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Jüdische Rundschau · 1927-04-05 · Heft 27 (5.4.1927) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 27 (5.4.1927)
Date
1927-04-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 201 Die Volksratspolitik in Posen Zur Kontroverse Haase - Kollenseher Von Dr. Paul C, h o n c. In Nr. 100/101 des v. Jörg. der ״J. R.“ bat sich l)r. ״ ' Kollenseher mit den Vorwürfen auscinandcrgcsctzt, die Dr. Haase in der C.-V.-Zcitung gegen die von Kollenseher geführte Politik des jüdischen Volksrats in Posen erhoben hat. Dr. Haase hat in der C.-V,-Zeitung nochmals darauf erwidert. Wir bringen nun zum Abschluß dieser Sache u:>׳'h einen Beitrag von Dr. Chone, der seinerzeit zu den aktivsten Mitarbeitern des jüdischen Volksrates zählte uiitl die Verhältnisse gut kennt. Dr. Chone verneidet ein Eingehen auf Einzelheiten und gibt eine grundsätzliche Darlegung, die u. fi. viel klärender v-'fkt als viele Details, die nur in ihrer Bedingtheit '׳erfanden werden können. Red. Die «!gewöhnliche und , ungerechtfertigte Schärfe, mit der Haas״ die Führertätigkeit Kollcnschers in Posen bekämpft, zwirgt zu einem Worte der Erwiderung. Bei der Leklürc des letzten Haaseschen Aufsatzes im C.-V.-Blatt erweckte in mi. den peinlichsten Nachgeschmack die Erkenntnis, daß man 1t! jüdisch-politischen Kampfe nun wieder glück-!ich dabei ang •langt ist, sich gegenseitig den Patriotismus abziisprcehen, u'm] daß nur noch ein kleiner Schritt nach rückwärts fehlt, -v und schon bieten einzelne wieder ihre ..patriotische Gesinnung‘‘ im Inseratenteil der Zeitungen zur bestmöglichen Verwertung an und ziehen dicke, dann schwer wrgziirädierendc Tramungsstrichc. Für jeden, der die kritische Zeit in Posen tätig mitdurchleb; hat, ist diese Erkenntnis um so deprimierender, als gerade Haase es war, der seinerzeit in einem noch zu erwählenden Aufsatze dein jüdischen Volksrat _ beträchtlich es Verständnis entgegenbrachtc. Damals waren >'.1׳ ihm eben die zahllose* Imponderabilien, ohne deren Vor- Stellung man die Frage njeh der Berechtigung des jüdischen Volksrats überhaupt nicht erörtern kann, "lebendig, während er heute dem Problem nit ein paar kalten Argumenten, die er aus dem schließlich» Mißerfolg auf vielen (durchaus nicht allen) Gebieten herletet, und bei denen er die labile, unstete Politik der damaligen Machthaber im besetzten Gebiet zu charakterisieren vergißt, ohne Einfühlung in die Problematik der Situation beikommen will. Der schwere Vorwurf, der Kollenseher von Haase gemacht wird, sich nicht in die Idt'rngängc anderer einfühlen zu wollen und zu können, fällt hier, meine ich, auf Haase zurück. Man vermißt bei ihm die Würdigung der leitenden Ideen, die zur Volksrats- Politik führten, und die ihn selbst einmal dazu führten, die Frage einer Einigung in die Debatte zu werfen. Statt dessen schiebt er eine Anzahl von Einzelheiten in den Vordergrund, die nur für einen sehr begrenzten Kreis von Interesse sind, und aus denen nichts Wesentliches aufs Prinz.ip gefolgert werden kann. Dabei ist zur Würdigung der Prinzipien, aus denen dir Volksratspolitik entstand, nicht etwa ein tiefes Schürfen in der Psychologie jener Zeit erforderlich, sondern die Grunde lagen in der Luft. Haase hebt nicht genügend das völlig Neue, in der Situation, vor der die Posener [uden standen, als sie ganz plötzlich de.facto — und für einen Sehenden tinabi'n V NHi — staatsrechtlich von Deutsrhlan»l־1׳fptr#”1i;r.׳,?«j,־״;,ii;1a eit1!