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Jüdische Rundschau · 1927-03-04 · Heft 18 (4.3.1927) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 18 (4.3.1927)
Date
1927-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Binzeinummer QßS Goldrtutrk JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekegtraße!0. Erscheint!•den Dienstag nnd Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark, srierteljihrlich 5,25 Goldmark. AasUodsabonnemetita werdet! m der Wihrtmö der einzelnen Linder berechnet Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.m.b.H., Berlin Wl 5, Meinekestr.lO Telephon! Amt Bismarck 7165—70• An1elg*apr*ls«8gMp»JtNooparoiII*1eüeOJ0G^MSien*og«««eh«6ÄG.-M. AnstigcnscUoS! Di «nitaj uo d Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon! Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392■ P4t Outcrrafchs Post»parka*»«naot Wie«, Koste Hr, 154030. Für T acbachMlowaltel; Po»t»parka»»en*at Pru, Konto Nr. SS 410. Für Polen! PoaUparkusenunt Wanchaa, Konto Nr. ISOWB, Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ל׳ אדר א׳־׳ חרס״ז I xxxii. Jahrg. Der Zionismus erstreb! fOr des jüdische Volk die Schatfung einer dffenlllch - rechtlich gesicherten MelmstStteln Palästina. ״Baseler Programm«“ Ein Ehrenabend für Sokolow Reden Herbert Samuels und Allenbys London, 27. Februar. (J|.T.A.) Das Keren Hajessod- Komitee der englischen zionistischen Föderation gab am 24. Februar, abends, zu Ehren von Nahum Sokolow, einen Empfang, bei welchem Sir Herbert S amuel den Vorsitz führte. Sir Herbert Samuel sagte, man sei gekommen, um den großen Reisenden der Ideen ru feiern; Nahum Sokolow hat in ddh letzten Jahren für die Sache des Zionismus fast die ganze Welt bereist Große Bewegungen gehen nicht von selbst vorwärts, sie werden von Führern weitergetrieben. Man muß Herrn Sokolow dankbar sein, daß er sein Leben der Propagierung starker Ideen gewidmet und in so hohem Maße zu dem Erfolge des Zionismus beigetragen hat. Der Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina, fuhr Sir Herbert Samuel fort, hänge von dreiDingen ab: Von der Sicherung einer Aera des Friedens und des Fort- Schrittes des Landes unter der Aegide Großbritanniens; von der unermüdlichen und heroischen Arbeit der jüdischen Männerund Frauen in Palästina; von dem Ausmaße der Unterstützung, die diesen Bemühungen von außen zuteil wird. Die Zeit wird kommen, da Palästina keiner Unterstützung von außen bedürfen wird, aber jetzt im Anfang des Aufbaues dürfe niemand erwarten, daß das unter dem früheren türkischen Regime tief herabgekommene Land sich selbst erhalten solle. Kapital, Menschen und Idee sind zur Stärkung der Frühzeit des jüdischen Lebens in Palästina notwendig. Herr Sokolow bat seine Kräfte in den Dienst dieser Aufgabe gestellt. Er, der ausgezeichnete Gelehrte, ist der Vorkämpfer für die Neubelebung des Hebräischen, er ist der Historiker des Zionismus. Dank seiner Aktivität Ist der Zionismus von Sieg zu Sieg, von Macht zu Macht geschritten. Wir beglückwünschen Herrn Sokolow zu dem Erfolg seiner jüngsten Reisen, zu dem Werk seiner Vergangenheit und zu dem Werk seiner Zukunft. Feldmarschalt Viscount Ailenby dlfff,' .0• p S LC* A ziejnli .. , ...... ״ . jlfTleflerf ,fiirotn Sokolow und ihre Kollegen gewesen. Es sei leicht, einen Feldzug zu führen, wenn man die Menschen und die Munition hierzu bekommt; schwerer sei es schon, ein ruiniertes Land wieder aufzubauen. Man müsse Sir Herbert Samuel dankbar sein, der 1p einer schwierigen Stellung so Hervorragendes geleistet hat und von dem man wahrhaftig sagen könne, er sei über das Wasser geschritten und habe es beruhigt Es sei für ihn (Lord Ailenby) eine große Eure, Herrn Sokolow, der ein großer Organisator, ein großer jüdischer Patriot, d. h. auch