Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1927)
- Date
- 1927-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0,25 Goldmgrk JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion and Verlag Berlin W 15, Meinekeatraße 10. Erscheint jedes Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1,85 Goldmark. vierteljährlich 5,25 Goldmark. Aadefiduhonneaente werden hi der Wihmnj der einreinen Uoder berechnet Anzeigen-Verwaltung Jfidische Rundschau G.in.b.lL, Berlin W15, Meiaekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Ansei|iespreIl:8ge1pt]tNenp*rciIle*eife0<30G.-M. Sleflenge»neheOCüG..M. AnzeigengchloB: Dienstag tiad Freitag 94ebaitt*g 4 Uhr. Telephon: Bismarck 7165- 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392• Für Österreich! Potnperkauenmmt Wien, Konto Nr. 156030. Fflr T»cbeefao»10w»kei: Poatiperkeneaamt Pr»j|, Konto Nr. 59 4J0. Für Polen! Po!t»p1rke««n»B1t Wereeheu, Konto Nr. 190 708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 9 | Berlin, 1.11.1927 כ״ט שבט׳ חרס״ז | xxxn. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk dl« b Schonung olnor öffentlich - rechtlich gesicherten HeimstStte ln Palästina. ״Baseler Programm•'* Für Konsolidierung und Aufbau StreifUditer zur Lage in Palästina - Der Ernst der Lage ־־־ Liquidierung der Arbeitslosigkeit - Konsolidierung der Siedlungen — Für einen Wirtschaftsplan Unaufhaltsam und unmerklich hat sich in den letzten dreißig Jahren die zionistische Auffassung des Judentums durchgesetzt. Es hat viele Kämpfe gekostet und kostet noch heute viele Kämpfe, wie jede Anstrengung, die gegen tief eingewurzelte Vorurteile und gegen die Macht der Trägheit anrennt; viele kleinliche Interessen und viele persönliche Affekte wirken entgegen und äußern sich oft in ganz absonderlichen, nur durch die eigenartige psychologische Konstellation begreiflichen Erscheinungen unseres täglichen jüdischen Lebens. Wir wissen, daß hier nicht oder doch nur selten Bosheit den Anstoß gibt, vielmehr sind all diese Kämpfe auch in ihren Niederungen sachlich bedingt durch die Gesetze einer Bewegung wie der unsrigen. Die Wirklichkeit, die der Zionismus erkannt und zum Ausgangspunkt seiner jüdisehen Konzeption gemacht hat, ist stärker als alle Dialektik. Der Zionismus ist eine Notwendigkeit für alle, die nicht den Untergang des Judentums wollen. Der Kerngedanke des Zionismus, der eine umfassende innere Revolutionierung des ganzen jüdischen Lebens bedeutet, ist die territoriale Konzentration einer unter ihrer cigenen Gesetzlichkeit lebenden jüdischen Masse in Palästina. Das zionistische Ziel ist so groß, steht in so schreiendem Widerspruch mit dem uns heute bekannten empirischen jüdischen Leben, daß ohne weiteres klar sein muß, daß dieses Ziel erst nach einer langen Entwicklung, nach vfetat «Iwjir,, teatollef ,:.ן1ו5^^א|ן|ן1י , dis" alles''hÄ aber: ■ aaefe ls«jpferre1clÄ'’m'; Gestehen wir offen, daß viefe Zionisten die Größe und Bedeutung des Zieles nicht recht abgeschätzt und daher auch die'Sache zu leicht genommen haben, ln vollem Bewußtsein, den einzigen Weg'zu kennen, der uns aus dem Untergang des Judentums hinausführt, sind wir um so mehr verpflichtet, unseren Weg zu k o n t r o 11 i er e n, uns Rechenschaft abzulegen, aus Fehlem zu lernen. Aus diesem Grunde ist es unsere Pflicht, die zionistische Aufbauarbeit in Palästina immer wieder zu überprüfen. Der Zionismus wurde oft als ein Element der Selbstgerechtigkeit und Selbstberauschung