״."':V* w*-*n. Die Posener Juden, also Deu&v..e j räwt e{״ v;'‘,״ ן waren über Nacht Bürger eines Landes ״ewoi , * “ ' . eine jüdische Masscnsicdlung nri; ׳;atum, 12m inul nationalen MinderbcitsrecMea existierte, WsJ'fa's btdeutungs• los? Bedeutete diese Tatsache nach Haases Ansicht für lfR-Ä«e«»er;Jaden nichts■ ־arideres'.»als für mm Nithfili!•*? ftd«r-|lbt Haas* vMlefcht «, daß diese bloße Tatsache HÜf ms steh allein auch für den nicht ״national“ gerichteten Juden «•ne Komplikation im ״olUtscticי»»ויי«ס ״ «chaffe« und in jüdisch-politischer Beziehung richtunggebend werden mußte? _ •; Diese polnischen Juden waren ווו unseren (damit meine ici, durchaus nicht nur Zionisten) Augen stets Glieder derselben Flar.11m׳$cinheit wie wir, wir sahen in ihnen nicht Russen mosaischer Konfession, und cs gab selbst unter den Gebildeten unserer jüdischen Antipoden doch eine recht beträchtliche Anzahl, welche die staatsrechtliche Verschiedenheit bei der Wertung der polnischen Judenheit nicht nach modern völkischem Muster mitsprechen ließen. So wenig wir in Deutschfand jüdische Minderheitsrechte erstrebten, so sehr haben wir stets mit den Juden Polens für deren Minderheitsrechte gekämpft, ebenso wie wir für ihre. Gleichberechtigung in unseren jüdischen Gemeinden fochten. Wir haben an den jüdischen Kulturerrungenschaften unserer Stammesgenossen in Polen stets stoizen Anteil genommen; wir waren uns dessen bewußt, daß unsere Väter und Großväter vielfach ihrem Milieu entstammten, wobei cs unerheblich war, ob die Wiege in Kaliseh oder einige Kilometer westlich stand; es war uns klar, daß das bißchen Zivilisation und die Aenderung der ökonomisehen Verhältnisse uns vielleicht etwas andersartig, aber nicht höherwertig machen konnte. Also mit einem Worte; Die Juden des Landes, dem Posen zu fiel, waren stets national — im obigen Sinne — mit uns verbunden, und nun fielen die staatsrechtliehen Grenzen. AH diese tausendmal abgedroschenen und banalen Dinge gewannen plötzlich durch den staatsrechtlichen Umschwung ein anderes Gesicht und eine eminent praktische Bedeutung in der politischen Stellungnahme. Daß all diese Momente für die Posener Zionisten sowie für die religiösen Juden keine quantitd negligeable waren, bedarf keiner Erörterung, aber Haase wird wohl auch zugeben müssen, daß sie für alle anderen Juden, denen das Judentum nicht bloß eine leere Kulisse war, politische Bedeutung gewannen. Dazu kam die Notwendigkeit, den׳ Posener Juden eine Anzahl banger, spezifisch jüdischer Tagessorgen abzunehmen, deren sie bzw. die Einzelgcmeindcn nicht allein Herr werden konnten, und deren sich der deutsche Volksrat niemals mit dem erforderlichen Interesse annehmen konnte. Zu dieser problematischen Situation kam hinzu, daß bei dem deutschen Volksrat auch Männer führende Stellungen innehatten, deren antisemitische Gesinnung bekannt war, und von denen man mir annebmen konnte, daß ihr Antisemitismus im Hinblick auf die prekäre Situation zeitweise zurück-gestellt war. Aus diesen Momenten heraus, bei deren Zu.ammenstellung ich nur die einfachsten und generell empfundenen berücksichtigt habe, wurde die Volksratspolitik geboren. Sie wurde v o n Leuten gemacht, die alle den festen Willen hatten, im Lande zu bleiben und sich dementsprechend e i n s t e 11 e n wollten. Für diese die anderen brauchten überhaupt keine spezifische Politik — gab es dach bei einer Politik auf weite Sicht nur zwei Möglichkeiten: entweder Anschluß an das Gesamtjudentum Polens und Abstinenz in den nationalen Differenzen zwischen Deutschen und Polen, die ja nur immer polnischinnerpolitischc und bei dem gegebenen Zustand nicht etwa staatsrechtliche Bedeutung haben konnten, oder Ab- Splitterung vom Judentum überhaupt und Aufgehen