ein Patriot des britisehen Reiches sei, zu begrüßen. Die Erhaltung des Friedens im Nahen Osten ist eine Notwendigkeit. Dieses Friedenswerk leisten Sir Herbert Samuel und Herr Sokolow, die die Zukunft Palästinas und so auch die Zukunft des Nahen Ostens sichern helfen. Von Palästina als Friedenszentrum werden sie die Friedensidee über Syrien, den Nahen Osten, ja über die ganze Welt ausbreiten. Nahum Sokolow, der mm das Wort ergriff, sprach über aktiven und geistigen Zionismus, über die Differenzen zwischen Orthodoxen und Zionisten, und führte aus, wenn* man die Welt durchreist, um für den Keren Hajessod zu werben, so bedeutet dies nicht etwa, daß man an den geistigen Werten des Zionismus weniger interessiert sei. Denn auch um das geistige Zentrum in Palästina zu schaffen, müsse harte Arbeit geleistet werden. Er hoffe, es werde die Zeit kommen, da die britische Regierung den Juden direkt helfen werde, Palästina aufzubauen, aber man müsse eingedenk sein, daß Palästina nur von den Juden autgebaut werden solle. Der Hauptgrundsatz des Zionismus ist Selbsthilfe. Herr Sokolow kam noch auf seinen Aufenthalt in Frankreich zu sprechen und sagte, zur Zeit der Friedenskonferenzen habe Frankreich dem Zionismus große Hilfe geleistet, aber die Sache des Zionismus stand schlecht bei den französischen Juden, In Paris galt es als lächerlich, wenn nicht gar gefährlich, ein Zionist zu sein. Das hat sich nun geändert. Zuletzt habe er (Sokolow) in mehreren Ver• Sammlungen in Paris gesprochen, die einen sehr enthusiastisehen Verlauf nahmen. Jüngst sprach er mit dem Präsidenten der französischen Republik, Herrn Doumergue, der sich für den Zionismus und besonders für die Wiederauflebung der hebräischen Sprache in Palästina stark interessiert zeigte. Es gelte, noch eine Schwierigkeit für den Fortschritt des Zionismus zu beseitigen, das ist der Mangel an Begeisterung unter den englischen Juden. Er appelliere an diese, ihre Herzen und ihre Tasche dem Keren Hajessod zu öffnen. fei:!.*־ir:׳lllth , . Amerika zurückgekehrt sei, versichern, daß die Juden der Vereinigten Staaten der Sache des Zionismus begeistert zugetan seien. Er hoffe, daß in wenigen Jahren der Erfolg der zionistischen Sache ein fester und unbezweifelbarer sein werde. Die Versammlung bereitete Sokolow eine stürmische Ovation, 4L Nathan Strans hilft Tel-Awiw Grundsteinlegung des Gesundheifszentrums Wie der Ziko unter dem 2. d. M. aus Jerusalem telegraphierf wird, spendete Nathan Strauß während seines gegenwärtigen Aufenthaltes in Palästina 20000 Dollar zur Linderung der schweren Wirtschaftsnot in Tel-Awiw. Mittwoch fand die feierliche Grundsteinlegung für das Gesundheitszentrura in Jerusalem statt. Die Feier nahm unter großer Beteiligung der Bevölkerung einen glänzenden Verlauf. Es sprachen Miß Henriette Szold, die Vorsitzende der Organisation Hadassah, Col. Kisch für die Exekutive der Zionistiseben Organisation, David J e i 1 i n für den Waad Leumi, Dr. Bluestone für die Leitung der Hadassah in Palästina, Bürgerraeister Naschaschibl für die Stadt Jerusalem, der amerikanisebe Konsul ln Jerusalem, der Direktor des Gesundheit®- Departements der Regierung und der High Comraissioner Lord P1 u m e r. Als letzter ergriff Nathan Strauß, der bekanntlich 250000 Dollar für das Gesundheitszentrum gespendet hat, das Wort Er pries besonders die Tätigkeit der alten und jungen Chaluzim für den Aufbau des Landes, sprach aber gleichzeitig sein Bedauern aus, daß die reichen Juden in der ganzen Weit immer noch ein zu geringes Interesse am Aufbau Palästinas nehmen. Acht Ifldische Siedlungen selhsterhattend Fortschritte der Konsolidierung Einem Bericht der Palästina-Exekutive ist zu entnehmen, daß die zionistische Kolonisation im ersten Quartal 5687 große Fortschritte