Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 33 (26.4.1927)
- Date
- 1927-04-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 JUEDI5CHE RUNDSCHAU Seite 239 Kulturpolitische Diskussion im Erziehunösprobicm des €aluUulonl11nai Von Dr. Adolf Leschnifzer. Am 22. März fand im Anschluß an die Artikel von Holdtifim und Wolfsberg (״Jüd. Rundschau“ Nr. 13, 14; vgl. auch den unterdessen erschienenen Artikel von Krojanker Nr. 23) in der Meinekcstraße ein Diskussionsabend statt. Redner des Abends war Herr Aron Barth, das Thema des Abends lautete: ״Bruch mit der Tradition?“ Die Ausführungen Dr» Barths gipfelten in der an die nichtmisrachistischen Zionisten gerichteten Forderung: Zurück zur Tradition! Der Redner bemerkte dazu noch ausdrücklich, daß diese Rückkehr keine (iottgläubigkeit zu involvieren brauche, ln der Aussprache zeigte sich — wie zu erwarten war —, daß die nichttraditionellen Redner den von Herrn Dr. Barth vorgeschlagenc:n Weg für ungangbar hielten. Die folgenden Ausführungen sollen sich in erster Linie an die in der Rundschau erschienene Artikelserie anschließen, ferner auch Gedanken wiedergeben, die an jenem Diskussionsabend geweckt, aber damals im Rahmen der Ausspräche nur teilweise und unvollständig zum Ausdruck gebracht wurden. Zweck dieses Artikels ist nicht Polemik, sondern Versuch einer systematischen Ueberlegung. Der in Holdheims Artikel behandelte Problemkreis dürfte — wahrscheinlich überhaupt für eine Zeitungsdebatte und sicherlich für die gegenwärtigen Ausführungen, die vor übermäßiger Länge bewahrt bleiben sollen — zu umfassend sein. Holdheim spricht über Galuth- und palästinensische Erziehungs- und Kulturfragen, ferner im allgemeinen über jüdische Feste und Feiertage; er greift das versöhnungsfest mi besonderen an, bedient sich dabei psychoanalytischer Methoden, deren Anwendbarkeit auf derartige Fragen doch immerhin bezweifelt werden kann ... Er bedient sich ihrer, ohne ihre spezifische Verwendbarkeit zu prüfen, er stellt pädagogische Behauptungen und Forderungen auf, deren Richtigkeit bzw. Durchführbarkeit nicht eimeuchtet, jedenfalls zum mindesten erst dargetan werden müßte. Kurz, er greift zahlreiche Probleme auf, er ballt sie gleichsam zu einem unförmigen Haufen zusammen. Das soll kein Vorwurf sein, vielmehr lediglich eine Feststellung; und Wolfsberg hat unrecht, wenn er sagt, es wäre ״schlimm genug, daß nach solch einem Anlauf nichts Bedeutenderes gesagt werden konnte“. Holdheims Absicht war es, zu tragen, und nicht, zu antworten. Eben weil er keine Antwort, keine Lösung wußte (das sagt er ja deutlich genug in seiner so überaus ehrlichen Vorbemerkung), eben deshalb fühlte er sich berechtigt, ja verpflichtet, so leidenschaftlich zu fragen. Und um einer vorschnellen Beantwortung den Weg zu versperren, deshalb hat er auf all die Probleme, die ihm mit dem Kernproblem in Zusammenhang zu stehen schienen, hingewiesen, hierdurch — und das ist ein unbestreitbares Verdienst! — aufrüttelnd gewirkt, aber doch soviel gefragt, daß auch nur für den Versuch einer Beantwortung ein paar hundert Seiten dickes Buch kaum ausreichen würde. Seine Kernfrage lautete: ״Wie sollen wir der Tradition entfremdeten Zionisten unsere Kinder erziehen?