Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 17 (1.3.1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.דו JUCDISCHE RUNDSCHAU Seite 131 Noch eine Atiadkc Die ״Frankfurter Zeitung“ beidiäfiigt faich in ihrem Abendblatt vom 26. Februar 511 leitender Stelle wieder mH dero Zionismus und dem Pro Palästina-Komitee, fs war nicht anders /u erwarten, als daß die ״Frankfurter Zeitung", die bekanntlich seit einigen Jahren eine ganz einseitipe antirionistische Haltung ein nimmt, unangenehm davon berührt sein wird, daß andere Persönlichkeiten, die auch deutsche Interessen Aj überschauen vermögen, offenbar anderer Ansicht sind und sogar positive deutsche Interessen in der Förderung der jüdischen Palästina*Bestrebungen erblicken. Der Artikel beurteilt sehr abfällig die Acußerungen des Ministers Dr, Becker und des Staatssekretärs Dr. Puender und stellt diesen Herren schlechte Zensuren in be/ug mit ihr intellektuelles Fassungsvermögen aus. Es ist schwer, dir Polemik wieder aufzunehmen, insbesondere mit einem Gegner, der sich offenkundig: in Auffassungen verkraft! hat, von denen er nicht abgeht und deren innere Brüchigkeit und inneren Widerspruch er nicht zu sehen vermag. Wir haben vor etwa einem Jahr ausführlich darzulegen versucht, wie falsch die Behauptung der ״Frankfurter Zeitung" ist. die deutschen Zionisten betrachteten Palästina als ihr eigentliches Vaterlattd und darum sei auch der Vergleich mit Deutsch-Ainerikanern Hinfällig, die durchaus positive amerikanische Staats- Bürger seien. Wir haben damals der ״Frankfurter Zeitung" klar za machen versucht, der Begriff ״nationale Heimstätte in Palästina" bedeute keineswegs i n d i v i d u 0 11 0 Heimstätte Jedes Juden, sondern Heimstätte und geistiges Zentrum für das Volk als solches. Ein deutscher Zionist kann daher durchaus Palästina als die nationale Heimstätte des Judentums anerkennen, und dabei gleichzeitig, ohne die geringste Unehrlichkeit, Deutschland als sein individuelles Vaterland, mit dem er unlöslich verbunden ist, betrachten. In dieser Hinsicht besteht — ungeachtet natürlich an derer tiefgreifender Unterschiede — eine volle Analogie nicht nur zu den sogenannten nationalen Minoritäten im engeren Sinne, sondern auch z. B. zu den Deutsch-Amerikanern. Der Deutsche in Ungarn und in der sowjetrussisrhen Wolgarepublik, ebenso wie der Deutsch-Amerikaner, betrachtet Ungarn, Rußland, Amerika, kurz das Land, in dem er lebt, und mit dessen Interessen er hundertfach verknüpft ist, als sein individuelles Vaterland, gegen das er alle Pflichten zu erfüllen hat. Zugleich aber betrachtet er selbstverständlich Deutschland als nationales Zentrum des Deutschtums, und sofern er überhaupt noch Deutscher ist und sein will, wird er sich das Recht, Beziehungen zu diesem nationalen Zentrum zu unterhalten, nicht nehmen lassen. Ja, er wird von seinem Vaterland verlangen, daß es dieses sein natürliches Menschenrecht auf freies nationales Bekenntnis und national-kulturelle Betätigung anerkennt, ohne ihn darum als Staatsbürger zweiter Klasse zu betrachten. Die ״Frankfurter Zeitung“ hat in manchen ihrer Artikel sehr energisch für dieses Recht sieh eingesetzt und stets betont, daß ein Gegensatz zwischen Staatszugehörigkeit und nationalem Bekenntnis nicht konstorniert werden dürfe. Nur just im Punkte der Juden versteht sie nicht, worum es sich bandelt oder will es nicht verstehen und