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Jüdische Rundschau · 1927-05-03 · Heft 35 (3.5.1927) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 35 (3.5.1927)
Date
1927-05-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 31 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 253 Zar Frage der GemelnsctialfserzIelNiiig Von Dr. Kurt Wittkowski. Klte Bacr-Freyer ruft in einem Referat, da# Sie in einer Vorstandssitzung des Bundes zionistischer Frauen hielt*), zur Errichtung eines jüdischen Kinderhauses in Berlin auf. In richtiger Erkenntnis der erzieherischen Schwierigkeiten, die mit der heutigen beruflich und seelisch überlasteten Familie und der Lernschule gegeben sind, sieht die Referentin in leuchtenden Farben das an der Peripherie Berlins zu er• richtende jüdische Kinderhaus als Lösung des Problems. Zunächst rin Kindergarten für den Vormittag, ein Hort für die Kinder bis zu zehn fahren für den Nachmittag, ein Jugendheim für den Abend. Für die fernere Zukunft wäre an eine Kinderbibliothek, eine Bildersammlung, Kindertheater und Filmvorführungen zu denken. Eine Verbindung mit der jüdischen Schule ״wäre durchaus denkbar und wünschenswert“, ist die Atmosphäre des Elternhauses wertvoll und stark, so bedeutet sie ein Plus für das Kind in der Kindergemeinschaft; ist sie es nicht, so bietet das Kinderhaus ihm einen Ersatz. Ohne auf die einzelnen organisatorischen und finanziellen Schwierigkeiten einzugehen, die der Vorschlag enthält, will ich mich auf grundsätzliche pädagogische Erwägungen beschränken, mit denen das Referat trotz richtiger Erkenntnis der Notlage und trotz anerkennenswerter Bemühung tim eine Lösung nicht allzu stark belastet ist. Dabei sollen zwei erzieherische Erfahrungsgebiete zugrunde liegen: das Deutsche Landerziehungsheim und das Jüdische Volksheim. Selbstverständlich gelten die Erfahrungen in deutschen Heimen für uns immer nur unter starkem Vorbehalt. Hier soll auch nur die eine einzige Tatsache betont werden, die bereits zur Geschichte der modernen europäischen Pädagogik gehört: daß Gemeinschaftserziehung nicht mögfich ist neben dem Elternhaus, sondern nur in völliger LosJösung des Kindes vom Elternhaus. Die immer wieder neu zu gewinnende Erkenntnis von der psychologisch und kulturell unzulänglichen Familienerzienung, die LIetz vor mehr als zwei Jahrzehnten zur Schaffung der Landerziehungsheime veranlagte und die für die deutschen Zionisten heute in ganz anderer Form gilt, führt folgerichtig zu der Forderung eines jüdischen Landerziehungsheims. In Ergänzung zu diesen geschiehtliehen Tatsachen, die angesichts der veränderten Zeit und der ganz anderen zionistischen Problemstellung nicht genügend überzeugen mögen, sei an die Erfahrungen des Jüdischen Volksheims erinnert. Der Verfasser dieser Zeilen kennt als ehemaliger Leiter des Hamburg-Altonaer Jüdischen Volksheims die Sisyphusarbeit einer Erziehung, deren Ergebnis durch zwei andere Gemeinschaften, durch Elternhaus und Schule, Immer wieder In Frage gestellt wird. Auch das Jüdische Volksheim als Stätte Jüdischer Erziehung, als eine Stätte, die ja das geforderte Kinderhaus fängst verwirklichte, zwingt zu der Forderung des jüdischen Lanaeriiehungsheints, damit nicht ein paar Abendstunden in der Familie oder Schläge in der Schule alle aufgewandte Liebe und Mühe im Rinderhause zunichte machen. Das Jüdische Volksheim lehrt uns aber noch ein zweites, das uns noch mehr bedenklich stimmen muß, ein solches Kinderhaus zu ״schaffen“. Wie Ist denn das Jüdische