Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 23 (22.3.1927)
- Date
- 1927-03-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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י':׳' - Einzelnummer OßS Goldmnrk JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, Meinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. AtMlwditbonneaients werden to der WibtnnJ der eiißelnen Länder berechnet Nummer 23 | Berlin, 22. III. 1927 Anzeigen - Verwaltung t Jfldiache Rundschau G.m.b.H., Berlin Wl 5, Meinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70- Anielgenprel»: S jeipaltNonpercSlezeileO^Op.-M .Stellengesuche 0,23 G.-M. AnxelgenjchlaiJ: Dienntsg and F r el t ag ,n achmtt t a g 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165-70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392• Für 0«t«mteh: (’0it«p*rk1u**aamt Wien. Konto Nr. 13« 030, Ffir Tschechoslowakei 1 PosUpurkusenemt PreS, Konto Nr. 5*> 410. Für Polen! Postsparkuaenaat Wanehaa, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. תרס״ז אדר י" ו XXXII. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Scl1äffuat0 einer. öffentlich - rechtlich gescherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler P»ogremn>«'* Der Schlemihl der Geschichte Aus der Rede Weizmanns auf dem amerikanisch-judisdieii Kon^ref) Wir veröffentlichten bereits einen kurzen Bericht über den amerikanisch-jüdischen Kongreß, iu nachstehendem geben wir gekürzt die Rede wieder, die Dr. W e i z m a 11 n atn 20. Februar in Washington auf diesem Kongreß gehalten hat:;,Es gibt wenig• Rechtfertigung für mein Erscheinen auf diesem Kongreß. An den Arbeiten des jüdischen Kongresses konnte ich nicht feilneJimen nicht aus Prinzip,, sondern infolge physischer Unmöglichkeit. Die Aufgabe, die der Organisation, die ich die Ehre habe zu: vertreten, und denjenigen zugefallen war, die die Geschicke dieser Organisation bei der Friedenskonferenz und in der Nachkriegszeit leiteten, hat uns so in Anspruch genommen, daß cs keine Möglichkeit gab, uns auch nur für einen Augenblick davon abzuwenden. Ich hoffe, daß die Führer und Schöpfer des jüdischen Kongresses es uns hoch anrechnen, daß die Balfour-Deklaration und die Entwicklungen, «׳eiche sic im Gefolge hatte, im allgemeinen die Würde des Judentums gehoben haben. In Anbetracht dieses Umstandes mag mein Erscheinen vor Ihnen doch nicht belanglos sein. Eine andere, vielleicht noch fundamentalere Rechtfertigung hat mein Freund Judge Mack im letzten Absatz seiner vortrefflichen Rede zum Ausdruck gebracht. Die große allgemeine jüdische Anstrengung wird dem Lande zugute kommen, auf welches jetzt nicht nur aie Augen der Zionistischen Organisation״ sondern auch, wie icli glaube, die einer ungeheuren Zahl von Juden, die organisatorisch noch nicht mit der Zionistischen Organisation verbunden sind, hoffnungsvoll gerichtet sein. Ich bin dadurch, daß ich den Bericht meines Freundes Orünbaum nicht, mit angehört habe, im Nachteil. Er hat mir jedoch den Umriß seines Berichtes gegeben, und ich freue mich, daß wir in der Hauptthese übereinstimmen. Worin besteht diese These? Seiner Meinung nach, und nach der Meinung jedes unbefangenen Beobachters, stellen wir Juden, besonders diejenigen, die unjer den großen Massen leben, aus denen sich die riesigen Gemeinden der östlichen und südöstlichen Teile Europas zusammensetzen, der Welt und uns selbst ein zweifaches, wenn nicht ein dreifaches Problem: ein materielles Problem von erster Größe und ein ebenso schweres tnorali• s c h e s Problem, das sowohl das Verständnis der Staatsmänner der*׳ gäözen Welt, als auch die Kräfte des jüdischen Volkes b«»n#rucht' , . Für