in der deutschen Minorität Polens. Das Mittnachen der Politik des deutschen Volksrats war nur für die Juden zu verstehen, die von vornherein gar nicht den Willen hatten, im Lande zu bleiben. Die jüdische Volksratspolitik hat sich schließlich trotz zahlreicher Mißerfolge als richtig erwiesen für die, die dort geblieben sind. Eine jüdische Gemeinde im abgetretenen Gebiet wird sich selbstverständlich mit ihren Schmerzen heute nicht an die Vertreter der deutschen, sondern der jüdischen Minorität wenden. Nur diese werden naturgemäß genügend Verständnis und Willen für die Bekämpfung des Antisemitismus aufbringen. Wäre Haase in Posen geblieben, so würde er wahrscheinlich ein eifriger Arbeiter für jüdische Interessen im Rahmen der jüdischen Minoritätsorganisationen sein. Diese Fragen haben nichts mit Kulturfragen zu tun. Sie haben auch nichts zu tun mit der Patriotismusfragc, die eine ernsthafte Diskussion nur in das Gebiet öder Phrasendrescherei hirttiberztiloeken bestimmt ist. Der Wunsch, den Patriotismus derer, die nicht Anhänger des jüdischen Volksrats waren, besonders 7u unterstreichen, durchstrahlt alle Anführungen Haascs. Bei unbefangenem Prüfen der Situation wird dieser Wunsch dieselbe Kritik erfahren, die neulich die Anti-Pro- Palästina-Herren von sachkundiger und klarblickender Seite an sich erfahren mußten. Wie bereits ntehriaclt erwähnt, hat Haase selbst, als er noch in unmittelbarer Berührung mit den Dingen stand, offensichtlich anders gedacht. Im Jahre 1019 hat er in den Neuen jüdischen Monatsheften in Beziehung auf den Volksratstreit einen durchaus verständnisvollen Aufsatz veröffentlicht mit dem Thema: ,,Ausgleich — ein Wort der Vers t ä n d i g u n!;־׳. Ich habe diesen Aufsatz, der mir nicht mehr vorliegt, auf Seite 41 der Mitteilungen des jüdischen Volksrats besprochen und kann nur meine damaligen Wort« wiederholen; ״Die Gedanken des Aufsatzes bieten m. E. in der Tat eine Verständigungsmöglichkeit, vorausgesetzt, daß sie nicht graue Theorie bleiben, sondern in die Tat umgesetzt werden. Das wesentlichste Zugeständnis scheint mir das zu sein, daß Haase die Stammesgemeinschaft der Juden und damit also die Einheit des Judentums — mehr oder weniger starke Nuancierungen bei den Juden der verschiedenen Länder und Kulturkreise sind ja selbstverständlich — anerkennt. Das ist ein erstaunlich klarer Bruch mit der vom Ccntrai-Vcrein . . . so oft verkündeten These, daß die deutschen Juden, ebenso die (uden anderer Länder lediglich eine Religionsgemein• si-haft bilden, und daß der Zusammenhang zwischen den Juden der verschiedenen Länder kein anderer ist, als der der in der Welt verstreuten Katholiken, Protestanten und Mohammedaner. Wieviel Dialektik, wieviel erbitterter Kampt mußte gerade in Deutschland aufgewendet werden, um diesen selbstverständlichen Gedanken wenigstens dem intelligenteren Teil Unserer durch Parteifanatismus geblendeten jüdischen Gegner klarjumachcn. Und Haase bleibt ehrlicherweise bei der Feststellung der objektiven Stammesgemein- Schaft nicht stehen, er erkennt auch die subjektive Seite der jüdischen Gemeinschaft und betont, daß der im Deutschtum wurzelnde Jude, der kraft seines Blutes, seines Gefühls und seines Willens Jude sei, sein Deutschtum durchaus nicht schädige, ln dieser Synthese der jüdischen Gemeinschat't liegt oder kann wenigstens alles liefen, was zum Begriff des wohlverstandenen jüdischen Nationalismus gehört. Das fühlt wohl auch Haase heraus, wenn er sagt, der ganze Unterschied zwischen deutschen Zionisten und Nichtzionisten bestehe eigentlich nur in der Intensität der Empfindungen, mit denen der eine dem Deutschtum, der andere dem Judentum zuneigt.