Volksheim entstanden? Kurz gesagt: es ist ״gewachsen“, nicht geschaffen. Nicht aus der Erkenntnis einer Notlage, sondern aus eigener Not haben einige westjüdische Zionisten gegen Ende des Weltkrieges di« Weg zur ostjüdischen Jugend gefunden; dieses Leben in und mit dieser lugend gab ihnen ein* stärkere Verwurzelung im Jüdischen Volke, als sie es jemals in d&r Zusammenarbeit mit westjüdischen Gesinnung*• genossgn hätten linden können. Es war die Jugendbewegung einet Generation, die im Laufe des Krieges ein paar Jahre zu alt geworden war zur Chaluziuth oder zur Bundesarbeit, die aber hier ein würdiges, ihrer idealen Gesinnung entsprechendes Betätigungsfeld zu finden glaubte. Wenn das Jüdische Volksheim in Hamburg-Altona etwa noch bis in die Jahre hinein, In denen die alten Jugendbünde bereits im Sterben lagen, seine Gruppen und Kurse hatte aufrechterhalten können, so lag dies zu einem guten Teil an der lebendig febliebenen Tradition dieser fruchtbaren Nachkriegsarbeit, eren Träger selbst niemals ganz die Fühlung trut dem Volksheim verloren hatten. Zu einem anderen Teil aber verdankte das Jüdische Volksheim sein Fortbestehen der rechtzeitigen Umorganisation in ein nach sachlich-pädagogischen Gesichtspunkten aufgebautes Heim. Es ist hier nicht der Platz zu zeigen, unter weichen Kämpfen sich dies« Umbiidung vollzog, zumal auch heute noch nicht gesagt werden kann, ob sie mit Erfolg durchgeführt ist. Eines aber wurde auch im Rahmen def neuen Arbeit deutlich: der wesentliche, der treibende Faktor muß eine wenn auch anders zusammengesetzte und vor allem anders miteinander arbeitende Helfer* schaft als Trägerin der Erziehungsarbeit bleiben. Auch diefe eine Erfahrung, die wohl alle Heime machen müssen, sobald sie wirklich Stätten der Gemeinschaftserziehung sind: daß nur eine Gruppe Gleichgesinnter mit ihrem erzieherischen Willen eine erzieherisch wirksame Gemeinschaft schaffen kann. Es ist also die Frage zu stellen, ob für das geplante Kinderhaus die Menschen da sind. Den starken erzieherischen Willen müssen sie haben Uftd ein Können, das der gestellten Aufgabe gewachsen ist. Damit Ist aber noch eine dritte grundsätzliche Erwägung fegeben: das Können dieser Menschen. Die an en Leiter des Kinderhauses zu stellende Mindestforderung muß sein, daß er Erzieher ist und daß er ein gutes jüdisches Wissen besitzt. Wir sind durch das auf Delegierten- und Bundestagen so häufig mißbrauchte Schlagwort von der Erziehungsarbeit verleitet worden, Führung und Erziehung zu verwechseln. Bub er hat erst kürzlich die vom Eros oder vom Machtwillen diktierte Arbeit an der Jugend abgegrenzt gegen das eigentlich Erzieherische, gegen jene aus ״Hingabe und Zurückhaltung, Vertrautheit Uftd Distanz“ sich mischende Seeienhaltung, die ״aus dem Wesenstakt des natür» lich-geistigen Menschen aufgestiegen sein muß“**). Zu dieser Forderung gesellt sich die gediegener jüdischer und hebräischer Kenntnisse. Es ist für die Sn Deutschland zu leistende Erziehungsarbeit tragisch genug, daß die wenigen Menschen, die beide Forderungen erfüllen, aus begreiflichen Gründen nach Palästina übersiedeln. Wenn aber auch nur ein einziger Mensch sich findet, der die Förderungen erfüllt, der diele Arbeit für die nächsten Jahre zu übernehmen bereit ist, und der eine Erziehungsgemeinschaft und von ihr aus eine Gemeinschaftserziehung verwirklichen will, dann soll aber äuth über das Jüdische Volksheim hinaus ein Schritt weiter gegangen werden: der Schritt zum Jüdischen Landertiehungsheim. Viertens