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Jüdische Rundschau · 1927-04-13 · Heft 29-30 (13.4.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 29-30 (13.4.1927)
Date
1927-04-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Doppchmmmcr 0,40 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15. MeinekestraBe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Gotdmark. vierteljährlich 5,25 Goldmark. AiuUnd.abonnement« werden In der Wihren( der einzelnen Linder berechnet Anzeigen ״Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.h.H., Berlin W15, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Aa*«!geapr*i4* 8 gupftltifooptrtiiUzeü« 030 €L*M Stell eag*s0eb• 0*23 G,-M Anxti^naehloBi Dittssigg und FreeUag nachmittag 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 FOr OerterHneb! Pa.Uparlcatienamt Wien, Koni» Nr, IM 03a PUr Trehncbrelmrskei: ruupnrksuenunt PrnA Konto Nr. SO (tft Pär Polen: Po»t*p*rk»«1«1»a1l Wtrachnn, Konto Nr. ISO TOS. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nnnimer 29/30 | Bclto, 13■ IV. 1927 י״א ניסן" תיס״ז | xxxu, Jahrg. Dar Zionismus orstreb» für das indische Volk dlo Schaffung •Inor öffentlich rechtlich gesicherten Heimstatt• in Pallstlne• »Baseler Programm.** Durch die Wüste Innere zionistische Probleme — Die Idee des neuen Juden und der Chaluz — Vorschläge zum inneren Frieden — Verwaltungsreform, aber Gemeinschaftsgeist Die Erinnerung an den Auszug aus Aegypten hat das jüdische Volk durch Jahrhunderte mit Glauben und Zuversicht erfüllt, ״ln jedem Geschlecht sind Feinde gegen uns aufgestanden“ und immer wieder fühlten wir uns in unserer Existenz als Volk bedroht. In den Nächten des Galuth, in den finsteren Gassen des Ghetto träumte das Volk von seiner Befreiung. Und wenn ein Blick in die feindliche Welt der Wirklichkeit lehrte, wie fern die Erlösung ist, dann schöpfte das Volk Mut aus dem Berichte über jene Kette wundersanffer, höchst unwahrscheinlicher Begebenheiten, die zur Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft geführt haben. Die damals lebenden Kinder Israels empfingen die Botschaft der Freiheit mit größter Skepsis, und an jeder schwierigen Stelle des Weges erlangten die Zweifel und der Wunsch, in die gesicherte Knechtschaft zurückzukehren, die Oberhand. Wie ganz anders stellt sich uns heute die Kunde jener Ereignisse dar, als den Mitlebenden von damals! Zeitgenossen großer Ereignisse vermögen oft die Tragweite des Geschehens, an dem sie beteiligt sind, nicht zu übersehen; die Begrenztheit ihres Horizontes, die Schwäche ihres Menschentums, das notwendigerweise nach Ruhe und Sicherheit verlangt und die Qual der Wanderung ins Ungewisse nicht auf sich nehmen will, treiben zur Ergreifung des Nächstliegenden, heißen die jeweilige Position festhalten, sei sie auch nicht befricdigend; sie begeben §jeh nur mit Widerstreben in die Brand״״״ der Ungewißheit. Erst der rücks hauende Epigone vermag die Zusammenhänge zu erfassen atii sieht die Öröße dei; Werkes, wo Jene nur die kleinlichen Zweifel ob der SchwieflgkeiteB kwnten. . In jeder Bewegung, in jedem schöpferischen Mühen, in jeder Gestaltung eines Neuen, sind diese seelischen Erscheinungen selbstverständliche Begleitung. Denn jedes schöpferische Handeln strebt zu einem unbekannten Ziel, zu einem noch nicht vorhandenen, erst zu schaffenden Zustand, dem gegenüber alle Unheimlichkeit des Unbekannten und Ungewissen beunruhigend hervorbricht. Man verlangt Garantien, man will genau wissen, wohin