leistet mit ihren hetzerischen Artikeln, die praktisch auf eine Anzweifelung der patriotischen und staatstreueu Gesinnung der Zionisten hinauslaufen, der antisemitische״ Propaganda unschätzbare Dienste. Es darf 1m$ daher auch nicht wundern, daß sie sich in ihrer Stellung zum Pro Palästina-Komitee in die Gesellschaft der ״Berliner Börsen- Zeitung“, der ״Täglichen Rundschau“ und anderer nationalietiseher Organe begibt. Der Zionismus ist derartige Angriffe gewöhnt. Sie entstehen, bewußt oder unbewußt, aus der Atmosphäre jüdischer Ängstlichkeit vor einer offenen und mannhaften Diskussion der Judenfrage. Wir können uns denken, daß die jüdischen liberalen Zeitungen des Herrn Dr- Naumann die ״Frankfurter Zeitung“ mit Befriedigung zitieren werden. Diesen Organen und Tendenzen gelingt es, die Judenfrage immer wieder zu verwirren, sie immer wieder in das gefährliche, Argwohn erregende Halbdunkel zu ziehen, i» welchem dann die dunkein Mächte bei ihrer Wühlarbeit leichtes Spiel haben. Der Zionismus aber hat die unanfechtbare Erkenntnis gewonnen, daß nur im vollen Lichte der Aufrichtigkeit, durch ehrliches Bekenntnis zuin Judentum und offene Darlegung der Judenfrage, in der nichts zu verbergen ist, die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden allmählich saniert werden können. An diesem Ziel wird der Zionismus weiter arbeiten, ungeachtet aller Angriffe und in dem Bewußtsein, daß die wirkliehen schöpferischen Kräfte und nicht die immer wiederkehren־ den Polemiken den Ausschlag geben werden. Zettangs-Eolen Die palästinensischen Zeitungen zeichnen siel! ui letzter Zeit durch außerordentliche ungenaue Berichterstattung aus Europa aus. Insbesondere werde« auch Nachrichten aus Deutschland und über die Tätigkeit der Z- V. f. D. verbreitet, die völlig aus der Luft gegriffen sind und deren Ursprung man nicht einmal erraten kann. So berichtet ״H a a r e z“ vom 11. Februar auf der ersten Seite mit großen Lettern, die ״ e w ז s c h e n Z i 0 n i $ t e n bitten sich an das Präsidium des Aktions-Comitcs mit der Forderung gewandt, die nächste Sitzung des A.-C. im Mai in Palästina abzuhalten und dort den Zeitpunkt des Kongresses fortzusetzen, den die deutsehen Zionisten für Oktober Vorschlägen. In Wahrheit haben die deutschen Zionisten weder eine Forderung noch einen Vorschlag gemacht, sondern der Präsident des A.-C., Herr Motzkin, hat in Berlin verschiedenen Journalisten mltgetcilt, daß das Präsidium des A.-C. die erwähnten Pläne habe. —_ Vor einiger Zeit hat ״Haarez“ und ״Dawar" gemeldet, die Z. V. f. D• habe sofort nach Bekanntwerden des Paktes zwischen Weizmann und Marshai! ein G I ück w 11 n scbtelegraram an Weizmann geschickt. Auf der Moazah der Hisiqaruth hat Herr Ben Gurion die deutschen Zionisten sogar angegriffen, weil Sie ohne Einzelheiten abzuwarten. Glückwunschtelegrammc schicken, matt sich für die Lage in Palästina zu Interessieren. Die Nachricht von dem Telegramm war aber gleichfalls erfunden. Die Beispiele könnten fortgesetzt werden■ Die Fchlnachricliten sind vielleicht nicht sehr bedeutungsvoll, aber weno man weiß, wie leicht man in Palästina auch Belanglosigkeltcn aufbauscht, muß man den Berichterstattern der pa- Iäshncneischen F’rcsse empfehlen, sich im Erfinden von Nachrichten einige Reserve aufzuerlcgen. in Jerusalem waren bis Anfang Februar 738 Juden, 630 Mohammedaner und 000 Christen für die bevorstehenden