bringt die beendete Life und die veränderte Zeit die Notwendigkeit einer folgerichtigeren, radikaleren Lösung mit sich. Zum Unterschied gegen das Jüdische Volksheim handelt es sich bei dem Plan des Kinderhauses um Kinder aus bürgerlichem Milieu, wie aus der Andeutung hervorgeht, daß eine Beteiligung von 30 Kindern die Finanzierung des Heims garantieren könnte. Damit Ist aber eine *) Abgedruckt ״Jüd. Rundschau“ Nr. 29/30. **) M. Buber, Rede über das Erzieherische, Berlin, L. Schneider 1926. Elternschaft gegeben, die bewußt sich von ihren Kindern trennt, and die da« Kinderhaus in seinem Wollen stark unterstützt. Solche Eltern, die doch nur zur Nachtruhe ihre Kinder bei sich haben, bringen kein großes Opfer mehr, wenn sie sich ganz von ihnen trennen. Oder aber sie sind aus zionistisch-kulturellen Erwägungen heraus bemüht, den Kindern ein vorbildliches Elternhaus zu geben: dann werden sie eine so ausgiebige Trennung während des ganzen Tages nicht ertragen können. Soweit die besondere Lage. Die Zeit ist insofern eine andere geworden, als die letzten neun Jahre uns eine Schulreform gebracht haben. Wenn auch die viel berufene ״neue Schule“ heute noch nicht geschaffen ist, so sind doch wesentliche Ansatzpunkte für die Umwandhing der Lemscbule in eine Erziehungsschule vorhanden. In unserem Zusammenhänge sei nur an die Schullandheime vieler deutscher Schulen erinnert, die in schönen Gegenden gelegen sind, und in denen die Lehrer mit ihren Schülern in mehrwöChenttlehern Aufenthalt In, mit und aus der Natur lernen und sich als Freunde frei bewegen. Es wäre doch möglich, daß der Bund zionistischer Frauen eine Aufgabe darin findet, für unsere zwei jüdischen Volksschulen, von deren erzieherisch-wirksamen Geist ich mich kürzlich überzeugen konnte, ein solches Heim zu schaffen. Wenn das geplante Kinderhaus hauptsächlich Schullandheim würde, könnte eine Zersplitterung der erzieherisch wirksamen Kräfte vermieden werden. Es wäre dann eine Ergänzung und Vertiefung der Erziehungsarbeit der beiden jüdischen Schulen. Lehrer und Lehrerinnen, die mit den Klassen für mehrere Wochen ins Heim gehen, böten eine gewisse Garantie für ein fruchtbringendes Zusammenleben fern von der Großstadt (nicht an ihrer Peripherie!) und das draußen gewonnene Vertrauensverhältnis zwischen Schülern Und Lehrern würde die Schularbeit des ganzen Jahres erleichtern und beschwingen. Es wäre diese Organisation des Kinderhauses endlich einmal ein Bruch mit der zionistischen Tradition, daß man alle paar Jahre an einer anderen Stelle mit der Arbeit einsetzt und sich möglichst wenig um das Fortbestehen und um die Weiterentwicklung des erst kürzlich mit soviel Begeisterung Begonnenen kümmert. Vielleicht aber schwebte Frau Käte Baer-Freyer eine ähnliche Einrichtung vor, als sie betonte, daß eine Verbindung mit der Schule ״durchaus denkbar und wünschenswert“ wäre. So aber, wie der Plan skizziert ist, sind die Ansprüche viel zu hoch, als daß man nicht an eine mögliche Enttäuschung gemahnen möchte. Denn die völlige Lösung des Erziehungsproblems verlangt das Jüdische Landerzichungsheim, wobei — um Mißverständnisse zu vermeiden, möchte ich es hinzufügen — das Wort Landerziehungsheim nicht mehr sein soll als ein Wort, für das die lebendige Anschauung heute noch fehlt, und das dann wohl durch ein anderes, unserer Kulturlage gemäßeres Wort ersetzt werden würde. Zum Schluß möchte ich über den Sonderfali hinaus allgemein für unsere Erziehungsarbeit die Möglichkeit eines ganz anderen Weges entwerfen als