den Zweck dic&ct־. üiw■ haben eine Heimat; als Volk, als Ganzes sfnl wir heM}te8r:gnfetBe'׳^twp.eu■ von Juden, sei es ״in Polen oder «er-iB'*Anferika, haßen tu den Staaten,In denen Me־|lbeh, Äe^bestinimte Beziehung. Es gibt keine Frage iier Staatsbürgerschaft oder, wie man es gewöhnlich in einem ziemlich trivialen Sinne nennt, der ״guten Staatsbürger-;chaft“, Nach meiner Auffassung bedeutet ״Staatsbürger“ einen ״güten Staatsbürger“. Staatsbürgerschaft ist ein vollkommen klafer Begriff. Ich möchte Ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen, indem iö| den sichtbaren und unsichtbaren Mächten erkläre und hevyefee, daß wir ״gute Staatsbürger“ Und. Wir sind Staats- ' ir&fge!׳ nicht nur in Amerika, sondern überall, wo es Juden gibf^.Im Amerika ist es für den Juden leicht, Staatsbürger zu 4ejtfl Wir sind Staatsbürger auch in Polen, und diejenigen Sürpr Polens, welche versuchen, die jüdischen Probleme zu lösfh,. bringen dem Frieden und der Harmonie und der Ehre jenes Landes große Opfer. : Und doch: als Ganzes schleichen wir in der Arena der Ge$dt|chte umher wie der Geist Hamlets, mißverstanden, manchmaproi uns selbst und gewiß von anderen. Der Grund hierfür , lsfr.ifÄß'wir das Problem der Existenz einer kulturellen Gruppe mjt* allen bestimmten Zeichen und Attributen einer solchen Gruppe darstdieri, aber ohne die Stützpunkte, auf denen solche ’ iteiaien und Attribute ruhen können. r Gib heutige Welt begreift Montenegro, sie begreift Rumänien und Litauen. Ich ziehe diesen Vergleich uicht? um unsere Verdienste zu nbcrtrdbcn. Aber bei solchem Vergleichselbst wenn wir die letzten 2000 Jahre unserer Geschichte fortlassen und nur den Beitrag, den wir vom Sinai aus machten, als die Grundlage dessen in Rechnung stellen, was die Juden der W^f gegeben haben, werden wir vielleicht nicht davor zurücksehrecltn, uns an die Seite von Staaten zu steilen, die heute *in’-Tigat-dcs Völkerbundes sitzen als die Vertreter vott etwas Endgültigem, Verstandenem und Anerkanntem.. , Diese Lage ist entstanden, weil wir als Gruppe, als Gründer elfier großen Zivilisation der Stützpunkte ermangeln, auf denen eine solche Zivilisation notwendigerweise ruhen muß. Da dieser Kongreß ebenso wie jeder andere jüdische Kongreß die Tat- Sachen zu sehen.verlangt, wie sie sind und nicht versucht, Realitäten zu verschleiern, so wird er naturgemäß in alle seine Resoiutionen das eine endliche und entscheidende Wort auf nehmen, das in der letzten Analyse bedeutet, daß die großen Energien des jüdischen Volkes überall mit dem Aufbau Palästinas verbünde!1 sein müssen. - Ich bin weit davon entfernt,־ diese oder irgendeine andere Versammlung in eine zionistische• zu verwandeln, ich bin gesättigt von zionistisehen Veranstaltungen, aber ich glaube, daß beim Pläneschmieden zur Lösung unserer großen jüdischen Probleme man notwendigerweise zu einer Schlußfolgerung kommen muß: Wenn wir unsere gegenwärtige Existenz fortsetzen, so müssen wir uns der unausbleiblichen Folgerung aus setzen, daß auch weiter jene gewissen Mißverständnisse auftauchen werden Diese Miß- Verständnisse entstehen stets in Zeiten der Unruhe, Solange alles gut geht, solange es keine Krisen und keine I 'ehersrhwemmung auf der Welt gibt, führen wir eine erträgürhe, ruhige Existenz. •Hier und da einen Pogrom nehmen wir . -hör! als etwas Alltägliches hin. Nicht der Pogrom?elbsf ist das Schrecklichste, ■weil es der■ letzte Ausbruch einer gespannten Atmosphäre ist, sondern all •das, was zum Pogrom führt: das stumme Bedrücktsein von Körper und Geist, der unaufhörliche seelische Druck. Wenn es losbricht und zum Pogrom wird, so ist es manchmal eine Erlösung im