gemacht hat. Von den £ 170000, die im Budget des Keren Hajessod für das Jahr 5687 für Zwecke der landwirtschaftlichen Kolonisation bestimmt waren, wurde ein Betrag von £ 65 340 im ersten Quartal (Oktober, November, Dezember 1926) ausgezahlt. Die Summe von £ 12068 war für die Auszahlung der letzten Investierungen für acht Sied- Jungen bestimmt, die jetzt gänzlich selbständig geworden sind, nämlich; die Kleinsiedlerdörfer Nahalal, Kfar Jecheskiel und Ben-Schemen, und die Kwuzoth Daganiah A, Daganiah B, Merchawia, Giva und Gan-Schmuel. Der größte Posten ist der Betrag von £ 89 400, der für die Konsolidierung von 19 Arbeitersiedlungen bestimmt ist, von denen die meisten der vollkommenen Etablierung entgegengehen. Sechs neue landwirtschaftliche Sied- Iungen sollen in der Nähe des Klschon auf Nationalfondsboden gegründet werden. Die 282 Familien, die hier angesiedelt werden sollen, umfassen 60 chassidlsche Familien, rumänische und sephardische Kolonisten sowie Arbeitergruppen. Zur Arbeitslage in Palästina Am 19. Februar fand in Tel-Awiw eine große Arbeiter- Versammlung statt, an der mehr als 5000 Arbeiter teilnahmen. Ben Gurion hielt eine groß angelegte Rede, in welcher er sich vor allem gegen die Agitation der Linken wandte, die den Zusammenhang zwischen der Arbeiterfrage in Palästina und dem Zion i s m u s nicht sieht Das heutige Palästina, so sagte der Redner, wird unsere Arbeitslosenfrage niemals lösen, können, selbst wenn man den schärfsten Kampf gegen die Bourgeoisie und gegen die Regierung führt, wie manche raten. Nicht nur aus seelischen Gründen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen ist die Arbeiterbewegung mit dem Zionismus eng verknüpft. Daher muß der Kampf der Arbeiterschaft heute vor allem gegen die Untätigkeit und die Apathie der zionistischen Bewegung gerichtet sein. In anderen Lindern kann man Arbeitslosenunterstützung geben, in Palästina jedoch muß eine ununterbrochene Schaffung neuer Werte erfolgen. Im Verlauf seiner Rede polemisierte der Redner auch gegen die ״Jüdische Rundschau״ (gegen den Artikel ״Für Konsolidierung und Aufbau“), um zu zeigen, wie weit die Des- Orientierung im zionistischen Lager gediehen sei. Die zionistisehe Leitung müsse Arbeit und neue Einwanderung schaffen. Die Versammlung nahm eine Reihe von Beschlüssen an, worin die zionistische Exekutive gewarnt wird vor den Gefahren, die dem ganzen zionistischen Werk durch die Arbeitsloslgkeit drohen. Weiter wird die grausame Gl ei ch gül tigkeit des bürgerlichen J ischuw gegenüber der Arbeitslosigkeit gebrandmarkt. Nach der Versammlung kam es auf der Straße zu Demonstrationen und zu Zusammenstoßen mit der Polizei, bei denen es mehrere Verwundete gab, darunter auch einige Polizisten. Fünf Demonstranten wurden verhaftet und vom Polizeirichter wegen Gewalttätigkeit zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt. Die gereizte Stimmung der Arbeiterschaft wird noch gesteigert durch die Verurteilung von acht Streikposten, die in Akko in der Zündhölzchen-Fabrik ״N u r‘ verhaftet worden waren. Obwohl diesen keinerlei Gewalttätigkeiten nachgewiesen werden konnten, wurden sie zu 15 Tagen Gefängnis verurteilt Der Streik in der Fabrik ״Nur״ war bekanntlich in erster Reihe deswegen ausgebrochen, weil der Fabrikinhaber sich weigerte, ein Minimum sanitärer Einrichtungen zu bewilligen und für ärztliche Hilfe zu sorgen. Ebenso lehnte er die Entfernung von Kindern als Arbeiter in gesundheitsschädliehen •Betrieben ab. Bemerkdhswert ist, daß nicht nur die jüdisehen, sondern auch die arabische# Arbeiter der genannten Fabrik streiken. Das strenge Urteil gegen die Streikposten hat in Afbeiterkreisen große Entrüstung hervorgerufen. SAdisiMhe GemeiDdevernaunlise 1. Es ist einer weiteren jüdischen Oeüentlichkeit