des bisherigen. Unsere bisherige Art des Vorgehens war die, die Not zu sehen und ihr zu steuern. Oft geschah dies schnell, unbedacht, unsachgemäß, nur angefeuert von dem Anblick einer großen Not und beseelt von viel schönem Idealismus. Es war und ist dies derselbe Geist, in dem Abiturienten zum Bauer gingen, Studenten ihre ganze Kraft der Bundesarbeit widmeten. Assessoren zionistische Parteisekretäre wurden. Es liegt wohl im Zuge def Zeit oder in der notwendigen Weiierentwicklung des Zionismus eine gewisse Versachlichung, die auf allen Gebieten zu beobachten ist. Für das Gebiet der Er- Ziehung aber bedeutet dies, einen ganz anderen Ausgangs- Punkt zu nehmen für alle zu leistende Erziehungsarbeit, nä#nlieh die Frage: was wollen und können die zur Erziehung»- arbelt Berufene«? Wie aber Wille und Könne« der Erzieher und die Sozialen Notwendigkeiten *ufcinaftder geführt werden könttin, und wie aus riner fruchtbaren, alle Interesslerten Kreise erfassenden Diskussion erfolgreiche Arbeit erwachsen kann, das muß besonders ausgeführt werden. FrlPdhotsschSndunpn Die ״Welt am Montag“ vom 2. Mai schreibt: ״Auf dem jüdischen Friedhof in Ansbach Sind sieben Leichensteine umgeworfen und zerstört worden. Das ist die Antwort auf die rasche Begnadigung der Antisemiten in Erfurt, die den dortigen jüdischen Friedhof geschändet hatten. Gibt es keine geeigneteren Objekte für die Gnade als völkische Rohlinge, die ihre sadistischen Instinkte an Totenmäiern austoben?" Diese Friedhofsschändung ist leider nicht vereinzelt. In kurzen Zwischenräumen sind ln allen Gegenden Deutschlands jüdische Friedhöfe geschändet worden. Es ist nachgerade ein Zustand eingerissen, daß jede jüdische Gemeinde befürchten muß. daß auch ihr Friedhof zerstört werde. Die Begnadigung der Erfurter Grabschänder erwies sich damit tatsächlich als ein Freibrief für die antisemiilSche« ROwdles. Der «Indenpsetz-Entwiiri Der Lehfervefbind hat an den Rat des Preußischen Landesverbandes das Ersuchen gerichtet, dem Entwurf zu einem JudengSsetZ nach den Beschlüssen der Landesversammlung vom 27. und 28. März nicht beizutreten. Der Lehrerverbafld erblickt in der Erleichterung des Austritts aus der Gemeinde sowie in der Ablehnung des Parochialzwanges eine große Gefahr für die Zukunft des Lehrerstandes wie auch der übrigen Gemeindebeamten, da der Gesetzentwurf den Bestand der Gemeinden selbst zu sehr gefährdet. Unter diesen Umständen erachtet es die Leitung des Lehrerverbandes als gaftZ aussichtslos, einen Nachwuchs für dfen jüdischen Lehrerberuf zu gewinnen. (Ita.) Die jüdische Autonomie in Litauen K o w n o, 29. April. (J. T. A.) Die juridische Kommisslon beim Innenministerium hat eine Verordnung erlassen, wonach jede jüdische Synagoge oder Betstube gemäß dem alten russischen Gesetz eine Einheit für sich bedeutet und selbständig verwaltet werden muß. Vor Annullierung der jüdischnationalen Autonomie waren die Synagogen und Bethäuser der jüdischin autonomen Gemeinde und die einzelnen Gemeinden dem Jüdischen Nationalrat unterstellt. Kowno, 29. April. (J. T. A.) Der Ministerpräsident Woldemaras impfing eine« prominenten jüdischen Kaufmann ln Audienz, der ihm berichtete, in der jüdischen Kaufmannsfchaft herrsche Beunruhigung wegen der Aeußerung des Organs des Ministerpräsidenten, daß die Zwangssonntagsruhe nicht gemildert werden sollte, weil von einer Abänderurtg einzig und allein die Juden Nutzen ziehen würden. Der Ministerpräsident erwiderte, es fehle ihm die Zeit, sein Organ zu überwachen, er persönlich stehe zu seinen früheren Erklärungen, daß das Gesetz über die Zwangs- Sonntagsruhe abgelndert werden müsse. in diesen Tagen erschien in Sofia die erste Nummer der Zeitung ״Raswjet“, Organ der Zionisten-Revisionisten in Bulgarien. Zur Statistik der Joden bi Deutschland Von Univ.