Vergleich zu dem täglich«! Schrecken. Aber wenn Unruhen in der Welt auftreten — sei es ein Krieg, eine Revolution, eine schwere Wirtschaftskrise — dann wird unsere Lage — nicht die Lage anderer Minoritäten — sofort kritisch. Ich möchte dies wie folgt formulieren: Um zu existieren, müssen wir eine־Reihe von Visen auf unseren Pässen 'haben. Wjr sind stets ein Volk ״mit Visen“, ein Volk mit Erklärungen, sind menschliche Wesen mit einem Kommentar. Merkwürdigerweise, gelten wir heute in der Tschechoslowakei als das deutsche Element, in Polen repräsentieren wir das russische. In kapitalistischen Ländern sind wir das radikale, in radikalen Ländern das kapitalistische Element. Und hier liegt die große Tragödie: wir ■sind 11 e rSchlcnii hl der Geschichte geworden. Ein SchIe mi h! ist unciücklicherweise In allen Dingen vortrefflich, ausgenommen darin •#lpÄ:#fbr^*rAi . .״■״״״ ,?"ד, *״, . ״ -■ ״ .״ . ... 4 v L die man nie« braucht. Polen .j*t. gerade fpr diese Juden zu klein. Und doch haben diese Juden soviel zum Aufbau Polens bdgeteagen, wie es eine MilljöüTwf« getan hat. Vor 500 Jahren wurden diese Juden gebraucht,, sie wurden dringend gebraucht, weil vor 500 oder sogar vor 300 Jahren sie eine definitive Funktion im Leben des Landes hatten. Heute hat diese Funktion aufgehört, und nachdem der Jude seine Schuldig• keit getan hat, sagt Polen zu ihm ״Geh!“. So gehen wir von Polen fort, irgendwohin, von Rumänien fort irgendwohin, fast von jedem Orte irgendwohin. Merken Sie sich: Heute werden unter den Auspizien des Völkerbundes Griechen aus der Türkei und Türken aus Griechenland fortgeschickt. Für jeden Türken, der in Mazedonien auftaucht, muß ein Jude fort, und für jeden Griechen, der nach Saloniki kommt, verschwindet dort ein Jude. Ich will nicht feststelicn, wessen Schuld dies ist; ich bin bereit, dies als unsere eigene Schuld zu bezeichnen, weil wir uns entschieden haben, zu existieren und nicht zu verschwinden, und well unsere größte Krankheit, unsere größte Stärke und zugleich unsere größte Schwäche unsere Unzerstörbarkeit ist. Es muß aber ein Platz gefunden werden, um diese Ungerechtigkeit auszugleichen, und ich glaube, daß Palästina in einem gewissen Grade eine Antwort auf diese schwierige Frage gibt. In dem Lande, wo das geistige Kapital,der Welt liegt, dem Lande, das der Schrein dreier großer Religionen ist, sind wir verpflichtet, den Weltfrieden zu errichten, einen Frieden, der nicht durch Kanonen erzwungen ist, sondern durch den unzerstörbaren Geist des Judentums. Ich weiß nicht, welche Hindernisse damit verbunden sind, aber ich weiß: Wenn es einen Völkerbund geben wird, der wirklichen Frieden schafft, so wird dieser Völkerbund schließlich seinen Sitz in den! Lande haben, von dem aus einst die erste Botschaft des Weltfriedens proklamiert wurde. Im Lichte dieser Hoffnung ist unsere Aufgäbe von weltbewegender Bedeutung, und auf dieser Grundlage allein haben wir auch Berechtigung auf die Sympathie und Unterstützung־ der zivilisiertet! Welt.“ Grundsätzliches zum neuen Judengesetz Von Dr. M a x Köllen s c h e r. Am 27. März findet in Berlin eine •Tagung des Preußischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden statt, die ausschließlich der Frage der Reform des Judengesetzes gewidmet seit! wird. Wir haben uns an Herrn Dr. Kol len scher, der ein genauer Kenner der Materie und überdies Vertreter der Jüdischen Volkspariei in der zur Beratung des Entwurfes eingesetzten Kommission des Landesverbandes ist, mit der Bitte gewandt, sich in unserem Blatte zu der Frage zu äußern. Red. Am 27. März tritt der Verbandstag des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden zum dritten Male zusammen. Im Vordergründe des Interesses an dieser Tagung steht die Vorlage ״Revision des preußischen Judenrechts“. Schon der erste Verbandstag hatte sich mit der Erneuerung des Judengesetzes beschäftigt und im Juni 1925 die Linberufung eines Sonderverbandstages zur Verabschiedung eine!