“ Sie soll nun hier zunächst noch enger gestellt werden; die von der Galuth aus schwer zu beurteilenden Erziehungsprobleme Palästinas sollen, wie es ja auch Holdheim grundsätzlich tat, von der Erörterung ausgeschlossen sein; wir wollen und müssen vor allem d i e Schwierigkeit ins Auge fassen, die in diesem gegenwärtigen geschichtlichen Moment sich gebieterisch vor uns erhebt; wir wollen der Not zu steuern suchen, die uns hier, in Deutschland, in der Galuth, unausweichlich und schier unabwendbar bedrängt, und uns deshalb zunächst ein- «•i dem Erzlehungsprobleni des Oaluthzionismus zuwenden. Alles übrige darf dabei nur soweit behandelt werden, wie es für eine Betrachtung dieses so wichtigen Kernproblems unumgänglich notwendig erscheint. Von den beiden Erziehungsinstitutionen Elternhaus und Schule ist es gerade das Elternhaus, das hinsichtlich einer jüdischen Erziehung in der Galuth mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Denn die häusliche Er- Ziehung besteht ja, wie so oft mit Recht betont wird, nur zum geringsten Teil in einem bewußten oder gar zielbewußten Handeln; vielmehr geben die Eltern durch die Art und Weise ihres Lebens ihren Kindern ein Beispiel, dessen pädagogische, zur Nacheiferung zwingende Wirkung desto tiefer geht, je absichtsloser und selbstverständlicher es gegeben wird, kurz, je mehr es jeder bewußten, beabsichtigten Erziehungsmaßnahme fernsteht. Das unmittelbare, von keinem pädagogischen Gedanken beeinflußte häusliche Leben ist der stärkste Erziehungsfaktor, der auf das Kind wirkt; und der Einfluß, der von ihm ausgeht, ist wahrscheinlieh der nachhaltigste und folgenschwerste, den der Mensch überhaupt je erfährt. Demnach ergibt sich für unsere Frage: je stärker das häusliche Leben jüdisch gefärbt ist, desto mehr ist es fähig, jüdisch zu erziehen. Mit anderen Worten: selben Familie gehört auch der berühmte Kabbalist und geistige Nährvater des Chassidismus, R. Isaac Lurie Aschkenasi in Safed (utn 1572) und viele andere, u. a. die die Namen Luna, Schapira, Eliasberg usw. führen, gehören meistens dieser Familie an. Es wird klar, daß Gabriel Riesser sowohl väterlicher- 11s mütterlicherseits einer der glanzvollsten aus den bekannten jüdischen Familien der Welt entstammt, die bis zur a e u nt e n Vorgeneration dem östlichen Thora- und Führerjudentum angehörte. Ostjüdisch war seine Geburt, ostjüdisch seine häusliche Erziehung in ehrfurchtvollster Verehrung und liebevollster Hingabe zu der Weltanschauung des Großvaters, des Rabbi Raphael Hakauhens; ostjüdisch seine seelische Struktur und geistige Prägung. Seine Genialität, seine Festigkeit, seine Energie, seine Schlagfertigkeit, seine unendliche Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit und zu seinem Stamm- Volk waren ostjüdische Heredität. Es waren Funken und Emanationen von den Katzenellenbogen und Heilperin, von Luria und Falk, vom ״Thorath Jekuthiel“ und ״S. Meirath Enajim“, von ״Nachalath Jakob“ (Märtyrer Jacob Katzenellenbogen) und ״Tebuoth Sclioor“ und vielen anderen großen_ Geistern seiner angestammten Familie. Grätz, von dein wahrlich nicht behauptet werden könnte, daß er Ostjuden geliebt, Gabriel Riessers Abstammung Indes nötigt ihm folgendes Bekenntnis ab: ״Wenn die deutsche judenheit sich so bitter über die Schäden beklagte, die ihr eingewanderte polnische Juden gebracht haben, so hat sie Riesser reichlich ersetzt. Denn seine Entschiedenheit verdankt er mehr seinem aus Polen eingewanderten Großvater mütterlicherseits, Raphael Kahen, als seinem gemütlich zerflossenen Vater von deutscher Abstammung.‘” (Grätz, Geschichte der Juden, B. XI, S. 470.) Daß Riessers Großvater, Jacob Katzenellenbogen, aus Oettingen, so wenig deutsch war wie der mütterlicherseits, haben wir oben gezeigt.