man auf dem Wege kommen wird. Aber solche Garantien kann es nicht geben, alles Leben ist Wagnis. Niemand kann vorher genau wissen, zu weichem Ziel eine große Bewegung geht. Niemand von den Mitlebenden konnte die große weltgeschichtliche Bedeutung des Auszugs aus Aegypten ermessen. Die Idee, die die Menschen im Innersten erschüttert, führt sie auf den Weg zur Freiheit immer wieder lauert der Zweifel am Wege; wenn Schwierigkeiten sich zeigen, werden Menschen unsicher und untreu. Das erste Geschlecht muß oft muß vielleicht immer, in der Wüste untergeben. Erst die Mensehen, die nicht mehr das Erbe 4er Knechtschaft in sich tragen, vermögen mit naturhaftcr Urgewalt ihre Sendung zu erfüllen. * t» Der Zionismus durchlebt heute schwere Tage, da die Durchführung seines Werkes sich nicht in der träum* haften Abgeklärtheit der ersten Hoffnungen vollzieht. Jeder Denkende begreift das als eine Selbstverständlichkeif, und doch fühlen viele eine gewisse Enttäuschung darüber, daß das Leben nicht so reibungslos vorüberzieht wie der Traum. Die Ungeduld und Unzufriedenheit äußern sich, wie immer, wie auch damals am Eingang unserer Geschichte, in inneren Zwistigkeiten, gegenseitigen Beschuldigungen, ja in einer gewissen Unsicherheit über das Wesen der Bewegung selbst. Der Zionismus hat seit seiner Entstehung begriffen, daß sein Ziel nicht die einfache Umsiedlung einer Anzahl von Juden in ein anderes Land ist, sondern daß die Erneuerung des Volkes zu einem lebendigen schöpferischen Organismus, der allen seinen Gliedern einen neuen Willen einflößt, eine Befreiung der Seele voraussetzt. Der jüdische Mensch ist im Ghetto auch innerlich abhängig geworden; die unnatürliche äußere Lage, die einseitige wirtschaftliche Struktur hat im jüdischen Volk viele natürliehe Anlagen verkümmern lassen. Der Zionismus hat aus dieser Ghetto-Atmosphäre, die vielfach trotz der Emanzipation erhalten blieb, die Befreiung erstrebt, er hat sich das Bild des n eu en j ü di sehe n M en sehe n geschaffen, als das normative Ideal der künftigen jüdisehen Lebensgestaltung. Dieses Streben nach einem ״neuen Leben“ ist eine der elementaren Orundkräfte des Zionismus, der Verneinung der jüdischen Gegenwart. Und um diese Idee zu verwirklichen, bedarf es einer Umwandlung und Umschichtung der Volkskräfte, des Uebergangs aus jahrhundertelanger kleinbürgerlicher Gewohnheit zu einer vollen Entfaltung aller schaffenden und menschlichen Kräfte. Das Volk kann nur gesund werden durch direkte Berührung mit der Natur, mit dem Boden, den es solange entbehrt hat. Eine Herrschaft über Boden, der von anderen bearbeitet wird, gäbe keine Eingliederung in das natürliche Leben, keine neue Verknüpfung mit dem mythischen Urprozeß des kosmischen Geschehens. Der Versuch, zum Boden und zur eigenen Arbeit zurückzukehren, ist ein großes Wagnis, dessen Ablauf und einzelne Phasen von niemandem vorhergesehen werden können. Die Menschen, die es unternehmen, tun dies aus innerer Entscheidung, getrieben von der Idee, die der mächtigste Anstoß sozialen Gestaitens ist: der Sehnsucht nach Freiheit. * Es bedarf einer großen Anstrengung, um die Voraus- Setzungen für die Verwirklichung des Zionismus zu schaffen. Das Land ist seit Jahrhunderten vernachlässigt, das Volk ist seit Jahrhunderten der Arbeit entwöhnt Wir aber wollen und müssen in diesem Lande das Volk wieder lebendig werden lassen. Dies kann nicht ohne große Hilfe der Gesamtheit gelingen. Volk und Land, 'Wd* Jtefttfea 4er. VPfbtreiiiog.