“ Wenn Haase den bloßen Intensitätsunterschied in den Empfindungen freilich so verstanden hat, wie es aus seinen letzten Aufsätzen hervorgeht, dann habe ich ihn damals allerdings mißverstanden. Aus der Kölner Gemeinde tonai» ft*1raät1’׳fl״״- ,«•».».־׳........ (Zionist) zmn ersten Steilvertrete# Die Wahlen in den Uemeiudevorsland haften nachstehendes Erccbnis; Die L i b < r a! e .0 erhielten drei Vollvorsteher und zwei Stellvertreter, die: Volksparte.i zwei VollvorMeher und einen Stell- •.ertreter, di« Konservativen -/vre i Vollvorstelier. Gewählt sind: Emil B 1 u in e n u u , Dr. E 1 i e I, Dr. Frank, Dr. B o d e n 11 e i in e r, Hoffmann, Dr. Klein und Dr. Lissauer für sechs Jahre als Vorsteher; Kaiser, Falkenstein und Schnelling als stellvertretende Vorsteher für die Dauer von drei Jahren. Jödisch * Konservative Vereinigung Die Gründungsversammlung der Jüdisch-Konservativen Vereinigung fand am Dienstag, den 29• 'März.-in Berlin statt. Gcmeinderabbiner Dr. Rosenthai (Köln) sprach über ״konservatives Judentum als Welt- und Lebensansehauung“. Das Korreferat hielt Rechtsanwalt Horovitz (Frankfurt a. M.). lieber die im Entwurf vorliegenden Satzungen der Jüdisch- Konservativen Vereinigung berichtete Moritz A. L 0 e b (Berlin). Als letzter sprach Dr. Jakob SegaH (Berlin) über das ebenfalls im Entwurf vorliegende Programm der Jüdisch-Konservativen Vereinigung. Es wurde ein provisorischer Arbeitsausschuß eingesetzt, der sich aus folgenden Herren zusammensetzt: Dr. Isi Kahn, Siegbert Seckelsobn, Bruno Galewski, Max Bauer, Dr. N. Rachmilewitz, Maurice Glogau, Dr. Jakob SegaH, Moritz A. Loeb, alle aus Berlin; Rechtsanwalt Horovitz (Frankfurta. M.), Justizrat Hirschberg (Breslau), Dr. M. Lissauer (Köln), Ernanuel Pinczower (Beuthen), Direktor Hermann Marx (Königsberg i. Pr.), Dr. J. Möller (Altona), Rabbiner Dr. Neuhaus (Mülheim-Ruhr), Felix Struck (Berlin). — Durch Delegierte vertreten waren folgende Orte: Köln, Frankfurt a. M., Kiel, Hamburg, Altona, Trier, Hannover, Mülheim, Beuthen, Gleiwitz, Schwedt, Liegnitz, Frankfurt a. O., Königsberg 1. Pr., Osterode i. Ostpr., Prenzlau, Mannheim, Oppeln, Dortmund. Eingesandt Staatsrat Jacob T e i t el, Vorsitzender des Verbandes russischer Juden, bittet uns um Veröffentlichung nachfolgenden Aufrufes; Das Peßachfest steht vor der Tür — das Fest unserer Befreiung von dem ägyptischen Joch. Lasset uns unsere bedürftigen Flüchtlinge wenigstens für die Dauer der Peßachwoche von dpm Joch der Not befreien! Helfet dem ״Verband russischer Juden in Deutschland“ bei der Erfüllung dieser Aufgabe! Sehr treffend hat man unseren Verband eine ״gegenseitige Versicherungsgesellschaft“ genannt. Viele Familien, die noch vor kurzem zu unseren Spendern gehörten, erhalten jetzt von unserer Unterstützung. Ich zweifle nicht, daß mein Aufruf Widerhall finden wird. Die Spender für unsere ״Moeschitim-Sammiung“ werden die größte Genugtuung im Bewußtsein haben, daß sie sich an einer guten Sache beteiligen, und daß ihr Scherflein dazu beigetragen hat, Tausenden ihrer Brüder, die durch weltgeschichtliche Katastrophen in Not geraten sind, ein frohes Fest zu bereiten. Spenden sind in dem Büro des Verbandes, Lützowstr. 