Munizipalwahlen registriert. Bei einem Bankett zu Ehren Dr. Wei/inanns in Washington erklärte Senator Bor ah, er sei für di« Verwirklichung 'der zionistischen Idee eines jüdischen Nationalheims in Palästina. Jm weiteren Verlauf seiner Rede trat Senator Borah für den Schutz der Rechte der kleinen Nationen ein. Dfe bedeutende Stockholmer Tageszeitung in schwedischer Sprache ״Dagens Nyheter“ veröffentlicht In ihrer Nummer vom 18- Februar ein ausführliches Interview mit dem Delegierten der Zionistischen Organisation und des Keren Hajessod für die skandinavischen Länder, Dr. Werner Bloch über das zionisüsche Aufbauwerk in Palästina. We ZeltsehrlH ״PaUsttaa“ Die eben erschienene Doppclnunimer 1 2׳ der von Adolf Böhm redigierten Monatsschrift ״Palästina“ ist über* aus reichhaltig. Wir erwähnen aus dein Inhalt; Dr. Robert Weitst h: Adud Haams ökonomische Lehre; Agr. Dr, A. Zagorodsky, Jerusalem; Die agrarische Aufnahme Patästiiias — eine ausführliche Untersuchung über die Siedlungsniöglichkeitei); ferner Orangenbau, Die jüdische Industrie in Palästina, sowie Die Finanzierung des Siedlimgswerk«; unter diesem Obertite! die Vorschläge Dr. Ruppins zur Gründung einer Landbank; die Erörterungen Dr. van V r 1 c s 1 a n d $ über Konsolidierung, und das Referat, das D. Rem es auf der Konferenz von Acliduth Haawoda über ״Die nationale Invesficrungsanleihe“ gehalten hat. Dr. An; Tartakower schreibt über ״Die Entwicklungstendenzen der jüdischen Arbeiterbewegung in Palästina“. In einer Rubrik ,.Nachrichten und Daten“ werden auf 17 enggedmekten Seiten die wichtigsten' Ziffern und Ereignisse in außerordentlich übersichtlicher Weise, nach Materien geordnet, gegeben. Wir kommen auf den Inhalt dieses Heftes noch ausführlieh zurück. (Bestellungen und Abonnements sind an die Administration der Zeitschrift, Wien 1, Kärntner Sir. 28, zu senden.) An unsere Abonnenten! Die Posl verlangt von uns die Anmeldung der vom 1. April 1927 ab w liefernden Exemplare bis zum 15. März. Wir sind daher gezwungen, die Abonnementsgeböhren von denjenigen Abonnenten, die die ״Jüdische Rundschau" direkt bei uns abonnieren, in den ersten Märztagen zu erheben, und zwar werden wir ihnen zu diesem Zweck Nachnahmen zugehen lassen. Wir bitten darum, in ihrem eigenen Interesse dafür Sorge zu tragen, dai diese Nachnahmen prompt eingelüst werden, da sonst Unregelmäßigkeiten in der Zustellung der ״Jüdischen Rundschau" nicht zu vermeiden sein dürften. Berlin, im Februar 1927. Verlas ,Jüdische Rundschau“ Benin W15, MelnekestraBe 10 Das Judetjtom and Spinoza Dr. Jakob K l a t z k i n , der die Werke Spinozas ins Hebr,fische übersetzt hat, nahm an den Spinoza-Feierlichkeiten in Holland teil. (Lieber seine Rede hat ein Teil der deutschen Tagesprespe berichtet.) Dr, Klatzkin sprach sich gegenüber dem J. T. A.-Vertreter über seine Eindrücke bei der Spinoza- Feier aus. Ich war enttäuscht, sagte Dr. Klatzkin, im Haag keinerlei Vertreter jüdischer Wissenschaftlieh er Körperschaften zu finden. Während ein! große Zahl der Akademien aller Länder und beinahe alle Universitäten vertreten waren, erschien kein spezieller Vertreter der Jerusalemer Universität, die sich damit begnügt hat, eine Adresse zu schicken, die auch verlesen worden isf. Da mich keinerlei jüdische Institution mit einem Auffrag betraut hat, so habe ich im Namen der ״Enzyklopädie des Judentums“ gesprochen. Ich sprach