* Diese Vorbereitung Gesichtspunkten betrachtet werden darf. Das Jüdische Volk hat zwei große öffentliche Fonds, den Keren Hajessod und Keren Kajeraeth, die die Kosten dieser Vorbereitung trägem Eine ungeheure Kulturleistung ist in diesen sieben Jahren vollbracht worden; aber das Geld ist nur der Helfer, die wahre Kraft kommt von den Menschen, die unbeirrt von allen Zweifeln und ungeachtet aller Schwierigkeiten die Arbeit im Lande selbst vollbracht haben. Die große Wirkung, die die erste Periode zionistischer Arbeit in Palästina auf jeden Besucher und man kann wohl sagen auf die ganze zivilisierte Welt ausgeübt hat, ist der Tatsache zu danken, daß die Welt hier zum erstenmal einen neuen Typus Juden kennengelernt hat. Ein Jude, dem geistige Güter wichtiger sind als materielle, der in selbstgewählter Genügsamkeit lebt, um der Idee der Befreiung seines Volkes aus innerer und äußerer Knechtschaft willen. Chaluz ist ein Wort, das beinahe in alle Kultursprachen eingedrungen ist, und man darf sich nicht wundern, das Wort ohne Erklärung im Texte großer europäischer Zeitungen zu finden. Ein Konglomerat von kleinen jüdisehen Existenzen, wie sie aus den osteuropäischen Städtchen bekannt sind, hätte in Palästina wohl ebensowenig Aufmerksamkeit gefunden wie die Gruppen frommer Beter, die früher nach Palästina kamen, um dort zu sterben. Mit dieser Feststellung ist natürlich nichts gegen die städtische Bevölkerung gesagt Aber es wäre gefährlich, die Augen vor der Tatsache zu verbergen, daß das Spezifikum des jüdischen Palästina in der Figur und den Schöpfungen derjenigen Menschen liegt, die, selbst aus kleinbürgerlich-städtischem Milieu hervorgegangen, die Verwirklichung des Zionismus als individuelle Aufgabe, als Neuordnung des eigenen Lebens empfunden haben und aus freiem Entschluß gerade das geworden sind, was es bisher bei uns nicht gab: Arbeiter und Bauern. Für große Teile der zionistischen Bewegung, vor allem für die jüdische Jugend, die den zionistischen Nachwuchs bildet, würde die Siedlung in Palästina ihrer gewaltigen Anziehungskraft beraubt sein, wenn ihr dieser Inhalt, die Tendenz zu neuer jüdischer Lebensgestaltung genommen würde. Gerade an dem Fest der Befreiung muß in einer Zeit, wo die schwere materielle Not die Gegensätze der Schichten und Gruppen in Palästina verschärft hat, und wo eine Reihe von Reformen sich als notwendig erweisen, ausgesprochen werden, daß die Menschen, die zur eigenen Arbeit im Lande übergegangen sind, Repräsentanten zionistischen Geistes sind. Sie haben Ernst gemacht mit der Verwirklichung der Idee der Wiedergeburt, sie haben selbst den Weg beschritten, von dem andere nur — redeten. * In der letzten Zeit sind von vielen Seiten Angriffe auf die jüdische Arbeiterschaft Palästinas gemacht worden. Auch das Organ der amerikanischen Zionisten ״New Palestine“ hat in seiner letzten Nummer gegen die Arbeiterschaft Stellung genommen und der Führer der amerikanischen Zionisten, Herr Lipsky, hat nach seiner Ankunft in London in einem Interview erklärt, es sei nicht das Ideal der amerikanischen Zionisten, den jüdischen Lebensstandard in Palästina dem Standard der Arbeitersiedlungen angepaßt zu sehen. Nun wird selbstverständlich niemand etwas dagegen einwenden können, wenn gesagt wird, daß der jüdische Lebens- Standard in Palästina möglichst hoch sein soll. Die Frage ist nur, wie dies unter den heute gegebenen Verhältnissen erreicht werden kann, zumal wenn Palästina ein Laftd erheblicher jüdischer Immigration