-Prof, Dr. L e0p. Karl Goetz, Bonn a. Rh. Die reügionistatis tischen Ergebnisse der letzten Volkszlhlung vom 16. Juni 1925 sind im Vergleich mit den entsprechenden Resultaten der Volkszählung von 1910 für 13 von den 18 Ländern dea Deutschen Reiche# in verschiedenen Heften des Jahres 1926 der Zeitschrift ״Wirt- »chaft und Statistik“ des Statistischen Reichsamtea aufgearbeitet. Zunahme oder Abnahme jeder Konfession in der Zeit von 1910 bis 1925, Anteil der einzelnen Konfession an der Oesamtbevölkerung des betreffenden Landes, Verhlltnia der Zunahme oder Abnahme einer Konfession zur allgemeinen Bevölkerungszunahme sind klar ersichtlich. Für die Israeliten ist das allgemeine Ergebnis das, daß sie nur in zwei voa den dreizehn untersuchten Ländern eine Zunahme gegenüber dem Jahre 1910 aufweisen, daß dagegen in elf Ländern des Deutschen Reiches eine Abnahme der Zahl der Israeliten eingetreten ist, die nach den einzelnen Ländern stark schwankt. Das sei nun für die einzelnen Länder kurz dargestelit. Zunahme der Israeliten im Jahre 1925 gegenüber dem Jahre 1910 haben wir in den beiden Stadt- Staaten Hamburg und Lübeck. In Hamburg haben sich die Israeliten von 19 472 im Jahre 1910 auf 19904 im Jahre 1925 vermehrt, also absolut um 432 Personen, relativ um 2,22 vom Hundert des Bestandes von 1910. Diese Vermehrung bleibt aber stark zurück hinter der allgemeinen Bevölkcrungszunahme, die für diese, auch im folgenden immer angenommene Zeitspanne von 1910 bis 1925, in Hambürg 13,59 vom Hundert des Bestandes von 1910 ausmacht. Infolgedessen sind die Israeliten, die 1910 noch 1,92 vom Hundert der Bevölkerung Hamburgs ausmachten, trotz Zunähme ihrer Zahl, auf 1,73 vom Hundert der Bevölkerung im Jahre 1925 gesunken. Lübeck weist 629 Israeliten im Jahre 1923 auf gegen 623 im Jahre 1910, also eine Vermehrung um 6 Personen oder um 0,96 vom Hundert des Bestandes von 1910. Dabei haben wir dasselbe Bild wie in Hamburg. Die allgemeine Bevölkerungszunahme in Lübeck beträgt 9,75 vom Hundert, die der Israeliten nur 0,96 vom Hundert; somit sind heute die Israeliten nur noch 0,49 vom Hundert der Bevölkerung, während sie im Jahre 1910 noch 0,54 waren. Von den elf deutschen Ländern, in denen eine Abnahme der Israeliten stattgefunden hat, seien zu• erst die süddeutschen Länder besprochen. in Bayern sind die Israeliten von 55 065 auf 49145, also um 5920 Personen oder um 10,8 vom Hundert zurückgegangen, während die Gesamtbevölkerung sich um 7,1 vom Hundert vermehrt hat. Der Bevölkerungsanteil der Israeliten ist von 0,8 auf 0,7 gesunken. Etwas geringer ist die relative Abnahme der Zahl der Israeliten in Württemberg. Statt 11982 Israeliten haben wir noch 10 827, also eine Minderung um 11M Personen oder um 9,6 vom Hundert. Dieser Minderung steht eine allgemeine Bevölkcrungszunahme von 5,8 vom ,Hundert gegen• über, so daß der Anteil der Israeliten an der Gesamt■ bevölkerung von 0,5 vom Hundert auf 0,4 von» Hundert gefallen ist. Noch geringer ist die relative Abnahme der Israeliten in Baden. Von 25 896 haben sie sich auf 23 909 vermindert, also um 1987 Personen oder um 7,67 vom Hundert. Die allgemeine Bevölkerungszunahme beträgt 7,92 vom Hundert, somit ist der Anteil der Israeliten an der