— Es ist nicht einzusehen, warum Grätz Lazarus Riesser zum Deutsehen erhebt und daneben ihn für zerflossen erklärt. In seinem ״Secher Zadik“ zeigt er bedeutende Thorakapazität und rührendste Verehrung zu seinem Lehrer und Schwieger- 1׳ater. Richtig ist aber, daß Riesser für die deutsche Judenheit reichlich viel geleistet hat. Riesser, von ostjüdischer Geburt, ist der ״deutscheste aller deutschen“ Juden geworden. Breslau. Jacob Bahr. was die Sphäre des häuslichen Lebens betrifft, ist das Erziehungsproblem identisch mit dem Kulturproblem. Nur soweit wie wir selbst als Juden leben, können wir unsere Kinder zu Juden erziehen. Wie können wir aber in der Galuth als Juden leben? ״Indem Ihr zur Tradition zurückkehrt“ lautet die Antwort des Misrachi. Vielleicht bestellt für manchen der Tradition entfremdeten Zionisten diese Möglichkeit, aber nicht für viele. Die Mehrzahl muß erklären: wir können diesen Weg nicht gehen. Und Sie irren sehr, Herr Wolfsberg, wenn Sie sagen, es ״müßte ein nationaler Mann das Opfer seines Individualismus bringen, um das Volk zu retten“. Es handelt sich nämlich gar nicht um ״Individualismus“, sondern um etwas viel Schlichteres, Nüchterneres — es bedarf hier keiner großen Worte wie ״Wahrhaftigkeit“ und dergleichen; die Sache liegt einfach so, daß wir nicht Theater spielen wollen, weder vor uns noch vor der heramvachsendcn Generation, daß wir nicht Lust haben, Dinge, die anderen Menschen heilig sind, zu einer Maskerade herabzuwürdigen. Aber nicht nur, daß wir zur Tradition, vor allem zum Ritual, nicht zurückkehren können — wir wollen auch zu diesen Formen nicht zurück, und gerade aus zionistischem Empfinden heraus, weil es für uns Formen sind, die ein höchst anormales Leben sich zu Schmuck und Schutz erschuf, und weil der Zionismus die Anormalität der Diasporaexistenz erkannt hat und dabei ist, sie in die Normalität eines gesunden nationalen Lebens zu verwandeln. Wir leugnen nicht, daß man auch von diesen einem anormalen Leben entstammenden Formen aus zu einer Neugestaltung des jüdischen Lebens kommen kann; wir haben auch hohe Achtung vor ehrlichem religiösen Konservativismus und traditioneller Ucberzeugungstreue; aber unserem Können und Wollen nach kann dieser Weg nicht der unsere sein. .Holdheim sagt nun in Verfolg derartiger Gedanken: ״Die Psychologie des modernen Juden, der durch die Schule der Emanzipation und der europäischen Bildungswelt gegangen ist, war von Grund aus so verändert, daß keine Brücke zwischen der altjüdischen Kulturform und den neuen Lebenswegen sich schlagen ließ.“ Ist das richtig? Doch wohl nicht; diese Brücke zu schlagen, hat sich aer Liberalismus bemüht; und für viele von uns ist die Hinwendung zu einem zionistischen Liberalismus möglich. Mit Recht war der Liberalismus bei uns in Mißkredit geraten, weil er sich auf Gedeih und Verderb mit einer schrankenlosen, bis zur Preisgabe alles Jüdischen getriebenen Assimilation verschwistert hatte. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß diese den Körper des Judentums zersetzende und deshalb von uns bekämpfte Tendenz nicht wesentlicher Bestandteil des religlösen Liberalismus überhaupt ist. Selbstverständlich gehört ein gewisses Maß von Assimilation zum Liberalismus; aber damit hat er bloß teil an Schicksal und Wesen fast jedes kulturellen Lebens. Denn dieses ist schöpferischeigenartige Neugesaltung ererbten oder auch neuerworbenen Stoffes, der wiederum seinerseits niemals lediglich roher Stoff, sondern immer bereits irgendwie gestaltet ist. Einige Beispiele mögen das verdeutlichen: Die höfische Kultur des mittelalterlichen Deutschlands, und vor allem die auf ihrem Boden erwachsene epische und lyrische Literatur, ist ln allerstärkstem Maße durch die Erzeugnisse der französischen Kultur, also einer gleichzeitig existierenden Fremdkultur, angeregt, befruchtet und weitestgehend beeinflußt worden. Der