werden sali. Eine große jüdische Immigration ist nur dadurch möglich, daß die Juden nicht lediglich die Unternehmer, sondern auch die Arbeiter stellen, die ja überall die Mehrheit des Volkes sind. Ist nun auf dieser Basis ein hoher Standard möglich, dann werden auch die Arbeiter gewiß sehr zufrieden sein. Wird aber dieser Standard für einzelne Unternehmer erreicht, ohne daß dabei größere Mengen von Juden Arbeit finden, dann werden solche Unternelimungen von viel zweifelhafterem zionistischen Wert sein als die Kwuzoth, die mit ״Hungerleidern“ anfangen, aber in denen ein neues jüdisches Geschlecht heranwächst und die durch alle, Stadien des Expenmentiereus und des schweren Ring|ns hindurch sich 21 a§- j!St 4« A|ög|»Ä|eiÄ d« tanies emiporarlbateh.' So '6eH wir die Nobvehligieit geschäftsmäßiger Methoden verstehen, und so Seht!wir für die Durchführung von Reformen auf dem Gebiete der Verwaltung und der Wirtschaftsführung eintreten, so möchten wir doch warnen vor einem so folgenschweren Schritt wie der Entthronung jenes zionistischen Ideals, das den Hauptantrieb aller Schöpfungen in Palästina und aller Sympathien des Galuth gebildet hat. Wir sehen vorläufig noch nicht, was an seine Stelle gesetzt werden könnte. Es wäre ein sehr folgenschwerer Irrtum, wenn man im Zionismus gewisse ungünstige Begleiterscheinungen, die gewiß beseitigt werden müssen, mit der Idee selbst verwechseln wollte. Die Bedingungen von Land und Volk sind solche, daß ohne Opfer die Normalisierung des Volkslebens im Lande nicht bewirkt werden kann. Wer das erkennt, wird vor der Größe des ״Hungerleiders“ — der ja vor allem darum hungert, weil die Versprechungen des Zionismus ihm nicht gehalten wurden — den tiefsten Respekt haben. Man soll durch bessere, an den Erfahrungen geschulte Kolonisationsmethoden, durch planmäßigere Budgetierung, durch solidere Verwaltung eine schnellere Ent- Wicklung der Kolonien zur Selbsterhaltung und Prosperitat anstreben; aber man darf nicht verkennen, wie das willige Hungerleiden dieser echten zionistischen Mensehen in den schweren Jahren des Experimentierens die Okkupation weiter Landstrecken, das Jüdischwerden großer Gebiete, die Entstehung von zahlreicher», heute schon blühenden jüdischen Dörfern ermöglicht hat Und man muß wissen, daß auch in Zukunft bei der Erwerbung neuer Strecken derselbe Weg gegangen werden wird; hoffentlich mit besseren Methoden, mit mehr Rationalität, aber mit demselben Idealismus, den aus» zuschalten der Zionismus nicht riskieren kann. Wir haben an dieser Stelle in letzter Zeit wiederholt der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die gesamte Aufbautätigkeit in Palästina reformbedürftig ist und durchgreifender Rationalisierung bedarf. Dies beginnt bei den Grundsätzen der Immigration und erstreckt sich auf die technischen und marktpolitischen Probleme de» Landwirtschaft und Industrie, auf die Bodenpolitik und alle anderen Gebiete zionistischer Tätigkeit. Der wich• tigs te Grundsatz ist Rücksichtnahme auf die eigenen Mittel, die nicht ungestraft dauernd überschritten werden können. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß die scheinbar größere Unternehmung, die nach phantastischen Plänen oder Berechnungen ohne Berücksichtigung der wirklich vorhandenen materiellen Unterlagen aufgezogen wird, in Wirklichkeit einen kleineren Effekt hat, als wenn man sofort im Einklang mit den Mitteln gearbeitet hätte. Die Ueberschreitung der

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