Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1927)
- Date
- 1927-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 0,25 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, Mcinekestraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 1.85 Goldmark, vierteljährlich 5,25 Goldmark. Auriandsaboimcinenls werdüo in der Wlhrnnjl der eiiuelsea Linder berechnet. Nummer 5 | Berlin, 18.1, t927 Anzeigen - Verwaltung Jüdische Rundschau G.ro.b.H., Berlin Wl 5, Mcinekestr.10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Au*eige0preU:8gcspaItNoopi1reiI1ezei1c0^0G.-M Std!cagesuch6Ö,25G.-M■ Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. Telephon ג Bismarck 7165 - 70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich־. Postsparkassenamt Wien. Konto Nr. 154030• Für Tschechoslowakei 1 Postsparkasseoamt Prag, Konto Nr- 59 410• Für Polen: Postsparkassenamt Warschau. Konto Nr« 190708׳ Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ט״ו שבס» תרפ״ז | xxxii. Jahrg- Dar Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palistina. ״Baseler Programm.♦1 Rundschau Freunde des Zionismus ־ Sir Wyndham Deedes ־ IW. Berlin, 10. Januar. Die Gründung des Pro Palästina-Komitees in Deutschland hat der großen jüdischen und niclitiüdisdim Oeffentliehkeit bewiesen, daß der Zionismus, neben den praktischen Aufgaben seines Paläriinawerkcs, moralische!:roherungen zu machen versteht. Die Nachricht von der Gründüng des Kütnilees hat in Deutschland große Publizität gefunden, die meisten Zeitungen, auch die der Provinz, haben in dieser oder jener Form darüber berichtet. Dadurch wurde die Aufmerksamkeit vielfach auf den Zionismus gelenkt, und leider leben wir in einer so abnormalen Situation, daß auch viele Juden erst auf diesem Umweg vom Zionismus erfahren, oder aber durch dieses Ereignis aus den Irrmeinuugen und falschen Vorstellungen über den Zionismus, die sie von ihren Gemeindegrößen oder ihrem jüdischen Lcibblättcheu vertrauensvoll übernommen haben, herausgerissen werden. Denn die meisten Juden von irgendeinem Verautwortlichkeitsgefühl werden wenigstens durch die Tatsache, daß ־zahlreiche vornehm denkende Christen den Zionismus nicht nur als nichts Verwerfliches, sondern sogar als ein fördernswertes Ideal anschen, zum Nachdenken veranlaßt werden. Insofern kann das Pro Palästina-Komitee auch innerjüdisch als ein Instrument der Aufklärung und der Versöhnung wirken-. Die Organisierung der F reundc des Z i o 11 i s m u s hat bisher die größten Fortschritte in F r a n k r e i c 11 und Deutschland gemacht. In Italien waren Anfänge vorhanden, doch ist wahrscheinlich durch die dortigen politischen Verhältnisse die Lage erschwert. In Amerika besitzt der Zionismus eine große Zahl von nicht jüdischen Freunden, ohne daß jedoch bisher eine feste Organisation gebildet wurde, was vielleicht durch die bcsotidcrn amerikanischen Verhältnisse und das Riesenausmaß des Landes erklärt wird. Wo aj»׳■■ .,?.#מEs; isti-11»־e 4e#1־sÄs»»st•»׳ schejttuB'gen, daß ”׳gerade In ׳England, wo die offizielle ׳Förderung des Zionismus ihren Ausgangspunkt genommen hat, noch kaum der Ansatz einer wirklich organisierten Zionismusfreundlichen Bewegung zu merken ist. Das propalästinensische parlamentarische Komitee, das vor kurzem gegründet wurde, ist absolut nicht m vergleichen mit den in Frankreich und Deutschland gegründeten Gesellschaften. Seine Basis ist viel m schmal, und cs dient vor allem der Vorbereitung parlamentarischer Ereignisse. Obwohl natürlich zu begrüßen ist, wenn dieses Komitee eine durchgreifende Information der bisher zum großen Teil über Palästina völlig uninfonnierten Parlamentsmitglieder durchführt, so bleibt doch die Frage offen, warum bisher kein Versuch gemacht wurde, die öffentliche Meinung in erheblicherem Umfange ־zu organisieren. Auf diesen Mangel wurde wiederholt in der politisehen Kommission des