vom ״Cherein“, der sich im Laufe der Zeit von selbst aufgehoben hat und nicht erst -״ wie seitens eines Teils der Orthodoxie in Amerika angeregt worden ist - offiziell aufgehoben zu werden braucht. Ich sprach auch von den gleichsam illegalen, unsichtbaren Beziehungen, die das Judentum auch nach dem Bannspruch zu Spinoza unterhalten hatte, und sprach insbesondere von dem modernen Judentum, das seit dem Tode Spinozas im Werden begriffen ist, von dem säkularisierten, verweltlichten Judentum, das außerhalb der religiösen Bindung an einen bestehenden Lehrinhalt überhaupt eine Daseins- Berechtigung beansprucht und somit frei geworden ist für alle menschliehen Kulturwerte, gleichviel ob sic dem traditionellen Judentum entsprechen oder widersprechen. Ich sprach zufetzt von der neuen Enzyklopädie des Judentums als einem der Ausdrücke des modernen, säkularisierten Judentums. Ich sprach deutsch, schloß aber mit einem kurzen hebräischen Satz und ging dann zu meinem eigentlichen Thema über; ״Mißverständnisse in und um Spinoza“. Interessant ist, daß der Bürgermeister vorn Haag, der die gelehrten Festgäste im Bürgersaal begrüßte, von ״Spinoza, dem portugiesischen Juden und Adoptivsohn Hollands“ sprach. ZtoBlßflsdie Föderation ״Misrachl“ Anläßlich des 25 jährigen Jubiläums des Welt-Misrariii veranstaltet das Zentralbüro des deutschen Misrachi und die Berliner Ortsgruppe eine Festwoche. Diese wird ein• geleitet am Sonntag, den 6• Marz, abends 7!/; LJbr, durch einen Gcsellschaftsabend im Brüdervereinshaus, Kurfürstenstr. 115. Für den künstlerischen Teil haben sich zur Verfügung gestellt U. a. der bekannte Violin-Virtuose Alfred Wittenberg, Armin Witner, Opernsänger, Hans Balder, Lieder zur Laute, sowie erstklassiges Kabarett. Zur Ausgestaltung des Abends wird eine von ersten Firmen gestiftete Tombola wesentlich beitragen. Aus dem großen Kreis der Spender seien nur einige wenige genannt: L. Posen, Ww., Markgraf & Co., Beatus, Willi Nejßer, Hermann Hoffmann. Michels & Cie., Gebr. Stollwerek, Trumpf, Venetia, Feedora, Eover JJey, Reemtsma, Haus Neuerburg, Sarotti. Haus Bergmann, toescr & Wolff, Zigarettenfabrik E- Wolff, Kantorowtcz A.-Q., Norddeutscher Lloyd, eine Orga- Schreibmaschine, porzellanfabrik Rosenthal, Bluro^ Oberhof. u. a. Karten zum Preise von 10 und 5 M. im MisracnLZentralbüro, Monbijouplatz f (Norden 1159) und bei der Misradii-Frauengruppe, sowie an der Abendkasse. Karten für Jugendliche in beschränkter Anzahl zum Preise von 3 M. sind 11 u r im Misrachi-Zejitralbüro erhältlich. Im Laufe der Woche findet eine öffentliche Versammlung mit Raw Amiel, Antwerpen, als Hauptredner statt. Den Abschluß bildet am 13. März, 5 Uhr nachmittags, ein Festakt mit anschließendem Bankett im Hotei Prinz Albrecht, Prinz-Albrccht-Str. 9. Der Eintritt mm Festakt ist frei. Das Couvert für das Bankett stellt sich aut 5,50 M. Bestellungen sind umgebend zu richten an das Mlsraclil-Zentralbüro. Monbijou• platz. 