deutsche Neuhumanismus und Klassizismus an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert hat zurückgegriffen auf das antike Griechentum, das zum ״klassischen“ gestempelt wurde, also auf die Vergangenheit eines fremden Volkes. Die deutsche, wenn man will: ostdeutsche, Romar.ti« hat an das deutsche Mittelalter angeknüpft, also an die Vergangenheit des eigenen Volkes, wenn auch wahrscheinlich anderer, nämlich süd- und westdeutscher Stämme. In allen Fällen, nicht etwa bloß im letzten, wo übrigens die Verhältnisse besonders kompliziert liegen, sind schließlich neue spezifisch deutsche Kulturwerte geschaffen worden. Kulturelles Schöpfertum offenbart sich eben gerade durch die Kraft und Eigenart, mit der Fremdes und Fremdestes wirklieh zu eigen gemacht, d. h. eigentümlich umgestaltet wird — und das ist gesunde Assimilation. Insofern ist eben Assimiiafion, wie Holdheim richtig sagt, ״eine legitime Erscheinungsform des Lebens“. Zum Symptom der Kraftlosigkeit, ja der tödlichen Krankheit wird die Assimilation, sobald das Fremde die Eigenart des Assimilierenden nicht mehr abwandelt und bereichert, sondern sie lediglich nivelliert, schwächt und zu vernichten droht; auch hierfür ließen sich unschwer Beispiele beibringen, etwa die Sprachmengerei und das IJeberhandnehmen des Französischen im Deutschland des ausgehenden siebzehnten und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Wenn alle diese Beispiele hier herangezogen und einige Ueberlegungen an sie angeschlossen wurden, so geschah das lediglich, um den Begriff ״Assimilation“ zu klären, nicht aber, um etwa historische Analogien zu ziehen, die politisch immer irreführen. Ist es doch wahrscheinlich das Charakteristikum des echten politischen und damit auch jedes kulturpolitischen Denkens und Tuns, nicht durch Analogieschlüsse sich verleiten zu lassen, sondern wahrhaft sachgemäß zu denken und aus der Einsicht in die gegenwärtige, einmalige Sach läge, in den vorliegenden Tatbestand seine Entschlüsse zu treffen — unbeirrt durch Analogien, in denen sich ja stets Erkenntnisse spiegeln, die aus der Einsicht in eine frühere Sachlage, also in einen anderen Tatbestand gewonnen worden sind. Es ergibt sich für uns etwa folgende Beurteilung der Sachlage: Wenn und indem wir in der Galuth leben, bejahen wir den Zweiheimatgedanken. Wir sind deutsche Staatsbürger und nehmen teil am deutschen politischen und kulturellen Leben; zugleich sind wir Juden, wollen den Fortbestand jüdischen Wesens und hoffen auf seine Renaissance in Palästina, wissen aber auch, daß die Galuth weiter bestehen wird, daß wir, das heißt die meisten von uns, hier wohnen bleiben müssen und daß es den folgenden Generationen ähnlich ergehen wird. Wie soll diese Doppelheit zur Einheit werden? Wir lehnen das ״deutsche Staats bürgertum jüdischen Glaubens“ ab, weil wir wissen, daß das zur Konfession gestempelte Judentum dem Untergang geweiht ist. Vielmehr wollen wir die jüdische Voücsgemeinde im Rahmen des deutschen Staatsbürgertums. Genau dasselbe — dahin geht die zwangsläufige Entwicklung — werden morgen die zionistisch orientierten Liberalen fordern, wie es schon heute die liberalen Zionisten auf der Tagung des liberalen Rabbinerverbandes taten (vgl. die Bemerkungen von Dr. Maybaum- Bingen bezüglich Säkularisierung der Tempelgemeinde zur weltlichen Volksgemeinde, ״Jüdische Rundschau“, Nr. 28). Wie können wir in der Galuth als Juden leben? Diese Frage hatten wir uns vorhin vorgelegt. Auf Grund der eben angestellten Erwägungen können wir jetzt hierzu sagen: iiiiBiniiiiiiiiiiiiiiiiiiHiiiniiiiiiHiiiiinniimiiiiiinmnniHiiniiiHiiiHiiiimiiHiimiiiiiiiiiiiiiiiiitmnimiiiHiHiniiniiiiiiiiinin