Kongresses und vor vier Jahren im A k t io n s - C o m i t c in eindrucksvollster Weise unter allgemeiner Zustimmung hingewiesen, vor allem von Dr. J acobson; seitdem wurden immer wieder Versuche gemacht, die offenbar in bürokratischen Anfängen stecken blieben. Der zionistischen Oeffentliehkeit ist das unverständlich. Wir können nicht entscheiden, ob eine solche Aufgabe Sache der English Zionist Federation oder aber der Exekutive ist. Wohl aber ist die Exekutive, als das übergeordnete Organ, dafür verantwortlich. Die Tatsache, daß Dr. Wfizrnann und Herr Sokolow den größten Teil des Jahres nicht in London anwesend sind, ist kein Grund, die Arbeit in England völlig zu vernachlässigen. Es sollte also endlich einmal mit Energie an diese Sache herangegangen werden. Daß sie Erfolg verspricht, das beweisen uns viele Erfahrungen; aus England stammen die schönsten Aussprüche nichtjüdischcr Staatsmänner über Zionismus; das beweist uns z. B. die Existenz und das Wirken eines Mannes wie Sir Wyndham Deedes. Sir Wyndham Deedes war mehrere Jahre erster Zivilsekretär der Palästina-Regierung, eine Position, die nach ihn! Sir Gilbert Clavfon und schließlich unter Lord Plumer — €01. Symes bekleidet haben. Er war der höchste Beamte nach dem Oberkommissär und hat sein Amt mit Hingebung und Sachlichkeit geführt. Die Juden Palästinas waren zuweilen mit seinen Entscheidungen unzufrieden; dies lieg! im Wesen der Sache, da der verantwortliche Beamte notwendigerweise nach andern Prinzipien handelt als nach den Wünschen Wo bleibt England? — Adiad Haam und Wir dieses oder jenes Teiles der Bevölkerung. Seitdem Sir Wyndharn jedoch von seinem Amte zurückgetreten ist, seitdem er sozusagen Privatmann ist, hat er bei vielen Gelegenheiten sein tiefes Verständnis, ja man kann wohl sagen: seine Liebe zum Zionismus in vornehmsten Formen kundgetan. Fs ist ein bedauerliches Zeichen der Verrohung der Sitten im zionistischen Lager, wenn ein Londoner zionistisches Blatt, der von Greenberg herausgegebene ,,J e \v i s h World׳‘, cs für richtig halt, einen Mann wie Deedes für seine prozionistische Tätigkeit anzupöbeln, nur weil die Ansichten Deedes’ über den Zionismus nicht hundertprozentig mit denen von Greenberg üfaereiiistimmen. Sir Wyndham Deedes, dessen reine Gesinnung und selbstloses Wirken für alle idealen Zwecke er lebt in einem Settlement im Londoner Hafenviertel — ihn über kleinliche Verdächtigungen erhaben machen, kann versichert sein, daß die überwältigende Mehrheit der zionistisehen Welt seine Freundschaft zu schätzen weiß. Wir bringen in der heutigen Nummer einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit von Deedes in Polen, deren Wert gar nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Mit seiner Hilfe wurde das durch die natürlichen Rückschläge der Palästinaarbeit erschütterte Vertrauen in den Zionismus bei den Massen wieder hergcstcllt. Es wurde ins Bewußtsein zurückgerufen, ■daß über allen aktuellen Schwierigkeiten die große Idee des Zionismus und der jüdischen Renaissance unverändert bleibt. Es ist 1111s eine große Freude, in unserer heutigen Ausgäbe einen Artikel von Nabu m Sokolow׳ zu veröffentliehen. Es wird für unsere Leser besonders interessant sein, wie dieser Mann, der in sich die intellektuelle Schulung des Ostjudeiituins und Europas vereinigt, die Bedeutung Achad ||׳»a|ns+.(|ipsebSt1t, ״, ÄHstr-M•»!: s4#׳ß■»׳#*^^ Aehad Haarn schon als ein Fiihrer zu europäischem Denken eine Bedeutung hatte, die wir im Westen katirrf zu erfassen vermögen.