vielleicht nicht bekannt, wie sich die Verhältnisse in den jüdischen Gemeinden Sachsens im Laufe der Jahre entwickelt haben. Die Tatsache, daß in Sachsen der Anteil der Ostjuden an der jüdischen Gesamtbevölkerung größer ist als in anderen Teilen Deutschlands hat dazu geführt, daß fast alle sächsischen Gemeinden in ihre Statuten Be- Stimmungen aufgenommen haben, die ihrer Ansicht nach notwendig waren, um eine ״Ueberfremdung“ zu verhüten. Die Wege, die dabei gegangen worden sind, waren zum Teil recht sonderbar und widerspruchsvoll: während z. B, eine Gemeinde (Dresden) den Standpunkt einnimmt und in ihrer Verfassung zum Ausdruck bringt, daß den ״Ausländern“ das volle aktive Wahlrecht, aber keinerlei passives Wahlrecht gewährt wird, hat der bisherige Vorsitzende der Gemeinde Chemnitz, Herr Mecklenburg, vor kurzem für den Vorschlag Propaganda gemacht, daß der Ausländerjcurle das Recht genommen werden soll, Inländer in die Gemeindevertretung zu entsenden, mit anderen Worten: hier dürfen die Ostjuden nur Inländer, dort sollten sie nur Aus-!ander wählen dürfen. Der scheinbare Widersinn der Gedankengänge, die zu solchen Gesetzesnormen führen, klärt sich auf, wenn man erkennt, daß die wahren Gründe, die hinter den scheinheilig angeführten sachlichen Gründen stehen, politischer Natur sind. Während offenbar die Dresdener glauben, ’ besonders gut mit den Inländern auskommen zu können, die die Ostjuden zu Repräsentanten wählen, hat sich Herr Mecklenburg —• der bekanntlich ein gehässiger Feind jeder Strömung Ist, die nach seiner Ansicht irgendwie mit dem Zionismus in Verbindung steht das Gemeindekollegium entsandt hatten! daraus zu entfernen. Die Gestaltung des Wahlrechtes In Sachsen wird am besten durch die nachstehende Tabelle veranschnulicht, die für die wichtigsten Gemeinden Sachsens die Wahlberechtigung der Ostjuden erkennen läßt: an zahl se’natzuD£-&- weite Wahl* berechtig* Aotahl der Mitdieder der Gemeinde״ Vertiefung Ein Gemeinde- Vertretung־ mitgUed wird gewählt von Dresden: Inländer .. ca. 1050 י 11 95 Aasländer ....... ea. 1050 9 117 Ges. 7 500 ca. 2100 20 — Leipzig: Inländer Kurie .... 2942 25 118 Ausländer Kurie . , , 6146 8 768 Ges, 21000 ca* 9088 33 — Chemnitz: Inländer Kurie .... ca. 400 17 34 Ausländer Kurie . . ca. 500 4 125 Ges. 3 500 ca. 900 21 — Die Tabelle zeigt, daß in Dresden 1050 Ausländer 0 Gemeindevertreter wählen dürfen (und zwar nur Inländer!), während die an Zahl ungefähr gleich starken Inländer 11 Vertreter wählen können. Weit krasser ist das Mißverhältnis in Leipzig, wo knapp 3000 wahlberechtigte Inländer 25 Vertreter, über 6000 wahlberechtigte Ausländer nur 8 Vertreter wählen; ferner in Chemnitz: dort wählen etwa 400 wahlberechtigte Inländer 17, etwa 500 w׳ahlberechtigte Ausländer dagegen nur 4 Vertreter. Am klarsten zeigt das Ergebnis des Wahlrechts, raubs die letzte Spalte der Tabelle; sie gibt an, wieviel Wähler sich zusammentun müssen, um einen Vertreter in die Gemeindevertretung entsenden zu können. Dabet stellt sich heraus, daß in Chemnitz und Leipzig jeder Inländer ein ungefähr fünf- bis siebenmal so starkes Wahlrecht besitzt wie ein Ausländer. 11. Als man auch in Sachsen daran ging, so etwas wie einen Landesverband zu schaffen, haben die ״liberalen“ Kreise sich klar gemacht, daß ein Aufbau des Landesverbandes nach dem demokratischen Muster von Preußen und Bayern eine schwere Gefahr für sie heraufbeschwören würde: die Gefahr, daß die in den einzelnen Gemeinden gewaltsam unterdrückten Ostjuden auf dem Bundestag des Landesverbandes zur Geltung kommen kennten. Darauf wählte man einen sehr einfachen Aus■: weg: In bewußtem Gegensatz zu den genannten Landesverbinden wurde der sächsische Landesverband nicht als

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