16, von 11—1 Uhr täglich (außer Sonnabend und Sonntag), sowie aut Postscheckkonto, Berlin Nr. 6131, einzuzahlen. Bemerkungen zur Konferenz des deutschen Hechalnz Aus Chaluz-Kreisen. Die_ fünfte Jahreskonferenz des deutschen Hechalnz fiel in •eine für die Entwicklung der Bewegung besonders kritische Situation. Sowohl von innen wie von außen treten an den Hechalnz so schwierige Probleme heran, daß wirkliche Lösungen von der Tagung nicht zu erwarten waren. Dagegen ist 7.11 untersuchen, wie weit die Konferenz die ihr gestellten Fragen in ihrer Tragweite erkannt hat. Ein Problemkomplex, der die Konferenz besonders in ihrem ersten Teil sehr stark in Anspruch nahm, ist die im engeren Sinne organisatorische Krise, die der Hechalnz im vergangenen Arbeitsjahr besonders zu Ende desselben durchzumachen hatte. Die Wurzeln dieser Schwierigkeiten dürften zum wesentlichen Teil zufälligen äußeren Umständen, Personenfragen, insbesondere dem Fortfall einer ganzen Reihe von Menschen, die von der vorjährigen Konferenz für die Arbeit bestimmt waren, zu erblicken seien. Man hat auf der Konferenz versucht, auch diese Erscheinungen ins prinzipielle zu ziehen und ist dabei in dem Bestreben, überall Symptome zu sehen, wohl etwas weit gegangen. Es ist jedenfalls unverständlich, weshalb man das angebliche Versagen einer Leitung auch in rein verwaltungsmäßigen Sachen darauf zurückfüliren zu müssen glaubt, daß diese Leitung aus Beamten statt aus Menschen, die die Bewegung aus eigenen Kräften stellt, zusammengesetzt war. Klar ist hier jedenfalls so viel, daß es sich bei diesem Punkt lediglich um die Forderung einer formal gut funktionierenden Organisation handelt, also um Probleme zweiter Ordnung. Anders liegt es in einem weiteren Punkt der Kritik, die man au die Arbeit der Leitung gelegt hat, nämlich ihrem Verhältnis und persönlichen Kontakt zu den Menschen der Bewegung. Hier ist allerdings ein Problem, daß sehr stark mit der besonderen Struktur des deutschen Hechaluz verknüpft ist. Es ist nämlich mit Recht darüber geklagt worden, daß die Arbeit des Hechaluz mehr und mehr dezentralisierte Formen angenommen hat, nur noch zum relativ geringen Teil von dem verantwortlichen Merkas und im erheblichen Maß von einzelnen Gruppen teils lokaler Art, besonders aber von den im Hechaluz organisierten Jugendbünden ausgeübt wurde. Der Hechaluz als solcher werde damit in die Rolle eines großen Dachverbandes gedrängt, was der Intensität und.nicht zuletzt der Außenwirkung seiner Arbeit notwendig schweren Schaden zufügen müsse. Hinzu kommt, daß diese Zustände sich in ihren Wirkungen nicht auf die praktischen Erfolge der geleisteten Arbeit beschränkten, sondern auch bei den Menschen ein Gefühl der Unbefriedigtheit zur Folge haben, so daß, wie Lubinskis Referat richtig ausfünrte, der Hechaluz statt einer Bewegung, der man wesentliche persönliehe Kräfte als Einsatz darbraehte, eine bloße Organisation war. Ließ diese Struktur zur Not noch ein erfolgreiches Arbeiten auf den Gebieten rein praktischer Tätigkeit (der fachlichen Ausbildung, Auswahl zur Alijah, hebräisch usw.) zu, so mußte sic jedenfalls auf denen der eigentlichen Er- Ziehung und, was damit zusammenhängt, des Nachwuchses, unheilvoll wirken, da hier Ziele und Wege der Jugendbünde zu sehr auseinanderklafften, um eine einheitliche Arbeit im Rahmen des Hechaluz zu ermöglichen. Dieses Verhältnis bestimmte vollständig die Arbeitsmethoden des Hechaluz, eine Erziehungsarbeit wurde deshalb nur ln den Jugendbünden geleistet — sehr zum Schaden der Menschen, die keinem dieser Bünde angeschlossen waren, der sogenannten Stammchaluzim. Diese!׳ ganze Problemkreis ist ein Gebiet, aut dem die Konferenz uns doch möglicherweise einen wesentlichen Schritt vorwärts gebracht .hat. Die Folgen der bisherige» Sttttatfc3s..wace1»..«1 «*Ifb«■» *|e.4efl ji«,,<te Bifiejtt von ■ wecnea litte «8a ,sp $»§««««. #e T*p9tg.