mißverstanden. Sein geometrischer Ort war in den ersten zwanzig Jahren der Versamralungssaal, wo Begeisterung schnell entfacht wird. Mit Recht haben die Zionisten die Botschaft des Zionismus als innere Befreiung und Erlösung empfunden; sie haben die Wohltat des Zionismus im seelischen Sinn voll genossen. Nun aber, seit einigen Jahren, ist es ernst geworden. Was an Kraft in der Bewegung steckt, muß sich gerade in dieser Zeit erweisen. Nicht nur die Freude, nicht nur das Gefühl der Erhebung durch den Zionismus sollt ihr durchkosten, ihr sollt auch seinje Sorgen mit ihm erleben. Der Zionismus durchlebt jetzt eine Zeit schwerster, ernster Sorgen; Sorgen um ein junges Kind, das werdende jüdische Palästina. Diese Sorgen waren unausbleiblich; ohne Kinderkrankheiten kann kein Lebewesen aufwachsen. Aber es darf nicht sein, daß man in Tagen des Glücks mitjubelt, in Zeiten der Sorgen jedoch beiseite schleicht. Man spricht seit einiger Zeit von der Krise in Palästina und man hat sich beinahe an dieses Wort gewöhnt. Aber der Zionismus kann nur gelingen, wenn die Zionisten auf der Wacht sind und verstehen, was auf dem Spiele steht. Bei jedem Wagnis kommen Momente, wo alles auf dem Spiele steht. Wir werden im Zionismus wahrscheinlich noch viele solche Momente durchzumachen haben, ehe wir oder unsere Nachkommen die Früchte der Arbeit ernten werden. Heute ist ein solches Moment. . * Wie haben wir, Zionisten, dieser Lage zu begegnen? Warum ist sie ein Gegenstand öffentlicher Besprechung? Erstens um der Opfer Willigkeit der Zionisten willen, um der Opferwilligkeit auch anderer jüdischer Kreise willen, die einsehen müssen, daß die heutigen Schwierigkeiten in Palästina eine Begleiterscheinung des ungeheuren allweltlichen Judenelends sind, das Teile des Volkes an die Gestade Palästinas gespült hat. Wir haben zu helfen; und der Erfolg der Sonderaktion des Keren Hajessod in Deutschland hat auch gezeigt, daß hierfür Verständnis vorhanden ist, wenn auch noch nicht überall. Aber abgesehen davon müssen die Erfahrungen der letzfen Zeit auch dazu dienen, die zionistische Meinungs- Bildung zu fördern. Denn dies ist bei einer so demokratisch aufgebauten Organisation die Bedingung praktischen Fortschritts. Viele, unserer besten Menschen arbeiten seit Jahren mit größter Aufopferung an der palästinensischen Vorderfront. Wir haben die größte. Ehrfurcht vor ihrer hingebungsvollen Tätigkeit und es ist überaus schwierig, Urteile über die palästinensische Entwicklung zu fällen, weil die Empfindlichkeit der Beteiligten begreiflicherweise groß ist. Die Eigentümlichkeiten unseres Parteifebens tragen dazu bei, daß jede Kritik entweder parteiischer Motive verdächtigt oder zu Parteizwecken ausgebeutet wird. Dies kann uns nicht abhalten, unsere publizistische Pflicht zu erfüllen, in dem Bewußtsein, damit gleichzeitig Selbstkritik zu üben. Wir klagen niemanden an, wir versuchen nur festzustellen, was von uns "allen falsch gemacht wurde, und wo wir umlernen müssen. Die heutige Krise ist der Schlußpunkt der ersten Periode unserer Nachkriegsarbeit. Alle Nachwirkungen des Krieges, alle besonderen Momente eines entwurzelten Volkes, verwirrter Menschen, unverdauter und oft auch mißverstandener Ideen, erschwerten unsere Arbeit. Sie konnte, in dieser Zeit, in diesem Land, mit diesem Volk unter diesen Bedingungen wohl kaum anders sich entwickeln und sie hat Ungeheures und Bleibendes geleistet. Sie hat auch Opfer gekostet. Aber nun stehen wir in einer