Dl« heutig« Nummer der ״Jüdisdien Rundschau" erscheint wegen des Passah •Festes in verkleinertem Umfange. Für viele von uns wird, so glauben wir, eine Lösung zwar nicht sofort gegeben, aber doch allmählich angebahnt werden können durch eine Diskussion mit echt religiösen Liberalen, die entweder Zionisten sind oder, der Enge des alten Liberalismus entwachsen, den Weg zu uns insofern gefunden haben, als ihre Liebe zu Palästina lebendig geworden und ihr Sinn für die Lebensnotwendigkeiten des jüdischen Volkes in der Galuth erwacht ist. Mit diesen Menschen werden wir beraten, wie wir den Sabbat begehen und unsere Feste feiern wollen. Auch eine dem modernen Empfinden kongruente Gottgläubigkeit und vielleicht auch ein Verhältnis zum Gebet dürfte dann möglich werden. Das alles sind keine ״Ersatzgreuel“ — wie Krojanker meint —, sondern echte Reformen. Denn wir als Zionisten dürfen die liberalen Reformen wagen, die wir dem vorzionistischen, immer zu schrankenloser Assimiiafion tendierenden Liberalismus mit Recht verübelt haben —- wir dürfen es, weil unser Zionismus uns feit gegen Preisgabe des Judentums. Und mit Hilfe dieser Reformen wird es uns — dahin geht unsere Hoffnung — gelingen, ein jüdisches Leben zu leben, wenn auch ein anderes als das unserer Väter und der Orthodoxie, und damit in unserem Hause selbst die Grundlage zu schaffen, die uns die jüdische Erziehung unserer Kinder gewährleistet. — Selbstverständlich kann jetzt im Augenblick kein Rezept zur Herstellung jüdischer Häuslichkeit gegeben werden. Aber zur Erreichung dieses Zieles wird uns nie und nimmer, das müssen wir endlich cinsehen, eine Diskussion mit dem Mis* rachi führen. Nur der junge zionistische Liberalismus kann uns weiter helfen, und er wird durch die Säkularisierung der Tempelgemeinde jüdische Lebensmöglichkeiten auch für die tatsächlich Irreligiösen schaffen. Deren Zahl wird übrigens, das dürfte sich dann wahrscheinlich heraussteilen, erheblich kleiner sein, als die derjenigen, die sich jetzt für irreligiös halten. — Das alles ist zum großen Teil Zukunftsmusik. Was aber können wir im Augenblick für die junge und jüngste heran« wachsende Generation tun? Wir haben hebräische Kindergärten, insofern ist, wenigstens im gewissen Umfange, für di« Kleinsten gesorgt. Wir haben auch schon jüdische Schulen zionistischen Charaktere, z. B. in Berlin die vom Schulverein unterhaltene private Volksschule. Was wir ganz besonders dringend brauchen, sind höhere Schulen, die in Großstädten wie Berlin, Hamburg, Breslau und anderen sich sofort gründen ließen, wenn die betreffenden Gemeinden nur wollten und das Geld für sie aufgebracht würde. Es wird verhältnismäßig viel leichter möglich sein, eine jüdische Schule zu schaffen als jüdische Häuslichkeit Denn in jeder Schule, besonders in der höheren, tritt ganz naturgemäß die erzieherische Aufgabe — Erziehung in der oben erläuterten, sehr umfänglichen Bedeutung — hinter der unten richtlichen zurück. Das heißt also, es würde sich in erste! Linie darum handeln, in geeigneter Weise die Stoffe an di« Schüler heranzutragen, dafür zu sorgen, daß sie für di« Bibel, den Talmud und die Werke der mittelalterlichen lüdi sehen Philosophie ein lebendiges Verständnis entwickeln anders als es die jetzt erwachsene Generation in ihrer Schul• zeit gegenüber dem ihr damals übermittelten Bildungsstofl kennen lernte; vergleichbar aber — wie wir hoffen — jener tiefen, alle Stürme des Lebens überdauernden Beziehung die das deutsche Gymnasium in seinen besten Zeiten seinen Zöglingen zu Homer und Plato sowie zu Goethe zu