* Gesetzesvorlage verlangt; dem zweiten Verbandstage vom November 1926 lag als Vorlage ein unzulängliches Stückwerk, von einer gemischten Kommission bearbeitet, vor. Dem dritten Verbandstage ist endlich eine ordnungsgemäße Vorlage seitens des Rates gemacht, die eine geeignete Grundlage für, die Be- Handlung und hoffentlich auch Verabschiedung dieser sehwierigen Materie bilden kann. ln nicht mehr als 28 Paragraphen sind die Fragen des Rcc'msiebens der preußischen Synagogengemcinden behandelt. Auf Einzelheiten, darf und kann in diesem Zusammenhänge nicht eiiigegangen werden. Nur die wichtigsten Bestimmungen seien hier einer kurzen Betrachtung unterzogen. I. Der neue Entwurf steht, ebenso wie das alte Gesetz von 1847, wieder auf dem Standpunkt, daß jeder innerhalb einer Synagogengemeinde wohnende Jude Mitglied der Oemeinde ist. Dieses Prinzip, das im alten Gesetz von 1847 in seiner Reinheit ausgesprochen war und bis zum Jahre 1876 keinerlei Durchbrechungen erfahren hat, ist seit dem Austrittsgesetz von 1876 (lex Lasker), stark eingeschränkt. Der Austritt aus der Gemeinde ohne Austritt am dem Judentum war ♦\it 1876 ״aus religiöse Bedenken'‘ zugelasscn; Weizmanns Rückkehr Dr. Weizmann wird am 1. April aus Amerika in Londen Eintreffen. , Am 22. März findet in New York ein großes Bankett statt, »uf dem die zustande gekommene Vereinbarung zwischen Dr. Weizmann und Louis MarshaH über die Erweiterung der Jetvish Agency gefeiert werden soll. Vorsitzender dieses Ehren- Tjapkftts für Weizmann und Marshall soll Irving Lehmann •jein. Baron Rothschild und das National Home ’Sizza,, 17. März. (J. T. A.) Hermann Bernstein, djtr,Ärausgcbcr der New. Yorker ״J e wi s 11 Tribum c“, der.'zusammen mit Nathan Straus vor einigen Tagen aus Palästina in Nizza eintraf, besuchte Baron Edinond de Rothschild in Cap Martin und hatte mit ihm eine längere Unterredung über das jüdische Aufbauwetk in Palästfna. Bei dieser Gelegenheit erklärte Baron Edmond de RoijiifCbild, daß er schon vor 50 Jahren, da er die erste Kolonie in Palästina begründen, half, die Notwendigkeit begitffep hat, daß das jüdische Volk ei ne nationa I e H'ejmat brauche und daß diese Heintai in:Palästina errichtet Werden müsse. Hie Solidarität der Araber beim Streik Der Streik in der Zündholz-Fabrik ״N u r“ in Akko hält noch immer an, nachdem die Eigentümer der Fabrik, die Gebr. Weizmann aus Kowno, ein von den Arbeitern akzeptiertes Schiedsgericht vorläufig abgelchnt haben. Da die hygieniselten und "materiellen Bedingungen in diesem Unternehmen unhaltbar sind, unterstützt fast die gesamte palästinensische Oeffentllchkeit die Arbeiter in ihrer Haltung. Auch die a r a b isehen Arbeiter gehen mit den jüdischen solidarisch vor. Interessant ist ein im ״Dawar“ vom S. März, veröffentlichtes Gespräch mit Scheich Assada Shekcri, einem der angesehensten Araber Akkos, der erklärte, daß die arabische Oeffentllchkeit die Haltung der Araber bei diesem Streik vollkom m e n bi 11 i gc. Er sei über die zwischen den jüdischen und eitlem Teil der arabischen Arbeiter herrschende Solidarität und gegenseitige Hilfeleistung überaus erfreut. Ein gemeinsames Vorgehen der jüdischen und arabischen Arbeiterfsei geeignet, die wechselseitigen Beziehungen zwischen diesen beiden Nationen günstig zu beeinflussen und die Fehler, die die Zionisten bei Beginn ihrer Tätigkeit gemacht haben und die zu einer Spannung zwischen den beiden Nationen geführt haben, 7u beseitigen.' (Ziko.) Lord Plumer, der Oberkommissär von Palästina, feierte Y01%e Woche seinen .70. Geburtstag.! ■Aii*י ■iter 1. :-Ci \1t... .....'C*S--.V2S••־•^®,''!