1. Institutum Jndaicnm Es ist du begrüßenswertes Anzeichen wissenschaftliche! Verständigung über die engen Schranken hinweg, daß int lnstitufurn judäiann, dem von der Theologischen Fakultät der Berliner Universität gegründeten Institut zur Erforschung des nachbiblischen judentums, ein Jude über einen modernen jüdisch-zionistischen Denker sprechen konnte, Dr. T orcz y 11er versuchte da« Wesen A e 11 a d H a a m s psychologisch, aus der Entwicklung des Menschen, verständlich werden zu lassen. Zwei Charakterzüge scheinen dem Redner typisch für Achad Haam: ein angeborener, der einer ״edlen Einfachheit“, die auf seelischen Adel schließen lasse und mit innerer Wahrhaftigkeit identisch *ei und ein (nur zu bald) erworbener, ״die Erfahrung von der Unzulänglichkeit menschlichen Wolle!18“. Diese Erfahrung, dieses Wissen von den Widerständen und Bedingtheiten der Welt sei_ fhm zum ersten Male geworden und habe sich ihm entscheidend eingeprägt, als es ihm nicht gelang, sein glühendes Streben zu verwirklichen und sich aus der engen Welt seiner Umgebung loszulösen und sich in systematischem Studium die ihm fremde Welt der Moderne zu erobern. Von dieser ersten Niederlage der Welt gegenüber leitet der Redner alles Weitere ab. Achad Haams Einstellung zum Leben ist eine passive. Er hat stärkere Empfindung für ein allmähliches Werden als für ein bewußtes Wollen (was ja im Letzten keine Gegensätze sind). Das erklärt seine Aufnahmefähigkeit für den Gedanken einer Evolution, den er besonders aus der englischen Philosophie entnimmt. Daraus wächst auch sein Stil: jene sachliche, phrasenlose Sprache, die nur da isf, um Notwendiges auszusprechen, um zu klären und die dadurch sprachreinigcnd wirkt und oft -- unbewußt Oder ungewollt - sprachschöpfend. Darin auch wurzelt sein Denken, das ausgdit von der Kritik, nicht intuitiv ist, aber durch seine Konsequenz und das Streben nach präziser Klarheit, steh den abgerundeten, geschlossenen Darlegungen formt. Diese Grund- Haltung seines Wesens aber ist auch der Grund seines Oege«• satzes zu Herzl. Während Achad Haam Erbt: und sorgsamer Wahrer der Vergangenheit, der Idee des Judentums sein will, die er in Geistigkeit und objektiver Gerechtigkeit sieht, tritt ihm 111 Herzl ein bewußter Umschöpfer, ein intuitiver, ein Mensch aktiven ,Mutes entgegen. Beide Gedanken aber, $0 schloß der Redner den interessanten Vortrag, und beide Wesen wirken in die Zukunft fort: Kritik und Wille, das Ideal des freien, stolzen Juden und das eines reichen geistigen Judentums. a. b. Von jüdischen Grabstätten in DenlscUaad Wer sich etwas eingehender mit jüdischer Geschichte nach der Zerstreuung beschäftigt, weiß, wie gering unsere Kenntnis vieler Epochen ist, besonders die der Uebergangszeitcn, in denen das von seinem Zentrum vertriebene Volk versucht, sich in neuen Ländern mit fremder Umgebung und fremder Kultur einzuleben. Jüdische Geschichtsschreiber gibt es für diese Zeiten überhaupt nicht, nicht einmal einfache Chronisten, die Interesse oder Muße gehabt hätten, die wichtigsten Geschehnisse zu notieren. Erst das Verhängnis, das im Verlauf der Kreuzzöße über die Juden, besonders in Deutschland, hereinbricht, drückt dem einen oder anderen schmerzlich die Feder in die Hand: dürftige, chronikhafte Berichte über die Leiden und Verluste der Verfolgungszeit entstehen kaum etwas anderes weiß ln jenen Zeiten das Volk von sich zu berichten, das einstmal in der Bibel so lebendig und selbständig Geschichte zu erleben und zu erzählen verstand. — Die Forschung ist hier darauf angewiesen, sich nach anderen Quellen umzusehen, die geeignet sind, das über diesen Zeiten liegende Dunkel ein wenig zu lüften. Am wichtigsten sind da für sie die Grabsteine, die in Deutschland in ziemlich reichem Maße erhalten sind und deren Inschriften in neuester Zeit stärker in den Vordergrund der Betrachtung gerückt werden. — Rabbiner Dt. Kober (Köln), der am 23. Februar auf der diesjährigen Hauptversammlung der ״Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, E.V.