־ Für u 11 s ist Achad Haam ■vor allein der nationale Ethiker, Politiker, Erwecker. Dort jedoch hat er eine von der zionistischen Bewegung ganz unabhängige geistcsgcschichtliehe Funktion an der Wende eines Zeitalters erfüllt. Wenn ein Mann wie Sokolow spricht, dann haben wir kaum etwas hinzuzufügeu. In ei 11 ein Punkte aber möchten wir doch, in allem Respekt, widersprechen. Sokolow hält cs für einen ״Anachronismus“, die ״polemischen Kontroversen auszugraben, die kaum noch eine historische Bedeutung haben“. Er hetont, daß Achad Haam ״nicht nur den politischen Zionismus, sondern auch seine eigene Partei, den Chowewc Zionismus, kritisiert hat“. Wir glauben, aus dem Gefühl einer jüngeren zionistischen Generation heraus sagen zu dürfen, daß jene Polemik Achad Haatns uns keineswegs ״anachronistisch“ erscheint, vielmehr gerade sic ist wichtig und noch heute lebendig. Es geht dabei nicht um Einzelheiten, sondern um die m e n s c 111 i e h e H a 11 u n g. Natürlich richtet sich Achad Flaam nicht nur gegen den politischen Zionismus, Parteifragen haben bei ihm nie eine Rolle gespielt, er ließ sich von Parteidogmen keine Anschauung vorschreiben, sondern kannte nur den Imperativ der Wahrheit. Der Chowewe Zionismus seiner Zeit unterschied sich nicht sehr von dem spätem politischen Zionismus und, sagen wir es offen, auch dem heutigen zionistischen Betrieb, in dem für Achad Haam entscheidenden Punkte: der Schwäche gegenüber der idealen Forderung, dem Hang zur Fiktion und Illusion. Dagegen hat Achad Haam gekämpft, wo immer er es fand, und dieser sein Kampf, der für uns Achad Haams Größe ausmacht, ist keineswegs anachronistisch, sondern heute so aktuell wie jemals. Nicht nur der Zionismus, sondern jede Partei und jede Bewegung unterliegt diesen anscheinend zwingenden Gesetzen der Verflachung, des Hinneigens zur Banalität, der Unfähigkeit zur Selbstkritik, was Sokolow mit Recht als natürliche menschliche Schwäche bezeichnet; aber um so glücklicher ist ein Volk zu preisen, wenn es in seiner Mitte einen Mann hat, der seine geistige Unabhängigkeit wahrt und es vermag, sich zum Gewissen der nationalen Bewegung zu machen. Achad Haam ist von uns gegangen und wir werden seine mahnende Stimme nicht mehr hören. Aber in seinem Werke lebt sie fort, und sie kann auch der heutigen zionistischen Generation noch Wegweiser am Scheideweg sein, wenn sie diese Stimme als lebendig, als aktuell, als unabhängig von allen Tagesfragen an sich gerichtet empfindet. Tel־Aw!w and die Wahlen in Jaffa Jerusalem, 14. Januar. (J.T.A.) Die Regierung hat eine Entscheidung getroffen, durch welche jenen Einwohnern von Tel-Awiw, die In Jaffa Geschäfte innehaben, das Wahlrecht zu den Jaffaer Stadtratwahlen zugebilligt wird. Durch diese Entscheidung ist eine der wichtigsten und zweifellos berechtigten Forderungen der palästinensischen Judenschaft erfüllt worden. Wir erwarten, daß die Regierung auch in Jerusalem und Haifa einen Weg finden wird, um das schreiende Unrecht der dortigen Wahlgeometrie, die große Teile der jüdischen Stadtbevölkerung des Wahlrechtes zur Munizipalität beraubt, gutzuntachen. Ans dem arabischen Lager Das Organ der palästinensisch-arabischen Exekutive ״Feiestin“ tritt in einem Leitartikel für die Schaffung einer neutralen arabischen Partei in Palästina ein. Diese Partei soll über den bisherigen Parteien stehen und eine Einheit in den arabischen nationalen Bestrebungen herbeiführen. Zur Begründung schreibt die Zeitung, die großen Probleme in Palästina würden nicht mehr erörtert, niemand spreche mehr von Zionismus, Balfour- Deklaration, Vorenthaltung arabischer Rechte usw. Die arabische Bevölkerung Palästinas ist zersplittert, private Interessen würden den nationalen Interessen vorangestellt. Adiad Haam Von Nahuin Sokolow. ״Ein Stern ist untergegangen und das Auge dieses Jahrhunderts wird sich schließen bevor er wieder erscheint, denn in weiten Kreisen zieht der leuchtende Genius und erst späte Enkel heißen freudig willkommen, von dem trauernde Väter einst weinend geschieden, lind eine Krone ist gefallen vom Haupte eines Königs! Und ein Schwert ist gebrochen in der Hand eines Feldherrn; und ein hoher Priester ist gestorben. Wohl mögen wir den beweinen, der uns Ersatz gewesen und uns nun unersetzlich geworden. Wir wollen trauern um ihn, den wir verloren, und uni die anderen, die ihn nicht verloren. Nicht allen hat er gelebt! Aber -eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen.