Polemik, wenn von Seite der Arbeiterschaft betont wird, es gäbe keine ״parteilosen“ Experten; denn niemand fordert Parteilosigkeit, wohl aber wird gefordert, daß persönliche Verantwortlichkeit und sachliche Zulänglichkeit nicht in das Dilemma der Abhängigkeit von Parteileitungen geraten. Das System, innerhalb der Verwaltung allen möglichen Gruppen Einfluß zu gewähren, Wahlen zum XV. Kongreß Alle Ortsgruppen, Schelf elkoraroissionen und Vererk t, da« nur diejenigen Sch ekel zahler zur nähme an den Wällen zugeiaasen werden können, für deren Schekel das Geld an die Landessdbekelkommission (Büro der Zionistischen Vereinigung für Deutschland) überwiesen wurde. Die Zionistische Executive teilt hierzu in ihrem Zirkularsdireiben vom 1. Juni 1927 folgendes mit: Um Mißbräuchen vorzubeugen, sollen die Hauptwahlkommissionen bestimmen, daß Schekelzahler, für deren Schekel der betreffende Betrag nicht an die Landesschekelkommission abgeführt worden ist, kein Wahlrecht besitzen und daß weiter, falls der Fall vorliegt, daß aus ganzen Ortschaften Schekelgelder bei der Landessdhekelkommission nicht abgeliefert worden sind, samtliehe Schekelzahler des betreffenden Ortes vom Wahlrecht auszuschließen sind. Die Hauptwahlkommission muß auf diese wichtige Bestimmung die ernste Aufmerksamkeit aller Ortsgruppen, Schekelsammler und Ortskomitees lenken, damit die Schekelzahler rechtzeitig darüber belehrt werden, daß die Ausübung ihres Wahlrechtes davon abhängt, ob die betreffende Ortsschekelkommission alle Schekelgelder an die Zentrale abführt. Wir bitten, diese Bestimmungen aufs sorgfältigste zu beachten und dafür Sorge zu tragen, daß alle Schekelgelder spätestens am Donnerstag, den 23. Juni 1927, in Berlin eintreffen, da nur die bis zum 25. Juni nach London überwiesenen Beträge für die Berechnung der Deutschland zustehenden Kongreßmandate maßgebend sind. Der nächste Schekelausweis erscheint in der ״Jüdischen Rundschau“ vom 14. Juni. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Entscheidungen in ökonomischen Fragen durch Aüstimmungen herbeiniföhren, schwächt die Verantwortlichkeit der Leiter. Daher ist in den Gedanken, die in der letzten Zeit besonders von Amerika aus propagiert werden, und kürzlich durch Julius Simon formuliert wurden (siehe ״Jüdische Rundschau“, Nr. 41/42), auch nach unserer Meinung ein richtiger Kern. Der Kongreß ist ein politischer Organismus, er hat im öffentlichen Leben eine große moralische Funktion, aber er kann nicht oberste Instanz einer Kolonisationsarbeit sein. Gerade die Elemente, die so ängstlich dagegen protestieren, daß sich der Zionismus in eine Kolonisationsgesellschaft verwandein könnte, müßten es begrüßen, daß man die Aufgaben der Kolonisation von denen des Kongresses, des repräsentativen Organs der Bewegung, loslöst Der Kongreß soll Ausdruck der Volksbewegung sein, er soll die geistigen und moralischen Kräfte wecken, die sich in praktische Taten Umsetzern Aber weder der Kongreß noch die vielen anderen ihm nachgebildetert Körperschäften können das Recht verlangen, in die Verwaltung der Wirtschaft und Kolonisation einzugreifett. Wer diese Grundsätze in der Verwaltung durchsetzen will, sollte von der Arbeiterschaft nicht als Gegner betrachtet werden. Wir glauben, daß eine solche Systemänderung gerade im höchsten Interesse der Arbeiterwirtschaften liegt. Denn nur durch sachkundige Leitung und Reform können diese zur Rentabilität geführt weiden, die ihre Existenz sicherstellt. In voller Würdigung der Leistungen Der XV. ZionistenKongreß ln Basel Nachdem alle Schwierigkeiten, die der Abhaltung des 15. Zionistenkongresses in Basel noch im Wege standen, beseitigt wurden, steht es nun fest, daß der Kongreß gemäß dem Beschlüsse des Aktions-Comites am 30. Aug, in Basel eröffnet werden wird. Jahren eine Sach- und Zweckrevis;lo׳tt;|efdt#ft, deren Ergebnis die Reorganisation der verschiedenen Institutionen sein sollte. Diejenigen, die diese Anregungen als einen Angriff gegen die Arbeiterschaft hinstellten und in der palästinensischen Arbeiterpresse einen Kampf dagegen führten, daß man die Autonomie der Arbeiter antasten wolle, haben der Arbeiterschaft einen schlechten Dienst geleistet. Heute wird niemand mehr leugnen, daß die Institutionen reformbedürftig waren und daß sie mit Palliativmitteln, die ja immer wieder als ein Kompromiß zwischen der Leitung und der Arbeiter- Organisation angewandt wurden, nicht zu retten waren. Wir begrüßen es, daß Beilinson im ״Dawar“ in zwei sehr klugen Artikeln sich heute energisch selbst für die Reorganisation der Arbeiter-Institutionen einsetzt und endlich auch seinen Lesern klar macht, daß eine solche Reform kein Attentat, sondern die einzige Rettung für diese Institutionen ist. Freilich kommt diese Einsicht leider etwas spät. Denn heute ist die Situation viel schwieriger als sie vor zwei Jahren w׳ar. Daß die Palästinaexekutive ihr nicht gewachsen sein kann, war schon nach dem XIV. Kongreß, der sich zur Schaffung einer wirklichen Exekutive unfähig erwies, klar. Nur eine sehr starke und mutige Leitung wird einen Ausweg finden können. Sie muß aber in ihren Maßnahmen von allen wirklicher! Zionisten unterstützt werden, die begreifen müssen, daß in diesem kritischen Moment alle Einzelintercssen hinter dem Gesamtinteresse zurückstehen müssen. Die Zukunft wird zeigen, ob wir auf dieser Höhe des nationalen Bewußtseins stehen. Denn wenn man die Tatsache, daß die zionistische Exekutive keine Staatsautorität und keine dieser entsprechenden Machtmittel besitzt, dazu ausnützt, um hier und dort kleine Vorteile für diese oder jene Gruppe zu erzwungen, so betrügt inan nur sich selbst, denn ein solches System muß unvermeidlich zum Zusammenbruch führen und alle Beteiligten mit sich reißen. Da bei uns an Stelle der Zwangsgewalt die freiwillige Zustimmung, das Vertrauen treten muß, so muß sich auch jede Opposition und Kritik Zügel anlegen. Denn in einem Staatswesen kann man eine Regierung durcli Kritik diskreditieren, ohne daß dadurch ihre normalen Funktionen leiden und der Staatsbetrieb stillsteht; bei uns jedoch ist es ein Leichtes, eine Leitung durch üble Nachrede aktionsunfähig zu machen. Der unvermeidliche Prozeß einschneidender Reformen unserer Palästina-Wirtschaff wird ein Prüfstein sein für den Grad unserer nationalen Reife und Disziplin. Wieder ist es die Arbeiter• schaft, von der wir in erster Reihe Verständnis für diesen Sachverhalt erwarten.

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