*US und auch nach dem fetzt .feienden Gesetze vom 36. wo» vember 1920 der Austritt aus der Gemeinde ohne Jede Beschränkung auf die Gründe des Austritts ' «!!gelassen' war, also auch ohne religiöse Bedenken. Die vielen Austritte, die auf Grund dieser Rechtslage In den letzten Jahren erfolgt sind, haben die Gemeinden verkleinert und innerhalb der Gemeinden den Kreis derjenigen vergrößert, die Juden sind, ohne einer Gemeinde anzugehören. Der neue Entwurf macht diesen Schaden wieder gut. Er kennt in seinem § 2 Ausnahmen von der allgemeinen Mitgliedschaft jedes Juden zu der Synagogengemeinde seines Bezirks für die Vergangenheit nur auf Grund des Gesetzes vom 23. Juli 1876. Er erkennt somit nur diejenigen als ordnungsgemäß ausgetreten an, die vor dem Inkrafttreten des Gesetzes vom 23. Dezember 191S auf Grund des alten Gesetzes von 1876 ausgetreten waren, die also bei ihrem Austritt erklärt hatten, daß religiöse Bedenken sie zum Austritt veranla fiten. Alle diejenigen, die seit dem 23. Dezember 1918 auf Grund des Gesetzes von diesem Tage und auch diejenigen, die nach dem 30, November 1920 auf Grand des jetzt geltenden Gesetzes ausgetreten sind, werden, wenn der gegenwärtige Entwurf Gesetz wird, •»׳Jeder Mitglieder der Synagogengemcinde ihres Bezirks sein. Hierin liegt ein außerordentlich großer Fortschritt in der Richtung zur Sammlung der Judenschaftcn. Es ist zwar nicht zu verkennen, daß die so in die Gemeinde kraft Gesetzes wieder eintretenden Juden das Recht haben, aus der Gemeinde, in die sie nicht ganz freiwillig■ wieder eintreten, auszuseheiden. Aber dieses Recht muß erst aus geübt werden und hat zur Voraussetzung, daß der neue Austritt im Gegensatz zu dem früheren, unwirksam gewordenen auf religiösen Bedenken beruhen muß. Ls gehört ein neuer Entschluß dazu, wiederum die Austrittserklärung abzugeben, und zwar nunmehr in der verschärften Form des neuen Gesetzes. Es bleibt zit hoffen, daß die meisten der seit den Revolutionstagen von 1918 ausgetretenen Juden in eine sorgsame Prüfung und Erwägung der Frage eintreten werden, ob sie recht daran tun, sich von der Gemeinde zu trennen, nachdem sie dem Judentum als Ganzem bisher treu geblieben sind und ihm auch weiter die Treue bewahren wollen. Die neue Bestimmung ist deshalb mit Freude zu begrüßen, sie wäre noch weit wirkungsvoller, wenn der Entwurf für die Zukunft den Austritt überhaupt nicht zugelassen oder doch wenigstens sehr viel stärker eingeschränkt hätte. II. Bei den Beratungen des Entwurfes hat die Begrenzung der Autonomie der einzelnen Gemeinden einen bedeutenden Raum und wichtigen Rang eingenommen. Bei allen Bestrebungeti der letzten Jahre auf Schaffung von Gemeindeverbänden und einer Gesamtorganisation ist diese Frage lebhaft diskutiert worden. Es besteht eine Einmütigkeit in der Auffassung der deutschen Juden wohl darin, daß In allen religi- Ösen' Angelegenheiten jede Gemeinde das unbegrenzte Selbstbestimmungsrecht hat, so daß höhere f!!stanzen, und zwar sowohl staatliche als auch die durch freiwillige Organisation geschaffenen, keine Möglichkeit haben, in die Regelung der religiösen Angelegenheiten, in Kultus und Ritus, irgendwie cinzugreifen. Dieses Prinzip ist in vollem Umfange ira neuen Entwurf gewahrt. Das jus in saera steht ausschließlich und allein der Gemeinde zu. Damit aber ist der Begriff der Autonomie noch nicht erschöpft, Zu ihr gehört darüber hinaus auch die Befugnis :;«I* I