ver mitteln vermocht hat, vergleichbar ferner den Wirkungen, die man sich wohl mit Recht für die Zukunft von dei Durchführung der gegenwärtigen preußischen Schulreform ver sprechen darf. Selbstverständlich kann die Schule wie über• haupt so auch, und zwar besonders, in jüdischer Beziehung eine erhebliche erzieherische Wirksamkeit entfalten. Sie kan* die Lücke in der jüdischen Erziehung, jene Lücke, die sich in so vielen Elternhäusern auftut, wenigstens zum Teil aus• füllen. (Nicht ganz: damit würde denn doch zu viel von ihi verlangt.) Sk wird das tun durch den jüdischen Geist, der in ihr herrschen wird, durch geeignete Feste und Feiern an unseren Feier- und Gedenktagen (etwa an Herzls Todes• tag) und durch Anregungen, die sie den Eltern geben wird; die Institution der Elternabende könnte so bei uns einen neuen und tiefen Sinn bekommen. Eine Erörterung der sehr wichtigen Einzelfragen, welche Schulform die zweckmäßigste sei, ob eine gymnasiale, ein« realgymnasiale, eine der deutschen Oberschule angenäherte oder irgendeine andere, und in welcher Weise das jüdisch« Bildungsziel sich am besten verwirklichen ließe — eine der• artige Erörterung kann vorläufig unterbleiben. Sie wird erst am Platze sein, wenn die Gründung einer unseren Tendenzen entsprechenden Schule ernsthaft geplant wird. Und es Isl bedauerlich genug, daß das bisher noch nicht der Fall ist, so daß z. B. gerade im gegenwärtigen Moment die Kinder, die in der Berliner jüdischen Volksschule unter großen technischen Schwierigkeiten bis zur Quartareife gefördert worden sind, nunmehr gezwungenermaßen in die staatlichen und städtisehen höheren Schulen übergehen müssen. Polnisches Judeneiend Warschau, 21. April. (J. T. A.) Kurz vor dem Passahfest hatten sich viele Hunderte verarmter Juden Warschaus vor den Büros der Jüdischen Gemeinde versammelt und gegen die mangelhafte Passah-Hilfe protestiert. Die Gemeinde tat alles, um der dringendsten Not abzuhelfen. Am ersten Tage des Zwischenfestes stürmten wiederum Hunderte verarmter Bürger die Büros der Gemeinde und protestierten dagegen, daß man es zuüeß, daß jüdische Familien an den Passah-Tagen hungern. Die Gemeinde mußte sich trotz ihrer schlechten finanziellen Lage zur weiteren Hilfeleistung entschließen. Es hat sich gezeigt, daß seit dem vergangenen Jahre die Verarmung unter den Juden Warschaus noch weiter fortgeschritten ist. Der Leiter der Passah-Aktion der Gemeinde, Herr Moses Feldstein, gab der Presse einen Ueberblick über den Umfang dieser besonderen Hilfstätig• keit. Danach hat die Gemeinde rund 9000 Gesuche jüdischer Familien erledigt. Ungefähr 70 OOÖ Zloty hat die Gemeinde selbst im Verlauf dieser Aktion ausgegeben. Darin ist die Unterstützungstätigkeit verschiedener philanthropischer, reli* giöser und Berufsvereinigungen nicht eingerechnet. Der polnische Staatspräsident über die Minderheitea Warschau, 20. April. (J.T. A.) Der Präsident der polnischen Republik Prof. Moscicki empfing den amerikanisch-jüdischen Journalisten Hermann Bernstein und sprach sich ihm gegenüber über die Minderheiten im polnischen Staate aus. Es ist, sagte er, die ernste Absicht der polnischen Regierung, das Verhältnis zu den nationalen Minderheiten nicht durch Worte, sondern durch Taten zu festigen. Die Minderheiten sind gleichberechtigte polnische Bürger und haben die gleichen Interessen an dem Gedeihen des polnischen Landes. Bukarest, 19. April. (J.T. A.) Die Klausenburger Zeitungen melden, daß die einzige jüdische Studentin, die noch an der Klausenburger medizinischen Fakultät studiert hat, infolge des Terrors der Cuzlstea die Fakultät verlassen mußte.