“ über diese Fragen ansftlhrlieh referierte, zeigte und erläuterte eine Reihe von wteressanten Bildern von Grabsteinen ans allen Gegenden Deutsch- [ands und wies darauf hin, daß eine systematische Sammlung־ und Publizierung dieser Inschriften außer für die Geschichte der deutschen Inden, auch für die Entwicklung der hebräischen Sprache maneffen Aufschluß geben könnte. Man hätte dem stoffreichen, temperamentvollen Vortrag nur etwas mehr Straffheit und konzentrierte Durchführung gewünscht. Dem Vortrag voran ging der Geschäftsbericht der nun fast 23 jahre bestehenden Gesellschaft und eine recht unerquickliche Debatte, die ziemlich brüsk abgebrochen wurde a, b. luden Wolf London, 23. Februar. (I. T. A.) Anläßlich des 70. Oeburtstages von Lu eien Wolf gab die Jüdisch-Historische Gcidlschaft am 21. Februar, abends, ein Festdiner. Sir Herbert Ssniuef, der als Vorsitzender den ersten Toast auf Luden Wolf ausbrachte, sagte, die Jüdisch-Historische Gesellschaft feiere heute einen Mann, der als Journalist, Gelehrter, Archäologe und Historiker bedeutend ist. Luden Wolf, dem eine stürmische Ovation dargebracht wurde, sagte in seiner Erwiderung U. a״ er sei stolz darauf, daß er!nitgeholfen hat, die Minderheitsverträge sichcrzustellen. Diese Verträge sind in dreifacher Hinsicht bemerkenswert: erstens hätten sie die konstitutionelle Emanzipation aller früher unterdrückt gewesenen Minderheitsvölker in Ostcuropa mit sich gebracht; zweitens hätten sic das alte detnokratisebe Prinzip der Gleichberechtigung auch in Sprache und Kultur durchgmtzt; schließlich sehen sie die Garantie des Völkerbundes für die Minderheitsverträge vor, Und bis jetzt hat sich der Völkerbund als ein wirksames Instrument zur Sicherung dieser Verträge erwiesen. Im Verlauf des Abends sprachen noch Viscount Burnham, Harold Cex, Abg. S. Finburgh, Sir Gregory F oster, Ucichsrabbiner l*\J. H. Hertz» Sir Robert Walcy-Cohen und Chaeham Dr. M. Oaster. Alle zollten der Arbeit Luden Wolfs große Anerkennung. ״Wir wollen niett Sterken“ Eine Berichtigung. Ich höre, daß Ernst Berg, Verfasser der von mir an dieser Stelle besprochenen Broschüre ״Wohin treibt Juda“, entgegen meiner Annahme doch Jude sei. Ich hingegen hatte ihn für einen gebildeten Antisemiten nichtjüdischer Abstammung gehalten. Dafür sprach nicht sein Antisemitismus, den wir von Juden gewöhnt sind; kaum seine Stellungnähme zu Fragen deutscher Kultur und Politik, obwohl sic für einen Juden ungewöhnlich ist; dafür sprach vor allem sein« Beurteilung jüdischen Wesens, die von einem Außenseiter kommt, von einem Beobachter, der Einzeilige• sieht; ״ häufig richtig, manchmal falsch, und der dann schief urteilt, weil er das Ganze nicht zusammensehen kann. Was ist zu diesem Irrtum zu sagen? Daß Herr Berg für seine Person das von der Allgemeinheit geforderte Programm reitlo* erfüllt hat: er ist als Jude tatsächlich gestorben. Er ist ganz Außenseiter geworden, so sehr, daß es ihm gelang, uni zu täuschen. letzt kommt cs nur noch darauf an, ob ibm das auch bei den anderen gelingt, oder ob sich doch noch Umstände ergeben werden, bet denen sich beratisst eilt, daß sic von seiner Beerdigung keim״ Kenntnis genommen haben. Gustav Krojaalccr.