Oesamtbevöl• kerung von 1,21 auf 0,85 zarückgegangen. Von den süddeutschen Staaten weist Hessen relativ den Stärksten Rückgang der Israeliten auf. Von 24063 sind sie auf 20 401 zurückgegangen, also um 3662 Personen oder um 15,2 vom Hundert ihres früheren Bestandes. Bei einer allgemeinen Bevölkerungszunahme Hessens um 5,1 vom Hundert beträgt der Anteil der Israeliten an der Bevölkerung jetzt 1,5 vom Hundert gegen 1,9 vom Hundert im Jahre 1910. Von Lindern Mitteldeutschlands kommen in Betracht! Thüringen, Anhalt, Schautnburg-Llppe, Lippe, die in dieser Reihenfolge eine steigende relative Abnahme der Israeliten aufweisen. Thüringen hat heute (d. h. im Jahre 1925 bei der letzten Volkszählung) 3603 israeliten gegen 3820 im Jahre 1910. Die Abnahme beträgt 217 Personen, Oder 5,68 vom Hundert des früheren Bestandes. Die allgemeine Bevölkerangszunahme macht 6,54 vom Hundert aus; der Anteil der Israeliten an der Gesamtbevölkerung ist von 0,25 au! 0,22 gesunken. In Anhalt haben sich die Israeliten von 1383 auf 1140 vermindert, also um 243 Personen, oder um 17,57 vom Hundert Dieser Abnahme steht eine allgemeine Bevölkerungszunahme von 6,01 vom Hundert gegenüber, so daß der Anteil der Israeliten an der Oesamtbevölkerung in Anhalt von 0,42 auf 0,32 gefallen ist. Schaumburg-Lippe zählt jetzt 180 Israeliten gegen 230 im fahre 1910: die Abnahme macht 50 Personen aus, oder 21,7 vom Hundert. Die allgemeine Bevölkerungs- Zunahme beträgt 3,0 vom Hundert, der Israelitische Anteil an der Gesamtbevölkerung ist von 0,5 auf 0,4 gesunken. Am stärksten ist unter diesen vier mitteldeutschen Ländern der relative Rückgang der israeliten in Lippe. Sie sind noch 607 Personen gegen 780 früher, haben sich um 173 Per• sonen, oder um 22,18 vom Hundert vermindert. Bei einem all• gemeinen Bevölkerungszuwachs von 8,42 vom Hundert ist der Anteil der Israeliten an der Gesamtbevölkerung in Lippe von 0,52 auf 0,37 zurückgegangen. Aus Norddeutschland stehen die reiigionsstatisti• sehen Ergebnisse fest für Oldenburg, Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz, wobei diese Reihenfolge der Länder wieder die Steigerung der relativen Abnahme der Israeliten ausdrückt. In Oldenburg sind die israeliten nur von 1525 auf 1513, um 12 Personen oder um 0,79 vom Hundert zurückgegangen. Der allgemeine Bevölkerungszuwachs macht 12,86 vom Hundert aus; der Anteil der israeliten an der Gesamtbevölkerung ist von 0,32 auf 0,28 gesunken. Mecklenburg-Schwerin zählte früher 1413 Jsraefiten, jetzt noch 1202, also absolute Verminderung um 211 Personen, relative um 14,93 vom Hundert. Dieser Verminderung der Israeliten steht der allgemeine Bevölkerungs- Zuwachs von 5,33 vom Hundert gegenüber, damit ist der Anteil der Israeliten an der Gesamtbevölkerung von 0,22 auf 0,18 zurückgegangen. Endlich Mecklenburg-Strelitz weist den größten reiätlven Rückgang der Israeliten ln alle» diesen deutschen Ländern auf. statt 254 Israeliten im Jahre 1910 haben wir im Jahre 1925 noch 184, also eine Abnahme von 72 Personen oder um 28.35 vom Hundert des früheren Bestandes. Bei einem allgemeinen Bevölkerungszuwachs von 3,60 vom Hundert ist der Anteil der Israeliten an der Oesamtbevölkerung von 0,24 auf 0,16 gefallen. Im ganzen haben wir für diese elf deutschen Linder folgende ansteigende Reihe des rela• tiven Rückgangs der Israeliten in Hundertteilen des Bestandes der Israeliten ini Jahre 1910: Oldenburg 0,79; Thüringen 5,68; Baden 7,67* Württemberg 9,6; Bayern 10,8;

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