anderen Zeit und mit anderen Erfah- ,,,au tunfsel. ■ ,'■'־י " Die Aufgabe des Zionismus ist, einem Volk zum Leben zu verhelfen, nicht aber einzelnen Individuen Unterstützungen zu geben. Dadurch unterscheidet sich ja der Zionismus von der Philanthropie. Er zielt auf Schaffung eines produktiven Volksorganismus, in dessen Rahmen die Einzelnen neue Existenzmöglichkeiten finden werden. Die zionistische Kolonisationsleitung mußte daher ihr Werk unter dem Gesichtspunkt der Produktionsförderung führen, und wir glauben, daß es richtig war, den Hebel bei der Landwirtschaft einzusetzen, die der vielversprechendste Wirtschaftszweig Palästinas ist. Aber die Zionistische Organisation war in ihren Entschlüssen nicht frei. Sie stand stets vor einem Komplex vollendeter Tatsachen, sie hatte vor sich das Erbe des Krieges und sie war außerdem belastet durch die Vorstellungen, die eine mißverständliche Auffassung der mit der Balfour-Deklaration verbundenen politischen Neu- Ordnung im jüdischen Volk erzeugt hatte. So hatte man nach dem Kriege einen ungeheuren Apparat in Palästina aufgerichtet, der zur Verwaltung eines kleinen Staatswesens mit einem Millionenbudget genügt hätte, man hat auf allen Gebieten in einem die eigenen Mittel um ein vielfaches übersteigenden Maßstab begonnen und hat auf diese Weise sich selbst für die Zukunft so festgelegt, daß auf der einen Seite eine fortwährende Defizitwirtschaft und kolossale menschliche Entbehrungen folgen mußten, auf der anderen Seite jede Bewegungsfreiheit und Entschlußmöglichkeit der Leitung wegfiel. Trotzdem die Fehler dieses Systems des Ueberdie-Kräfte-Wirtschaftens schon offenkundig waren, hat man noch in diesem Jahr, sogar von verantwortlichster Stelle, wieder eine Einwanderung von 40000״ jährlich“ als aktuelles Programm aufgestellt. So mußte man in immer schwerere Verwicklungen hineingeraten. Nun sind wir soweit gekommen, daß wir etwas tun müssen, was den Grundsätzen des Zionismus viel schärfer entgegengesetzt ist als alle die Gefahren, die eine angriffslustige Opposition in den letzten Jahren in verschiedenen Projekten der Leitung gewittert hat: Wir zahlen Unterstützungen, wir organisieren Hilfskomitees für die Brotlosen, wir müssen vielleicht unsere Kolonisationsarbeit einschränken, um die Mittel zu erübrigen, die Menschen vor dem Hunger zu schützen. Diesem Zustand muß ein schnelles Ende gemacht werden, wenn nicht der Zionismus sich in eine UirierstTitmtigsgesellschaft verwandeln will. * Die erste Forderung ist daher die Liquidierung der heutigen Arbeitslosigkeit. Wir müssen den Mut haben, damit ganz resolut zu Werke zu gehen. Hat sich gezeigt, daß in den letzten zwei Jahren mehr Menschen nach Palästina eingewandert sind, als das Lund aufnehmen kann, dann dürfen diese Menschen nicht als Almosenempfänger im Lande bleiben. Wir müssen ihnen helfen, das Land zu verlassen. Selbst wenn die Aussicht besteht, in absehbarer Zeit den Arbeitsmarkt im Lande zu vergrößern, bleibt doch noch die Frage zu prüfen, ob alle die jetzt auf Unterstützungen angewiesenen Menschen für die etwa frei werdende Arbeit' geeignet sein werden. Darum müßte eine von der Exekutive einzusetzende Kommission eine genaue Registrierung aller Arbeitslosen und Substistenzlosen im Lande vornehmen, mit individueller Prüfung der Eignung jedes Einzelnen für die verschiedenen Erwerbszweige. Jeder, für den auch nur die geringste Aussicht besteht, im Lande einen geeigneten Erwerb, sei es als Arbeiter, sei