‘־ Diese denkwürdigen Worte Ludwig Bocrnes , in seiner Trauerrede auf Jean Paul kommen mir in den Sinn in dieser schweren Stunde, wo ich, tieferschüttert durch den frischen Eindruck, den Tod unseres allverehrten Altmeisters Achad Haam beklagen will. Erst vor einigen Tagen ist seine durchleuchtete Seele entflohen. Leider wissen noch nicht alle Juden, was ihnen Achad Haam gewesen, aber trotzdem wird das ganze jüdische Volk um den geistigen Führer Trauer tragen. Es wird f ü 111 c n , daß ein großes Licht erloschen und daß der ruhmvollste hebräische Geistesheros durch den Tod in jene Unsterblichkeit eingetreten ist, deren Erstlingsfrüchte er schon lebend genossen hatte. Der Denke r. ,1;, Achad Haam war ein tiefsinniger Philosoph. Er sann über die Rätsel der Geschichte und über die letzten Ziele der Menschheit. Die Philosophie war seine Naturanlagc. Er war nüchtern, und schien schwunglos wie ein in der ’ Wirklichkeit auch gefuMvSlf. Aber er-ivär'starir' und unbeugsam in seinen Prinzipien; seine Rühe und Gelassenheit waren unerschütterlich; inan horte cs jedem seiner Worte an, wie sehr er es sich überlegt hatte, bevor er es aussprach. Seine Gedanken äußerte er in einer kernignwrkigcn, inhaltsreichen Art, frei von allem Pathos. Es war seines regen Geistes Bedürfnis, stets aufs neue nach Lösungen und Problemen zu suchen. Seine Richtung war strenge Logik und Rationalismus. Wie viele jüdische Gelehrte und Schriftsteller der früheren Generationen Rußlands, war er vom Hause aus Autodidakt. Er hat auf keiner Universität regelrechte Studien getrieben - - unvergleichlicher Fleiß und angeborenes Talent waren seine Meister. Er hatte das Wissen und den Geist seiner Zeit in hervorragender Weise mitgenommen. Ein Lernender und ein Lehrer. Im russischen Judentum der 80er und 00er Jahre des vorigen Jahrhunderts, in einer Zeit der Erschütterungen, des nervösen Hastens und Treibens war er schon, dank seiner denkerischen Natur und dem tiefen, sittlichen Ernst seines Wesens, wie ein Stern im Sturmgebraus. Er war — in einem bedeutenden Teil der nationaljüdischen ״Intelligentia“ der Geist, den viele wie einen Kompaß neben sich hatten, als sie durch eine gärende Welt tasten!mißten. D i e O r i g i 11 a 1 i t ä t A c 11 a d H a a 111 s. Achad Haam war ein Denker des lebendigen nationalen Judentums, Er war kein grüblerischer, weitfremder Judentunisforscher und kein schwerfälliger Bücherwurm. Seine Weisheit liegt nicht eingesargt in wissenschaftlichen Traktaten. Manche Kritiker bezeichneten ihn als einen Philosophen des Judentums, anderen war er ein philosophischer Publizist, weil manche seiner Schriften auf der Grenze /.wischen Publizistik und Philosophie stellen. Aber all diese Klassifikationsver* suche scheitern an der Eigenart und au der Originalität Achad Haams. Er war mehr als Publizist und mehr als Philosoph. Er war, in all seiner Friedfertigkeit und scheinbar eisiger Ruhe ein Eiferer für ein Ideal. Die ״Wissenschaft des Judentums‘‘ war ihm nicht ein pietätvolles Sichversenken in die Vorzeit; sie war ihm Gegenwart und Zukunft. Er hatte nicht nur einen forschenden, er hatte auch einen schauende 11 Geist. Er war ein Lehrer, ein Moralist und ein Kritiker. In diesen drei Eigenschaften schwang er die leuchtende Fackel des jüdischen Genius seiner Zeit. Achad Haam und א ach tu an Kr och mal. Man hat auf die Aehnüchkcit zwischen Achad Haam und Nachman Kroclnnal schon längst hingewiesen. Ich finde tatsächlich eine gewisse Aehnlichkeit. Auch Krochmal, der jüdische Hegelianer, brachte Begeisterung für die Köpfe und die Herzen und zog insbesondere die ״Maskilim“ (״die Aufgeklärten“) seiner Zeit durch die