*t»-*«Mlftf dem Zeichen einer geregelten und förmlich organisierten ZiiMunntenarbelt der beiden Bünde, der Chaluzim des J.J.W.B. und der Praktikantenichaft Blau-Weiß, Ganz abgesehen von de». Vorteil, den der Hechaluz in seiner Gesamtheit davon ziehen wird, wenn die Bünde einen wesentlichen Teil ihrer Kraft in den Hechaluz stecke« und in Ihm die gemeinsame Plattform für die Verwirklichung ihrer Aufgaben sehen, muß auch für die Bünde selbst eine ständige ernste und von Anerkennung des gegenseitigen Standpunktes ausgehende Auseinandersetzung eine wichtige und vielleicht höchst notwendige Bereicherung ihres Lebens bedeuten. Das Problem des Nachwuchses ist durch Konferenzbeschlüsse nicht zu lösen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Einflußmöglichkeiten des Hechaluz in dieser Hinsicht relativ gering sind, daß mit äußeren Einflüssen, wirtschaftlichen und geistigen Konstellationen gerechnet werden muß, und eine wirklich systematische Arbeit hier nur auf dem Wege der Jugendbünde geleistet werden kann. Im übrigen ist die Lage des Hechaluz aufs engste verknüpft mit der der allgemeinen zionistischen Bewegung und es erging von der Tagung die einmütige und dringende Mahnung an die zionistische Oeffentlichkeit," den Gedanken der beruflichen Produktivierung unserer Menschen in den Mittelpunkt unserer nationalen Erziehung zu stellen, immer wieder junge Menschen an diesem Punkt vor die Entscheidung zu führen, und zwar in voller Wahrung einer umfassenden und eindringlichen Aufklärung über die aktuellen und prinzipiellen Schwierigkeiten des Weges der Chaluzim. Während in dieser letzten Frage die bestehenden Schwicrigkeiten klar ausgesprochen wurden (obwohl 'im ganzen eine befriedigende Lösung nicht zu zeigen war), so bedeutet das Verhalten der Konferenz in der aktuellen Frage der Alijah, bzw. der Ansiedlungsmöglichkeiten, mehr eine praktische als eine theoretische Stellungnahme. Zum Ausdruck kam dies besonders in dem von Epstein gehaltenen Referat über die landwirtschaftliche Ausbildung, das vielleicht nicht so sehr explicite, aber doch tatsächlich der Ausdruck der heutigen schweren Situation Palästinas war. Die Forderungen einer möglichst gründlichen Ausbildung sind naturgemäß in der heutigen Situation begründet, durch die Hinausschiebung des Termins der Alijah wird die Ausnützung dieser Zeit für die Zwecke der Hachscharah ja mit Selbstverständlichkeit nahegelegt. Darüber hinaus ist freilich auch hier dem Hechaluz eine Einwirkungsmöglichkeit nur in geringem Umfang gegeben, obschon die starke Betonung der Hachscharah kibuzith vielleicht zum Teil als eine Reaktion auf die palästinensische Konstellation gedeutet werden kann, als ein, allerdings zunächst vielleicht nur psychologisches Mittel zur Ueberwindung der Krise. Zur Lösung ideologischer Probleme blieb der Tagung keine Zeit. Die grundlegende Frage der westjüdischen Chaluziuth in Palästina wurde nur in der Ansprache Ariosoroffs berührt, der in bemerkenswerter Zurückhaltung die spezifische Sonderlage des westjüdischen Chaluz betonte und vor Minderwertigkeitsvorstellungen und rückhaltloser Assimilation an den ostjüdischen Teil der Arbeiterschaft warnte. Eine Debatte über diesen Punkt hat es leider nicht gegeben, so daß die Wirkung dieser Rede auf die Konferenz nicht festzustellen war. Die Konferenz bot im ganzen das Bild einer ernsten, von zionistischer Verantwortlichkeit und dem Bewußtsein einer besonders schweren Lage erfüllten Tagung. Das kommende Jahr wird zu erweisen naben, ob die Gefahren der Situation sich noch verschärfen, ob die Ansätze einer Wendung zum Besseren sich verwirklichen werden. P. Sch.

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