es als Gewerbetreibender zu finden, soll im Lande gehalten werden, und ein Scherna»ausgearbeitet werden, wie und mit welchen Kosten seine Einordnung im Lande möglich wäre. Der Rest, für den keine Aussichten bestehen, soll die Möglichkeit der Rückwanderung erhalten, ohne daß aus diesem Faktum Schlüsse auf das zionistische Gesamtproblem gezogen werden können. Bis zur Ausarbeitung eines solchen genauen Planes sind viele Menschen wahrscheinlich auf Unterstützungen angewiesen, die sie zum Teil von ihren Verwandten in Polen oder Amerika beziehen, zum Teil von den allgemeinen Hilfsgesellschäf* ten, die sich die Unterstützung Notleidender zum Ziele . g§1nM,hitbW•;!§1*1•. Wanderung ist nicht im Rahmen eines zlmttstlscfeft «6grammes erfolgt, sondern durch die Notlage in den bsteuropäischen Wohnländern, die die Menschen zur Aus- Wanderung trieb und sie, da Amerika unzugänglich ist, in Palästina landen ließ. Daher haben diesen Menschen gegenüber die Hilfsgesellschaften keine geringere Verpflichtung, als wenn sie in anderen Ländern wären. Der Zionismus hat weder die Mittel, noch die Aufgäbe, ein solches Problem der akuten Judennot, das nach Palästina verschleppt wurde, zu lösen. Um aber die Wiederkehr eines solchen Uebels in Zukunft zu verhüten, ist ein genauerWirtschafts- und Arbeitsplan für die nächsten Jahre erforderlich. Das System einer Regelung dieser Fragen durch den demokratisch gewählten und daher allen demagogischen Gesetzen unterliegenden Zionisten-Kongreß hat sich als unpraktikabel erwiesen. Die Methode, den zionistischen Arbeitsplan dadurch zu bestimmen, daß man auf dem Kongreß eine Erhöhung dieses oder jenes Budgetpostens erzwingt, um den Beifall der eigenen Wähler zu ernten, ist für die sachliche Durchführung der Aufbauarbeit verderblich. Nur bei einem sehr hohen Verantwortungsgefühl und sehr hoher politischer Schulung wären die Gefahren dieses Systems zu umgehen. Es ist kein Wunder, daß wir diese Stufe noch nicht erreicht haben. Das agitatorische Interesse dominiert, und wir verwechseln immer noch Propaganda und Verwaltung. Es war stets seltsam zu beobachten, wie diese oder jene Partei eine von ihr durchgesetzte Erhöhung des Budgets als ihren Sieg verkündete, ohne zu berücksichtigen, daß dieser Sieg nur auf dem Papier stand und die harte Wirklichkeit sich voraussichtlich anders gestalten wird. Hier liegt auch der eigentliche Vorwurf, der unseren Arbeite rparteien zu machen ist. Nicht ״sozialistische“, sondern nationale, zionistische Motive trieben sie dazu, stets ein Maximum zu fordern. Es liegt uns fern, diese nationalen Motive unserer Arbeiterschaft, die am stärksten von allen Gruppen das Bedürfnis nach nationaler Expansion und nach schnellerem Tempo des zionistischen Aufbaus empfindet, zu verkennen. Aber Tatsache ist, daß sie der Auffassung huldigte, man könne jede Arbeit ohne materielle und sachliche Garantie beginnen und sich darauf verlassen, daß von irgendeiner Seite die materiellen Erfordernisse später geschaffen werden. Sehr viele der heutigen kolonisatorischen Unternehmungen sind auf diese Weise entstanden, und der Erfolg schien zunächst der Methode recht zu geben, indem — ohne materielle Fundierung — die Siedlungspunkte faktisch vorhanden waren. Aber bald mußte sich zeigen, daß die wirtschaftlichen Schwierigkeiten größer sind als man gemeint hatte. Die Auszahlung des Budgets für Anlage der Siedlungen zog sich viele Jahre hin, die Menschen lebten unter erbärmlichen Bedingungen,